Von einem der herzog, das Land zu verändern

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Salon der zwei Kulturen
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13 Jahre nach seiner „Ruck-Rede: Roman Herzog erhält Lennart-Bernadotte-Medaille

„Ich erwarte eine Informations- und Wissensgesellschaft. Das ist die Vision einer Gesellschaft, die jedem die Chance einräumt, an der Wissensrevolution unserer Zeit teilzuhaben. Das heißt: bereit zum lebenslangen Lernen zu sein, den Willen zu haben, im weltweiten Wettbewerb um Wissen in der ersten Liga mitzuspielen.“

Am 26. April 1997 forderte der damalige Bundespräsident Roman Herzog in seiner „Ruck-Rede“ eine Kultur der Zukunft für Deutschland, die nicht zuletzt wesentlich auf mehr Engagement in Bildung, Forschung sowie im Bereich Hightech beruhen müsse.

Herzog damals wörtlich: „Unser eigentliches Problem ist also ein mentales: Es ist ja nicht so, als ob wir nicht wüssten, dass wir Wirtschaft und Gesellschaft dringend modernisieren müssen. Trotzdem geht es nur mit quälender Langsamkeit voran. Uns fehlt der Schwung zur Erneuerung, die Bereitschaft, Risiken einzugehen, eingefahrene Wege zu verlassen, Neues zu wagen. Ich behaupte: Wir haben kein Erkenntnisproblem, sondern ein Umsetzungsproblem.“

Heute erhält Roman Herzog die Lennart-Bernadotte-Medaille des Kuratoriums für die Tagungen der Nobelpreisträger, benannt nach Graf Lennart Bernadotte (1909-2004), dem spiritus rector der jährlich stattfindenden Tagungen am Bodensee. Denn drei Jahre nach seiner Ruck-Rede hat Herzog selbst dazu beigetragen, dass ein gutes Vorhaben auch in die Tat umgesetzt wurde – die Runderneuerung eben jener Nobelpreisträgertagungen, eines jährlich eine Woche lang stattfindenden Dialogs zwischen Laureaten und ausgewählten Studierenden, Doktoranden und Postdocs aus aller Welt.

Ex-Bundespräsident Roman Herzog mit seiner Ehefrah Alexandra Freifrau von Berlichingen (links) und Gräfin Sonja Bernadotte (1944-2008) bei der Lindauer Nobelpreisträgertagung 2006.  (c) Council for the Lindau Nobel Laureate Meetings
Roman Herzog mit seiner zweiten Ehefrau Alexandra Freifrau von Berlichingen (links) sowie Gräfin Sonja Bernadotte (1944-2008) bei der Lindauer Nobelpreistagung 2006.
(c) Council for the Lindau Nobel Laureate Meetings

1951 mit dem Ziel ins Leben gerufen, die deutsche Wissenschaft nach dem Zweiten Weltkrieg aus der Isolation zu befreien und wieder in die internationale Scientific Community zu integrieren, hatten sich die Tagungen der Laureaten in Physik, Chemie sowie Medizin/Physiologie in den folgenden Jahrzehnten zu eher betulichen Seniorentreffs entwickelt. Der Zuspruch seitens der Top-Forscher war überschaubar; etliche der an den Bodensee entsandten Nachwuchswissenschaftler verfügten nicht über die notwendige Klasse, aus dem Tete-a-tete mit den Größten ihrer Disziplinen Nutzen zu ziehen. Ein Ruck musste her.

