Alles eine Frage der Anerkennung

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Wie Wirtschaft und Ethik zusammenpassen
Gute Geschäfte

“Anerkennung” ist seit Hegels Zeiten ein philosophischer Kernbegriff. In den letzten Jahrzehnten hat sich vor allem Axel Honneth damit beschäftigt, der als Chef des “Instituts für Sozialforschung” Erbe der “Frankfurter Schule” ist, die man mit Namen wie Horkheimer, Adorno oder auch Habermas verbindet. Aber was bedeutet dieser Begriff für die Unternehmens-Ethik?

Unternehmen werden häufig noch autoritär geführt: Der Chef sagt, wo es lang geht. Vom Stil her mag sich hier vieles geändert haben, von der Sache her nicht unbedingt. Im Gegenteil: Weil immer noch vieles, was aus Amerika kommt, als cool gilt (als wenn die Amerikaner immer so großen Erfolg hätten), sind auch bei uns “starke” Chefs (was immer das auch heißen mag) durchaus wieder gefragt.

Eine andere Methode besteht darin, mit “Anreizen” zu führen; natürlich gibt es in der Praxis immer eine Mischung verschiedener Methode. Das ist vor allem in Führungsebenen üblich. Dann werden Ziele “vereinbart” (oder doch vom Vorgesetzten vorgesetzt) und bei Erreichen mit Geld belohnt. Das gilt als “moderner”, aber es hat natürlich seine eigenen Probleme, wie wir spätestens seit der Finanzkrise wissen. Wenn “Anreize” eine zu große Rolle spielen, führt das oft zu sehr kurzfristigem und oft auch egoistischem Handeln.

Letztlich steckt hinter beiden Methoden auch ein problematisches Menschenbild. Hinter dem autoritären Stil verbirgt sich ein Denken in Hierarchien – und zwar nicht nur in funktionellen Entscheidungsebenen, sondern echten Hierarchie. “Hierarchie” ist ja im wörtlichen Sinne die Herrschaft des Heiligen, also eine Art Priesterherrschaft. Wer sich das Recht herausnimmt, autoritär zu sein, beansprucht aber im gewissen Sinne für sich eine Höherwertigkeit nicht nur qua Funktion, sondern auch auf der menschlichen Ebene. Wer von grundsätzlich gleichwertigen Menschen ausgeht, kann autoritäres Gehabe kaum ertragen.

Und beim Führen mit “Zielen” oder “Anreizen” wird der Mensch auf eine Art Mechanismus reduziert – oder auf ein Reflexwesen wie beim berühmten Forscher Pawlow mit seinen Hunde-Versuchen. Auch das ist ein Menschenbild, das man getrost als überholt bezeichnen kann.

Richtiger wäre es tatsächlich, nach dem Modell “Anerkennung – Kritik” zu führen. Wer etwas leistet, erfährt dafür Anerkennung, wer etwas falsch macht oder zu wenig leistet, muss sich Kritik stellen. Anerkennung und Kritik sind auch – oder eigentlich nur – zwischen Menschen möglich, die auf Augenhöhe mit einander umgehen – über echte (auch menschlich empfundene) Hierarchie-Ebenen hinweg wird daraus eher herablassendes Lob oder herabsetzende Kritik. Anerkennung und Kritik bedingen sich gegenseitig: Kritik ist nur zu ertragen, wenn es auch Anerkennung gibt – und Anerkennung nicht glaubwürdig, wenn es nicht auch Kritik gibt.

Natürlich spielen Anerkennung und – konstruktive – Kritik im betrieblichen Alltag auch eine große Rolle. Überall da, wo die Unternehmenskultur stimmt und “Führungskräfte” mehr als nur Befehls- oder Anreizgeber sind, funktioniert das oft auch ganz gut – oft vermischt mit den beiden anderen Mustern. Das Problem ist, dass man Anerkennung und Kritik nur schlecht formalisieren und so ein Management-System daraus machen kann, jedenfalls dann, wenn sie als “echt” und lebendig empfunden werden sollen. Aber wahrscheinlich gilt für “Führung” im Betrieb dasselbe wie für Kinder-Erziehung: Kein System kann die Intuition ersetzen – und es sollte auch kein System die Intuition ersticken.

Frank Wiebe

Veröffentlicht von

Ich habe Betriebswirtschaft in München und Philosophie an der Fernuni Hagen studiert, früher bei einer großen Bank gearbeitet, und bin seit über 20 Jahren Journalist beim Handelsblatt mit Spezialisierung auf Finanzthemen, davon fünf Jahre in New York und seit November 2017 in Frankfurt. Im Jahr 2013 habe ich das Buch „Wie fair sind Apple & Co?“ veröffentlicht.

3 Kommentare

  1. Kollisionen

    Wer sich das Recht herausnimmt, autoritär zu sein, beansprucht aber im gewissen Sinne für sich eine Höherwertigkeit nicht nur qua Funktion, sondern auch auf der menschlichen Ebene.

    Derartige Sichten kollidieren auch mit dem Prinzip des Volksvertreters oder Mandatsträgers. Wertigkeiten sind aus der Position allein nicht abzuleiten. Sowas glauben heute auch nicht oder nicht einmal Grüne oder “demokratische” Linke.

    Derartige Strukturbildungen oder “Hierarchien” entstehen in der Wirtschaft aus dem Bedürfnis oder aus der Notwednigleit nach Entscheidung, und zwar im Sinne der Unternehmung – klar, man könnte hier jeweils allgemein abfragen und “demokratisch” Meinungen bilden lassen, allein!, diese würden dann absehbarerweise nicht Unternehmensinteressen folgen, sondern Interessen von Arbeitnehmern (die sich auch langfristig eine Zukunft in anderen Unternehmen vorstellen können, also flexibel sind, also so flexibel sind, dass sie die langfristigen Ziele einer Unternehmung nicht interessieren müssen).

    HTH
    Dr. Webbaer

    PS + BTW: Obwohl Sie auf Kommentare üblicherweise nicht eingehen, vielleict besteht dennoch eine Chance, was ist denn so der Antrieb derartig zu publizieren?

  2. Es gab in dem Fall keinen konkreten Anlass, sondern nur die langjährigen Erfahrungen als Arbeitnehmer, die sehr unterschiedlich ausgefallen sind – zum Teil auch sehr positiv. Außerdem hatte ich den Eindruck, dass diese zentrale Kategorie “Anerkennung” noch zu wenig mit der Praxis in Berührung gebracht worden ist.
    Wahrscheinlich habe ich mich nicht überall ganz klar ausgedrückt: Ich bin nicht dagegen, dass es Chefs gibt, die auch Entscheidungen treffen und Verantwortung übernehmen. Es geht mir mehr um die Frage, wie das geschieht: im Sinne einer Arbeitsteilung (der Chef hat eben den Job, bestimmte Entscheidungen zu treffen) oder einer Über- und Unterordnung. Man spürt meist sehr schnell, wie es gemeint ist.
    Sorry, wenn ich manchmal nicht reagiere, das ist eine Nachlässigkeit, die dich mir abgewöhnen muss.

  3. Danke

    … für die Erklärung und Anerkennung.
    🙂

    MFG
    Dr. Webbaer (der nichts gegen Autorität und deren Ausübung hat, sofern sie nicht so-o ausgeübt wird wie im Artikel beschrieben)

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