Sie wollen nur spielen

Gute Geschäfte

Bin gerade über eine Art Blog oder Werbung von Westlotto gestolpert. Da ist eine Menge von Verantwortung die Rede, zum Beispiel gegenüber Leuten, die möglicherweise zu viel spielen.

Das bringt mich zu der Frage: Ist Spielen um Geld eigentlich unmoralisch? Oder ist das Angebot, um Geld zu spielen, unmoralisch?
Da steckt ja eine Menge Geschichte dahinter. Die Mafia wurde in den USA zum Teil mit verbotenem Glücksspiel groß. Sie hat dann in Nevada investiert, wo es nicht verboten war, und so (unter anderem) ist Las Vegas entstanden. Außerdem haben sich Kasinos, die manchmal wenig anders aussehen als Spielhallen bei uns, als Geldquellen für Stämme amerikanischer Ureinwohner bewährt.

Glücksspiel gilt aber vielerorts als anrüchig oder ist verboten. Oder ist, Beispiel Lotto, nur erlaubt, wenn der Staat es genehmigt oder irgendwie mitmischt. Wieso eigentlich?

Man kann argumentieren, dass Leute sich mit Geldspiel ruinieren können. Das kann man aber auch anders: an der Börse zum Beispiel, die ja, zumindest bei kurzfristiger Spekulation, auch eine Art Spiel um Geld ist, wesentlich vom Glück abhängig. Außerdem: Mit Alkohol und Zigaretten kann man sich die Gesundheit ruinieren, und die ist ja vielleicht noch wichtiger als Geld. Der Staat verbietet beides nicht, aber mischt über die Steuern mit. Offenbar ist das ein Prinzip: Wenn der Staat an anrüchigen Geschäften verdient, sind sie auf einmal nicht mehr anrüchig.

Die Gefahr, sich zu ruinieren, ließe sich einschränken, wenn man sich darauf beschränkt, Spielschulden als nicht einklagbar einzustufen. Im Prinzip ist das in Deutschland so geregelt, aber nicht, wenn die Schulden gegenüber einem Unternehmen bestehen, das legal Glücksspiel anbietet. Fragt sich, was das wieder für einen Sinn ergibt. Und ob es praktisch Bedeutung hat – im Kasino zahlt man ja, bevor sich die Scheibe dreht.

Für mich ist die Sache zweischneidig. Ich habe keinerlei Sympathie für Glücksspiel. Auf einer Fähre habe ich mal beobachtet, wie Eltern im Beisein ihrer Kinder Geldautomaten ohne Sinn und Verstand gefüttert haben – was für ein schlechtes Vorbild.

Aber wenn man versucht, Ethik als rationales Unterfangen zu betreiben, gibt es wenig Ansatzpunkte, Glücksspiel als unmoralisch anzusehen. Schließlich wird niemand dazu gezwungen. Und die Suchtgefahr besteht auch in anderen Bereichen – sie allein kann auch kein Argument sein.

Frank Wiebe

Veröffentlicht von

Ich habe Betriebswirtschaft in München und Philosophie an der Fernuni Hagen studiert, früher bei einer großen Bank gearbeitet, und bin seit über 20 Jahren Journalist beim Handelsblatt mit Spezialisierung auf Finanzthemen, davon fünf Jahre in New York und seit November 2017 in Frankfurt. Im Jahr 2013 habe ich das Buch „Wie fair sind Apple & Co?“ veröffentlicht.

9 Kommentare

  1. Glücksspiel bleibt unmoralisch. Auch ohne religiös argumentieren zu müssen, hinter jedem Gewinner stehen mehrere Verlierer. Das ist unsozial.
    Wie sagt es der Volksmund: Kartenspiel und Wein reißen große Häuser ein !

    Schließlich wird niemand dazu gezwungen ! Wer das sagt, lügt.
    Jeder Mensch, der sich in Gemeinschaft befindet, muss sich nach der Gemeinschaft richten, zumindest teilweise. Und wenn der Staat selbst Glückspiele fördert und daran verdient, dann bleibt das falsch, falsch, falsch !

