Treibjagd auf Raucher

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Wie Wirtschaft und Ethik zusammenpassen
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Mario Ohoven, der Präsident des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft, will Raucherpausen in Betrieben verbieten, weil die angeblich die Effizienz beeinträchtigen. Da frage ich mich: Wie weit geht die Treibjagd auf Raucher eigentlich noch? Und wie  weit soll die Kontrolle der Arbeitnehmer noch ausgebaut werden?

Zum Glück werden die meisten Unternehmer sich ohnehin nicht um die Meinung von Herrn Ohoven scheren. Immerhin hat die erste Politikerin schon reagiert: Die grüne NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens meint, die Unternehmer sollten den Arbeitgebern lieber Hilfe anbieten, von der Sucht loszukommen, als Raucherpausen zu verbieten.

Ich meine, Unternehmer sollten sich nicht an der Treibjagd auf Raucher beteiligen. Sie sind aber auch nicht für Suchtprävention zuständig. Darum können die Raucher sich schon selber kümmern. Insofern ist die Einlassung von Frau Steffens auch nicht sehr hilfreich.

Die Argumentation, das Rauchen beeinträchtige die Effizienz, kann man sicher nach allen Regeln der Kunst drehen und wenden und mit Studien belegen oder widerlegen. Aber in den meisten Jobs dürfte das Argument doch eher lächerlich sein. Denn jeder weiß, dass jeden Tag viel Zeit mit unnötigen (häufig auch von Vorgesetzten angeordneten) Arbeiten, Geplauder, Streitereien und wo so weiter vergeht. Ob man da nebenbei raucht oder nicht, dürfte keine wirkliche Rolle spielen. Der Mensch, vor allem der deutsche Mensch, ist ja mentalitätsmäßig schon sehr an ein effizientes Arbeitsleben angepasst. Aber eben immer noch ein Mensch, und die Evolution hat uns nicht auf 8-Stunden-Tag, Schichtbetrieb oder Multi-Tasking im Büro vorbereitet. Kleine Freiräume, ob mit oder ohne Qualm, sind daher überlebenswichtig.

Also, vergessen wir Ohoven.

Nebenbei: Ich rauche selten. Manchmal mache dafür aber eine Pause – und denke mir dann meistens den nächsten Artikel aus, ganz effizient.

 

 

Frank Wiebe

Veröffentlicht von

Ich habe Betriebswirtschaft in München und Philosophie an der Fernuni Hagen studiert, früher bei einer großen Bank gearbeitet, und bin seit über 20 Jahren Journalist beim Handelsblatt mit Spezialisierung auf Finanzthemen, davon fünf Jahre in New York und seit November 2017 in Frankfurt. Im Jahr 2013 habe ich das Buch „Wie fair sind Apple & Co?“ veröffentlicht.

11 Kommentare

  1. Wo ist der Zugriff der Unternehmen

    beendet?
    Ich kenne eine Firma, die Toilettenpausen zeitlich registrieren lies. Vielleicht müssen wir uns auch einmal für jeden Schluck Wasser rechtfertigen?
    Ich bin Nichtraucher.

  2. Pure Vernunft darf niemals siegen!

    Es ist schon erstaunlich, wie selbstverständlich Behörden im Namen von Vernunft und Sicherheit in unser Alltagsleben eingreifen. Ich erinnere mich, als ich ein Kind war, hatten wir keine Kindersitze im Auto, Anschnallen war nicht Pflicht, auch Nackenstützen waren nicht vorgeschrieben und es wurde im Auto geraucht. Die Kinderfahrräder hatten keine Lichter, höchstens Katzenaugen. Heutzutage sind Reflektoren sogar in den Felgen vorgeschrieben. Fahrradhelme hatten nicht einmal die Radprofis, da kam das gerade erst so auf.

    Heute leben wir eingesponnen in einem Kokon aus Sicherheit und ja, man kann natürlich das immer mit Vernunft und Statistik begründen. Soundso viele Menschen leben noch, weil die Autositze Nackenstützen haben und ja, rauchen ist ungesund und ja, Fahrradlichter sind sinnvoll. Aber dieser Kokon wird ja immer weiter gesponnen, da ist ein bürokratischer Selbstläufer am Werk: Kein Alkohol mehr auf öffentlichen Plätzen, keine Musik über Ohrenstöpsel beim joggen, Helmpflicht für Fahrradfahrer, usw. usf. Wir nicken das immer alles ab, weil es ja vernünftig ist, aber wir merken nicht, wie unser Leben damit ständig komplizierter und unfreier wird und wir letztlich entmündigt werden, unser eigenes Risiko zu bestimmen. Mein Papa hat sich beim Autofahren schon angeschnallt, bevor es Gesetz wurde und das Rauchen aufgegeben, bevor es in der Kneipe verboten wurde. DAS ist mir Vorbild.

