Das eingebaute Ethik-Defizit

Bei einem Unternehmen, das einer Person oder einer kleinen Gruppe, vielleicht auch einer Familie, gehört, sind die Verhältnisse relativ klar. Der eine Unternehmer (bleiben wir der Einfachheit dabei) ist für alles verantwortlich, was im Unternehmen passiert. Er hat zugleich auch ein langfristiges Interesse daran. Damit ist ein Konflikt zwischen kurz- und langfristigen Interessen schon mal abgemildert oder ausgeschlossen. Es bleiben natürlich andere Konflikte, etwa zwischen seinem Interesse als Investor und denen der Kunden oder der Arbeitnehmer. Aber jeder Mittelständler weiß, dass er langfristig nur erfolgreich sein kann, wenn er eine gute gemeinsame Basis mit den Kunden und mit den Arbeitnehmern hat. Anders gesagt: In dem Modell gehören Macht, Verantwortung und Eigeninteresse recht eng zusammen. Das ist eine gute Voraussetzung für ethisches Verhalten. Jedenfalls dann, wenn man Ethik von den Konsequenzen her definiert. Aber selbst wenn man Ethik von den Absichten her definiert: Denn wo gute Absichten dem Eigeninteresse nicht all zu sehr widersprechen, werden sie gerne gehegt.

Eine Aktiengesellschaft ist dagegen im Grunde eine seltsame, und, was leicht übersehen wird, extrem künstliche Organisation. Die Zusammenhänge zwischen kurzer und langer Frist, zwischen Macht, Verantwortung und Eigeninteressen sind weitgehend per Gesetz zerschnitten. Dass die Eigentümer, die Aktionäre, nicht mit ihrem ganzen Vermögen haften, entlässt sie aus einem großen Teil ihrer Verantwortung. Dass die Manager oft nur für ein paar Jahre angestellt sind, gibt ihnen ungeheure Macht und eigentlich auch Verantwortung. Aber ihr Eigeninteresse bleibt kurzfristig. Und damit zerfällt auch die Konvergenz der Interessen von Kunden, Arbeitnehmern und Investoren, die eher langfristiger Natur ist. Wenn Arbeitnehmer sehr unter Druck gesetzt werden, leisten sie kurzfristig mehr fürs gleiche Geld, aber langfristig nimmt der Betrieb Schaden. Wenn den Kunden schlechte Qualität geliefert wird, hilft das manchmal auch kurzfristig, weil die Kosten sinken. Aber die Marke wird, möglicherweise irreparabel, geschädigt. Das erlebte Opel, als auf Anweisung der Konzernzentrale in Detroit der optimale Schutz gegen Rost eingespart wurde.

So besehen, haben Aktiengesellschaften eine Art eingebautes Ethik-Defizit. Genauer gesagt: Ihre Konstruktion bietet ein schwaches Fundament für ethisches Handeln. Aktionäre können kurzfristig einspringen und Veränderungen erzwingen, die langfristig schädlich sind. Das passiert manchmal, wenn so genannte aktivistische Investoren sich in die Firma hineindrängen, weltweit bekannt dafür ist zum Beispiel der US-Milliardär Paul Singer. Aber es gibt auch Fälle, wo Manager prestigeträchtige oder machtmehrende Projekte, etwa Übernahmen und Fusionen, durchboxen, die sich langfristig ebenfalls schädlich erweisen.

Man versucht häufig, das Defizit künstlich wieder zumindest zum Teil auszugleichen. Etwa, indem Manager zum Teil in Aktien bezahlt werden, die sie erst nach Jahren verkaufen dürfen, um so eine längerfristige Verantwortlichkeit zu erzeugen. Oder Großinvestoren wie Pensionsfonds geben sich Ethik-Richtlinien und wenden die bei der Auswahl der Aktien an, oder vertreten sie gegenüber dem Management. Aber das alles ist genau genommen nur der Versuch, Zusammenhänge, die künstlich zerschnitten wurden, noch künstlicher irgendwie wieder herzustellen.

Natürlich haben Aktiengesellschaften auch Vorteile. Sie bieten die Möglichkeit, in weiten Kreisen Kapital für wirtschaftliche Projekte einzusammeln. Der oft unverstandene Trick, durch den der Kapitalismus Wohlstand erzeugt, ist ja, dass er die Möglichkeit bietet, Reichtum zu erwerben, der aber zu gleich als Kapital produktiv wirksam ist, statt in Prunk und Schlössern verprasst zu werden wie in Feudalgesellschaften. Die Aktiengesellschaft beschleunigt diesen Prozess noch wie ein Turbo, weil selbst sehr kurzfristig, heute in Bruchteilen von Sekunden von Maschinen an der Börse gehandeltes Geld, zugleich langfristig zur Verfügung steht. Dieser Turbo ist die Basis des Finanzkapitalismus.

