Henning Scheich: Neurowissenschaften und Geisteswissenschaften – 3 Thesen

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Salon der zwei Kulturen
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Können Hirnforschung und Geisteswissenschaften voneinander lernen? Welche Bedeutung haben die bildgebenden Verfahren der Neuroforschung? Nachdem Winfried Menninghaus vorgestern zu Gast in der Guten Stube war, um diese Fragen zu diskutieren, besucht mich heute – bevor wir uns am Dienstag auf der Wissenswerte offline zur Podiumsdiskussion treffen – Henning Scheich mit drei Thesen zum Verhältnis von Neuro- und Geisteswissenschaften. Prof. Scheich ist Direktor des Leibniz-Institut für Neurobiologie in Magdeburg und einer der renommiertesten deutschen Hirnforscher. In Gehirn&Geist diskutierte ich mit ihm bereits über Manifeste, Neuroprothesen und Menschenbilder (freies pdf). Heute begrüße ich ihn im "Salon der zwei Kulturen". Herzlich willkommen!


Prof. Dr. Henning ScheichNeurowissenschaften und Geisteswissenschaften – 3 Thesen

1. Hirnabhängige Phänomene haben allgemein eine objektive durch kausale Zusammenhänge von Prozessen beschreibbare Seite und eine subjektive, nur der Introspektion (nicht notwendigerweise nur einer sog. Erste-Person-Perspektive) zugängliche Seite. Diese subjektive Seite umfasst im Humanbereich sowohl emotionale und kognitive Phänomene (im weitesten Sinne), wie auch als Medium ein unlimitiertes Potential von weitestgehend sprachlich kodierten Begriffssystemen.

Nicht nur Geistes- und Naturwissenschaften müssen über ihre Forschungsgegenstände sprachlich-begrifflich nachdenken, sondern auch Hirnwissenschaftler. Das Hinterfragen von Begriffen gehört selbstverständlich dazu. Es gibt aber einen prinzipiellen Unterschied zwischen Geisteswissenschaftlern (Philosophen oder Mathematikern), die mit begrifflichen Mitteln über Begriffe arbeiten und den genannten Hirnwissenschaftlern, wenn sie sich mit dem gleichen Problem beschäftigen. Erste können z. B. kategorische Regeln entdecken und ausarbeiten, nach denen Begriffe gebildet werden. Letztere können herausfinden, wie diese Regeln mechanistisch zustande kommen, d.h. hinterfragen, warum es diese Regeln gibt und nicht andere.

Dies mag zwar nach Deutungshoheit klingen, verlangt aber wesentlich eine Arbeitsteilung, weil Hirnwissenschaftler sich auf solche Regelerkenntnisse von Geisteswissenschaftlern verlassen müssen, um nach entsprechenden Mechanismen zu suchen. Analoges aufeinander angewiesen sein gilt für den gesamten Bereich der Phänomenologien von Empfinden, Denken und Wollen.

2. Die noch weitgehend exklusive Domäne der Hirnwissenschaften ist eher der Bereich der interindividuellen Spielbreite subjektiver Phänomene. Insbesondere Defekte und andere pathologische Phänomene der Subjektivität (von Empfindungs-, Lern-, Gedächtnis- und Denkstörungen bis zu merkwürdigem Trieben, Zwangsvorstellungen, Suchtphänomenen und Halluzinationen), aber auch punktuell gigantische Leistungsspitzen bei sog. Savants, zeigen fließende Übergänge zu einem Bereich von interindividueller Variabilität, der als „normal“ betrachtet wird. Hier wird zunehmend klar, dass frühere Deutungsversuche aus geisteswissenschaftlich geprägter psychologischer oder soziologischer Sicht an der Sache vorbeigehen, weil die aus der „normalen Subjektivität“ extrapolierten Beschreibungskategorien inadäquat sind, um z.B. die Qualität eines überwältigenden Suchtgefühls zu beschreiben, einer halluzinatorischen Weltempfindung unter LSD, oder einer rätselhaften Denkstrategie bei einer sekundenschnellen Multiplikation zweier zwanzigstelliger Zahlen.

Was hiermit gesagt werden soll ist, dass Bildung und Analyse von Begriffen die subjektiven Phänomene erfassen sollen, allein mit den Mitteln von Begriffen (d.h. durch Selbstreflexion) zum Teil trügerisch ist und keinen festen Halt bietet. Dies gilt bekanntlich auch für bestimmte Probleme der Logik.

