Holtzbrinck-Preis 2014: Laudatio auf Reto Schneider

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Am 14. Oktober wurden in Berlin die Preisträger des diesjährigen Georg von Holtzbrinck-Preises für Wissenschaftsjournalismus geehrt. Ich hatte das Vergnügen, die Laudatio auf den Kollegen Reto Schneider von “NZZ Folio” zu halten, den Sieger in der Kategorie “Print”. Schneider hatte gleich drei exzellente Texte eingereicht, von denen “Die Rettung Angelinas” uns Juroren einhellig als der beste des gesamten Jahrgangs erschien. Nachgereicht sei an dieser Stelle die Laudatio:

Preisträger "Print" Reto Schneider (links) mit Verleger Dr. Stefan von Holtzbrinck
Preisträger “Print” 2014 Reto Schneider (links) mit Verleger Dr. Stefan von Holtzbrinck. Credit: David Ausserhofer für Veranstaltungsforum

Lieber Herr Dr. von Holtzbrinck, sehr verehrte Gäste der heutigen Preisverleihung – und nicht zuletzt natürlich: liebe Preisträger!

Der Theorie nach verhieß das Ereignis nichts weniger als eine Sternstunde des Wissenschaftsjournalismus. Doch in der Praxis entpuppte es sich als kaum zu meisternde Herausforderung. Der reinen Lehre nach bediente das Ereignis fast alle journalistischen Nachrichtenwerte zugleich: unerwarteter als ein Tsunami; wichtiger als viele Krankheitsthemen, da potenziell bedeutsam für die halbe Menschheit; dazu ein dramatisches Schicksal, authentischer als jede neue Hollywoodproduktion; eine Entscheidung, kontroverser als das Hirntod-Konzept; das Ganze obendrein konnotiert mit reichlich Prominenz. Und hinter alldem harte biomedizinische Forschung – könnten sich Wissenschaftsjournalisten mehr wünschen?

Die Geschichte, die jede Kollegin, jeder Kollege – der Theorie nach – am liebsten selbst hätte schreiben wollen, entpuppte sich jedoch schnell als schwieriges Unterfangen.

Denn als Angelina Jolie am 14. Mai 2013 überraschend öffentlich machte, sie habe sich aufgrund einer genetischen Veranlagung für Brustkrebs beide Brüste amputieren lassen – also ausgerechnet jene körperlichen Merkmale, die sie in der Rolle der Archäologin Lara Croft zwölf Jahre zuvor weltberühmt gemacht hatten – war schnell klar: Es wird schwer werden, in der wie auf Knopfdruck einsetzenden weltweiten Berichterstattung auch Öffentlichkeit herzustellen für den wissenschaftlichen Prozess hinter einer Entscheidung wie jener für eine prophylaktische Mastektomie.

Freilich haben sich die Redaktionen landauf, landab tapfer geübt in Berichterstattung über Tumorsupressor-Gene im Allgemeinen und das BRCA1-Gen im Speziellen, über Brustkrebsdiagnostik sowie die Schwierigkeiten mit statistischen Prognosen der Humangenetik. Doch bei der Lektüre vieler dieser Texte beschleicht einen das Gefühl, hier müsse doch mehr, ja viel mehr drin gewesen sein aus wissenschaftsjournalistischer Sicht.

Meine Damen und Herren, Reto Schneider, der Träger des Georg von Holtzbrinck-Preises 2014 in der Kategorie “Print”, hat in glänzender Manier den Beweis erbracht, dass diese Aufgabe tatsächlich lösbar war. Ja mehr noch: Wir zeichnen heute nicht nur einen erfahrenen, in vielen Themen bewanderten Kollegen mit wunderbarem Sprachwitz und Gespür für feinste Ironie aus, der seine Geschichten stets solide recherchiert auf Papier bannt. Reto Schneider schuf mit seinem Beitrag für das „Folio“-Magazin der Neuen Züricher Zeitung, dessen stellvertretender Redaktionsleiter er auch ist, eine ganz neue wissenschaftsjournalistische Form jenseits von Bericht, Feature und Reportage. Vielleicht kann man diese Textsorte als „feuilletonistische Chrono-Doku“ bezeichnen – ich suche noch nach einem besseren Begriff.

Worum geht es? Nach Jahreszahlen sortiert, erzählt Schneider in nüchternen Sätzen parallel zwei Geschichten, über die seine Leserschaft im November 2013 von Vornherein weiß, dass sie sich am Ende treffen werden. Nur wie genau? Diese Spannung lässt einen den Artikel nicht aus den Händen legen.

Den Beginn markiert das Jahr 1974, als sich im Westen der USA die beiden Genforscher Mary-Claire King und Mark Skolnick gleichzeitig, aber unabhängig voneinander aufmachten, um durch ihre miteinander hart konkurrierenden Forschungen 40 Jahre später eine dann 39-jährige Prominente zu der vielleicht schwierigsten Entscheidung ihres Lebens zu bewegen. „Die Rettung Angelinas“, so der Titel und der Clou des mitreißenden Stückes, begann genau ein Jahr vor ihrer Geburt!

Medizinische Forschungsbefunde sind nicht einfach da, lehrt uns Schneider, ohne uns zu unterrichten. Sie haben ihre eigene, individuelle Vorgeschichte – so wie die Patienten, die sich mit ihnen auseinandersetzen und oftmals regelrecht mit ihnen ringen müssen.