Fazit: Wir erkaufen uns unseren dynamischen Wohlstand zum Teil durch eine Art eingebautes Ethik-Defizit in den wirtschaftlichen Strukturen. Preisfrage: Ist das ethisch zu verantworten? Wer Ethik nach den Konsequenzen beurteilt und nüchtern hinschaut, wird die Frage wohl bejahen. Aber Unternehmensethik besteht zumindest zum Teil daraus, die Probleme anzugehen, die durch diesen Zwiespalt entstanden sind.

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Ich habe Betriebswirtschaft in München und Philosophie an der Fernuni Hagen studiert, früher bei einer großen Bank gearbeitet, und bin seit über 20 Jahren Journalist beim Handelsblatt mit Spezialisierung auf Finanzthemen, davon fünf Jahre in New York und seit November 2017 in Frankfurt. Im Jahr 2013 habe ich das Buch „Wie fair sind Apple & Co?“ veröffentlicht.

14 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ist das nicht mehr ein Problem von Transparenz und Kultur, bzw. Unternehmenskultur? Letztlich steht es dem mittelständischen Erben eines traditionsreichen Familienunternehmens jederzeit frei, sein Unternehmen zu verkaufen.

    Transparenz sorgt bei Aktiengesellschaften dafür, dass sich jede neue Bewertung der Chancen auf zukünftige Gewinne unmittelbar im Kurs spiegelt, auf Grundlage fairer Verteilung von Informationen und kompetenter Auswertung (die Leute sind nicht dumm) – zumindest unter idealen, theoretischen Bedingungen.

    In Japan ist die dauerhafte Verbundenheit mit einem Unternehmen keine Frage der Größe, man ist im Gegenteil stolz, Teil eines großen Unternehmens zu sein und fühlt sich persönlich verantwortlich.

  2. “Die Aktiengesellschaft beschleunigt diesen Prozess noch wie ein Turbo”
    Jein. Unter sinnvoll regulierten Rahmenbedingungen kann das Format der AG sinnvoll sein. Unter ideologischen Bedingungen verstärkt es, wie andere Teile der Finanzwirtschaft auch, die negativen Effekte. Heute kann keine Rede davon sein, daß sich die Mehrheit des Finanzkapitals positiv auswirkt.
    Im Gegenteil, der FK nähert sich immer mehr dem Feudalismus an, inklusive einer Akkumulation von Geld und Vermögen, die es ermöglicht, soviel Macht auszuüben, daß damit der Primat der Politik ausgehebelt wird, und in der Folge die Marktwirtschaft selber.

  3. Na ja, der Quartalsgewinn ist bei manchen großen Firmen wirklich das einzige was zählt.
    Mitunter führt das auch zu Entscheidungen die kurzfristig ein Vorteil sind aber nicht langfristig.

  4. Ethik im “gesunden” Konkurrenzdenken des nun “freiheitlichen” Wettbewerb, bleibt mehr oder weniger eine Farce / eine Welt- und “Werteordnung” des zeitgeistlichen Kreislaufes von Imperialismus und Faschismus, bis Mensch sich endlich besinnt, weg vom GeschäftsSinn, weg vom Konsum- und Profitautismus, weg von “Wer soll das bezahlen?” und “Arbeit macht frei”!!!

