Wilhelm Krull: Innovation

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Salon der zwei Kulturen
GUTE STUBE

Wilhelm Krull ist einer der einflussreichsten Wissenschaftsförderer in Deutschland. Seit 1996 lenkt er als Generalsekretär die Geschicke der VolkswagenStiftung – mit einem Stiftungsvermögen von mehr als 3 Milliarden Euro die größte private forschungsfördernde Institution in Europa. Der promovierte Literaturwissenschaftler engagiert sich stark für die Belange der Geisteswissenschaften und macht sich Gedanken über ihre Rolle und Zukunft Wissenschaftsbetrieb. In einem Festvortrag skizzierte er unlängst die Entwicklungschancen der Geisteswissenschaften entlang der vier Begriffe Innovation, Interdisziplinarität, Internationalität und Infrastruktur. Ich habe Dr. Krull gebeten, seine ausdrücklich gegen eine in der Szene weit verbreitete „Gekränktheitsrhetorik“ (Peter Strohschneider) gerichteten Überlegungen noch einmal in Auszügen in der Guten Stube vorzustellen – und freue mich, dass er meiner Bitte folgt. Heute und in den kommenden vier Posts hat Dr. Krull an dieser Stelle das Wort. Herzlich willkommen!

Dr. Wilhelm Krull

Innovation

Für viele Geisteswissenschaftler gilt der Innovationsbegriff und mit ihm nahezu jede Zukunftsorientierung als Gegenpol dessen, was für sie im Vordergrund steht. Sie sehen den Blick in die Vergangenheit, das verstehende Aneignen, Begreifen und Vermitteln von Traditionszusammenhängen als ihre ureigenste und einzige Aufgabe an. Und sie erfüllen damit geradezu paradigmatisch eine Feststellung aus Bettina von Arnims „Goethes Briefwechsel mit einem Kinde“, in dem es heißt: „Die Gelehrsamkeit versteht ja doch nur höchstens, was schon da war, aber nicht das, was da kommen soll.“

Man könnte sogar soweit gehen, dass mit einer solchen Haltung die Geisteswissenschaften selbst das landläufige, des Öfteren auch von naturwissenschaftlicher Seite geäußerte Vorurteil bestätigen, demzufolge sich die Geisteswissenschaften allzu sehr mit „der Asche der Vergangenheit“ befassten, während es doch vor allem darauf ankomme, „das Feuer der Zukunft“ voranzutragen und möglichst naturwissenschaftlich-technische Forschung mit schnell messbaren Ergebnissen zu betreiben. Ich halte dies für einen falschen Gegensatz; denn ein allein aus dem Hier und Jetzt gespeistes „Feuer der Erkenntnis“ dürfte sich nur allzu häufig als ein rasch verglühendes Strohfeuer erweisen.

Neben ihrer geradezu klassischen Funktion der Memoria, des kulturellen Gedächtnisses, nämlich unser kulturelles Erbe zu erschließen, zu bewahren und immer wieder neu zu vermitteln, sehe ich die vielleicht wichtigste Funktion der Geisteswissenschaften darin, durch vorbeugendes Nachdenken dazu beizutragen, unser Reflektionspotenzial zu erhöhen und damit letztlich auch unsere Handlungsoptionen für die Zukunft klarer herauszuarbeiten. Gerade in einer Zeit großer Verunsicherung ist vorbeugendes Nachdenken mehr denn je eine unverzichtbare Aufgabe der Geisteswissenschaften.

 


Dieser Gastbeitrag ist der erste Teil einer 5-teiligen Kommentarserie von Wilhelm Krull:

Neue Chancen für die Geisteswissenschaften

Teil 1: Innovation
Teil 2: Interdisziplinarität
Teil 3: Internationalität
Teil 4: Infrastruktur
Teil 5: Fazit: Neue Chancen für die Geisteswissenschaften

 

Carsten Könneker

Veröffentlicht von

Carsten Könneker Zu meiner Person: Ich habe Physik (Diplom 1998) sowie parallel Literaturwissenschaft, Philosophie und Kunstgeschichte (Master of Arts 1997) studiert – und erinnere mich noch lebhaft, wie sich Übungen in Elektrodynamik oder Hauptseminare über Literaturtheorie anfühlen. Das spannendste interdisziplinäre Projekt, das ich initiiert und mit meinen Kollegen von Spektrum der Wissenschaft aus der Taufe gehoben habe, sind die SciLogs, auf deren Seiten Sie gerade unterwegs sind.

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