Ist Ethik eine Wissenschaft?

Nach einigen Jahren im Ausland, wo ich zu beschäftigt zum Bloggen war, melde ich mich zurück. Auch in Zukunft soll es um “gute” Geschäfte gehen – “gut” im moralischen Sinn. Oder um schlechte Geschäfte. Weil Scilogs wissenschaftliche Blogs sind, stelle ich mir selber noch einmal die Frage: Ist Ethik eine Wissenschaft?
Ich glaube, Ethik kann zumindest eine Wissenschaft sein. Im deutschen Sprachraum wird unter Ethik meist die Diskussion über Moral verstanden, sie ist quasi auf der Meta-Ebene angesiedelt. Im angelsächsischen Sprachraum spielt diese Unterscheidung eine geringere Rolle: “Business Ethics” beinhalten oft einfach handfeste moralische Vorschriften. Trotzdem gibt es die Meta-Ebene natürlich auch dort.
Ethik ist keine exakte Wissenschaft, sondern eher eine argumentierende, wie etwa Geschichte. Man erforscht, durch Literatur-Studium oder vielleicht auch durch Befragungen, moralische Überzeugungen und ethische Überlegungen und diskutiert ihre Berechtigung, ihre Vor- und Nachteile, auch die Frage, in wie weit sie widerspruchsfrei sind.
Seit der Antike gibt es verschiedene Ansätze. Die Tugend-Ethik stellt persönliche Eigenschaften heraus, dazu gehört aber oft auch Tapferkeit – also ein Merkmal, das nicht im engeren Sinn mit den moralischen Kategorien “Gut” und “Böse” verknüpft wird. Dann gibt es, von den Zehn Geboten bis zum Kategorischen Imperativ Kants, so genannte deontologische Konzepte, die uns vorschreiben wollen, was wir zu tun und was wir zu lassen haben. Die Gefahr ist hier, dass starre Regeln in Dogmatismus ausarten und Schaden anrichten, wenn etwa auch Notlügen verboten werden sollen, die manchmal das Überleben sichern können.
Vor allem die Engländer haben den Utilitarismus entwickelt, manchmal wird auch von Konsequenzialismus gesprochen. Er fragt ganz pragmatisch danach, welchen Schaden oder Nutzen eine Handlung anrichtet. Die Antworten sind freilich oft mit großer Unsicherheit behaftet, wer kennt schon die Zukunft? In der Praxis handeln wir oft basierend auf einer Mischung von Grundsätzen und Prognosen über die Zukunft, die beiden Konzepte widersprechen sich manchmal, ergänzen sich aber häufig auch.
Dann wird seit gut 200 Jahren gerne über “Werte” geredet. Aber häufig verbergen sich hinter hehren Werten irrationale Vorurteile, wenn zum Beispiel die Ehe unter Homosexuellen mit Hinweis auf den Wert “Familie” abgelehnt wird. “Werte” sind vielleicht – auch bei Unternehmen – deswegen so in Mode, weil sie ein schwammiges Konzept darstellen. Es hört sich so schön moralisch an, darüber zu reden, aber letztlich muss man sich nicht festlegen.
Bis in die Gegenwart hinein zieht sich bei Philosophen vor allem eine Diskussion: Ist Moral etwas rein Subjektives, ähnlich dem persönlichen Geschmack? Oder lässt sie sich rational begründen? Es ist leicht, quasi abgeklärt Moral-Vorstellungen als subjektiv oder allein kulturbedingt abzutun. Aber auffällig ist doch, dass man über Geschmack bekanntlich nicht streiten kann oder sollte, während man über Moral sogar streiten muss, wenn man sie ernst nimmt. Ganz so beliebig kann es doch nicht sein, wie wir mit anderen Menschen umgehen.
Der Philosoph Karl-Otto Apel hat hier eine klare These vertreten: Wer immer sich auf eine Diskussion einlässt, bezeugt damit schon Respekt vor seinen Diskussionspartnern. Dann kann er in der Diskussion schlecht gegen ein Minimum von Verbindlichkeit in der Moral argumentieren, ohne sich selbst zu widersprechen. Diese These ist umstritten, aber ich hege eine gewisse Sympathie dafür. Wir sollten uns jedenfalls die Mühe nicht ersparen, in ethischen Fragen zu diskutieren und gute Gründe anzuführen, statt nur Meinung gegen Meinung zu setzen. Dann ist Ethik auch eine Art Wissenschaft.

