Die Frage nach dem großen Sturm

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Wie Wirtschaft und Ethik zusammenpassen
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Nach längerer Zeit melde ich mich zurück, diesmal aus New York, wo ich seit Anfang November arbeite und voraussichtlich die nächsten drei Jahre bleiben werde. Ich bin kurz nach dem verheerenden Wirbelsturm “Sandy” hier eingetroffen, und möchte kurz ein ethisches Problem ansprechen, das damit verbunden ist. Es existiert übrigens in ganz ähnlicher Form auch für manche Gebiete in Deutschland, etwa an der Mosel, die regelmäßig überschwemmt werden. Die Frage lautet: Ist es richtig, durch Versicherung und Hilfszahlungen den Hausbau in gefährdeten Regionen zu ermutigen?

Diese Diskussion lässt sich hier in den Medien verfolgen. Nach dem Sturm und den ersten Aufräumarbeiten kehren immer mehr Bürger zurück in ihre Heimatorte an den Küstengebieten in oder nahe New York – die zum Teil von “Sandy” mehr oder minder weggeschwemmt wurden. Die Regierung hat ihnen – “Sandy” brach ja auch kurz vor der Wahl herein – großzügige Hilfen in Aussicht gestellt. Geklärt werden muss noch, wer wie hoch versichert war – und ob neue Häuser an derselben Stelle überhaupt zu versichern wären.

Manche Bewohner sind offenbar mit einem gewissen Trotz entschlossen, ihren Ort wieder aufzubauen. Hinzu kommt: Am Wasser zu wohnen ist attraktiv, ich habe eine Statistik gelesen, nach der die Bevölkerung in den amerikanischen Küstengebieten in den letzten Jahrzehnten enorm zugenommen hat. Wir kennen das auch aus Deutschland: Manche Orte an Flussufern werden immer wieder überschwemmt, trotzdem denken die Bewohner nicht daran wegzuziehen.

Es gibt in den USA jetzt eine Diskussion, ob es nicht unverantwortlich ist, diese Art von Wiederaufbau mit Finanzmitteln zu unterstützen. Denn wenn man davon ausgeht, dass der Klimawandel künftig noch häufiger Unwetter der schlimmsten Art bescheren wird – und davon gehen die meisten aus – dann wird es an riskanten Orten künftig auch wieder Opfer geben, und es wird wieder eine Menge Leute geben, die sich selbst in Gefahr bringen, um diesen Opfern zu helfen. Wäre es nicht vernünftiger, die finanziellen Hilfen an die Bedingung zu knüpfen, dass dann an einem sicheren Ort neu gebaut wird – und möglichst auch entsprechende Grundstücke zur Verfügung zu stellen? Wahrscheinlich schon. Bereits bei dem verheerenden Tsunami vor einigen Jahren gab es hinterher die Überlegung, dass die Katastrophe vor allem deswegen zu unermesslich war, weil so viele Küsten zu dicht bis ans Wasser besiedelt sind: Damit sind diese Siedlungen einer erhöhten Gefahr ausgesetzt, außerdem fehlen Pufferzonen mit entsprechenden Pflanzen, die die Wucht der Wellen mildern könnten.

Im Kern steckt hier ein ethisches Problem, das ich auch nicht so weiteres entscheiden kann: Darf man Menschen helfen, etwas zu tun, was für sie selbst eigentlich gefährlich ist? Oder muss man sie daran hindern?

Rein versicherungstechnisch, lässt sich anfügen, ist die Sache relativ simpel: Eine rein private Versicherung für gefährdete Regionen dürfte kaum zu bekommen sein. Wenn es aber eine staatliche Rückdeckung gibt, oder einen Versicherungszwang auch für relativ ungefährdete Regionen, dann lässt sich die – möglicherweise verhängnisvolle – Absicherung der finanziellen Risiken darstellen.

 

 

 

Frank Wiebe

Veröffentlicht von

Ich habe Betriebswirtschaft in München und Philosophie an der Fernuni Hagen studiert, früher bei einer großen Bank gearbeitet, und bin seit über 20 Jahren Journalist beim Handelsblatt mit Spezialisierung auf Finanzthemen, davon fünf Jahre in New York und seit November 2017 in Frankfurt. Im Jahr 2013 habe ich das Buch „Wie fair sind Apple & Co?“ veröffentlicht.

7 Kommentare

  1. The same procedure as every year

    Ich lebe an der Donau und hier ist man an das Hochwasser gewöhnt, das beinahe jedes Jahr nach der Schneeschmelze Teile der Stadt überschwemmt. Grundsätzlich kann man sich in Deutschland gegen Überschwemmungsschäden versichern, aber die Beiträge dafür sind kaum zu bezahlen und oft wird auch noch ein erhöhter Selbstbehalt vereinbart, also verzichten die Leute lieber darauf.
    Wer nicht in einem Gebiet lebt, das regelmäßig überschwemmt wird, der zahlt seine Beiträge je nach Gefährdungszone. Die deutschen Versicherer haben dazu ein Zonierungssystem entwickelt, welches die Risiken gerecht verteilen soll. Die fünf Zonen erstrecken sich von Gefährdungsklasse 0 bis 5. Wer in einem Gebiet lebt, das laut Statistik noch nie überschwemmt wurde, der kann sich am günstigen versichern.