Das Ringen ist das übergeordnete Motiv des Artikels: Im einen Teil der Geschichte das Ringen um Leben und Tod, das Angelina Jolies Mutter und Tante verloren, die an Brust- bzw. Eierstockkrebs verstarben. Das Ringen um die Aussagekraft von statistischen Risiken in der Genetik, um die Entscheidung für oder gegen eine Mastektomie. Im anderen Teil das Ringen um die richtigen Forschungsfragen, um Methoden, Fördergelder, Erstbeschreibung, Patente, welches die Wissenschaft kennzeichnet und über das wir Journalisten, das möchte ich selbstkritisch anmerken, noch immer zu wenig berichten.

Die Idee zu der ungewöhnlichen Textform kam Schneider während der Recherche. Wie gewöhnlich spürte der studierte Elektroingenieur weit mehr Material auf, als am Ende auf vier Seiten passte. Auf der Suche nach dem richtigen Filter kristallisierte sich der Ansatz heraus, der mir persönlich – als Leser – eine ganz neue Auseinandersetzung mit humangenetischer Forschung bescherte und die Jury einhellig wie selten nicht nur überzeugte, sondern regelrecht begeisterte.

Auch das Medium macht den Meister. Seinem Medium, NZZ-Folio, hat Schneider viel zu verdanken, wie er betont. Vor allem dies: Da die Themen der Ausgaben bereits ein Jahr im Voraus festgelegt werden, kann eine Geschichte, die er schreibt, lange im Hinterkopf reifen, bis sie zu Papier gebracht wird.

Es lohnt sich, Reto Schneider zuzuhören, wenn er beschreibt, wie sich seine Wahrnehmung eines Themas komplett verändert, sobald feststeht, dass er in einigen Monaten darüber schreiben muss. Er selbst stellt sich das ähnlich vor, wie den Bewusstseinswandel einer Frau, die erfährt, dass sie schwanger ist. Plötzlich sieht man überall andere Schwangere oder kleine Kinder, die noch tags zuvor nicht da waren.

Bleibt die Frage, wie aus einem Elektroingenieur eine bereits mehrfach preisgekrönte Edelfeder werden konnte. Die Begegnung mit einem Amateurfunker hatte in dem Fünftklässler einst den Wunsch aufkeimen lassen, Ingenieur zu werden. Während er diesen Beruf später auch tatsächlich ausübte, begann er jedoch, Glossen für ein Elektronikmagazin zu schreiben, später besuchte er die Ringier-Journalistenschule mit dem Ziel, danach als freier Journalist zu arbeiten. Er landete jedoch bei dem Schweizer Nachrichtenmagazin Facts und übte sich dort in der Anhäufung von – Fakten. An seiner heutigen Wirkungsstätte kümmert er sich nun mehr und lieber um die Deutung derselben. Gerade dies brauchen wir im Wissenschaftsjournalismus noch mehr: die Ergebnisse, welche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler hervorbringen, in Beziehung zu setzen mit Wirtschaft, Politik, Gesellschaft, ja dem Leben der Menschen; Prozesse zu beleuchten, kritische Fragen zu stellen und eine für die Leserinnen und Leser be-deutende Geschichte daraus zu machen.

Wir ehren mit Reto Schneider heute einen Meister dieses Fachs. Und ach ja, man hätte es ahnen können: Der Beitrag über „Die Rettung Angelinas“ stammt aus dem Folio-Themenheft „Sieger“!

Lieber Herr Schneider: Im Namen der gesamten Jury des Georg von Holtzbrinck-Preises für Wissenschaftsjournalismus gratuliere ich Ihnen herzlich zur hoch verdienten Auszeichnung 2014 in der Kategorie Print.

Chemie-Nobelpreisträger Stefan Hell und Bundesforschungsministerin Johanna Wanka beim Vorempfang der diesjährigen Preisverleihung mit der Jury: Stefan von Holtzbrinck, Mathias Kleiner, Andreas Barner, Ranga Yogeshwar, Angela Friederici, Andreas Sentker und Carsten Könneker (von links).
Holtzbrinck-Jury mit drei Gästen (von links): Andreas Barner, Stefan Hell, Johanna Wanka, Stefan von Holtzbrinck, Mathias Kleiner, Jürgen Mlynek, Ranga Yogeshwar, Angela Friederici, Andreas Sentker und Carsten Könneker. Bis auf Hell, Wanka und Mlynek bildet die Gruppe die Preisjury. (Nicht auf dem Foto: Jury-Mitglieder Uli Blumenthal und Joachim Müller-Jung.) Credit: David Ausserhofer für Veranstaltungsforum

 

 

Carsten Könneker

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Carsten Könneker Zu meiner Person: Ich habe Physik (Diplom 1998) sowie parallel Literaturwissenschaft, Philosophie und Kunstgeschichte (Master of Arts 1997) studiert – und erinnere mich noch lebhaft, wie sich Übungen in Elektrodynamik oder Hauptseminare über Literaturtheorie anfühlen. Das spannendste interdisziplinäre Projekt, das ich initiiert und mit meinen Kollegen von Spektrum der Wissenschaft aus der Taufe gehoben habe, sind die SciLogs, auf deren Seiten Sie gerade unterwegs sind.

1 Kommentar

  1. Forschung kann also das Leben verändern. Das wissen zwar die meisten, aber sie fühlen es nicht – oder erst dann wenn sie persönlich betroffen sind.
    Das ist tatsächlich ein Mangel und bewirkt, dass nur ein paar wenige speziell an Forschung Interessierte sich informieren wollen.

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