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Ich habe Betriebswirtschaft in München und Philosophie an der Fernuni Hagen studiert, früher bei einer großen Bank gearbeitet, und bin seit über 20 Jahren Journalist beim Handelsblatt mit Spezialisierung auf Finanzthemen, davon fünf Jahre in New York und seit November 2017 in Frankfurt. Im Jahr 2013 habe ich das Buch „Wie fair sind Apple & Co?“ veröffentlicht.

32 Kommentare Schreibe einen Kommentar

      • Hallo Herr Wiebe,
        die Symmetrie ist kein ethisches Qualitätsmerkmal.
        Wenn ich gerne Hamburger esse oder gerne AC/DC höre, dann sollte ich nicht alle anderen Menschen mit Hamburgern füttern oder mit AC/DC beschallen.
        Die Platin-Regel nimmt Rücksicht auf die unterschiedlichen Wünsche der Menschen.
        Mit freundlichen Grüßen,
        Karl Bednarik.

        • Lieber Herr Bednarik, wie schön, dass wir hier schon die erste Diskussion haben. Vielleicht gehören die beiden Regeln unterschiedlichen Kategorien an. Die goldene Regel gibt eine Begründung dafür, andere Leute gut zu behandeln: weil man selber auch gut behandelt werden will. Sie gibt auch eine Art Maßstab: Was ich für mich erwarten, dürfen andere auch von mir erwarten.
          Die Platin-Regel gibt keinen Maßstab. Möglicherweise verlangt jemand viel mehr von mir, als ich jemals verlangen würde. Aber Sie haben Recht: Sie ist eine praktische Regel, die unterstreicht, dass wir unterschiedliche Bedürfnisse haben. Auf der moralischen Ebene Gleiches mit Gleichem zu vergelten kann auf der praktischen Ebene heißen, Gleiches mit Ungleichem zu beantworten.

          • »Lieber Herr Bednarik, wie schön, dass wir hier schon die erste Diskussion haben.«


            Das täuscht. Im Kommentarbereich wird nur über den jeweils eingenommenen Standpunkt informiert.

            »Die goldene Regel gibt eine Begründung dafür, andere Leute gut zu behandeln: weil man selber auch gut behandelt werden will.«

            Eine Regel (eine normative Aussage) ist von ihrer Natur her schon keine Begründung. Eine Regel ist eine Regel ist eine Regel …

            »Was ich für mich erwarten, dürfen andere auch von mir erwarten.«

            Verhält der Vermieter sich der goldenen Regel entsprechend, wenn er von seinem Mieter nicht das gleiche verlangt (nämlich Geld statt der Überlassung einer Wohnung)?

  1. Hallo Herr Wiebe,

    wie wollen Sie denn ethische Fragen diskutieren ?

    Gut und böse, richtig und falsch sind “relative” Begriffe, also Aspekte einer Tatsache. Jeder kann jeden Aspekt für sich in Anspruch nehmen. Was bliebt im Extrakt übrig ? Daß alles relativ ist.

    Wie wollen Sie in ethischen Fragen dem Relativismus entkommen ? Mit welcher Methode wollen Sie in jedem Einzelfall zu einem Schluß kommen: dies ist das rational unter allen Umständen abgewogene und abgeleitete richtige Ergebnis: gut, schlecht, richtig, falsch.

    Nennen Sie uns mal diese wissenschaftliche Methode, die das hinkriegt.