    Und ja, die größte Effizienzbremese in deutschen Unternehmen sind die Vorgesetzten – so viel kann kein Mensch rauchen.

  3. Raucher als bedrohte Spezies

    Nichtraucher – auch wenn sie einmal Raucher waren – haben im allgemeinen wenig Vertständnis für Raucher. Für den Gesunden (äh Pardon .. Nichtraucher) erscheint ein Raucher heute fast wie der Anhänger eines fremden Kultes, einer obskuren Sekte, deren Mitglieder immer mehr unter sich bleiben, sich beispielsweise schlotternd im tiefsten Winter auf den Strassen vor den Büros ihre Glimmstengel anzünden und die in Städten wie New York bereits aus den öffentlichen Parks und von den Stränden ausgeschlossen sind.
    Die Zeiten haben sich wirklich geändert. Es ist noch nicht lange her, dass in jedem Film geraucht wurde (von den Schauspielern natürlich, schon lange nicht mehr von den Zuschauern) und dass Rauchen sogar etwas wie Erotik verströmte. Jetzt dagegen scheinen Raucher sozial ausgegrenzt und in der öffentlichen Wahrnehmung rücken Rauchen immer mehr in die Nähe von ordinären Süchtigen, deren Sucht sie so weit treibt, dass sie sich sogar in der Öffentlichkeit die Nadel setzen (äh … den Glimmstengel montieren).
    Ein schlimmes Bild geben diese “Restraucher” ab, aber eben auch ein ungeschöntes Bild des Lebens mit der Sucht, denn wer täglich raucht und die nächsten Zigarettenpause heransehnt, ist süchtig.
    Aber auch Süchtige wollen wertvolle Mitglieder dieser Gesellschaft bleiben. Und so denken sie sich in der Rauchpause den nächsten Artikel aus – ganz effizient.

  4. Wenn das mit Effizienz begründet wird, muss die Frage gestattet sein, wie Effizient das ist, wenn man kreativität und Kommunikation ausschließt?
    Bei Academics war letztes jahr folgender Artikel zu lesen:
    http://www.academics.de/wissenschaft/ueberdrehte_erstarrung_mehr_kreativitaet_durch_muessiggang_50492.html
    Mehr Kreativität durch Müßiggang
    Solche Auszeiten, sei es Rauicherpausen, Toilettenbesuche, oder mal, wenn man viel mit einem Thema zu tun hat, mal einen kompletten Abbruch der Arbeit und mal einen Film gucken, oder ein Spaziergang, kann zu einer neuen Kreativen Explosion führen. Effizient ist nicht, von 8-17 Uhr auf Arbeit zu sein, und den Stuhl zu hüten. Wann kriegen das BWL-Volldeppen endlich mal in ihren Kopf?

    Lesenwert:
    http://www.vdi-nachrichten.com/artikel/Monokultur-des-Denkens-hemmt-den-Fortschritt/56731/1
    Monokultur des Denkens hemmt den Fortschritt

  5. Wo die Grenze ziehen?

    Vor einiger Zeit nahm ich an einer Diskussion, dier zur Frage hatte wie unnötig eigentlich die durch Langzeitrauchen bedingten Krankheitskosten seien. Wäre der Gesellschaft nicht geholfen, wenn man von Raucher deutlich höhere Beiträge verlangt?

    Aber müsste man dann auch nicht mit der regelmäßig alkohol-konsumierender Bevölkerung härter ins Gericht gehen? Oder gar jeden, der keinen Sport treibt, bestrafen? Man sieht schon das lässt sich nicht umsetzen.

    Ähnliches gilt in diesem Fall. Will man demnächst auch dem Muslim sein Gebet untersagen, weil es nicht produktiv ist? Will man dem Angestellten, dessen Augen vom Bildschirm ermüdet sind, auch keine kurze Zwischenpause gönnen?

