Wenn Maschinen Menschen beurteilen

Neulich habe ich in meiner lokalen Zeitung, dem Höchster Kreisblatt, einen Artikel über den Versicherungskonzern Talanx gelesen. Weil er von der Nachrichtenagentur dpa stammte, dürfte er auch noch in vielen anderen Medien erschienen sein.
Dieser Versicherer sucht ständig neue Mitarbeiter. Dabei hat er jetzt aufwendige Assessment Center abgeschafft. Stattdessen dürfen die Bewerber mit einem Computer telefonieren. Der entscheidet zwar nicht über die Einstellung, aber trifft schon eine Vorauswahl. Mit der Software eines Aachener Start-ups wird die Sprache des Bewerbers analysiert um festzustellen, ob er zum Unternehmen passt. Angeblich hat sich in einer Testphase zuvor gezeigt, dass die Software zu ähnlichen Ergebnissen kommt wie die Assessment Center.
Mir hat es schon lange nicht mehr so gegraut wie bei der Lektüre dieses Artikels. Nicht wegen der Abschaffung der Assessment Center. Die sind schon auch problematisch. Ich habe vor langer Zeit mal bei einem anderen Versicherer ein solches Verfahren beobachtet, und das war sehr ernüchternd. Eine Psychologin lästerte permanent über die Bewerber, wenn sie gerade nicht im Raum waren. Die Kandidaten hatten alle an Elite-Hochschulen studiert, waren aber kaum in der Lage, ein paar vernünftige Sätze frei zu sprechen. Am Ende hat sich der Versicherer für einen französischen Kandidaten entschieden, der besseres Deutsch sprach als seine deutschen Konkurrenten – aber der hat abgesagt, weil er schon was Besseres in der Tasche hatte.
Natürlich war das sicher ein negativer Ausrutscher. Trotzdem haben solche künstlichen Prüfungssituationen ihre Tücken.
Aber ein Computer als Ersatz?
Im Grunde ist auch das nicht neu. Schon lange werden bei einigen Banken maschinell Bonitäts-Noten für Kunden vergeben. Wer da in die falsche Ecke der Statistik gerät, bekommt möglicherweise zu Unrecht keinen Kredit. Aber Menschen anhand der Sprache zu beurteilen, ist nochmal etwas anderes.
Was hat das mit Ethik zu tun? Nun, Kant hat gefordert, dass Menschen niemals nur als Mittel, sondern immer auch als Zweck behandelt werden sollten. Anders ausgedrückt und aufs Wirtschaftsleben übertragen: niemals nur als Arbeitskräfte, sondern immer auch als Menschen. Das, so sagte der Philosoph im 18. Jahrhundert , sind wir nicht nur anderen Menschen schuldig, sondern auch uns selbst. Wir würden unser eigenes Mensch-Sein, unsere eigene Würde,
beschädigen, wenn wir nicht so handeln.
Es gibt wahrscheinlich kaum ein ethisches Prinzip, das im Wirtschaftsleben so relevant ist wie gerade diese Forderung von Kant. Denn gerade dort erleben wir doch jeden Tag, manchmal am eigenen Leib, dass Menschen nur noch als Mittel zum Zweck eingesetzt werden. Kant war übrigens Realist: Er hatte keinen Einwand dagegen, Menschen AUCH als Mittel anzusehen, aber eben nicht NUR.
Wenn künftig Maschinen Menschen beurteilen, ist die Perspektive aber perfekt auf die Funktion als Mittel eingeengt. Eine Maschine kann den Menschen nicht als Menschen sehen. Und es ist gut möglich, dass im Rausch der Künstlichen Intelligenz noch viele Anwendungsfelder gefunden werden, wo der Computer die Noten vergibt. Das birgt die Gefahr, einen gefährlichen Trend zu verstärken: dass Unternehmen nur noch sehr gleichförmig gestrickte Mitarbeiter einstellen. Dass Leute mit Schwächen oder auch nur ungewöhnlichen Eigenschaften keine Chance bekommen.
Am Ende könnte die Gerechtigkeit dadurch wieder hergestellt werden, dass die Unternehmen sich mit dieser verengten Perspektive selber schaden. Heute geht es in vielen Betrieben nicht mehr darum, reibungslos zu funktionieren. Sondern Kreativität ist gefragt, die Vielseitigkeit von Perspektiven, das Außergewöhnliche. Aber das hat der Sprach-Computer möglicherweise schon vor-aussortiert.
Vielleicht werben Unternehmen irgendwann damit: “Wer sich bei uns bewirbt, darf sich noch mit echten Menschen unterhalten – von Anfang an.”

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Ich habe Betriebswirtschaft in München und Philosophie an der Fernuni Hagen studiert, früher bei einer großen Bank gearbeitet, und bin seit über 20 Jahren Journalist beim Handelsblatt mit Spezialisierung auf Finanzthemen, davon fünf Jahre in New York und seit November 2017 in Frankfurt. Im Jahr 2013 habe ich das Buch „Wie fair sind Apple & Co?“ veröffentlicht.

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Nun dann wird wohl auch noch die Personalabteilung wegrationalisiert. Und die Sprache? Also im Sinne von “Kiezdeutsch” oder “Wernerdeutsch” für den Hausmeister und “Denglisch” für den Manager?

  2. Nun ja, irgendwann stellt eben ein Server einen anderen ein, wozu noch mit Menschen (igitt) agieren? Im Übrigen meine ich, dass auch Roboter und KI’s Sozialabgaben zahlen sollten

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