    Grüße
    Fossilium

    • Ich versuche mal so zu antworten, wie Karl-Otto Apel es täte, wenn er noch lebte. Er würde wohl sagen: “Sehr geehrte(r) Frau/Herr Fossilium, wenn Sie mich nach einer Begründung fragen, machen Sie damit ja schon deutlich, dass Sie eine rationale (= begründende) Diskussion für den richtigen Weg halten, ethische Fragen zu klären. Zugleich zeigen Sie damit, dass sie mich als gleichwertigen Diskussionspartner akzeptieren. Damit ist ja über die Art der Diskussion schon Einigkeit hergestellt (und in den meisten Geisteswissenschaften besteht die Wissenschaftlichkeit in erster Linie daraus, dass auf diese Weise diskutiert wird – ohne dass dabei immer eine Einheitsmeinung herauskommt). Außerdem würden bestimmte Meinungen, die diesem grundsätzlichen Respekt widersprechen, innerhalb dieses Gesprächs von vorneherein ein Widerspruch zu der Art des Gesprächs sein.” Apel würde von einem “performativen” Widerspruch sprechen: Man behauptet etwas, zeigt aber durch die eigene Handlungsweise, dass man (zum Glück!) selber nicht daran glaubt.
      Apel wird manchmal “Der Letztbegründer” genannt, weil er diese Argumentation als minimale Basis einer rationalen Ethik ansieht. Die Theorie ist umstritten, aber ich halte sie grundsätzlich für richtig. Natürlich kommt man damit niemandem bei, der gar nicht an einer ernsthaften Diskussion interessiert ist.

      • »Zugleich zeigen Sie damit, dass sie mich als gleichwertigen Diskussionspartner akzeptieren.«

        Es könnte auch aber auch so sein, dass fossilium Sie nur über einen Fehler belehrt, der ihnen unterlaufen ist. Das gilt gemeinhin als ehrenrührig, weil es ein Subordinationsverhältnis zwischen dem Belehrten und dem Belehrendem konstituiert. Dieses Verhältnis ist für viele Subordinierte anscheinend so unangenehm, dass sie sich drehen und winden. Auch dieses Drehen und Winden sollten Sie nicht mit einer Diskussion verwechseln.

  2. Zitat Fossilium: „Wie wollen Sie in ethischen Fragen dem Relativismus entkommen ? Mit welcher Methode wollen Sie in jedem Einzelfall zu einem Schluß kommen: dies ist das rational unter allen Umständen abgewogene und abgeleitete richtige Ergebnis: gut, schlecht, richtig, falsch. Nennen Sie uns mal diese wissenschaftliche Methode, die das hinkriegt.“

    Ich würde vorschlagen: Die wissenschaftliche Methode, die das hinkriegt, ist die Rechtswissenschaft.

    Gut, schlecht, richtig, falsch sind zwar relativ, aber nur relativ in der Zeit und sie unterliegen einer Wandlung. Innerhalb einer bestimmten Gesellschaft sind die Gesetze die Spiegelung des gegenwärtigen ethischen Konsenses in dieser Gesellschaft: Was „schlecht“ und “falsch” ist, wird vom Gesetz nicht erlaubt und wird betraft. Dies ist zurückzuführen auf eine gemeinsame Akzeptanz der Bevölkerung. Zum Beispiel sehe ich die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte als ein Ethik-Kodex, der von Milliarden von Menschen akzeptiert wird. Bei der historischen Wandlung der Gesetze sehe ich übrigens eindeutig ein positiver Trend zum „Gut“ und zum “Richtig”, zu mehr Ethik.

    • »Die wissenschaftliche Methode, die das hinkriegt, ist die Rechtswissenschaft.«

      Dort gibt es sogar zwei Strömungen: Die herrschende Meinung und die herrschende Lehre. Wenn Sie vor Gericht Erfolg haben wollen, schließen Sie sich am besten der herrschenden Meinung an. Wenn Sie aussichtslose Prozesse verlieren aber im Feuilleton auf der Seite “der Guten” stehen wollen, dann übernehmen Sie herrschende Lehre.

