Der Fall Facebook

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Wie Wirtschaft und Ethik zusammenpassen
Gute Geschäfte

Beim Börsengang von Facebook lief alles so wie immer: nur ein bisschen schlimmer und mit noch mehr Aufmerksamkeit. Letztlich zeigt der “Fall Facebook” wieder einmal, dass Investment-Banken Interessenkonflikte nicht vermeiden können, sondern davon leben, sie auszunutzen.

Unmittelbar vor dem Börsengang vor gut einer Woche wurde der Preis noch einmal angehoben. Gleichzeitig waren die Bank-Analysten offenbar der Meinung, er sei schon zu hoch angesetzt und haben mit “wichtigen” Groß-Investoren darüber gesprochen. Das Schema ist bekannt: Groß-Investoren erwarten, vorab über wichtige Einschätzungen informiert zu werden. Nur dann sind sie bereit, mit einer Bank zusammenzuarbeiten und über sie Aufträge laufen zu lassen. Und nur wenn derartige Aufträge über eine Bank laufen, kann sie überhaupt teure Analysten bezahlen. Denn obwohl die Analysten theorisch durch “Chinese Walls” abgetrennt vom Rest der Bank arbeiten sollen, tun sie das natürlich nicht. Wie sagte neulich ein erfahrener Analyst: “Eigentlich gibt es Chinese Walls, aber irgendwie bekommen doch immer die Kollegen, die im Sinne der anderen Abteilungen arbeiten, den höheren Bonus.”

Lassen wir die juristische Frage außer Acht, offenbar gibt es eine Lücke in den Vorschriften, so dass im Fall von Facebook die Vorab-Information einiger Investoren nicht verboten war. In anderen, ähnlich gelagerten Fällen mussten Investment-Banken schon Millionenstrafen zahlen. Analysieren wir die Interessenkonflikte. Zunächst einmal gibt es einen Konflikt innerhalb jeder Bank, den man nicht unterschätzen darf (ich habe vor langer Zeit mal in einer Emissionsabteilung gearbeitet und kann mich noch sehr gut daran erinnern). Die Leute, die Unternehmen an die Börse bringen, plädieren eher für einen hohen Preis. Denn sie möchten ja den Kunden gewinnen bzw. halten, und der will seine Aktien relativ teuer verkaufen (zu teuer kann zwar auch ein Problem sein, weil die Anleger dann abgeschreckt werden und bei der nächsten Kapitalerhöhung nicht mitziehen). Die Emissionsabteilung erwartet aber vom Wertpapierhandel der eigenen Bank, dass der den Kurs nach Emission stützt, wenn er durchsacken sollte. Und sie erwartet, dass die entsprechenden Bank-Abteilungen die Aktien bei Investoren unterbringen. Der Wertpapierhandel macht aber Verluste, wenn er eine Aktie stützt, die dann auf Dauer doch nicht zu halten ist. Und die Abteilungen, die mit den Investoren zusammenarbeiten, handeln sich von denen eine Menge Ärger ein, wenn das Papier durchsackt. Also geht ein klarer Interessenkonflikt durch die Bank.

Wie wird der gelöst? Im Zweifel zu Lasten der Kleinanleger: Für die wird die Aktie vor dem Börsengang mit positiven öffentlichen Analysten-Kommentaren hochgejubelt. Die “wichtigen” Investoren warnt man dagegen unter der Hand. Im Fall von Facebook lief das noch etwas krasser als sonst. Das Unternehmen ist so bekannt und hat so viele “Fans”, dass die Banken da ordentlich zulangen konnten. Auf der anderen Seite war nachher wegen der großen Bekanntheit auch der Ärger, bis hinein in die amerikanische Politik, besonders groß.

Würde man das Geschäftsmodell von Investment-Banken in allen Facetten analysieren, käme man an vielen Punkten zu der Erkenntnis: Es beinhaltet geradezu die Ausnützung von Interessenkonflikten. Wahrscheinlich sind auch nur so die hohen Boni in dem Bereich zu erklären. Anders gesagt: Das Geld fließt wegen des Verstoßes gegen ethische Regeln. Und dabei handelt es sich um Regeln, die sozusagen Teil der geschäftlichen Logik sind, also nicht von außen als “nicht-kommerzielle” Kriterien an die Finanzbranche herangetragen werden.

