Facebook und die Beihilfe zur Lüge

Facebook kommt nicht aus den Schlagzeilen. Dabei geht es in erster Linie um die Frage, wie gut oder eher schlecht Mark Zuckerbergs Konzern die Daten der Kunden unter Kontrolle hält. Wie ich schon letzte Woche geschrieben habe, halte ich es allerdings für naiv, wenn Leute ihre Daten einer Firma zur Verfügung stellen, die von der Verwertung von Daten lebt, und sich dann wundern, dass diese Daten auf jede mögliche Art verwertet werden.
Heute geht es mir um eine andere Perspektive. Facebook wird ja vorgeworfen, eine Plattform für Lügengeschichten zu bieten, mit denen unsaubere Wahlkämpfe geführt werden. Das führt zu der Frage: Gibt es so etwas (im moralischen, nicht im juristischen Sinn) wie “Beihilfe zur Lüge”? Darauf läuft der Vorwurf ja letztlich hinaus.
Festzuhalten ist dabei zunächst: Facebook macht eine neue Art von Lüge möglich, und zwar durch das so genannte Micro-Targeting. Also dadurch, dass verschiedene Nutzer gezielt mit unterschiedlichen Botschaften angesprochen werden.
Normalerweise können Meinungsäußerungen keine Lügen sein, sofern sie keine Tatsachenbehauptungen beinhalten. Aber wenn eine Organisation, etwa eine Partei, verschiedenen potenziellen Wählern widersprüchliche Meinungen präsentiert, dann kommt das einer Lüge gleich. Gelogen ist nicht die jeweilige Meinung, sondern die Lüge besteht darin, dass diese Äußerungen wahrheitswidrig als ernst gemeint präsentiert werden, was sie nachweislich nicht sein können, wenn sie sich widersprechen.
Das beantwortet aber noch nicht die Frage: Gibt es Beihilfe zur Lüge? Ich denke, die Antwort lautet grundsätzlich Ja. Wie bei jeder anderen Verfehlung macht sich derjenige, der die Verfehlung unterstützt, auch mit daran schuldig. Dabei ist allerdings zweierlei zu beachten. Einmal trifft die Hauptschuld den Lügner, und nicht dessen Helfer. Und zweitens stellt sich die Frage, wo die Beihilfe beginnt, ob sie absichtlich erfolgt, oder billigend in Kauf nehmend oder fahrlässig (diese Begriffe klingen sehr juristisch, sind aber meiner Meinung auch moralische Kategorien).
Im Fall von Facebook kann man davon ausgehen, dass die Lüge zunächst allenfalls fahrlässig erfolgt. Sobald das Unternehmen Kenntnis davon bekommt, dass die eigenen Daten unsauber genutzt werden, wird daraus möglicherweise ein Fall von Billigend-in-Kauf-nehmen. Das ist keine Kleinigkeit, aber sozusagen noch eine Stufe unter aktiver Beihilfe und zwei Stufen unter der Lüge selbst. Gemessen daran fragt sich, ob die massive Kritik an Facebook und Zuckerberg nicht ein bisschen zu aufgeregt daher kommt – aber das ist letztlich eine Geschmacksfrage.

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Ich habe Betriebswirtschaft in München und Philosophie an der Fernuni Hagen studiert, früher bei einer großen Bank gearbeitet, und bin seit über 20 Jahren Journalist beim Handelsblatt mit Spezialisierung auf Finanzthemen, davon fünf Jahre in New York und seit November 2017 in Frankfurt. Im Jahr 2013 habe ich das Buch „Wie fair sind Apple & Co?“ veröffentlicht.