      Fast schon klassisch zu nennendes Beispiel [1]. Seinerzeit konnte man beobachten, wie reihenweise Juristen bei der Auslegung einer Norm scheiterten, weil sie im Hinterkopf eine Fehlvorstellung desssen hatten, was mit der Norm “eigentlich” bezweckt werden sollte. M.W. hat das BVerfG die BGH-Entscheidung nicht aufgehoben.

      »Zum Beispiel sehe ich die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte als ein Ethik-Kodex, der von Milliarden von Menschen akzeptiert wird.«


      Ich wage zu bezweifeln, dass es Milliarden von Menschen gibt, die diesen Erklärung überhaupt kennen. Im Übrigen ist die Erklärung rechtlich gerade nicht verbindlich.

      [1] https://netzpolitik.org/2012/bgh-beschluss-ein-affront-gegen-die-demokratischen-grundlagen-des-grundgesetzes/

  3. Zitat Jocelyne Lopez: „Die wissenschaftliche Methode, die das hinkriegt, ist die Rechtswissenschaft.“

    Zitat Ano Nym: „Fast schon klassisch zu nennendes Beispiel [1]. Seinerzeit konnte man beobachten, wie reihenweise Juristen bei der Auslegung einer Norm scheiterten, weil sie im Hinterkopf eine Fehlvorstellung desssen hatten, was mit der Norm “eigentlich” bezweckt werden sollte. M.W. hat das BVerfG die BGH-Entscheidung nicht aufgehoben.“

    Ich habe eigentlich hier nicht an die Rechtsprechung gedacht, sondern an die Gesetzgebung. Sicherlich gibt es einiges an manche Rechtsprechungen auszusetzen, das ist unvermeidbar und es ist prinzipiell auf verschieden Gründen zurückzuführen. Erst einmal sind Gesetze nicht einfach zu formulieren, weil man dabei eine ganze Menge von verschiedenen Einzelfällen und Umständen decken muss, sie müssen dementsprechend ziemlich allgemein gehalten werden, was naturgemäß und auch notwendigerweise bei jedem Einzelfall Platz für Auslegung und Ermessen durch den Richter bietet. Und Richter sind nun mal auch Menschen, man kann nie ausschließen, dass sie ihre persönlichen Lebenseinstellungen (oder auch natürlich externe Einflüssen) einfließen lassen. Deshalb gibt es auch die Möglichkeit von Berufungen (in der Regel bis zu 3 Instanzen). Bei der Auslegung von Gesetzen soll jedoch vor allem die Absicht des Gesetzgebers zugrunde gelegt werden, was auch der Jurist Oliver Garcia in dem von Ihnen verlinkten Fall moniert hat: „Garcia spricht von „richterlicher Eigenmacht“ des BGH, weil dieser sich mit seiner Auslegung des §101 UrhG eindeutig gegensätzlich zur Intention des Gesetzgebers verhalten habe“.

    Und auch gerade wegen der wichtigen Komponente der Absicht des Gesetzgebers habe ich die Rechtswissenschaft als Antwort zu der Frage von Fossilium angeführt „Wie wollen Sie in ethischen Fragen dem Relativismus entkommen ? Mit welcher Methode wollen Sie in jedem Einzelfall zu einem Schluß kommen: dies ist das rational unter allen Umständen abgewogene und abgeleitete richtige Ergebnis: gut, schlecht, richtig, falsch. Nennen Sie uns mal diese wissenschaftliche Methode, die das hinkriegt.“

    Wenn man sich nämlich mit den Begriffen „gut, schlecht, richtig, falsch“ auf der philosophischen Metaebene befasst, kommt man in der Tat nicht vom Fleck und dreht man sich ewig im Kreise, sie werden als relativ bzw. als unentscheidbar erklärt. Wir leben aber nicht in der philosophischen Metaebene, sondern wir erfahren die Welt. Anders als die Philosophen sind die Gesetzgeber Pragmatiker, sie können nichts mit Unentscheidbarbeit anfangen. Deshalb basiert eigentlich die Rechtswissenschaft nicht auf den Konzepten „Gut, schlecht, richtig, falsch“, sondern auf anderen Konzepten, und zwar Leiden und Schaden:

