Carl Djerassi – Naturwissenschaft und Literatur

BLOG: GUTE STUBE

Salon der zwei Kulturen
GUTE STUBE

Während übermorgen in New York eine große Konferenz der New York Academy of Sciences das Problem der Kluft zwischen den „2 Kulturen“ theoretisch beackern wird, hatte ich am Mittwoch vergangener Woche das Vergnügen, in Berlin auf einen Menschen zu treffen, der eben diesen Graben ganz pragmatisch, mit scheinbar schlafwandlerischer Sicherheit, überwunden hat: Carl Djerassi, Chemiker und Literat, hochdekorierter Vertreter sowohl der naturwissenschaftlich-technischen als auch der geisteswissenschaftlich-künstlerischen Kultur.

  Carl Djerassi am 29.04.2009 in der Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin. (c) U.S. Botschaft
Carl Djerassi während seines Berliner Vortrags "Wissenschaftliches Schmuggeln durch Buch und Bühne" am 29. April 2009
Foto: U.S.Botschaft

Für seine maßgebliche Beteiligung an der Entwicklung der Anti-Baby-Pille (1951) sowie neuer Strategien zur Insektenbekämpfung wurde der Stanford-Professor u.a. mit der National Medal of Science sowie der National Medal of Technology geehrt – sowie mit 20 Ehrendoktorwürden. Eine 21. wurde ihm 2009 von der Universität Dortmund für sein literarisches Werk verliehen.

Veranstalter des Abends, der unter dem Titel „Wissenschaftliches Schmuggeln durch Buch und Bühne“ stand, und in dessen Verlauf ich Djerassi mit der ehemaligen Bundesgesundheitsministerin Andrea Fischer ins Gespräch brachte, waren die amerikanische Botschaft, das Holtzbrinck-Veranstaltungsforum und die Heinrich-Böll-Stiftung.

Djerassi war Chemiker von Weltruf und ist ein international anerkannter Dramatiker, dessen Stücke auf mehreren Kontinenten gespielt werden – eine einzigartige Biografie. Dazu kommt die tragische Note, dass der 1923 als Sohn eines jüdischen Ärztepaares in Wien Geborene mit 15 Jahren vor den Nazis in die USA fliehen musste. Fünf Jahrzehnte lang sprach er kein Deutsch; bis heute entstehen seine Texte in englischer Sprache, auch wenn er längst wieder Deutschland und Österreich bereist, seit neuestem einen Drittwohnsitz (nach San Francisco und London) in Wien hat und sogar wieder österreichischer Staatsbürger ist.

Den Schwenk von der Naturwissenschaft zur Literatur vollzog Djerassi 1985, im Alter von 62 Jahren. In seinem eigentümlich amerikanisch-wienerisch gefärbten Deutsch erläuterte er in Berlin, warum er erst in reifem Alter den kulturellen Graben überschritt – und dabei seinem Lebensthema, der Reproduktion und ihrer Manipulation, treu blieb (Djerassi0.mp3, 4:57 min.).

Carl Djerassi am 29.04.2009 in der Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin. (c) U.S. Botschaft
Carl Djerassi vor dem Cover seines ersten populärwissenschaftlichen Buches
Foto: U.S.Botschaft 

Nachdem Djerassi fünf Romane – vier davon in dem von ihm selbst als „Science in Fiction“ bezeichneten Genre – geschrieben hatte, wechselte er noch einmal das Metier und wurde Dramatiker. In zweien seiner Theaterstücke („Science in Theatre“) lotet Djerassi aus, was er zuvor im Labor erforschte: die Trennung von Sexualität und Fortpflanzung. Es geht ihm darum, die medizinischtechnische Realität sowie deren Folgen für den Einzelnen und die Gesellschaft als ganze auf die Bühne zu bringen. So legt er in „Tabus“ (2006) offen, welche Herausforderungen sich aus den modernen Verfahren der Reproduktionsmedizin, etwa der intrazytoplastischen Spermieninjektion (ICSI), ergeben (kompletter Text von "Taboos" inkl. Vorwort des Autors auf Englisch).

Natürlich ist Djerassi nicht der erste Autor, der Wissenschaft in die Literatur „schmuggelt“. Hier trat er in die Fußstapfen eines Goethe („Die Wahlverwandtschaften“), Broch („Die Unbekannte Größe“) oder Musil („Der Mann ohne Eigenschaften“) bzw. eines Brecht („Leben des Galilei“), Dürrenmatt („Die Physiker“) oder Kipphardt („In der Sache J. Robert Oppenheimer“). Ungewöhnlich an seinem Werk ist jedoch, dass er es schuf, nachdem er eine komplette naturwissenschaftliche Karriere hingelegt hatte. Andere „wissenschaftliche Literaten“ wie der Chemiker Elias Canetti („Die Blendung“) kehrten dem Labor bereits in jungen Jahren den Rücken.