  2. Gönnen sie Menschen diese Wohlgefühle. SPIELEN ist in der Regel verbunden mit dem Begriff GLÜCK. Darunter versteht wohl jeder etwas anderes, aber per se bedeutet es eine bessere Aussicht auf bestehende Lebensverhältnisse. Der Alltag,die Langeweile oder Tristess haben also eine Alternative.Und diese setzt im Gehirn einen Botenstoff frei, der uns “happy” macht, nämlich Dopamin. Ich kenne jemand,der seit Jahrzehnten Lotto spielt, nie gewonnen hat, aber immer noch mit glänzenden Augen von dem Gewinn träumt. Allein dieser Zustand,diese Vision ohne Gewinn, scheint ihn schon glücklich zu machen und schafft einen PseudoRausch. Seit Jahrtausenden gibt es Glücksspiele. Das Glück besteht wahrscheinlich darin,dass Menschen in den Zustand dieses Dopaminrauschs kommen,was ungekannte Wohlgefühle frei setzt.Letzteres schaltet oft den Verstand aus, der das alles in seinem ethisch und moralischen Verständnis sowieso nicht versteht…

  3. Golzower
    in England und Irland haben Glückspiele und Wetten einen hohen Stellenwert.
    Dabei wird verheimlicht, welche familiären Katastrophen dahinterstecken. In den englischen und irischen Badeorten gehen die Hausfrauen mit einem Sack Münzen zum Bingo oder den einarmigen Banditen und kommen mit nichts zurück.
    Das kann man nicht Schönreden, das ist tragisch. Es wird Zeit , dass der kulturelle Fortschritt auch hier mal Grenzen setzt.

  4. Eine grundsätzliche Aussage in diesem Beitrag ist richtig: wenn es dem Staat dient dann ist ihm vieles, ja fast alles erlaubt, selbst wenn das gleiche Verhalten bei Privaten als höchst suspekt interpretiert würde. Das gilt weit über den staatlichen Einfluss beim staatlich abgesegneten Glücksspiel hinaus. Ein anderes Beispiel sind die Steuervergünstigungen für Firmenniederlassungen nur damit diese sich für einen bestimmten Standort entscheiden (jüngst buhlten mehrere US-Staaten mit solchen Steuernachlässen um Amazon-Niederlassungen).
    Was dem antiken Rom vorgewurfen wurde, nämlich, dass es käuflich sei (Omnia venalia Romae), das gilt auch für den modernen Staat – mindestens in vielen Bereichen.

  5. Zu Bote:
    Ich möchte das nicht bagatellisieren. Ich bitte nur um eine reale Betrachtung.Sie werden Glücksspiele nie verbieten können.Selbst in der DDR gab es sie und wurden medienwirksam angeboten(Telelotto).Für mich liegt dieser Spielreiz ganz banal in der Natur des Menschen.(Siehe Spieltrieb des Menschen) Wie mit allen Rauschmitteln ist es hier auch eine Frage nach dem gesunden Maaß.Dass der Staat daran mitverdient, scheint keine Erfindung der Neuzeit zu sein. In dem Falle (moralisch/ethisch gesehen) wäre also der Staat der Schuldige und nicht der Spieler.

  6. Golzower,
    vom Verbieten bin ich weit entfernt. Im Tivoli in Kopenhagen haben wir bei den Penny-Falls einen ganzen Sack Münzen gewonnen. Ich spiele nur, wenn ich eine reelle Chance für einen Gewinn sehe.
    Aber, das haben mir meine Erlebnisse in Irland gezeigt, Spielsucht ist weit verbreitet.
    Besonders die Frauen sind davon betroffen.
    Von Schuld kann man nur sprechen, wenn man moralische Ansprüche oder religiöse Bedenken hat. Dann muss man konsequent bleiben und darf nicht spielen.