    Die Städte an der unteren Donau haben über die Jahre ein ausgefeiltes Hochwasserkonzept entwickelt. So dürfen die Überschwemmungsgefährdeten Wohnungen im Parterre nicht mehr vermietet werden. Vielfach hat man sie zu Läden umfunktioniert, die mit hochbeinigen Regalen ausgestattet wurden, so dass sich die Ware im Falle eines Hochwassers schnell in die oberen Fächer stapeln oder ganz ausräumen lässt. Außerdem hält man Abdeckungen Sandsäcke bereit, um die Türen und Fester abzudichten. Finanzielle Hilfen gibt es im Schadensfall normalerweise nicht, ein Wohnungsschaden lässt sich aber als außergewöhnliche Belastung teilweise von der Steuer absetzen. Werden jedoch das Auto, die Garage oder der Garten beschädigt, so hat man Pech gehabt.

    Im Gegensatz zu früher sind die Schäden jedoch nicht mehr so hoch, weil sich die Vorhersagemethoden und das Frühwarnsystem des Wasserwirtschaftsamts verbessert haben. Zudem wurden Staustufen und Dämme angelegt. Wegziehen will niemand – wohin auch.

  2. Das hat weniger mit Ethik zu tun als mit Politik. Die Politik benötigt Handlungsfelder, mit denen sie den Wählern demonstrieren kann, dass sie gut regiert werden, und da ist jede Naturkatastrophe ein Glücksfall. Das Nutzen einer Naturkatastrophe zum Nachweis von Regierungsqualität ist auf jeden Fall ethischer, als wenn die Politik Handlungsfelder wie Kriege, Kriminalität oder soziale Spannungen aktiv erzeugen muss.

  3. “freiheitlicher” Wettbewerb

    “Darf man Menschen helfen, etwas zu tun, was für sie selbst eigentlich gefährlich ist?”

    Wir leben in einer Welt- und “Werteordnung” die von wettbewerbsbedingter Hierarchie von und zu materialistischer “Absicherung” geregelt wird – das ist offensichtlich nicht nur gefährlich, es ist so zynisch wie multischizophren, besonders wenn man bedenkt, daß die “Entwicklungshilfe” für die Länder der “Dritten Welt” gleichzeitig immer auch mit den unmoralischen Symptomen / Waffenlieferungen geliefert / gehandelt werden!?

    Wenn GRUNDSÄTZLICH alles allen gehören würde, so daß “Wer soll das bezahlen?” & Co. absolut keine spaltend-konfusionierende Macht mehr hätte, könnte PRINZIPIELL alles OHNE … und in wirklicher Wahrhaftigkeit von eindeutig-zweifelsfreier Vernunft geregelt werden.

    Aber weil das eben wohl nur ein visionärer Traum ist, wird die Klimaveränderung zur Klimakatastrophe, wie Brot und Spiele zu Tititainment, weil wir uns aufgrund unserer systemrational-funktionalen Bildung gegen Eskalationen und … nicht einstellen wollen!?

  4. ethisches Problem

    Im Kern steckt hier ein ethisches Problem, das ich auch nicht so weiteres entscheiden kann: Darf man Menschen helfen, etwas zu tun, was für sie selbst eigentlich gefährlich ist? Oder muss man sie daran hindern?

    In den Staaten ist die letzte Frage entschieden, in Europa macht man sich immer mehr dazu auf die Leute vor sich selbst zu schützen.

    Die Klimaprognosis mit ihren angeblich zunehmenden Extremwetterereignissen wird übrigens kritisch beäugt und ist kein so-o guter Aufhänger, wenn man oktroyierten Eigenschutz bewerben will.

    MFG
    Dr. W

  5. Volkswirtschaftlich ganz einfach

    Zahlen Sie eine netsprechende Prämie, und Sie krigen ALLES.

    Noch Fragen? Davor aber bitte DENKEN!!!!

  6. Persistierung vllt. ungünstiger Stati

    Die Frage lautet: Ist es richtig, durch Versicherung und Hilfszahlungen den Hausbau in gefährdeten Regionen zu ermutigen?

    Darauf ist der Schreiber dieser Zeilen, Ihr Webbaer, noch nicht eingegangen.

    Eine Förderpolitik, die ungünstige Stati persistiert, muss aus liberaler Sicht ungünstig sein.

    Beispielsweise leistet die sog. Entwicklungshilfe, gerade auch afrikanische Staaten betreffend, anscheinend derart ungünstig, dass eben vielleicht ungünstige Stati so persistiert werden. – Statt dem Lauf der Dinge, der allgemein als positiv aufgefasst wird, Platz zu lassen und günstige Entwicklungen so zu, hmmm, …, …, …, evozieren.

    Das ist eine wichtige Sicht, die zunehmend geteilt wird, die aber – leider, leider – oft projektgebundenen und eher kurzfristig handelnden Politikern so nicht einleuchten wird. Wg. Wahlperiode und Wahl.

    Das Verändern der Wahlperioden oder gar die Übergabe an sog. Expertenregierungen kann hier aber auch kein legitimer Wunsch sein.

    MFG
    Dr. W

  7. @Statistiker: ganz einfach

    Zahlen Sie eine netsprechende Prämie, und Sie krigen ALLES.

    Wiebe will gerade nichts zahlen und befürchtet, dass er persönlich – sozusagen als payor of last resort – für eine mögliche Fehlkalkulation der Assekuranz oder im Falle eines GAUs blechen muss.

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