    Das Unternehmen sollte doch bemüht sein, seinen Angestellten ein angnehmes Klima anzubieten, denn so gehen sie hoffentlich gerne zur Arbeit. Konzerne wie Google haben dies schon längst erkannt. Nicht jede deutsche Firma interessieren solche Langzeitwirkungen, die sind nur an kurzzeitigen Profit interessiert, und wenn man die Welt so limitiert betrachtet sind solche Pause natürlich reine Verschwendung.

  6. Vom Sozialen ins Asoziale

    Rauchen war früher (oder heute noch?) ein Mittel um Kontakte zu knüpfen (hast du mir Feuer?) und in entspannten Diskussionen und Streitgesprächen wurde gequalmt was das Zeug hält. Rauchen war so tief ins Leben integriert, dass es nicht wegzudenken war (Zitat:“Rauchen war gleichbedeutend mit Sex. Das ist jetzt ganz anders: Es raucht doch kein glücklicher Mensch mehr auf der Leinwand.

    Heute ist asozial wer raucht und dies auch darum, weil er ausgeschlossen wird: Er muss das Büro verlassen, darf nicht mehr in den Park oder an den Strand.
    Das wiederum ist ein wichtiger Grund warum immer weniger geraucht wird, denn die meisten Menschen sind sozial, suchen den Kontakt. Und wenn das Rauchen den nicht fördert, sondern sogar verhindert, dann doch besser aufhören.

    Wird man auch die Fettsucht mit ähnlichen diskriminatorischen Mitteln “wegzappen” ?
    Diskrimination hat einen negativen Beigeschmack, doch Diskrimination wirkt und wird tagtäglich angewandt und erlebt.

  7. Als Nichtraucher, der die gesamte Tabakindustrie lieber gestern als heute Pleite sehen würde, begrüsse ich natürlich so manche Rauchverbote, wie sie die Politik in den vergangenen Jahren durchgesetzt hat. Aber dennoch kann man auch alles übertreiben, und daher bin ich mit Herrn Wieber durchaus einer Meinung, wenn er sagt, man solle Ohoven vergessen. Die kurzen Pausen, die allgemein als Raucherpausen bekannt sind, weil sie hauptsächlich dazu genutzt werden sollten allerdings beibehalten werden, weil es auch Studien gibt, die belegen, das solche kurzen Pausen ein positives Betriebsklima fördern können und damit langfristig eben sehr wohl die Effizienz steigern.

  8. I beg to differ

    Teile mir einen Aufgabenbereich in der Kunden betreuung mit rauchendem Kollegen. Der Unmut der Wartenden trifft mich wenn Kollege 3 * 10 min Raucherpause am Vormittag macht. Also bedien ich alle. Klar machen alle mal Quatsch- oder Kaffeepause, machen die Raucher aber auch mit. Ergo pausiert Raucher aber30 min auf meine Knochen. Gespräch? Erfolglos: “Kannst ja das Rauchen anfangen”

  9. Einen Gang ‘runterschalten?

    Eine Treibjagd ist ein Vorgang, bei dem die Jagdbeute aus der Deckung getrieben und in Panik versetzt wird, sodass sie in ihrer Angst jede Vorsicht verliert und auf die Lichtung läuft, wo Jáger ein freies Schussfeld haben und sie zur Strecke bringen, vulgo töten.

    Dieses Wort hier zu verwenden, ist reißereisch und nachgerade albern. Dies reihts sich zwar nahtlos ein in die übliche Art, wie Raucher schon immer jeder Vorschrift begegnet sind, die sie daran hinderte, genau das zu tun, was sie wollten, deswegen passt auch hier die in solchen Fällen übliche Frage:

    Geht’s noch, ja? Was soll das jetzt?

    @hans textor: Genau. Vielen dank für diese Worte der Venunft und der Realität im üblichen Wortgetöse.

  10. wozu die aufregung??

    Der herr Ohoven wollte sich nur mal wieder in erinnerung bringen.

    Wird doch seit ewigkeiten so gehandhabt: raucher rauchen und arbeiten – je nach pausen – einfach länger. Das machen die mitarbeiter unter sich aus. Wo ist das problem??

    Dass der rauch draußen bleibt, ist ebenfalls selbstverständlich; genau wie knoblauch oder schweißgeruch draußen bleibt ;-))).

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