Ist es in den USA leichter, als Wissenschaftler Ausflüge ins Populäre oder Künstlerische zu unternehmen, fragte ich Carl Djerassi in Berlin, und seine überraschende Antwort (Djerassi1.mp3, 2:18 min.) veranlasste mich nachzuhaken, ob es auch für ihn persönlich unmöglich gewesen wäre, schon während seiner naturwissenschaftlichen Karriere Romane und Stücke zu publizieren. Djerasi ließ keinen Zweifel daran, dass dies einem „Selbstmord“ gleichgekommen wäre (Djerassi2.mp3, 3:04 min.).

Carsten Könneker. Andrea Fischer und Carl Djerassi am 29. April 2009 in Berlin. (c) Rühlmann/Holtzbrinck-Veranstaltungsforum
Carsten Könneker im Gespräch mit Andrea Fischer und Carl Djerassi
Foto: Christina Rühlmann / Holtzbrinck-Veranstaltungsforum 

Kennzeichen für das Djerassische „Science in Fiction“ und „Science in Theatre“ ist die realistische Beschreibung der naturwissenschaftlichen Kultur; Djerassi spricht auch vom „Stammesverhalten“ der Naturwissenschaftler. So macht er immer wieder auch das Machtstreben und die Eitelkeiten von Forschern transparent, zeigt dem allgemeinen Publikum, auf das er abzielt, wie Wissenschaft im Verborgenen funktioniert und wie es dabei in spezifischer Weise menschelt. Gleichzeitig wirbt er um Verständnis, möchte Vorbehalte abbauen. Eben diesen aufklärerischen Auftrag bezeichnet er als „Schmuggeln“, als trickreichen Transport von authentischem Wissen über die Naturwissenschaften in ein Milieu, welches dafür vorderhand gar nicht empfänglich scheint – und dem diese Einsichten ansonsten womöglich auf ewig verborgen blieben. Ob er nicht eher ein Missionar als ein Schmuggler sei, fragte ich nach (Djerassi3.mp3, 1:28 min.).

Bei allem Wiener Charme, den er versprüht – Djerassi ist ein streitbarer, ein politischer Geist. So preist er die britische – sehr liberale – Gesetzgebung zur Reproduktionsmedizin als die beste weltweit, während er die USA als „Wild West of Reproductive Medicine“ geißelt. Auch Deutschland bekommt sein Fett weg. Unsere Gesetze seien zu konservativ und nicht mehr zeitgemäß. Die Politiker trauten sich an diese heiße Materie schlicht nicht heran, ergänzte die Bundesgesundheitsministerin a.D. Andrea Fischer (Djerassi4.mp3, 3:07 min.).

Es gäbe noch viel zu erzählen über Carl Djerassi.
Beim Abendessen in kleinem Kreis plauderten wir noch über Paul Klee und sein Verhältnis zur Wissenschaft (Djerassi ist einer der bedeutendsten privaten Klee-Sammler weltweit) und spekulierten darüber, wie Djerassis Lebensweg wohl verlaufen wäre, hätte es die NS-Zeit nicht gegeben (der 87-Jährige ist sich sicher, dass er „nur ein Arzt“ geworden wäre, wie seine Eltern es waren), und ob Deutsch ohne die Nazi-Zäsur heute vielleicht noch eine internationale Wissenschaftssprache sei (Djerassi meint: höchstwahrscheinlich ja). Ich beschränke mich an dieser Stelle darauf, auf drei Texte und Interviews im Netz hinzuweisen, die ich als lesenswert erachte – neben seinen zahlreichen Büchern selbstverständlich!

Djerassi-Porträt aus „The Observer“ (2007)
Interview Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (2008)
Theorietext von Carl Djerassi über sein „Science in Theatre“

Viele weitere deutsche und englische Texte, mehrere CVs sowie Bibliografien sind auf der offiziellen Homepage von Carl Djerassi abrufbar: www.djerassi.com.

Veröffentlicht von

Carsten Könneker Zu meiner Person: Ich habe Physik (Diplom 1998) sowie parallel Literaturwissenschaft, Philosophie und Kunstgeschichte (Master of Arts 1997) studiert – und erinnere mich noch lebhaft, wie sich Übungen in Elektrodynamik oder Hauptseminare über Literaturtheorie anfühlen. Das spannendste interdisziplinäre Projekt, das ich initiiert und mit meinen Kollegen von Spektrum der Wissenschaft aus der Taufe gehoben habe, sind die SciLogs, auf deren Seiten Sie gerade unterwegs sind.

Schreibe einen Kommentar