Das schrägste Nobelpreisträger-Interview aller Zeiten (2/3)

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Salon der zwei Kulturen
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Die erste Frage des wohl ungewöhnlichsten Nobelpreisträger-Interviews aller Zeiten lautete, was aus Sicht von Nachwuchsforschern einen guten wissenschaftlichen Betreuer ausmacht. Schnell herrschte Einigkeit darüber, dass gute Betreuung vor allem Verfügbarkeit bedeutet. Sein Doktorvater, Paul Rupar (ebenfalls Nobelpreisträger) sei leider viel auf Reisen, beantworte aber jede E-Mail innerhalb von 12 Stunden, hob der junge Chemiker Evans Boney vom Caltech hervor. Ob man sich denn nicht häufig ausgenutzt fühle als Doktorand, hakten die interviewenden Laureaten nach. Sein Betreuer verstehe es zwar in der Tat bestens, Arbeit zu verteilen, so der junge Astrophysiker Baybars Kulebi aus Heidelberg. Doch sei es für ihn selbstverständlich, die Paper und Buchkapitel des Chefs zu schreiben. Das System verlange es so, ausgenutzt fühle er sich nicht.

Lindauer Nobelpreisträgertreffen 2010

Interview-Runde: Der Heidelberger Doktorand Baybars Kulebi (rechts) steht den Nobelpreisträgern Harold W. Kroto und George F. Smoot (links) Rede und Antwort. Am Tischende Moderator Adam Rutherford von nature. 

„Die größten Erkenntnisse resultieren aus den dümmsten Ideen.“
(Harold Kroto) 


Bemerkenswert fand ich das Statement von Chemie-Nobelpreisträger Harold Kroto:
Bei aller Sehnsucht nach möglichst engem Kontakt zwischen Betreuten und Betreuern müsse Raum für Freiheit bleiben: „Die größten Erkenntnisse resultieren aus den dümmsten Ideen,“ so Kroto wörtlich. Und da er selbst dumm sei, würde er auch den noch so krudesten Ideen aus seiner Arbeitsgruppe versuchen Raum zu geben. Man könne nie wissen, was noch daraus werde. Das unterstrich auch Physik-Laureat Ivar Giaever – anhand dieses Beispiels: Er habe viele extrem gute chinesische Nachwuchsforscher unter seinen Fittichen gehabt, „tolle Typen“ allesamt, aber mit einem Kardinalfehler: „Die wollen einem immer nur gefallen. Aber ich möchte niemanden, der mir zu Gefallen ist, ich möchte Leute, die mich überraschen.“ 

„Ich möchte niemanden, der mir zu Gefallen ist,
ich möchte Leute, die mich überraschen.“

(Ivar Giaever) 

Es folgte eine spannende Diskussion über die Kunst, gute Fachartikel abzufassen. Dass die Papers meist von den Doktorandinnen und Doktoranden geschrieben würden, sei ja schön und gut, so Evans Boney. Nur könne man als junger Mensch bei dieser Praxis keine eine eigene Stimme entwickeln. Denn wenn der Betreuer jedes Paper vor Einreichung in die Mangel nehme und nach seinem Gutdünken umschreibe, könne sich der eigentliche Autor nicht entfalten. Woraufhin Laureat George Smoot konterte, doch nicht die Persönlichkeit des Autors zähle bei Fachartikeln, sondern die darin formulierten Erkenntnisse. Wobei Form und Stilistik freilich eine nicht geringe Bedeutung haben. Die Art, wie man ein Paper formuliert, entscheidet natürlich mit über Annahme oder Ablehnung. Darüber herrschte Einigkeit zwischen den Nobelpreisträgern und den Jungforschern. Stil und Form seien wichtig, so Smoot. Die Kunst bestehe darin, klar und ansprechend zu schreiben. Jedes Paper müsse auch für Leserinnen und Leser aus anderen Fächern interessant sein. Kauderwelsch sei verboten.

Weiter zu Teil 3 dieses Beitrags.

 

Linktipp: http://lindau.nature.com

 

Carsten Könneker

Veröffentlicht von

Carsten Könneker Zu meiner Person: Ich habe Physik (Diplom 1998) sowie parallel Literaturwissenschaft, Philosophie und Kunstgeschichte (Master of Arts 1997) studiert – und erinnere mich noch lebhaft, wie sich Übungen in Elektrodynamik oder Hauptseminare über Literaturtheorie anfühlen. Das spannendste interdisziplinäre Projekt, das ich initiiert und mit meinen Kollegen von Spektrum der Wissenschaft aus der Taufe gehoben habe, sind die SciLogs, auf deren Seiten Sie gerade unterwegs sind.

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