8 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Micro-Targeting ist meiner Meinung nach verwandt mit personalisierter Werbung, denn in beiden Fällen erhalten unterschiedliche Zielgruppen unterschiedliche auf sie zugeschnittene “Angebote”. Zielgruppengerichtete Aussagen gab es von Politikern auch schon vor dem Internet. Micro-Targeting skaliert diese zielgruppengerichteten Aussagen mittels automatischer Zuordnung von Adressaten zu Zielgruppen aufgrund von vorher gesammelten Benutzerdaten. Das erhöht die Effizienz und Zielgerichtetheit. Sich widersprechende Aussagen sollte es beim Micro-Targeting selten geben, vielmehr erwarte ich eine andere Art der Ansprache je nach Zielgruppe.
    Doch hier geht es genau um diese Fälle, wo die Aussagen an unterschiedliche Zielgruppen sich widersprechen, wenn man liest: wenn eine Organisation, etwa eine Partei, verschiedenen potenziellen Wählern widersprüchliche Meinungen präsentiert, dann kommt das einer Lüge gleich. Doch wann widersprechen sich zwei Aussagen zum gleichen Thema? Darüber kann man wohl in vielen Fällen streiten. Sollte so etwas juristische Konsequenzen haben, dann würden diejenige, die Mikrotargeting betreiben wohl bewusst in die Grauzonen vorstossen wo es schwierig wird, einen Widerspruch nachzuweisen, wo aber jede Zielgruppe dennoch völlig anders angegangen wird.
    Was nun die Platform angeht auf der Mikrotargeting platziert wird ist die Frage Gibt es Beihilfe zur Lüge? nicht so einfach zu beantworten, wie hier suggeriert, denn es hängt davon ab, ob man Mikrotargeting als Werbung oder als Publikation auffasst. Falls man es als Werbung einstuft, müsste man fragen, wie das in den alten Medien (Druckpresse) gehandhabt wird, ob also Werbeinhalte in Zeitungen von den Zeitungsverantwortlichen auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft werden muss.

    Interessant finde ich im Zusammenhang mit Mikrotargeting im US-Wahlkampf den deutschen Wikipedia-Eintrag unter dem Untertitel Best-Practice-Beispiele, wo man liest: Während des Wahlkampfes 2008 in den USA setzte das Wahlkampfteam von Barack Obama, allen voran seine Wahlkampfberater David Axelrod und David Plouffe vor allem in den wahlentscheidenden Swing-States auf eine integrierte Mikrotargeting-Kampagne. Hiermit waren sie in der Lage, neue Wählerschichten zu erschließen und letztlich die Wahl zu gewinnen.

    Im Präsidentschaftswahlkampf 2012 hat die republikanische Partei den methodischen Vorsprung der Demokraten aufgeholt und setzt eigene Mikrotargeting-Strategien um; auch in Donald Trumps Präsidentschaftswahlkampf 2015/16 hat es wohl eine, wenn nicht die entscheidende Rolle gespielt (-> Fa. Cambridge Analytica).

    Im Wahlkampf zur Bundestagswahl 2017 werden von mehreren deutschen Parteien insbesondere via Facebook politische Botschaften an kleinteilige Zielgruppen übermittelt. Allein das Budget der beiden Volksparteien CDU und SPD für den digitalen Wahlkampf wurde auf 20 bis 25 Millionen Euro beziffert.[3][4][5]

    Im Bereich der überparteilichen Wahl-Aktivierung setzte die Bundeszentrale für politische Bildung ebenfalls einen Mikrotargeting-Ansatz ein. Sie hat dabei ihre politischen Bildungsaktivitäten im Vorfeld der Bundestagswahl 2017 auf Gebiete fokussiert, in denen die Wahlbeteiligung 2013 besonders niedrig war

    Vor allem irritiert mich hier, dass das unter dem Untertitel Best-Practice-Beispiele aufgeführt wird.

    • Herr Holzherr,
      sog. Microtargeting ist eine altbekannte Marketing-Strategie, die sog. Zielgruppen zu adressieren weiß.
      “Z-Gruppen” und so klingen abär womöglich mittlerweile ein wenig uncool, so dass sich mittlerweile neuer Begrifflichkeit bedient worden ist, auch politik-seitig.
      Gezielte Ansprache ist insofern nichts Neues, auch, wenn die sog. Social Media hier punktuelles Zugreifen erlauben, bleibt es dennoch eine Art Community-Sport.
      Barack H. Obama ist ja ebenfalls als Community-Organizer groß geworden.

      Donald J. Trump folgt gegensätzlich einem anderen Ansatz, er beschreibt bis diffamiert politische Gegner in Kurzformen der Art “Crooked Hillary” oder “Cheatin’ X”, er adressiert bis befriedigt nicht Partikularinteressen, sondern geht in die Menge, selvstverständlich ebenfalls recht plump.
      Dies ist Trumps Markenzeichen, sozusagen, er verbindet politische Gegner mit Adjektiven.


