Die Verteidigung des Shareholder Value

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Seit der Finanzkrise scheint eines klar zu sein: Das Konzept des Shareholder Value – der alleinige Blick auf die Interessen der Aktionäre – hat ausgedient. Statt dessen ist jetzt Stakeholder Value angesagt – der Blick auf die Interessen aller Beteiligten. Ich möchte das Thema hier mal gegen den Strich bürsten und die Behauptungen wagen: Shareholder Value ist besser als sein heutiger Ruf, und Stakeholder Value ist ein durchaus fragwürdiges Konzept.

Zunächst zum Thema Shareholder Value. Dieses Konzept diente ursprünglich dazu, Manager an ihre eigentliche Aufgabe zu erinnern, nämlich für das Wohl der Eigentümer des Unternehmens, der Aktionäre zu arbeiten. Es sollte verhindern, dass Manager zum Beispiel in erster Linie danach streben, Umsätze oder Marktanteile zu erhöhen. Es geht also darum zu sagen: Ausschlaggebend sind nicht die Größe und der Einfluss des Unternehmens, sondern der Gewinn. Darüber hinaus darf man nicht übersehen: Gerade im Bereich der Banken, wo zum Teil hohe Boni bezahlt werden, gibt es ja einen besonders starken Gegensatz zwischen den Interessen der Manager und denen der Aktionäre: Was als Bonus ausgeschüttet wird, steht nicht mehr für den Gewinn zur Verfügung. Shareholder Value heißt also auch, die Macht- und Geldgier der angestellten Manager zu zügeln.

Ein zweiter Punkt wird auch schnell übersehen: Shareholder Value war ursprünglich ein langfristiges Konzept. Der Shareholder, der gemeint ist, war eher der Pensionsfonds oder der treue Privataktionär, nicht der Zocker. Und das bedeutet wiederum zweierlei: Erstens ist der Aufbau einer vernünftigen Altersvorsorge, und darum geht es ja bei Pensionsfonds, ein durchaus hehres Ziel. Und zweitens kommen in langfristiger Perspektive die Interessen der Shareholder, also der Aktionäre, viel mehr in Übereinstimmung mit der anderer Stakeholder wie zum Beispiel der Kunden, Mitarbeiter und Anwohner. Denn ein Unternehmen, das langfristig gute Gewinne erwirtschaften will, ist auf feste Kundenbeziehungen, gute und loyale Mitarbeiter und ein harmonisches Umfeld angewiesen. Krasse Interessengegensätze ergeben sich meist nur in kurzfrister Perspektive: Dann lässt sich zum Beispiel mit Entlassungen oder billig gemachten Produkten oder rücksichtsloser Umweltbelastung der Gewinn steigern.

Fazit also: Das Problem ist vor allem ein hektischer, nur auf das nächste Quartalsergebnis ausgerichteter Begriff von Shareholer Value. Wird er, wie ursprünglich gedacht, mit langfristiger Perspektive definiert, dann ergibt sich ein durchaus sinnvolles Konzept.

Und nun zum Stakeholder Value. Auf den ersten Blick klingt es gut, dass man alle Interessen einbeziehen sollte. Dabei müssen sich bei einer längerfristigen Betrachtung die Interessen aber, wie schon angemerkt, gar nicht alle widersprechen. Aber was ist, wenn sie sich doch widersprechen? Natürlich kann man dann nach Kompromissen suchen. Aber es ist eben nicht immer ein Kompromiss möglich – manchmal muss einfach eine Entscheidung getroffen werden, die einer Seite wehtut. Was leistet das Konzept des Stakeholder Value in so einer Situation? Meiner Ansicht nach nicht viel. Es sagt überhaupt nichts darüber aus, welche Interessen wie gewichtet werden. Und hier kommt wieder der Shareholder Value in den Blick: Ich denke, Manager sollten schon alle Interessen im Blick behalten, sich dabei aber besonders für die der Aktionäre verantwortlich fühlen. Denn das ist letztlich ihre Rolle: Ebenso wie es die Rolle der Gewerkschaften und Bertriebsräte ist, in erster Linie die Interessen der Arbeitnehmer zu verfolgen; und die Rolle von Verbraucher-, Umweltschützern und Politikern lässt sich ähnlich definieren: Jeder sollte in einer Demokratie auch die Interessen der anderen im Blick behalten, aber muss eben seine eigene Rolle richtig spielen, damit das ganze System funktioniert.

Deswegen glaube ich: Das Konzept des Shareholder Value ist nicht so schlecht. Man muss es nur richtig anwenden und darf es auch nicht absolut setzen.

Frank Wiebe

Veröffentlicht von

Ich habe Betriebswirtschaft in München und Philosophie an der Fernuni Hagen studiert, früher bei einer großen Bank gearbeitet, und bin seit über 20 Jahren Journalist beim Handelsblatt mit Spezialisierung auf Finanzthemen, davon fünf Jahre in New York und seit November 2017 in Frankfurt. Im Jahr 2013 habe ich das Buch „Wie fair sind Apple & Co?“ veröffentlicht.

1 Kommentar

  1. Stakeholder können Shareholder Value ^^

    Ein kurzes googeln nach Shareholder versus Stakeholder bestätigt die Ansicht des Autors. Wer genau die Stakeholder – oft auch als Anspruchsgruppen bezeichnet – sind, ist auch nicht klar abgegrenzt.

    Eine gute Pflege der “richtigen” Stakeholder scheint aber auch den Shareholder value erhöhen zu können, wie beispielsweise in festgehalten:
    Building better relations with primary stakeholders like employees, customers,
    suppliers, and communities could lead to increased shareholder wealth by helping firms develop intangible, valuable assets which can be sources of competitive advantage. On the other hand,
    using corporate resources for social issues not related to primary stakeholders may not create
    value for shareholders

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