Für diesen sorgte Roman Herzog höchstselbst. Bereits als Minister in Baden-Württemberg hatte er das Potenzial des Wissenschaftsdialogs am Bodensee für Deutschland und Europa erkannt. 1995 war er als erstes deutsches Staatsoberhaupt zu Gast bei den Tagungen gewesen. Und ein Jahr nach Ende seiner Amtszeit als initiierte er im Jahr 2000 die Gründung der Stiftung Lindauer Nobelpreisträgertreffen am Bodensee durch 50 Laureaten, die Familie Bernadotte sowie das Kuratorium – und verlieh den Treffen damit den entscheidenden Impuls für die Zukunft. Seither haben sich die Meetings dank vieler oft unentgeltlich tätiger Helfer, Spender sowie einer Reihe von – vor Ort stets erfreulich dezent auftretenden – Zustiftern kontinuierlich an Dynamik, Klasse und Professionalität gewonnen. In diesem Jahr, auf der 60. Tagung, trafen Ende Juni 59 Laureaten und 675 Nachwuchstalente aus insgesamt 68 Ländern zusammen, letztere von mehr als 120 nationalen Akademien der Wissenschaften und internationalen Forschungseinrichtungen ausgewählt. Zum Vergleich: Im Jahr 2000 repräsentierten die damals 701 Teilnehmer lediglich 15 verschiedene Nationen.

Die einzigartige Atmosphäre habe ich in diesem Jahr selbst schnuppern können (siehe „Das schrägste Nobelpreisträger-Interview aller Zeiten“), und auch die Co-SciLogger Mierk, Lars, Bastian und Markus werden es bestätigen: 10 Jahre nach dem Neuanfang lief es unterm Strich prima in Lindau – für die Nobelpreisträger, die Jungforscher, die weiteren Gäste.

Von daher könnte man sich getrost ein wenig zurücklehnen und das Erreichte genießen. Doch das ist nicht die Sache der umtriebigen Organisatoren. „Es ist noch nicht alles so, wie es sein könnte. Wir sind bei vielleicht 70 Prozent dessen, was machbar ist,“ gibt sich Prof. Wolfgang Schürer, der Vorsitzende der Stiftung, selbstkritisch. So habe man zwar dank eines mittlerweile wohl einzigartigen Netzwerkes von Partnerinstitutionen die Auswahl der Nachwuchswissenschaftler erheblich verbessern können – in China und Indien etwa sorgte die DFG für frischen Wind. (Vor allem zwischen 2006 und 2009 hat die Stiftung zahlreiche  neue internationale Partner gewonnen, um wirklich die Fähigsten der inzwischen jährlich rund 20.000 Bewerberinnen und Bewerber aus aller Herren Länder an den Bodensee zu lotsen.)
Dennoch gebe es für einige Länder und Regionen noch immer Nachholbedarf, werden noch nicht die Besten an den Bodensee entsandt. Das gelte insbesondere für die Länder Lateinamerikas und Afrikas. Hierauf will Schürer künftig sein Augenmerk verlegen – doch auch eine weitere Verbesserung des deutschen  Nominationsverfahrens steht an.

Die letzten 10 Jahre Nobelpreisträgertagung zeigen, dass das von Roman Herzog in seiner Ruck-Rede diagnostizierte „Umsetzungsproblem“ hier im Kleinen gelöst wurde, bei aller Bescheidenheit der Macher. Wenn Herzog heute für seine Verdienste um die Lindauer Tagungen geehrt wird, geschieht dies auch stellvertretend für alle anderen, die er zur Weiterentwicklung der Tagungen in der vergangenen Dekade inspirierte.

Übrigens: Die nächste, 61. Tagung widmet sich den Themen aus Medizin/Physiologie und findet vom 26. Juni bis 1. Juli 2011 statt – natürlich in Lindau.

Carsten Könneker

Veröffentlicht von

Carsten Könneker Zu meiner Person: Ich habe Physik (Diplom 1998) sowie parallel Literaturwissenschaft, Philosophie und Kunstgeschichte (Master of Arts 1997) studiert – und erinnere mich noch lebhaft, wie sich Übungen in Elektrodynamik oder Hauptseminare über Literaturtheorie anfühlen. Das spannendste interdisziplinäre Projekt, das ich initiiert und mit meinen Kollegen von Spektrum der Wissenschaft aus der Taufe gehoben habe, sind die SciLogs, auf deren Seiten Sie gerade unterwegs sind.

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