8 Monate danach: Besuch am Meteoritenkrater von Carancas

Mehr als acht Monate liegt der Meteoriteneinschlag im Süden Perus nun zurück. Die Geschehnisse im September 2007 habe ich damals hautnah miterleben können. Vor einigen Tagen war ich wieder vor Ort, um mir anzuschauen, was in der Zwischenzeit aus dem Krater geworden ist.

In der Vergangenheit habe ich in meinem Blog immer wieder über die Entwicklungen berichtet. Die wissenschaftlichen Untersuchungen sind mittlerweile abgeschlossen und ihre Ergebnisse wurden veröffentlicht. Was aber passiert mit dem Krater? Noch im vergangenen Jahr wurde angekündigt, dass er als touristische Attraktion genutzt werden soll. Dazu soll er vor der Erosion geschützt und konserviert werden. Auf unserer astronomischen Reise quer über den südamerikanischen Kontinent konnten wir uns nun ein eigenes Bild machen. Wir besuchten aufs Neue den Ort des Geschehens, das Dorf Carancas an der Grenze zwischen Peru und Bolivien.

Krater von Carancas, 28.5.2008

Der Krater von Carancas am 28. Mai 2008. Er ist mit einer Kunststoffplane abgedeckt. 

Es war bereits mein dritter Besuch. Kurz nach dem Absturz hatte ich Ende September 2007 das Dorf aufgesucht, den Krater fotografiert und meteoritisches Material von den Dorfbewohnern erworben. Die kleine Grenzstadt Desaguadero in der Nähe war mir deshalb schon vertraut als ich am 28. Mai erneut dort eintraf. Die Suche nach einer Fahrgelegenheit zum Meteoritenkrater dauerte nicht lange. Ich traf einen alten Bekannten – meinen Fahrer, der mir bereits bei meinem ersten Besuch eine große Hilfe war. Er erkannte mich sofort und freute sich über eine weitere Fahrt nach Carancas. Natürlich auch über die Extraeinnahmen, die diese für ihn bedeutete.

Manchmal kämen Touristen, die den Krater sehen wollten, erzählte er mir. Das sei aber eher die Ausnahme. Für die meisten Ausländer wie für die Einheimischen ist Desaguadero nach wie vor hauptsächlich als Durchgangsort nach Bolivien bekannt. Ein Meteoritenkrater, und sei es ein berühmter, interessiert nur ein paar Spezialisten. Für das Dörfchen Carancas hat sich somit nicht viel geändert, die unerwarteten Einnahmen durch den Verkauf der Meteoritenreste war wohl ein rasch vorübergegangener Glücksfall.

28.5.2008

Eine etwa 100 Meter entfernte Hütte, deren Dach beim Einschlag beschädigt wurde. Das beschädigte Stück wurde entfernt, aber nicht ersetzt.

Bei diesem Stichwort stellt mir mein Fahrer eine Frage, die mich doch etwas überrascht: Ob ich denn noch ein paar Meteoriten kaufen wolle? “Gibt es denn noch welche, mehr als acht Monate nach dem Fall und dem Besuch der weltbesten Meteoritenjäger?” – “Doch, natürlich!”, antwortet er. Ein Frau, die kurz zuvor in unseren Kleinbus zugestiegen war läuft los zu ihrem Hof. Wenige Minuten später ist sie zurück, in der Hand zwei kleine Plastiktütchen. Ich untersuche den Inhalt: Das Meiste ist wertloser Staub, den grauen Carancasmeteoriten nicht unähnlich. Bei näherem Hinsehen handelt es sich eindeutig um irdisches Material. Ein paar der kleineren Krümel aber kommen mir sehr bekannt vor. Es sind tatsächlich einige Meteoritenstückchen darunter, die typischen Eiseneinschlüsse sind erkennbar, manche haben sogar etwas schwarze Kruste. Keines der Bröckchen wiegt mehr als ein Gramm, trotzdem kaufen wir der Frau ihre Tüten ab. Ein weiteres kleines Mitbringsel aus Carancas.

28.5.2008

Der Betonpfosten in Vordergrund und der Erdhügel im Hintergrund sind Zeugen der Konservierungsversuche. 

