Expertenrunden nach Musil

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Salon der zwei Kulturen
GUTE STUBE

Bis heute ist mir diese Textstelle im Gedächtnis geblieben, über die ich während meiner Promotion mehrfach meditierte – subtile Ironie von Feinsten. Es geht um eine Passage in Robert Musils "Mann ohne Eigenschaften" (kurz: MoE), auf die ich vor ein paar Tagen bereits in anderem Zusammenhang hinwies.

Kurz ein wenig Hintergrund: Der MoE ist jenes monumentale Romanfragment, über dessen Wert sich Germanisten wie bei kaum einem anderen Werk der neueren deutschen Literaturgeschichte die Köpfe heiß reden können. Streng genommen gibt es nur Bewunderer und Verabscheuer. Um es klar zu sagen: Ich gehöre zu den Bewunderern – und wage die These, dass besonders bornierte Kritiker vor allem deshalb nichts mit dem Buch anfangen können, weil sie zwar mit Musils Anspielungen auf Freud oder Nietzsche spielend klar kommen, mit seinen häufigen Verweisen auf kinetische Gastheorie, Thermodynamik oder Kraftfelder jedoch so gar nicht. In dieser Hinsicht ist Musil ein äußerst unbequemer Autor für Literaturwissenschaftler. Der Ingenieur, Philosoph und Psychologe verfolgte sehr genau, was sich in den Naturwissenschaften seiner Zeit so alles tat, und das war in der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts ja Einiges.

Nun aber zu dem erwähnten Abschnitt. Es scheint fast so, als habe Musil die spätere Ignoranz vieler zuständiger Fachleute gegenüber seinem Roman vorausgeahnt und bereits im Werk selbst auf die Schippe genommen. Sein Erzähler beschreibt einen Wiener Salon im Jahr 1913, den Salon der Diotima:

"Diotimas Gesellschaften waren berühmt dafür, dass man dort an großen Tagen auf Menschen stieß, mit denen man kein Wort wechseln konnte, weil sie in irgendeinem Fach zu bekannt waren, um mit ihnen über die letzten Neuigkeiten zu sprechen, während man den Namen des Wissensbezirks, in dem ihr Weltruhm lag, in vielen Fällen noch nie gehört hatte. Es gab da Kenzinisten und Kanisisten, es konnte vorkommen, dass ein Grammatiker des Bo auf einen Partigenforscher, ein Tokontologe auf einen Quantentheoretiker stieß, abzusehen von den Vertretern neuer Richtungen in Kunst und Dichtung, die jedes Jahr die Bezeichnung wechselten …" (MoE, S.100)

Wie geht es Ihnen? Ich kann mich über die Formulierung einfach nur beömmeln! Dieses Bild einer hoch dekorierten Horde von Fachidioten, von denen keiner mit einem normalen Menschen ein vernünftiges Gespräch führen kann, die sich untereinander aber irgendwie zu verständigen haben, weil sie ja alle Teil jener erlauchten Gesellschaft sind. Ob so wohl sinnvolle Dialoge zustande kommen können Haben Sie vielleicht selbst einmal reale Gespräche mitverfolgt, die unter ähnlich gespenstischen Voraussetzungen litten? Brrrrrrrr, kann ich da nur sagen!

Lustiger noch wird es, wenn man weiterliest, was bei der elitären Konversation von Quantentheoretiker zu Kanisist und Partigenforscher so alles herauskommt. Es MUSS schließlich etwas herauskommen, denn Diotimas Salon ist nicht irgendein Salon in der K.u.K.-Metropole. Hier wird die "große vaterländische Aktion" für das anstehende 70-jährige Thronjubiläum von Kaiser Franz Josef I. vorbereitet.[1]

Was die klugen Köpfe gemeinsam aushecken, wie man das seltene Krönungsjubiläum gebührend begehen könne, ist enorm spaßig: Während "Diotimas Verzeichnis einzuladender Verweser des Geistes auf Erden mit der Zeit an den Catalogue of Scientific Papers der British Royal Society heranwuchs" (S.100), wird ein abstruses Konzept nach dem anderen produziert. Mein Favorit: Die geniale Idee, zu Ehren des Kaisers eine Franz-Josef-Suppenanstalt zu gründen. So viel zum Thema Expertenrunde!

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[1] Nebenbemerkung:
Dazu köstlich auf S.296: "… endlich war Diotima mit allen Vorbereitungen so weit, dass innerhalb der ‘Enquete zur Fassung eines leitenden Beschlusses und Feststellung der Wünsche der beteiligten Kreise der Bevölkerung in bezug auf das Siebzigjährige Regierungsjubiläum Sr. Majestät’ der besondere ‘Ausschuss zur Fassung eines leitenden Beschlusses in bezug auf das Siebzigjährige Regierungsjubiläum Sr. Majestät’ einberufen werden konnte, dessen Leitung Diotima sich persönlich vorbehalten hatte."

Carsten Könneker

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Carsten Könneker Zu meiner Person: Ich habe Physik (Diplom 1998) sowie parallel Literaturwissenschaft, Philosophie und Kunstgeschichte (Master of Arts 1997) studiert – und erinnere mich noch lebhaft, wie sich Übungen in Elektrodynamik oder Hauptseminare über Literaturtheorie anfühlen. Das spannendste interdisziplinäre Projekt, das ich initiiert und mit meinen Kollegen von Spektrum der Wissenschaft aus der Taufe gehoben habe, sind die SciLogs, auf deren Seiten Sie gerade unterwegs sind.

2 Kommentare

  1. Gemeinsame Begriffe

    Knapp 900 Seiten nach der Auflistung von Partigenforschern, Kenzinisten usw. schildert Musil den Besuch seines Protagonisten Ulrich in einer ‘Irrenanstalt’. Die Beschreibung erinnert stark an jene des Experten-Salons. Noch eine nette Spitze also …

    “… es machte den Eindruck, dass jeder in den Raum hineinschreie, der nur für ihn da sei, und doch schienen alle in einer tobenden Konversation begriffen zu sein, wie fremde, in einen gemeinsamen Käfig gesperrte Vögel, von denen jeder die Sprache eines anderen Eilands spricht… Paralyse, Paranoia, Dementia praecox und andere waren die Rassen, denen diese fremden Vögel angehörten.”

    “… von denen jeder die Sprache eines anderen Eilands spricht” – genau DAS ist, wie Hans Markowitsch bereits in der Guten Stube dargelegt hat, das Hindernis für interdisziplinäre Zusammenarbeit.

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