    Als “schlecht und falsch“ werden alle Handlungen angesehen, die Leiden und Schaden verursachen. Sie werden verboten und bestraft. Die Vermeidung von Leiden und Schaden ist der Leitsatz der Gesetzgebung, wobei sie eben nicht dem Relativismus und der Unentscheidbarkeit unterliegt.

    Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte basiert auf dem Leitsatz “Vermeidung von Leiden und Schaden”, und sie wird dadurch von Milliarden Menschen sehr wohl verstanden.

    • »Bei der Auslegung von Gesetzen soll jedoch vor allem die Absicht des Gesetzgebers zugrunde gelegt werden,«

      Die teleologische Auslegung kommt nur nachrangig zum Zuge. Der Rechtsunterworfene darf mit Recht davon ausgehen, dass der Gesetzgeber seinen Willen im Gesetz allein zum Ausdruck bringen konnte.

      »[…] „Garcia spricht von „richterlicher Eigenmacht“ des BGH, weil dieser sich mit seiner Auslegung des §101 UrhG eindeutig gegensätzlich zur Intention des Gesetzgebers verhalten habe“.«

      Herr Garcia ist nicht der Gesetzgeber und der Gesetzgeber hat nichts unternommen, die Auslegung des BGH abzustellen. Insbesondere hat der Gesetzgeber das Gesetz nicht geändert. Die Auslegung des BGH hat also Bestand, sie ist Recht.

      [1] https://de.wikipedia.org/wiki/Auslegung_%28Recht%29#Teleologische_Auslegung

      • Zitat Ano Nym: “Die teleologische Auslegung kommt nur nachrangig zum Zuge. Der Rechtsunterworfene darf mit Recht davon ausgehen, dass der Gesetzgeber seinen Willen im Gesetz allein zum Ausdruck bringen konnte. […] Herr Garcia ist nicht der Gesetzgeber und der Gesetzgeber hat nichts unternommen, die Auslegung des BGH abzustellen. Insbesondere hat der Gesetzgeber das Gesetz nicht geändert. Die Auslegung des BGH hat also Bestand, sie ist Recht.”

        Der Gesetzgeber selbst hat nichts zu unternehmen, um ein Gesetz zu ändern, er darf es auch nicht: Nur die Legislative (der Bundestag, die Parlamente) dürfen Gesetze oder Änderungen von Gesetzen beschließen.

        In einem Einzelfall soll der Kläger nicht den Gesetzgeber ansprechen, sondern die nächste gerichtliche Instanz – hier wäre es wohl das Bundesverfassungsgericht. Ich kenne diesen Fall nicht und bin auch quasi Jura-Laie, aber meiner Meinung nach hätte eine Verfassungsbeschwerde fristgerecht eingereicht werden sollen, offensichtlich ist es nicht passiert. Eine Rechtsprechung ist kein Gesetz, nur eine Orientierung zur Auslegung, es gibt aber gegenläufige Rechtsprechungen.

    • »Die Vermeidung von Leiden und Schaden ist der Leitsatz der Gesetzgebung, wobei sie eben nicht dem Relativismus und der Unentscheidbarkeit unterliegt.«

      Und manchmal entscheidet der Gesetzgeber, dass dem Kind Schaden zugefügt werden darf, damit die Eltern nicht unter dem Konflikt zwischen einem in ihrer Ethnie praktizierten Ritus und der Rechtsordnung leiden müssen.