Es scheint sich bei der Sammlung der Frau um die letzten Reste zu handeln, die seinerzeit am Krater aufgesammelt wurden: Staub, ein paar meteoritische Überbleibsel und ganz normaler Carancasboden. Es gelingt mir aber nicht sie davon zu überzeugen, dass ihr vermeintlich größtes Stück von unserem Heimatplaneten stammt. Der angebliche Meteorit ist nichts weiter als ein Klumpen fester, heller Erdboden. Sie aber ist überzeugt von ihrem Schatz und wird sicher noch einen Käufer dafür finden.

Den Krater erkennen wir diesmal schon von Weitem: eine grelle, orangene Abdeckplane schützt ihn vor dem Regen, der zu dieser Jahreszeit allerdings nur noch sehr selten fällt. Der alte Zaun steht noch, er wurde kurz nach dem Absturz aufgebaut. Weit und breit ist kein Mensch zu sehen. Als wir uns dem Krater nähern, fallen mir vier die Plane umgebende Betonsäulen auf. Sie stellen wohl den Anfang des Daches dar, das über den Krater gebaut werden sollte. Allerdings hat man diese Bauarbeiten offenbar vor einiger Zeit wieder eingestellt. Die Säulen machen zudem einen Eindruck, der dem bröseligen Charakter der Carancasmeteoriten um nichts nachsteht.

28.5.2008

Ein Blick unter die Plane. Bei näherem Hinsehen erkennt man die Wassertiefe, es sind nur wenige Dezimeter bis zum Grund. 

Weiter im Hintergrund haben größere Erdbewegungen stattgefunden. Hier sei ein Kanal gegraben worden, um bei dem starken Regen im altiplanen Winter das Oberflächenwasser umzuleiten, so die Erklärung meines Fahrers. Auch diese Arbeiten scheinen mir reichlich unfertig zu sein.

Schließlich gewährt man mir mir einen Blick unter die alles abdeckende Plane. Ich erkenne, wie wenig die Bemühungen um eine Konservierung gefruchtet haben: der Krater ist nicht mehr als ein seichter Tümpel, der einst hohe Kraterrand ist abgesunken und der Grund fast völlig versandet. Nur ein paar Dezimeter mag das Wasser tief sein, das immer noch im Innern steht. Ich habe Zeit für ein paar Fotos unter der Plane. Die Polizei, die eigentlich unerlaubtes Eindringen verhindern soll (also auch unseres) ist zur Zeit nicht hier. “Die kommen vielleicht einmal am Tag vorbei” schmunzelt mein Fahrer, “auch wenn sie eigentlich Tag und Nacht hier sein sollten. Aber Nachts ist es kalt und Kälte vertragen Polizisten nicht.” Eine 24-Stunden-Bewachung scheint mir auch ein wenig übertrieben zu sein.

Nach einer halben Stunde endet mein dritter Besuch am Meteoritenkrater von Carancas. Wann ich wiederkomme, will mein Fahrer wissen. Ein bisschen Wehmut ist dabei als ich ihm mitteile, dass ich wohl nicht mehr zurückkehren werde. Es war spannend, die Entwicklung vor Ort vom Tag des Einschlages bis acht Monate danach mitzuverfolgen. Doch nun geht es bald zurück in die Heimat.

Der Meteoritenkrater von Carancas wartet also auf weitere Besucher. Sollte jemand auf die Idee kommen, eine Perureise mit Meteoritenkraterbesichtigung zu unternehmen, dann möglichst bald. Der Krater wird sicher bald Geschichte sein. Besser noch, man spart sich das Geld für etwas Anderes auf. Peru bietet schließlich eine reiche Palette an Attraktionen – nicht nur eine 14 Meter große Kuhle voll Wasser in Carancas!

Jan Hattenbach

Update (17.06.): Gestern wurde in Astronomy&Astrophysics ein weiteres Paper veröffentlicht. Demnach war Carancas ein seltener Fall eines “monolithischen Meteoriten”. Das Paper (in englischer Sprache) kann hier heruntergeladen werden.  