Frank Wiebe

Veröffentlicht von

Ich habe Betriebswirtschaft in München und Philosophie an der Fernuni Hagen studiert, früher bei einer großen Bank gearbeitet, und bin seit über 20 Jahren Journalist beim Handelsblatt mit Spezialisierung auf Finanzthemen, davon fünf Jahre in New York und seit November 2017 in Frankfurt. Im Jahr 2013 habe ich das Buch „Wie fair sind Apple & Co?“ veröffentlicht.

5 Kommentare

  1. Gier

    Das Beispiel zeigt wieder einmal wie Gier den Verstand aushebelt.
    Die Ertragssituation war nicht so groß, dass der hohe Preis gerechtfertigt war – und zusätzlich hat einer der größten Werbekunden (General Motors) seinen Rückzug von Facebook bekannt gegeben. Trotzdem in diese Aktien zu dem hohen Preis zu investieren war daher nicht gerechtfertigt.

  2. Aktien ‘zeichnen’, ‘Überzeichnung’

    Anders gesagt: Das Geld fließt wegen des Verstoßes gegen ethische Regeln. Und dabei handelt es sich um Regeln, die sozusagen Teil der geschäftlichen Logik sind, also nicht von außen als “nicht-kommerzielle” Kriterien an die Finanzbranche herangetragen werden.

    Zeichnet[sic] sich ab, dass eine Aktie beim Going Public ‘überzeichnet’ ist, also die Nachfrage den Auswurf übersteigt, entstehen interessante ethische Probleme, weil der Ausgabekurs absehbar in einem bestimmten Intervall stattfinden wird.

    Das könnte ruhig und sachlich erklärt werden, ohne die Lesenden zu überlasten und ohne eine unnötig moralische Komponente hinzuzubauen.

    BTW, hey, wie ist man eigentlich beim Handelsblatt redaktionell zunehmend drauf?, ist man mittlerweile in einer Hassliebe mit dem Markt verbunden?, falls ja: Wie kommt’s? – Sind’s die Eigentumsverhältnisse?

    MFG
    Dr. Webbaer

  3. Ich verstehe nicht ganz, wie soll ich denn über ethische Probleme ohne moralische Komponente schreiben?
    Die Frage zum Handelsblatt verstehe ich auch nicht so ganz, vor allem zu den Eigentumsverhältnissen – ich sehe da keine Probleme.

  4. Bären nicht füttern/aufbinden lassen

    Hr. Wiebe,

    “Doktor” “Webbär” ist ein
    bekannter Troll der scheinbar sein “Heil” jetzt auf den Scilogs sucht, nachdem ihn auf den scienceblogs alle ignorieren. Mehr als nichtsagendes Störfeuer bestehend aus dazwischengeworfenen Zweizeilern können sie von ihm nicht erwarten…

  5. Ethik und Going Public

    @Wiebe

    Würde man das Geschäftsmodell von Investment-Banken in allen Facetten analysieren, käme man an vielen Punkten zu der Erkenntnis: Es beinhaltet geradezu die Ausnützung von Interessenkonflikten.

    Gut.

    Wahrscheinlich sind auch nur so die hohen Boni in dem Bereich zu erklären. Anders gesagt: Das Geld fließt wegen des Verstoßes gegen ethische Regeln.

    Nicht gut, denn so ein Going Public, von dem Banken nicht geringfügig profitieren, wobei diese Banken auch anfänglich “ein wenig” den Kurs betreuend mitpflegen, fließt geldmäßig nicht ‘wegen des Verstoßes gegen ethische Regeln’, sondern weil so ein Going Public grundsätzlich mit einer gewissen Unschärfe den Unternehmenswert betreffend zu tun hat, diesen zu handeln hat.

    Es gab ja auch mal eine Zeit in der man quasi einfach durch Zeichnung Geld verdienen konnte, vielleicht erinnert sich jemand.

    MFG
    Dr. Webbaer (der von “Handelsblättern” möglicherweise tradierte Vorstellungen hat, fürwahr)

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