      [1] Erläuterungen zum neuen § 1631d BGB – Beschneidung des männlichen Kindes
      https://www.hrr-strafrecht.de/hrr/archiv/13-08/index.php?sz=8

  4. Wir leben in einer Welt- und “Werteordnung” des nun “freiheitlichen” Wettbewerbs um …, wo das Geschäft, an oberster Stelle / ursächlich, den Sinn des Lebens bestimmt / für alle Probleme des “Zusammenlebens” verantwortlich ist – Ethik ist somit nur den Dreck von Heuchelei und Lüge wert!?

    Wenn GRUNDSÄTZLICH alles allen gehören darf, so dass “Wer soll das bezahlen?” und “Arbeit macht frei” keine Macht mehr hat, erst dann …!!

  5. Zitat Jocelyne Lopez: „Zum Beispiel sehe ich die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte als ein Ethik-Kodex, der von Milliarden von Menschen akzeptiert wird.“

    Zitat Ano Nym: „Ich wage zu bezweifeln, dass es Milliarden von Menschen gibt, die diesen Erklärung überhaupt kennen. Im Übrigen ist die Erklärung rechtlich gerade nicht verbindlich.“

    Gesetze unterliegen einer Wandlung in der Zeit, und diese Wandlung kommt aus der Bevölkerung hervor: Man empfängt nicht neue Gesetze, man fragt nicht die Philosophen, was gut, richtig, schlecht und falsch ist, sonst könnte man lange warten, sondern man erkämpft sich neue Gesetze.

    Das eklatanteste Beispiel dafür ist eben als Vorreiter der internationalen Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte 1789 während der französischen Revolution, eine Umwälzung, die inzwischen die Welt erobert hat. Und diese Umwälzung wurde im Blut geboren, durch Menschen, die überwiegend Analphabeten waren, weil sie die Leiden und Schaden erfuhren.

    Ich meine, dass die Philosophen hier ausnahmsweise eine entscheidende Rolle gespielt haben, weil sie ausnahmsweise die Metaebene der Philosophie verlassen haben und anstatt darüber ewig zu sinnieren, was gut, richtig, schlecht und falsch ist, die Leiden der Menschen gesehen haben. Die französische Revolution wurde eigentlich von Philosophen vorbereitet, insbesondere Voltaire und Rousseau, und Millionen von Menschen haben sie verstanden, obwohl sie Analphabet waren, weil sie gelitten haben.

    Der berühmte Schriftsteller Victor Hugo, der die französische Revolution in Romanen dargestellt hat, hat die Figur des Pariser Jungen Gavroche in Szene gesetzt, der eine Symbolfigur der Revolution geworden ist, und der beim Sterben noch ein kleines Liedchen gesungen hat:

    Je suis tombé par terre
    C’est la faute à Voltaire
    Le nez dans le ruisseau
    C’est la faute à Rousseau

    Meine Übersetzung, ungereimt 😉

    Ich bin zu Boden gefallen
    Daran ist Voltaire Schuld
    Die Nase in der Gosse
    Daran ist Rousseau Schuld

  6. Die Ethik hat das Ziel das Leid zu verringern.
    Das Leid ist eine intensive Größe wie zum Beispiel die Konzentration von Alkohol im Wodka, und keine extensive Größe, wie die Gesamtmenge des Alkohols.
    Intensive Größen sind nicht additiv, auch zehn Liter Wodka enthalten noch immer nur 40 Prozent Alkohol.
    Daher muss man die Gesamtmenge des Leids durch die Anzahl der betroffenen Personen dividieren.
    Daher hat ein Mensch mit starken Schmerzen den ethischen Vorrang vor einer großen Anzahl von Menschen mit schwachen Schmerzen, obwohl die letzteren rein rechnerisch auf eine größere Gesamtmenge von Leid kommen würden.

  7. @Lopez

    Bisher ist noch jede Revolution gescheitert, weil offensichtlich immer nur der zu Grunde liegende Imperialismus zeitgeistlich reformiert wurde!