Mit dem Astronomievirus infiziert wurde ich Mitte der achtziger Jahre, als ich als 8-Jähriger die Illustrationen der Planeten auf den ersten Seiten eines Weltatlas stundenlang betrachtete. Spätestens 1986, als ich den Kometen Halley im Teleskop der Sternwarte Aachen sah (nicht mehr als ein diffuses Fleckchen, aber immerhin) war es um mich geschehen. Es folgte der klassische Weg eines Amateurastronomen: immer größere Teleskope, Experimente in der Astrofotografie (zuerst analog, dann digital) und später Reisen in alle Welt zu Sonnenfinsternissen, Meteorschauern oder Kometen. Visuelle Beobachtung, Fotografie, Videoastronomie oder Teleskopselbstbau – das sind Themen die mich beschäftigten und weiter beschäftigen. Aber auch die Vermittlung von astronomischen Inhalten macht mir großen Spaß. Nach meinem Abitur nahm ich ein Physikstudium auf, das ich mit einer Diplomarbeit über ein Weltraumexperiment zur Messung der kosmischen Strahlung abschloss. Trotz aller Theorie und Technik ist es nach wie vor das Erlebnis einer perfekten Nacht unter dem Sternenhimmel, das für mich die Faszination an der Astronomie ausmacht. Die Abgeschiedenheit in der Natur, die Geräusche und Gerüche, die Kälte, die durch Nichts vergleichbare Schönheit des Kosmos, dessen Teil wir sind – eigentlich braucht man für das alles kein Teleskop und keine Kamera. Eines meiner ersten Bücher war „Die Sterne“ von Heinz Haber. Das erste Kapitel hieß „Lichter am Himmel“ – daher angelehnt ist der Name meines Blogs. Hier möchte ich erzählen, was mich astronomisch umtreibt, eigene Projekte und Reisen vorstellen, über Themen schreiben, die ich wichtig finde. Die „Himmelslichter“ sind aber nicht immer extraterrestrischen Ursprungs, auch in unserer Erdatmosphäre entstehen interessante Phänomene. Mein Blog beschäftigt sich auch mit ihnen – eben mit „allem, was am Himmel passiert“. jan [punkt] hattenbach [ät] gmx [Punkt] de Alle eigenen Texte und Bilder, die in diesem Blog veröffentlicht werden, unterliegen der CreativeCommons-Lizenz CC BY-NC-SA 4.0.

6 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. …ganz nett gross!

    Hallo Juergen,

    folge mal dem Link im Text zu den Ergebnissen. Du findest dort eine abschliessende Zusammenfassung der Untersuchungsergebnisse, darunter auch Abschaetzunugen zu Groesse, Geschwindigkeit und Herkunft des Einschlagskoerpers. Ausserdem die Links zu den veroeffentlichten Studien!

    Viele Gruesse,

    Jan

  2. Hach,toller Zufall…

    …,dass Du genau zum “richtigen” Zeitpunkt,am “richtigen”(besagtem) Ort warst…! 😉 Hallo Jan !
    Eine “richtig” tolle Doko hast Du so(für uns)entstehen lassen ! Dafür danke ich dir!

    Schöne Grüße !
    Reiner

  3. Wie sieht es jetzt in Carancas aus?

    Hallo Jan,
    wie sieht es jetzt (Juni 2009) am Krater aus? Ist der Krater noch zu erkennen? Was macht das angefangene Bauwerk? Hat es weitere wissenschaftliche Untersuchungen gegeben, wie z.B. Bohrungen, magnetische Anomalie?
    Vielleicht hast du noch Verbindungen zu Leuten die vor Ort sind.

  4. @Karl

    Nein, leider habe ich keine Informationen darüber. Ich habe zwar noch Kontakte nach Peru, aber zu niemandem, der selbst noch einmal am Krater war.

    Vor einiger Zeit habe ich im Netz mal ein Foto von jemandem gefunden, der offenbar im Sommer 2008 dort war, also kurz nach meinem letzten Besuch. Darauf sah die Szenerie im Prinzip genau so aus wie auf meinen Bildern.

    Ich glaube nicht, dass sich in Hinblick auf die Konservierung des Kraters noch irgend etwas getan hat. Das Geld dafür ist sicher irgendwo anders gelandet…

  5. re: Wie sieht es jetzt in Carancas aus?

    Jan,

    danke für die Antwort. Falls es dort nochmal was Neues gibt, wäre es schön, wenn du weiter darüber berichten würdest. Deine Beiträge sind echt klasse!

    Beste Grüße
    Karl

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