Das Gesicht der Personalisierten Medizin

Tagebücher der Wissenschaft

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Die Personalisierte Medizin verspricht, dem zukünftigen Patienten Therapien passend auf den Leib zu schneidern. Dies soll durch moderne genetische Forschung ermöglicht werden. Doch wie persönlich ist die Persönliche Medizin?

Zugegeben, es ist nicht gerade mein Fachthema, aber unter der Überschrift „Was ist wohl der nächste Hype in der Medizin?“ interessiert sie mich dann doch: die sogenannte Personalisierte Medizin. Das Versprechen dieser neuen Medizin besteht darin, in Zukunft jedem Patienten seine Behandlung maßzuschneidern. So weit, so gut. Das ist sicher das, was ein guter Arzt in der Praxis tut, für seinen Patienten diejenige Behandlung auszuwählen, die den größten Nutzen und den kleinsten Schaden verspricht – und sei es auch nur eine Placebo-Behandlung.

Die Idee der Personalisierten Medizin ist aber eine andere: Die Therapie soll hier nämlich vor allem durch die Genetik ausgewählt werden. Wer die Entwicklung medizinischer Forschung im Laufe der Zeit verfolgt – was in meinem Fall berufsbedingt vor allem in der Psychiatrie der Fall ist –, den wird auch das nicht sonderlich überraschen. Es dürfte sich ja auch herumgesprochen haben, dass es vor zehn Jahren dieses Human Genome Project gab, bei dem Millionen in ein Wettrennen gesteckt wurden, wer als erster den menschlichen genetischen „Code“ „knackt“; und anlässlich des zehnjährigen Jubiläums gab es vor kurzem in Nature und Science entsprechende Specials, aus denen hervorging, dass sich von den Hoffnungen von damals bisher so gut wie nichts erfüllt hat – jedenfalls dann, wenn man nicht nur in die Forschung, sondern in die Praxis schaut. Der Mensch hat zwar überraschend wenige Gene, die funktionieren aber so kompliziert, noch ganz abgesehen von der Epigenetik, dass die „Entschlüsselung“ eben noch lange nicht heißt, die Regeln zu verstehen, nach denen der menschliche Körper funktioniert.

Jetzt also die Personalisierte Medizin. Was mich daran wundert? Dass man die Medizin persönlich – oder manchmal wird auch von „Individualisierter Medizin“ gesprochen – machen möchte, indem man groß angelegte Studien mit Datensätzen von mehreren Tausend, in manchen Fällen sogar mehreren Zehntausend, Menschen durchführt, um den individuellen Ursachen einer Erkrankung auf die Spur zu kommen (für ein jüngstes Beispiel, siehe diesen Beitrag bei Medicine & More, inklusive Diskussion). Das Problem dabei ist, dass bei dieser Anzahl von Individuen eine ganze Reihe minimaler Effekte gefunden wird, die zwar für die Hypothesenbildung und für die Epidemiologie interessant sind, für den Einzelfall aber überwiegend irrelevant. Der Einzelne geht hier im Zufallsrauschen unter.

Einem statistischen Dogma zufolge findet man in einem jedem neuen Forschungsgebiet die größten Effekte am Anfang, denn diese sind eben am einfachsten zu finden (vgl. den Aufsatz von Kenneth Kendler im Am. J. Psychiatry 162). Man erntet sozusagen zuerst die Früchte, die am niedrigsten hängen. Demzufolge liegt der genetische Durchbruch in der Medizin also bereits hinter uns und nicht, wie es uns Anhänger der Personalisierten Medizin glauben machen wollen, erst noch vor uns. Sicher, den einen oder anderen interessanten Effekt wird man schon noch entdecken aber die prophezeite Revolution, ich glaube nicht an sie.

In der Praxis ist es um die Idee aber noch viel schlimmer bestellt: Denn das Wissen um die genische Ursache einer Erkrankung heißt noch lange nicht, dass es dafür eine Therapie gibt. Man schaue sich einmal die Beispiele an, in denen es wirklich um großen Effekte geht, wie etwa bei Chorea Huntington, einer sogenannten monogenen Erkrankung, da es hier einen sehr starken oder vielleicht sogar perfekten Zusammenhang zwischen einer bestimmten genischen Ausprägung und dem Phänotyp der Erkrankung geht. Auf diese Diskrepanz zwischen theoretischem Wissen und praktischen Können hat auch der Tübinger Medizintheoretiker Urban Wiesing vor Kurzem im Spektrum-Interview hingewiesen.

Würde es hier nicht einerseits um Abermillionen Euro an Forschungsgeldern und andererseits um das Leiden von Patienten gehen, ich könnte die Idee beinahe witzig finden, dass man die Medizin nun personalisieren oder individualisieren will und zwar nicht, indem man mit den Patienten spricht und ihnen gut zuhört, was denn ihre Probleme sind, sondern indem man ihnen eine genische Identität gibt, die auf den biomedizinischen Computerchips der neuesten Generation konstituiert wird. Neben „der Leber auf Zimmer zwölf“ wird es wohl also bald auch das „X-Allel auf Zimmer sechs“ geben, über das Ärzte auf ihrer Visite sprechen.


Und dafür, dass es der Personalisierten Medizin so ein passendes Gesicht gibt, möchte ich dem Universitätsklinikum Heidelberg danken sowie seiner Pressestelle, die in einer Mitteilung auf die Veranstaltung „Was ist individualisierte Medizin?“ aufmerksam machte, die am kommenden Samstag, 29. Oktober 2011, 10:30 Uhr, Karlstraße 4, 69117 Heidelberg, Akademiegebäude, stattfinden wird. Es ist wahrlich ein individueller Patient, der dort bis zur Unkenntlichkeit verpackt, stumm, austauschbar und entpersonalisiert vor den drei Ärzten im weißen Kittel und der Bohrung des Millionenapparats liegt.

Foto: Universitätsklinikum Heidelberg.

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