  5. Ethik ist ja immer nur eine Rahmenbedingung und kein Geschäftsziel. Man kann sich sogar streiten wo Ethik beginnt. Hier liest man zum Beispiel: Wenn den Kunden schlechte Qualität geliefert wird, hilft das manchmal auch kurzfristig, weil die Kosten sinken. Aber die Marke wird, möglicherweise irreparabel, geschädigt. Das erlebte Opel, als auf Anweisung der Konzernzentrale in Detroit der optimale Schutz gegen Rost eingespart wurde. Damit stellt sich die Frage: Hat Opel unethisch gehandelt, als Opel beim Rostschutz Einsparungen vornahm?
    Oder hat Opel einfach nur dumm und kurzfristig gehandelt? Unethisch wäre der verminderte Rostschutz eventuell wenn diese Massnahme mit Kundentäuschung verbunden war.
    Es gibt sicher bei jeder Marke implizit eine ethische Komponente. Eine Marke verbindet sich nämlich mit einem Versprechen. Wer die Marke fälscht oder sonstwie die mit der Marke verbundenen Versprechungen nicht einhält, der verletzt dieses Versprechen. Und er wird vom Mark ja auch bestraft, wenn die Versprechungen nicht mehr eingehalten werden – siehe Opel.
    Die Form der Aktiengesellschaft mit der Fokussierung auf ein kurzfristiges Ziel verführt sicher häufiger dazu, die impliziten Versprechungen, die mit Produkten und Marken verbunden sind zu brechen, denn das kurzfristige Ergebnis kann bei Aktiengesellschaften sehr wichtig sein.
    Die nächste Folgerung wäre dann, dass ein Wirtschaftssystem, welches von Aktiengesellschaften dominiert ist ebenfalls dazu neigt, die Versprechungen zu brechen, die Versprechungen nicht zu erfüllen, die es selbst gibt. Der Kapitalismus als von Aktiengesellschaften dominierte Wohlstandsmaschine könnte also letztlich dazu neigen mehr zu versprechen als er schliesslich hält. Nun, vielleicht verhält es sich hier wie mit der Demokratie im Verhältnis zu anderen Regierungsformen: “Demokratie ist die schlechteste aller Regierungsformen – abgesehen von all den anderen Formen, die von Zeit zu Zeit ausprobiert worden sind.”

  6. Beginn: Bildung zu funktionaler Suppenkaspermentalität auf stets systemrationaler Schuld- und Sündenbocksuche, ist die Rahmenbedingung für den “ethischen” Kommunikationsmüll des “zivilisiert-aufgeklärten” Gewohnheits- und Wohlstandsmenschen!

  7. Großinvestoren wie Pensionsfonds geben sich Ethik-Richtlinien und wenden die bei der Auswahl der Aktien an, oder vertreten sie gegenüber dem Management. Aber das alles ist genau genommen nur der Versuch, Zusammenhänge, die künstlich zerschnitten wurden, noch künstlicher irgendwie wieder herzustellen.

    Interessant. Peter Drucker merkt in seinem Vermächtnis an, dass gerade die Macht der Pensionsfonds die Nachhaltigkeit im Sinne langfristigen Managements beschädigt hat. Ich glaube auch, dass die Trennung persönlicher Haftung und Verantwortung für langfristige Folgen des Handelns nicht so leicht durch Gesetze oder Ethik repariert werden kann. Aber das Problem sollte zumindest verstanden sein.

    Wir erkaufen uns unseren dynamischen Wohlstand zum Teil durch eine Art eingebautes Ethik-Defizit in den wirtschaftlichen Strukturen.

    Das kann man wohl sagen. Es sind aber nicht nur die wirtschaftlichen Strukturen, sondern auch gesellschaftlich akzeptierte und Normen die zu einem als selbstverständlich erachteten Lifestyle führen, denn wir erkaufen uns unseren Wohlstand auch auf Kosten einer intakten Umwelt und Biosphäre – zu Lasten kommender Generationen.

  8. “Wir erkaufen uns unseren dynamischen Wohlstand zum Teil durch eine Art eingebautes Ethik-Defizit in den wirtschaftlichen Strukturen.”
    Haben wir noch einen dynamischen Wohlstand, der längerfristisg zurkunftsfähig ist?
    In der Autoindustrie wird es zu einem krassen, mit Verspätung auftretenden Einbruch kommen, weil der Ruf der deutschen Marken nachhaltig beschädigt ist, durch kriminelle Machenschaften und die Weigerung, sich auf neuere Mobilität einzustellen- mit wahrscheinlich schweren Folgen für die deutsche Wirtschaft.
    Auch das Exportwunder beruht zu viel zu großen Teilen auf einer fragwürdigen Niedriglohnpolitik und auf Überhitzung, der Einbruch ist nur eine Frage der Zeit.
    Durch und durch ethisch war Wirtschaft nie, aber wenn die Tendenz zu immer unethischerem Verhalten geht, die Dosis zu hoch wird und die Entwicklungsfähigkeit eingebüßt wird, geht auch die ökonomische Perspektive verloren. Wenn es einen Zusammenhang zwischen Ethik und Ökonomie gibt, dann eher einen der positiven Korrelation, nicht in Form von Perfektion, aber in Form eines lebensfähigen Minimus, daß gleichzeitig entwicklungsfähig bleibt.