In vielen Bereichen interindividueller Variabilität und Pathologie von subjektiven Phänomenen beginnen die Hirnwissenschaften mechanistische Erklärungen zu bieten. Diese sind insofern eine überzeugende Basis für den Dialog mit den Geisteswissenschaften als die spezifische Korrektur solcher Mechanismen durch Hirneingriffe auch zu subjektiven Normalisierungen führt. Das heißt, hier kann eine Kausalitätsdebatte angestoßen werden.

Gute Stube3. Ein besonderes Problem für die öffentliche Wahrnehmung der Möglichkeiten der Hirnforschung (ganz im Gegensatz zum Selbstverständnis mancher dort arbeitenden Wissenschaftler) stellen die neuen bildgebenden Verfahren dar. Einerseits eröffnen sie viele neue Perspektiven auf das menschliche Gehirn, andererseits steht die Leichtigkeit, mit der Experimente über zahllose subjektive Phänomene gemacht werden können, in direktem Gegensatz zur Schwierigkeit die Ergebnisse zu interpretieren. Dies hängt nicht nur damit zusammen, dass Experimente oft kein spezifisches Design für die gewählte Fragestellung haben, sondern grundsätzlich mit der limitierten Aussagekraft der Methoden. Sie zeigen eben nur wo überall unter bestimmten Umständen, z.B. bei einem bestimmten Reiz- oder Denkmuster Aktivität auftaucht, aber nicht den neuronalen Prozess an dem man ablesen könnte, welche Informationen die Neuronen dort eigentlich verarbeiten und berechnen. Insofern sind viele Interpretationen höchst hypothetisch. Manches wird über die Jahre durch eine Vielzahl von notwendigen Kontrollexperimenten konkreter werden. Die Lösung des Grundproblems, wie z. B. ein Denkprozess mechanistisch strukturiert ist, erscheint jedoch bisher in ziemlicher Ferne.

In diesem Bereich ist der eher lockere Umgang der Hirnforschung mit Begriffen aus den Geisteswissenschaften ärgerlich.


Die Podiumsdiskussion auf der Bremer Wissenswerte läuft unter der Überschrift "Geisteswissenschaft im Dialog: Natürlich Kultur … Wer bestimmt das Menschenbild?" und findet am 18.11. von 17:30 bis 18:30 Uhr im Bremer Cogress Centrum statt. Sie ist Teil der Veranstaltungsreihe "Geisteswissenschaft im Dialog", eines gemeinsamen Projekts der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften und der Leibniz-Gemeinschaft, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wird und das in diesem Konferenz-Modul in diesem Jahr Kooperationspartner der Wissenswerte ist.

Die Wissenswerte ist eine noch junge, aber längst fest im Bewusstsein von Wissenschaftsjournalisten verankerte mehrtägige Fachkonferenz für Wissenschaftskommunikatoren, ins Leben gerufen und jährlich organisiert von der Initiative Wissenschaftsjournalismus. Sie findet 2008 zum fünften Mal statt.

Der Gesprächspartner von Henning Scheich auf der Wissenswerte, der Literaturwissenschaftler Winfried Menninghaus, hatte bereits in der Guten Stube gepostet.  


 

 

Carsten Könneker

Veröffentlicht von

Carsten Könneker Zu meiner Person: Ich habe Physik (Diplom 1998) sowie parallel Literaturwissenschaft, Philosophie und Kunstgeschichte (Master of Arts 1997) studiert – und erinnere mich noch lebhaft, wie sich Übungen in Elektrodynamik oder Hauptseminare über Literaturtheorie anfühlen. Das spannendste interdisziplinäre Projekt, das ich initiiert und mit meinen Kollegen von Spektrum der Wissenschaft aus der Taufe gehoben habe, sind die SciLogs, auf deren Seiten Sie gerade unterwegs sind.

1 Kommentar

  1. Begriffsgewinnung

    Die Aussage, dass »Bildung und Analyse von Begriffen die subjektiven Phänomene erfassen sollen, allein mit den Mitteln von Begriffen (d.h. durch Selbstreflexion) zum Teil trügerisch« sei, ist selbst trügerisch. Sie unterstellt, Begriffe zur Fassung von Subjektivität, ihrer Phänomene und des Erlebens, seien allein oder vorwiegend »mit den Mitteln von Begriffen« — und jetzt kommt eine Gleichsetzung — »d.h. Selbstreflexion« möglich. Dem ist nicht so. Die Kritische Psychologie und hier insbesondere Klaus Holzkamp hat im Werk »Grundlegung der Psychologie« gezeigt, wie grundlegende subjekttheoretische Begriffe mit Hilfe historisch-empirischer Verfahren gewonnen werden können, ja, gewonnen werden müssen. Dieses Wissen ist zwar schon 25 Jahre alt, ist es aber wert, wieder oder überhaupt einmal zur Kenntnis genommen zu werden.

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