    Die Dummheit der Menschheit ist nicht im geistigen Stillstand seit der “Vertreibung aus dem Paradies” begründet, sondern in der imperialistischen Verkommenheit – Vernunftbegabung ist wie “Perlen vor die Säue”, wenn Wettbewerb …!?

          • @Lopez

            Na dann wartet nur noch ein Weilchen, unsere Vorstellung von Ethik wird das Leid der Masse dieser Welt- und “Werteordnung” auch zu uns WIEDER bringen, wenn es weiter so geht – Bewusstseinsbetäubung ist die erste Bürgerpflicht der Profit- und Konsumautisten!?

          • Ich halte nicht den Konsumwahn für einen Fortschritt der Ethik, und ich kann mir eine Welt vorstellen, wo gesunde Kinder fröhlich singen und tanzen, ohne Konsumwahn. Das ist eben eine Revolution, die uns auch bevorsteht und die kommenden Generationen zu bewerkstelligen haben, mit den ethischen Idealen liberté, égalité, fraternité 😉

  8. @Bednarik

    Die “Ethik” des FASCHISTISCH-kreislaufenden Imperialismus hat kein Ziel, er dient um Zeit zu schinden, Ausreden zu formulieren, …!!!

    • Hallo hto, ich glaube, dass die goldene Regel nichts mit dem FASCHISTISCH-kreislaufenden Imperialismus zu tun hat.
      Vermutlich spricht die goldene Regel sogar gegen den FASCHISTISCH-kreislaufenden Imperialismus.

  9. Bis in die Gegenwart hinein zieht sich bei Philosophen vor allem eine Diskussion: Ist Moral etwas rein Subjektives, ähnlich dem persönlichen Geschmack? Oder lässt sie sich rational begründen?

    Verraten werden darf, dass die Philosophie (“die Liebe zum Denken”) die Ur-Wissenschaftlichkeit darstellt, aus der dann sukzessive Fachdisziplinen sinnhafterweise herausgelöst werden konnten, zuerst womöglich die Naturlehre.

    Auch die Sittlichkeit oder Moral ist der Philosophie zugänglich (wem sonst?) und die heutige Philosophie bemüht sich insofern im Moralischen, Moralphilosophen soll es geben, und im Metaphysischen.

    Moral lässt sich auch ‘rational’ begründen, Extrembeispiel : Eine Moral, die zum Aussterben ihrer (biologischen) Träger führt, wäre irrational.
    Im Sinne der einstmals gepflegten Rationalität zumindest.
    >:->

    Der dbzgl. “Gag”, auf den u.a. auch Popper aufmerksam geworden ist, besteht im Systemerhalt, im moralischen, so dass der dbzgl. Intoleranz Intoleranz zu walten ist.

    HTH (“Hope to Help”) + schönes Hasenfest!
    Dr. Webbaer (der mal hofft, dass Sie sich nach dem “Handelsblatt” verbessert haben, dbzl. abär nicht geprüft hat)

  10. Zitat Karl Bednarik: „Die Ethik hat das Ziel das Leid zu verringern.
    Das Leid ist eine intensive Größe wie zum Beispiel die Konzentration von Alkohol im Wodka, und keine extensive Größe, wie die Gesamtmenge des Alkohols. Intensive Größen sind nicht additiv, auch zehn Liter Wodka enthalten noch immer nur 40 Prozent Alkohol. Daher muss man die Gesamtmenge des Leids durch die Anzahl der betroffenen Personen dividieren.

    Hier spricht der Physiker, lieber Herr Bednarik… 😉

    Aber nein, Ethik folgt nicht den Regeln der Mathematik, wie bei keinen Prozessen, die den Mensch bzw. sein Bewußtsein, seine Empfindungen und sein Gewissen betreffen. Wenn schon, dann gehört Ethik zu den Geisteswissenschaften, und die Mathematik ist hier nicht zuständig bzw. äußerst schwach, sie darf ruhig vor der Tür bleiben.

