Hans-Ferdinand Angel: Beten im Tomographen

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Salon der zwei Kulturen
GUTE STUBE

Hans-Ferdinand Angel ist Religionspädagoge mit Faible für die Naturwissenschaften – und somit ein höchst interessanter Gesprächspartner in der Guten Stube. Hier beschreibt er heute sehr persönlich, wie antike Philosophie, moderne Religionskritik sowie die Naturwissenschaften seinen Weg vom 10-jährigen Schüler in einem süddeutschen Benediktinerkloster zum Professor für Religionspädagogik an der Universität Graz prägten.

Als Theologe macht sich Hans-Ferdinand Angel nachhaltig für den Dialog mit Biologie und Hirnforschung stark. So verfasste er für Gehirn&Geist einen Artikel zur „Neurotheologie“ (freies pdf). Heute nimmt Prof. Angel als Diskutant bei dem von Mitblogger Michael Blume veranstalteten Workshop „Evolution der Religionen“ teil. Seinem Beitrag für die Gute Stube entnehmen wir, dass er skeptisch ist, ob komplexe – etwa religiöse – Erfahrungen einer naturwissenschaftlichen Erforschung unter Laborbedingungen überhaupt zugänglich sind. Wenn das kein Stoff für rege Diskussion ist! Herzlich willkommen, Herr Angel!

Beten im Tomographen

Prof. Dr. Hans-Ferdinand AngelRotwangige Äpfel leuchteten aus dem noch satten Grün der Obstbäume, die in lockerer Reihe vor dem Fenster standen. Es duftete nach frischem Zwetschgendatschi, verführerisch und unwiderstehlich. Und über uns thronten mit majestätischem Blick Kaiser der spätrömischen Zeit – als strenge Stuckatur-Gesichter in den vier Ecken des Klassenzimmers, in dem wir Lateinvokabeln und ablativus absolutus paukten. In die Gestimmtheit jenes Herbstmorgens kann ich mich noch heute ohne Schwierigkeiten hineinversetzen: Unter unserem Klassenzimmer befand sich die Backstube; wenn der Blick aus dem Fenster schweifte, war man von einem verwildert-gepflegten Obstgarten umfangen; vor uns stand ein junger Mönch in schwarzem Habit, der uns, den damals wohl Zehnjährigen, in einem schwäbisch-bayerischen Benediktinerkloster Latein beizubringen trachtete.

Meine religiöse Erfahrung dieser Zeit war irgendwie sinnlich, bodenständig und – dank der römischen Kaiser und den weltweit verbreiteten Benediktinerklöstern – gleichzeitig in Raum und Zeit hinein geöffnet. Wissbegierig absorbierte ich Neues. Eines der ersten Bücher, das ich mir kaufte, entführte mich in die wissenschaftliche Welt der Evolution. Doch dass mit dieser Thematik grundlegende Anfragen an den Glauben einhergehen können, kam mir damals nicht in den Sinn. Und ähnlich mühsam mussten sich die modernen Religionskritiker während meines Theologiestudiums gegen Zwetschgendatschi und antike Kultur durchsetzen. Leichter hatten es antike Schriftsteller wie Lucretius, der religiöse Erfahrungen mit Träumen in Verbindung brachte, oder Statius mit seiner kritischen Äußerung: „Primus in orbe deos fecit timor“.

Nicht zuletzt die kritischen Denker der Antike ebneten mir den Weg zu den Fragen, mit denen die moderne Wissenschaft sich dem religiösen Phänomen nähert. Aus der Sicht meines heutigen Berufs wurden diese dann jedoch geradezu zentral: Was geschieht in einem Menschen, der religiöse Erfahrungen macht? Oder präziser: Wann überhaupt ist eine Erfahrung eine „religiöse“?

Genau dieser Frage hatten wir uns mit Nachdruck an der Universität Graz zu stellen, als wir uns im Herbst 2007 auf Anfrage des Österreichischen Rundfunks (ORF) zu einer Demonstration bereit erklärten: Wir standen vor der Herausforderung zu zeigen, welche Aktivitäten im Gehirn ablaufen, wenn ein gläubiger Christ in einer Magnetresonanzröhre den Rosenkranz betet. Die Suche des ORF nach Probanden, die bereit waren, in einer High-Tech-Röhre zum Zweck wissenschaftlicher Analysen zu beten, wäre beinahe ohne Ergebnis geblieben.

Auch mein Unbehagen blieb. Und nicht wenige meiner Studierenden waren der Ansicht, dass in einer solchen Laborsituation das Wesentliche christlich-religiöser Erfahrung verloren gehe. Wie viel an komplexen Erfahrungen können wir tatsächlich in eine Versuchs- oder Laborsituation mitnehmen? Ich habe es noch nicht getestet, ob ich die Gestimmtheit jenes Herbstmorgens in einer 3-Tesla Magnetresonanz-Röhre reproduzieren kann. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich das möchte.
 



Homepage von Prof. Dr. Hans-Ferdinand Angel

 

Dieser Beitrag ist Teil einer Artikelserie.
Weitere Texte zum Workshop "Evolution der Religionen":

Helmut Wicht: Esel mit heißen Hufeisen auf dünnem Eis

Ingo Bading: "Bedenke das Ende!" – Ist Religion die treibende Kraft der Evolution?

Michael Blume: Pascal Boyer im Workshop Evolution der Religionen, Frankfurt

Carsten Könneker

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Carsten Könneker Zu meiner Person: Ich habe Physik (Diplom 1998) sowie parallel Literaturwissenschaft, Philosophie und Kunstgeschichte (Master of Arts 1997) studiert – und erinnere mich noch lebhaft, wie sich Übungen in Elektrodynamik oder Hauptseminare über Literaturtheorie anfühlen. Das spannendste interdisziplinäre Projekt, das ich initiiert und mit meinen Kollegen von Spektrum der Wissenschaft aus der Taufe gehoben habe, sind die SciLogs, auf deren Seiten Sie gerade unterwegs sind.

2 Kommentare

  1. “Emotionslose” Laborforschung

    im Widerstreit mit der Erforschung komplexer Gefühlswelten…das haben Sie hier für mich wunderschön veranschaulicht.

    Hmm..ich denke morgen duftet es bei uns zuhause auch nach Rosenkuchen und während die gerösteten Nüsse und das Marzipan, umhüllt von einem vanilligen Hefekuchenteig unseren Gaumen kitzelt, unsere Glückshormone sprudeln und die Seele baumeln lässt….da kann man bis heute auch im Labor nichts erforschen, denn dazu müssten wir still liegen, nicht kauen..da bleibt nur noch der Geruch und die Vorstellung von Marzipan, gerösteten Nüssen, wohlduftendem Kaffee und dem gemütlichen Beisammensein übrig….

    eben das Abbild einer – auf wenige Teile – reduzierten Gefühlswelt, aber das Ganze ist mehr als die Summe “aller” Teile und wir haben hier nur die wenigsten jener Teile gemessen 😉

    Und wie bin ich nun vom Beten zum Rosenkuchen gekommen? Tsss…tsss…
    Das kommt davon, wenn mein Gehirn mit mir etwas macht…lesen…neuronale Verbindungen…beten…duftender Pflaumenkuchen und schwupps..war ich beim Rosenkuchen…Hat nun das Beten etwas mit dem Kuchen gemeinsam? Mein Gefühl sagt ja….mein Verstand…weiß nicht so recht…

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