  9. Das Argument vom eingebauten Ethik-Defizit in einer Aktiengesellschaft erinnert ein wenig an die These von Konrad Lorenz in “Das sogenannte Böse”, dass moralische Hemmungen in Kriegen durch die Erfindung von Fernwaffen abgenommen hätten. Historisch belegbar ist diese These aber nicht.

    Worauf konkret bezieht sich die These vom Ethik-Defizit? Auf die Verantwortung des Managements gegenüber den Mitarbeitern? Gibt es dazu Studien? Gegenüber der Gesellschaft und/oder gegenüber der Umwelt? Gibt es dazu Studien? Oder gegenüber dem eingesetzten Kapital? Gibt es dazu Studien?

  10. @Joseph Kuhn

    Fernwaffen – Als ich in der Bundeswehr das erste Mal eine echte Waffe in der Hand hatte und mit Augen zu auf die Zielscheibe feuerte, war mir danach klar wie viel einfacher es wird einen Menschen zu verletzen.
    Ich nehme an du bist ein Kriegsdienstverweigerer. Oder hast du schon als Kind im Schützenverein …?

  11. Die Marktwirtschaft ist ein reiner Verdrängungswettbewerb im kleinen wie im globalen. Wer da an Ethik glaubt, kann auch an den Weihnachtsmann glauben.
    Die Heilige Kuh ist der Gewinn (Profit).
    Karl Marx:” Für 300 Prozent(Profit) existiert kein Verbrechen, was es nicht riskiert, selbst auf die Gefahr des Galgens…”
    Siehe aktuell die Manipulationen der deutschen Autoindustrie !

  12. Fazit: Wir erkaufen uns unseren dynamischen Wohlstand zum Teil durch eine Art eingebautes Ethik-Defizit in den wirtschaftlichen Strukturen. Preisfrage: Ist das ethisch zu verantworten?

    Ganz genau, in der Wirtschaft kompetitive Systeme scheren die Ethik nicht, denn sie sind von Anteilseignern angeleitet, die den Ertrag suchen, nur diesen.
    Die monetäre “Ethik” ist in doppelten Anführungszeichen zu schreiben.

    Wer die freiheitlichen Gesellschaftssysteme mag, das Sapere Aude, mag auch derartige Entwicklung.
    So ganz i.p. Wirtschaftswissenschaften sind Sie womöglich ebenfalls nicht aus der universitären Lehre herausgegangen, Herr Frank Wiebe, tja, diese Wirtschaft ist sozusagen amoralisch.

    Ihr Rahmen dagegen ist es nicht, Sie bleiben insofern eingeladen sich ebenfalls i.p. Globalisierung (ggf. auch : kritisch) zu äußern.

    Arbeiten Sie gerne, mit uns, an diesem Rahmen.

    MFG
    Dr. Webbaer

    PS:
    Dr. W hält Dr. K für einen “Dumpf”, vgl. auch mit – ‘Das Argument vom eingebauten Ethik-Defizit in einer Aktiengesellschaft erinnert ein wenig an die These von Konrad Lorenz in “Das sogenannte Böse”, dass moralische Hemmungen in Kriegen durch die Erfindung von Fernwaffen abgenommen hätten. Historisch belegbar ist diese These aber nicht.’ – und dieser Theorie :
    -> https://de.wikipedia.org/wiki/Demokratischer_Frieden

  13. Ihr Einverständnis vorausgesetzt, wechseln wir von der “Wirtschaftsethik” mal zu einem noch “heißeren” Thema , nämlich zur “Regierungsethik” und der eventuellen moralischen und juristischen Verantwortung von Regierungsbeamten bezüglich dieser:

    Ich überlege gerade, ob mich mein Beamteneid zum Widerstand verpflichtet, wenn Frau v. Layen bei der Planung und Vorbereitung eines Angriffkrieges aktiv Beihilfe leistet oder bei einem (eventuellen) völkerrechtswidrigen Angriffskrieg die Bundeswehr als eine Art “Beihilfearmee” ohne vorherige Zustimmung der Volksvertretung tatsächlich einsetzt.

    Könnte eventuell der Nichtwiderspruch eines Landesbeamten in diesen Fällen diesem eventuell später mal in verfassungsrechtlichem, beamtenrechtlichen oder “irgendwie” rechlichem Sinn zum Vorwurf gemacht werden?

    Etwa im Sinne einer persönlichen Schuld wegen einer indirekten Unterstützung bei der Planung und Vorbereitung eines illegalen Angriffskrieges durch (eventuelle) Dienstvorgesetzte?

    Gibt es hier juristische oder philosophisch- ethische Kompetenz diesbezüglich?

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