Wo Konzerne wie Staaten agieren müssen

BLOG: Gute Geschäfte

Wie Wirtschaft und Ethik zusammenpassen
Gute Geschäfte

In den Richtlinien großer Konzerne für Mitarbeiter und Zulieferer wird immer wieder darauf hingewiesen, dass die jeweils national geltenden Gesetze einzuhalten sind, oder auch die Menschenrechte. Manchmal werden zusätzlich eigene Mindestregeln aufgestellt, die da, wo sie strenger sind als die staatlichen, Vorrang haben,zum Beispiel wenn es um die wöchentliche Arbeitzeit geht.

Wieso ist das notwendig? Ganz einfach: Weil in vielen Teilen der Welt die Staaten nicht wirklich funktionieren.

Es gibt eine theoretische Schule der Wirtschaftsethik, die sagt: Der Staat ist der systematische Ort der Ethik. Will sagen: Er muss sich darum kümmern, dass die richtigen Spielregeln aufgestellt und eingehalten werden. Die Unternehmen müssen sich dann nur an die Spielregeln halten und sollen sich ansonsten um ihren Gewinn kümmern. In der Praxis denken heute wahrscheinlich immer noch eine Menge Leute so. Aber offiziell übernehmen zumindest die großen Konzerne viel mehr Verantwortung – bis dahin, eigene Regeln aufzustellen und staatliche Regeln durch eigene Kontrollen durchzusetzen, auch bei anderen Unternehmen, etwa den Lieferanten.

Nehmen wir mal für einen Moment an, der Staat sei tatsächlich der richtige Ort, wo Fragen der Ethik geklärt und durchgesetzt werden müssen – das ist ja nicht grundsätzlich falsch, nur eben nicht ausreichend. Dann folgt daraus, dass überall da, wo der Staat nicht wirklich funktioniert – etwa bei dem Einsatz von Kindern auf Kakaoplantagen in Westafrika -, andere Strukturen an dessen Stelle treten müssen. Und das können häufig nur die großen Konzerne sein, manchmal auch mehrere, die sich gemeinsam auf Spielregeln einigen. Denn diese Konzerne haben als Großabnehmer den stärksten Einfluss, wenn sonst nichts funktioniert (in manchen Staaten sind auch Kirchen oder andere Religionsgemeinschaften ein gewisser Ersatz für den Staat, aber das klammern wir hier aus).

Es ist also auf jeden Fall positiv, wenn Konzerne sich wenigstens ansatzweise dieser Aufgabe stellen. Und es ist wichtig, dass die Gruppe, die den stärksten Einfluss auf die Konzerne hat, den auch auch ausübt: die Kunden.

Wer sich auf der theoretischen Ebene für “Die Veranworung des Konsumenten” interessiert, der findet im gleichnamigen Sammelband von Ludger Heidbrink, Imke Schmidt und Björn Ahaus (Hg.), der 2011 erschienen ist, gute Anregungen. Auch kritischer Art. So schreibt Niko Paech einen Absatz unter der Überschrift “Nachhaltiger Konsum als käufliche Moral” und fragt “Wer rettet die Welt vor den Weltrettern?” Am Ende empfiehlt er, einfach weniger als zu konsumieren, das aber nicht als Verzicht zu definieren – ganz schön kompliziert das alles, zumal vor Weihnachten …

 

Veröffentlicht von

Ich habe Betriebswirtschaft in München und Philosophie an der Fernuni Hagen studiert, früher bei einer großen Bank gearbeitet, und bin seit über 20 Jahren Journalist beim Handelsblatt mit Spezialisierung auf Finanzthemen, davon fünf Jahre in New York und seit November 2017 in Frankfurt. Im Jahr 2013 habe ich das Buch „Wie fair sind Apple & Co?“ veröffentlicht.

1 Kommentar

  1. Staaten und Firmen

    Sie schreiben: “In den Richtlinien großer Konzerne für Mitarbeiter und Zulieferer wird immer wieder darauf hingewiesen, dass die jeweils national geltenden Gesetze einzuhalten sind, oder auch die Menschenrechte. Manchmal werden zusätzlich eigene Mindestregeln aufgestellt, die da, wo sie strenger sind als die staatlichen, Vorrang haben,zum Beispiel wenn es um die wöchentliche Arbeitzeit geht.
    Wieso ist das notwendig? Ganz einfach: Weil in vielen Teilen der Welt die Staaten nicht wirklich funktionieren.”

    Wenn man so einen Beitrag schreibt, dann sollte man sich vielleicht auch einmal mit den Hintergründen beschäftigen. Haben Sie schon einmal daran gedacht, dass es zwischen Staaten und Firmen auch Verquickungen zum beiderseitigen Vorteil geben könnte? Ist ihnen bekannt, dass demokratisch gewählte Regierungen in der Vergangenheit auf Druck von Konzernen gestürzt wurden, wie es in Guatemala und anderen Ländern geschehen ist? Hier das Beispiel “Operation PBSUCCESS”:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Operation_PBSUCCESS

    Zum Glück ist heutzutage der öffentliche Druck auf Firmen gestiegen, die in armen Ländern produzieren lassen. Viele Markenkonzerne möchten aus Sorge um ihren guten Ruf nicht mit schmutzigen Tatsachen in Zusammenhang gebracht werden. Aber was ist mit den vielen Herstellern von billigen No-Name-Produkten? Denkt man auch an Beschäftigte die Rohstoffe fördern und daher mit keinem Firmennamen in Zusammenhang gebracht werden? Es gibt auch Produkte die so gut wie keine Konkurrenz haben und deren Hersteller sich deshalb kaum um Standards kümmern mussten. Der iPhone-Hersteller Foxconn z.B. lässt nach Selbstmorden von Arbeitern in seinem Konzern neuerdings einfach einen neuen Vertrag unterzeichnen, der den Arbeitern untersagt Selbstmord zu begehen:

    http://www.wiwo.de/…rd-mehr-begehen/4637842.html

    Wer sich einmal näher mit Kinderarbeit befassen möchte, der kann sich hier informieren:

    http://www.aktiv-gegen-kinderarbeit.de/

Schreibe einen Kommentar