Kommunikative Wirkung und kommunikative Haltung

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Serie Wissenschaftskommunikation – Schreibtipps vom Chefredakteur, Teil 3

 

Die Zielgruppe ist das eine. Das andere ist: Was möchte ich in dieser Zielgruppe bewirken? Kommunikative Wirkungen, die Wissenschaftler gegenüber verschiedenen Gruppen intendieren können, sind z.B. Zufriedenheit durch tiefere Einsicht oder Horizonterweiterung, Akzeptanz, künftig erhöhte Aufmerksamkeit für ein Thema, nachdenklich Werden, fortan mitreden Können, Änderung des Verhaltens, Zustimmung oder Widerspruch (ggf. explizit geäußert in Kommentaren), intellektuelles Vergnügen, Spaß, Amüsement, Beachtung der eigenen Person, Wertschätzung, Bewunderung, Bewilligung (zum Beispiel eines Antrags) …

 

Sind an der Kommunikation noch Dritte beteiligt wie etwa Journalisten, Redakteure oder Lektoren, können Interessenkonflikte auftreten. Etwa beim Interview: Der Radioredakteur möchte seinen Hörern eine pointierte Einschätzung zur Klimaentwicklung kredenzen – der interviewte Forscher jedoch "nur" verschiedene Szenarien abwägen, um zwar als Fachmann, nicht aber als Meinungsführer dazustehen. Oder umgekehrt: Die TV-Reporterin möchte "lediglich" einen kompetenten O-Ton, der die Funktionsweise eines Kernspintomografen schildert – der interviewte Neurowissenschaftler jedoch wittert die Chance, einem breiten Publikum die Bedeutung seines Fachgebiets für die medizinische Grundlagenforschung nahe zu bringen. Derlei Situationen gibt es täglich in der Wissenschaftskommunikation. Sie verdeutlichen: Nur wer sich der Wirkung, die er in einer bestimmten Zielgruppe hervorrufen möchte, auch bewusst ist, kann seine Interessen wahren und diese Wirkung auch erzielen.

Von der intendierten Wirkung leitet sich die eigene kommunikative Haltung ab, der eigene Standpunkt. Kommunikative Haltungen sind zum Beispiel Erklären, Berichten, Präzisieren, Entgegnen, Richtigstellen, Kommentieren, Konfrontieren, Appellieren, Motivieren, transparent Machen, Faszinieren, Fragen Beantworten, Fragen Aufwerfen, Unterhalten, „Für Sie vor Ort Sein“, Verblüffen, Wachrütteln …

Kommunikation gelingt nur, wenn alles zusammenpasst: der Inhalt, die Zielgruppe, das Medium, die intendierte Wirkung, die kommunikative Haltung und die mediale Form.

Letztere richtet sich nach der kommunikativen Haltung: Kommentiert wird im Kommentar, berichtet im Bericht, besprochen in der Rezension usw. Wobei der Blogpost, ich erwähnte es bereits, mit Vorliebe verschiedene Formen miteinander vermengt und sich der bewährten journalistischen Trennung von Meinung und Information für gewöhnlich nicht beugt. Soll er ruhig, dafür lieben wir ihn; gerade das macht ihn als mediale Form einzigartig.

Bevor es in der Guten Stube demnächst mit praktischen Tipps zu gutem Formulieren weitergeht, möchte ich die bisherigen theoretischen Vorüberlegungen noch einmal bündeln:

Bewusstseinschärfung: Die fünf W-Fragen der Wissenschaftskommunikation

  1. Wen?
    Welche Zielgruppe nehme ich ins Visier? Wen möchte bzw. werde ich erreichen?
  2. Was?
    Worum geht es inhaltlich? Was ist mein Thema, meine Botschaft?
  3. Wozu?
    Um welche Wirkung innerhalb der Zielgruppe geht es mir? Wozu richte ich mich mit genau diesem Inhalt an genau diese Zielgruppe?
  4. Wo?
    In welchem konkreten Medium* agiere ich? Wo erreiche ich die Zielgruppe?
  5. Wie?
    Welche kommunikative Haltung nehme ich ein, um die intendierte Wirkung zu erzielen? Wie sage ich es? (Und welche mediale Form passt dazu?)


* Mit konkretem Medium meine ich hier nicht die Tageszeitung, sondern die Süddeutsche; nicht das Fernsehen, sondern die Sendung scobel auf 3sat; usw.

 

Carsten Könneker

Veröffentlicht von

Carsten Könneker Zu meiner Person: Ich habe Physik (Diplom 1998) sowie parallel Literaturwissenschaft, Philosophie und Kunstgeschichte (Master of Arts 1997) studiert – und erinnere mich noch lebhaft, wie sich Übungen in Elektrodynamik oder Hauptseminare über Literaturtheorie anfühlen. Das spannendste interdisziplinäre Projekt, das ich initiiert und mit meinen Kollegen von Spektrum der Wissenschaft aus der Taufe gehoben habe, sind die SciLogs, auf deren Seiten Sie gerade unterwegs sind.

1 Kommentar

  1. Sehr spannend!

    Ich wollte hier nur mal ein Kompliment loswerden. Sehr interessante Beiträge. Da kann ich glatt noch was lernen^^

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