  7. Wie so oft, werter Herr Frank Wiebe, wieder fein nachgedacht (und in der Folge auch publiziert), Dr. Webbaer ergänzt insofern gerne nur ein wenig, und zwar hierzu und nur punktuell :

    Das bringt mich zu der Frage: Ist Spielen um Geld eigentlich unmoralisch? Oder ist das Angebot, um Geld zu spielen, unmoralisch?
    […]
    Für mich ist die Sache zweischneidig. Ich habe keinerlei Sympathie für Glücksspiel.
    […]
    Aber wenn man versucht, Ethik als rationales Unterfangen zu betreiben, gibt es wenig Ansatzpunkte, Glücksspiel als unmoralisch anzusehen. [Artikeltext]

    1.) Das Spielen um Geld muss kein Glücksspiel meinen, es darf hier streng unterschieden werden, zwischen Skill- und Luck-Game nämlich.
    2.) Das Spielen um Geld im Rahmen eines (dann : echten) Glücksspiels muss, maßvoll genossen und sozial die individuellen Umstände berücksichtigend, nicht ‘unmoralisch’ sein, ist es doch, ursisch-zynisch betrachtet, die einzige Möglichkeit für allgemein untalentierte und sozusagen fette Loser an größeres Geld zu kommen, qua sog. Lotterie beispielsweise.


    Suchtgefahr lauert sozusagen überall, wie Sie anzudeuten wussten, die (in liberalen Gesellschaftsystemen anzustrebende) Verantwortlichkeit des Individuums leitet dazu an, sie darf bis muss aufklärerisch begleitet werden, so wie bspw. Sie dies auch tun in Ihrer Öffentlichkeitsarbeit, abär das Individuum kann in liberaler Demokratie nie letztlich sicherstellend vor sich selbst geschützt werden.

    Selbst der Uli, der Uli Hoeneß hat ja “gezockt”, er hat spekuliert und nicht beachtet, dass bundesdeutsch die Rechtslage (mittlerweile) so ist, dass auch zeitnah anfallende Spekulationsgewinne zu versteuern sind; was eigentlich nicht so-o nett ist, denn das sog. Tages-Tradertum ist hoch riskant und kann wegen geringer Margen kaum, wie gewohnt geübt, versteuert werden, einzelne Transaktionen meinend – finden Sie doch auch, Herr Wiebe ?!

    MFG
    Dr. Webbaer

  8. Dr. W.
    die Einteilung in Glücks- und Geschicklichkeitsspiele ist sehr gut. Moralisch hat man da keine Bedenken mehr zu haben ? oder doch ?
    Ich will jetzt auch nicht zu moralisch sein, Glück, richtiges Glück ist ja unverhofft und unverdient.
    Wie heißt es im Volksmund: Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen.

    Philosophisch betrachtet sind Glücksspiele schon ein Zeichen von Dekadenz.
    Und wer weiß, was den Glücksrittern einfällt, wenn es keine Glückspiele mehr gibt.

  9. Offenbar ist das ein Prinzip: Wenn der Staat an anrüchigen Geschäften verdient, sind sie auf einmal nicht mehr anrüchig.

    Das nicht “offenbar” so. Es gibt durchaus rationale Argumente für das staatliche Vorgehen. Ob die einer genauen Prüfung standhalten, müsste sich zeigen – das steht aber hier zumindest aus.

    Ein Argument für das staatliche Handeln ist: Der Staat versucht einen ungefährlichen Bereich zu definieren, da er die Aussichtslosigkeit eines völligen Verbots einsieht. Indem er Lotto, Spielkasinos und Daddelkneipen erlaubt, möchte er den Großteil der Bürger von problematischeren Bereichen fernhalten. (Es ist übrigens ziemlich schwierig, sich als – nicht spielsüchtiger Mensch – beim Roulette zu ruinieren.)

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