    Auch in der Rechtswissenschaft darf man nicht die Regel der Mathematik anwenden, das ist Tabu, denn jeder Mensch, jedes Lebewesen ist einmalig, ist ein Unikat, sein Leben ist nicht austauschbar und nicht ersetzbar. Man darf nicht die Leiden und den Tod eines einzigen Menschen gegen die Leiden und den Tod anderer Menschen abwägen, auch nicht viele andere Menschen. Genauso wie man nicht ein Verbrechen gegen andere Verbrechen abwägen und „relativieren“ darf. Eine Abwägung ist unethisch bzw. sie ist ein schwerer Gewissenskonflikt, der in seltenen Fällen vorkommen kann und den eigentlich jeder mit sich selbst ausmachen muss.

    Ich bin zwar nicht gläubig jedoch wurde ist katholisch erzogen, und weil es heute Ostern ist erzähle ich wie ich als Kind dazu gekommen bin, dass Mathematik mit Ethik nichts zu tun hat:

    Die Zentrallehre Jesus der Nächstenliebe hatte mich damals schon besonders beeindruckt, ich strebe heute noch danach, ich halte sie für die größte Leistung, die die Evolution bei Menschen hervorgebracht hat.

    Ich hörte damals ein Gleichnis, das ich nicht sofort verstanden habe. Jesus sagte zu seinen Jüngern: „Ich bin Euer Hirte und ich liebe Euch alle gleich, aber ich werde Euch alle verlassen, nur für einen, der sich verlaufen hat“. Ich glaube, dass ein Jünger nachgefragt hat: „Wieso? Du sagst Du liebst uns alle gleich, und dennoch wirst Du uns alle verlassen, nur für einen??!!“ Die Frage habe ich mich auch gestellt. War etwa Jesus eine Null in Mathe? Nur mit Nachdenken habe ich es verstanden: Die Liebe kann man teilen, jedoch bekommt sie jeder ganz. Und es war ein beruhigendes und wunderbares Gefühl, es gab jemand, der alles verlassen wird, nur um mir zu helfen.

    Die Mathematik darf bei den Geisteswissenschaften ruhig vor der Tür bleiben. 😉

    ———————
    PS: Ich glaube, ich bin mir aber nicht ganz sicher, dass das Gesetz nur in einem einzigen Fall eine Abwägung vorschreibt, und zwar in dem Fall einer lebensgefährlichen Entbindung, wo entweder die Mutter oder das ungeborene Kind sterben muss. Damals war es religiös bedingt, dass das Leben der Mutter für das Leben des ungeborenen Kindes zu opfern war. Heute ist es gesetzlich andersrum: Das Leben der Mutter muss gerettet werden.

    • Hallo Frau Lopez,
      ganz ohne Mathematik, glauben Sie, dass die folgende Regelung richtig ist?
      Ein Mensch mit starken Schmerzen hat den ethischen Vorrang vor einer großen Anzahl von Menschen mit schwachen Schmerzen.
      Mit freundlichen Grüßen,
      Karl Bednarik.

      • Ja, Herr Bednarik, Sie haben natürlich Recht, dass wir in der Praxis Prioritäten zu setzen haben, und zwar in der Tat aus ethischen Gründen, sowohl auf der individuellen als auch auf der gesellschaftlichen Ebene. Es ist zum Beispiel in der Tat so, dass ein Arzt die Notfälle zuerst behandeln muss.

        Das gilt auf der gesellschaftlichen Ebene zum Beispiel auch in besonderer Weise für uns in unseren Wohlstandgesellschaften mit unseren “schwachen Schmerzen” im Vergleich zu den starken Menschen von Millionen von Menschen in den armen Ländern, wir dürfen unsere Schmerzen in der Tat ruhig relativieren.

        • “Wohlstandsgesellschaften”

          Ja, da passt der BERECHNETE “goldene Schnitt” nicht, da will der Gewohnheitsmensch und “brave Bürger” nichts …, da wäscht er seine Hände in der “Unschuld” des FASCHISTISCH-kreislaufenden Imperialismus

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