      Wie dem auch sei, der eine so, der andere so, groß “geknödelt” werden muss hier in politologischen Betrachtung nicht, sicherlich werden sich Datenlagen noch und nöcher sozusagen jeweils angepasst, von sich demokratisch Bewerbenden.

      MFG
      Dr. Webbaer

      • *
        Wie dem auch sei, der eine so, der andere so, groß “geknödelt” werden muss hier in [der] politologischen Betrachtung nicht, sicherlich werden sich Datenlagen noch und nöcher sozusagen jeweils [anpassen lassen], von sich demokratisch Bewerbenden.

  2. “Gibt es Beihilfe zur Lüge?”

    Was in dieser Welt- und “Werteordnung” basiert denn nicht auf Lüge? – Mit der geringsten Kompromissbereitschaft zum System unseres “Zusammenlebens”, ist die Beihilfe für weitere Schritte der Verlogenheit in systemrationaler Verkommenheit getan!

  3. Das beantwortet aber noch nicht die Frage: Gibt es Beihilfe zur Lüge?
    […]
    Und zweitens stellt sich die Frage, wo die Beihilfe beginnt, ob sie absichtlich erfolgt, oder billigend in Kauf nehmend oder fahrlässig (diese Begriffe klingen sehr juristisch, sind aber meiner Meinung auch moralische Kategorien).

    Die Lüge ist ja kein juristischer Begriff, die falsche Tatsachenbehauptung ist in einigen Ländern, die demokratisch liberal implementieren konnte, eine.
    Also nicht überall.

    Und in etwa so, wie nicht in diejenigen hineingesehen werden kann, die Unwahres oder der (möglichst) allgemein bereit gestellten Datenlage widersprechend behaupten, kann auch nicht in diejenigen hineingesehen werden, die diese Meinung (es liegt immer Meinung vor, Meinung kann (sachlich) falsch sein) stellvertretend verbreiten, bspw. über sog. Social Media oder über andere Autorensysteme des Webs.

    Aus liberaler Sicht darf natürlich von Individuen gelogen werden.

    HTH (“Hope to Help”)
    Dr. Webbaer

  4. Bonuskommentar hierzu :

    Gelogen ist nicht die jeweilige Meinung, sondern die Lüge besteht darin, dass diese Äußerungen wahrheitswidrig als ernst gemeint präsentiert werden, was sie nachweislich nicht sein können, wenn sie sich widersprechen.

    Definition : Gelogen wird, wenn allgemein verfügbare Datenlagen als gegeben geleugnet werden.

    Soll u.a. heißen :

    A) Es gibt Datenlagen, die, wie welche meinen, recht genau einen (einstmaligen) Ist-Zustand zu beschreiben in der Lage sind (oder waren).

    B) Von derartiger allgemein (bekannter oder als allgemein möglich bekannte) Beschreibung vpn Datenlagen wegzugehen bedeutet :
    a) zu lügen, also bewusst die Unwahrheit, die faktische Unwahrheit zu verbreiten
    oder b) zu irren und dann doch derart zu verbreitem


    Genau für diesen Jokus oder Verdacht, andere sind gemeint, Wir lügen ja nicht, sind wahrhaftig (das Fachwort), vergleiche gibt es Hanlon’s Razor :

    -> https://de.wikipedia.org/wiki/Hanlon’s_Razor


    Wir ziehen hier auch, i.p. Lüge, Grenzen zwischen der Kohärenz, es will immer zusammenhängend gelogen werden, um überhaupt mit Lüge etwas allgemein gesellschaftlich etwas anfangen zu können, und dem kohärent Verlautbarten, das wahr oder falsch oder irrtümlich falsch angegeben oder bewusst gelogen sein kann.

    HTH (“Hope to Help”)
    Dr. Webbaer (der sich nun einstweilen auszuklinken hat, “Fressie” wartet, IYKWIM)

    • *
      Von derartiger allgemein (bekannter oder als allgemein möglich bekannte) Beschreibung v[o]n Datenlagen wegzugehen bedeutet

  5. Der Zustand unserer “zivilisiert-aufgeklärten” Gesellschaft ist eine bewusst gepflegte Lüge, ansonsten bräuchte niemand Angst vor rassistische, antisemitische oder sonstige krankhaft-blödsinnige Aussagen haben!? 😎

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