Ackermanns Geschäftsmodell im Ethik-Test

BLOG: Gute Geschäfte

Wie Wirtschaft und Ethik zusammenpassen
Gute Geschäfte

"Gute Geschäfte" habe ich meinen neuen Blog genannt. "Gut" meint dabei auch, dass sie im ethischen Sinne gut sein sollten, und nicht nur rein finanziell betrachtet. Passt das beides überhaupt zusammen? Genau damit möchte ich mich beschäftigen.

Ich glaube, es reicht nicht, nur ein paar Details unter moralischen Gesichtspunkten abzuklopfen. Sondern wichtig ist auch, die Frage zu stellen: Wie steht es um das gesamte Geschäfts-Modell? Kann das Unternehmen so, wie es sein Geld verdient, tatsächlich auf dem Boden der Moral bleiben? Oder stecken die ethischen Probleme schon in den Strukturen? Wenn ja, ergeben sich daraus auch rein geschäftliche Risiken. Denn ethische Probleme können sich auch in juristische oder politische verwandeln – oder auf das Ansehen der Firma zurückschlagen, dazu gibt es inzwischen schon das Modewort von den "Reputationsrisiken".

Nehmen wir für den Anfang gleich ein besonders prominentes Beispiel: die Deutsche Bank, die von Josef Ackermann geführt – noch ist er Vorstandsvorsitzender, aber er will ja gleich anschließend offenbar den Aufsichtsrat leiten und wird so weiter großen Einfluss behalten. Die Deutsche Bank hat es besser als andere Institute geschafft, die Finanzkrise zu überstehen, und ist dabei auch ohne direkte Staatshilfe ausgekommen – indirekt hat sie freilich davon profitiert, dass andere Banken vom Staaten gestützt wurden. Aber darum soll es hier nicht gehen. Die Frage lautet zunächst: Wie verdient diese Bank ihr Geld?

Zunächst natürlich wie alle Banken: Sie verleiht Geld gegen Zinsen, nimmt Provisionen für Wertpapiergeschäft – und so weiter. Aber das ist quasi nur der Nebenerwerb. Das wirklich Geld verdient sie an den Kapitalmärkten, im Großgeschäft. Der Macher für diesen Bereich heißt Anshu Jain und sitzt in London – und er soll künftig die gesamte Bank als Nachfolger von Ackermann führen.

Ackermann hat in den letzten Jahren immer wieder selbst sehr knapp das eigentliche Geschäftsmodell seines Konzerns definiert: "Wir wollen Risiken transformieren." Dagegen ist er zurückhaltend, wenn es darum geht, selber Risiken in die Bankbilanz zu nehmen – diese Zurückhaltung hat ihm geholfen, gut durch die Finanzkrise zu kommen.

Was heißt das: "Risiken transformieren?" Es bedeutet im Prinzip, einem Kunden ein Risiko abzunehmen, es dann umzustrukturieren und umzuverteilen, so dass es letztlich bei anderen Kunden landet. Dabei geht Ackermann – und hier kommt die ethische Frage ins Spiel – explizit davon aus, dass diese anderen Kunden, bei denen das Risiko landet, auch in der Lage sind, es zu tragen. Hintergrund ist der Glaube, dass auf freien Märkten letztlich jeder am besten weiß, was gut für ihn ist. Und hier wird es unter ethischen Gesichtspunkten problematisch.

Vor der Finanzkrise konnte Ackermann seine Sicht der Welt noch einigermaßen ungetrübt vertreten. Aber die Krise hat ja gezeigt, dass massenhaft Investoren Risiken übernommen haben, die sie eben nicht tragen konnten. Und dass es viele Kunden gab, die keinesfalls wussten, was gut für sie war. Das galt schon für die Banken, die ahnungslos Verbriefungen amerikanischer Schrotthypotheken in ihre Bilanz übernommen haben. Also sogar Banken, die in dem Fall Kunden der großen Investmentbanken – wie der Deutschen Bank – waren, wussten offenbar nicht, was sie taten. Erst recht gilt das für Privatkunden, oder Städte oder gewerbliche Kunden. Geht man also davon aus, dass die Prämisse falsch ist, dass die Kunden selber beurteilen können, was tragbar ist, dann wird im Grunde das gesamte Geschäftsmodell der Bank untragbar. Denn es läuft darauf hinaus, immer wieder Kunden Produkte anzudrehen, die für sie zu gefährlich sind. Wenn ich einem Kunden ein zu hohes Risiko zuschiebe, dessen Tragweite er nicht überschaut, dann schädige ich ihn damit. Der Schaden tritt streng genommen schon ein, wenn der Kunde das Risiko übernimmt – nicht erst, wenn es zum Tragen kommt. Wenn wir mal davon ausgehen, dass ein wesentlicher Grundsatz der Unternehmensethik sein sollte (über weitere Grundsätze können wir später nochmal nachdenken), den Kunden nicht zu schaden, dann ist das Geschäftsmodell der Deutschen Bank verwerflich.

Das alles klingt bis hierher sehr abstrakt. Aber es hat ganz handfeste Auswirkungen. Banken – nicht nur die Deutsche – haben sehr viele Produkte konstruiert, die in erster Linie dazu dienen, Risiken, die sie von anderen Kunden übernommen haben, zu verpacken und weiterzureichen. So gibt es Angebote an Privatkunden, die einen erhöhten Zins versprechen, dafür aber einen Verlust bringen, wenn bestimmte Aktien unter bestimmte Kurswerte rutschen. Damit wird der Privatkunde zum Sicherungsgeber von Großinvestoren: Die zahlen eine Prämie (daraus wird er erhöhte Zins für den Privatkunden finanziert) und bekommen dafür die Sicherheit, dass ihre Aktienbestände einen bestimmten Mindestwert behalten (das wird dann im Zweifel aus den Verlusten der Privatkunden finanziert. Ich werde in meinen nächsten Artikeln noch näher auf dieses Thema eingehen – hier soll es bei diesem einen Beispiel bleiben. Es zeigt jedenfalls: Die Kunst der Bankexperten für das Privatkundengeschäft besteht darin, Produkte zu erfinden, die die Bank eigentlich selber für ihr Großkundengeschäft braucht, die man aber zugleich mit geschicktem Marketing den Privatleuten schmackhaft machen kann. Das ist gemeint, wenn Ackermann davon spricht, Risiken zu transformieren.

Frank Wiebe

Veröffentlicht von

Ich habe Betriebswirtschaft in München und Philosophie an der Fernuni Hagen studiert, früher bei einer großen Bank gearbeitet, und bin seit über 20 Jahren Journalist beim Handelsblatt mit Spezialisierung auf Finanzthemen, davon fünf Jahre in New York und seit November 2017 in Frankfurt. Im Jahr 2013 habe ich das Buch „Wie fair sind Apple & Co?“ veröffentlicht.

12 Kommentare

  1. @Frank: erste Fragen

    Obwohl – oder weil – ich weder von Wirtschaft, noch von Ethik Ahnung habe, sind bei mir die ersten Fragen aufgetaucht.

    “Hintergrund ist der Glaube, dass auf freien Märkten letztlich jeder am besten weiß, was gut für ihn ist.”

    Geht es nicht eher um Dispositionsfreiheit? Was einer weiß, wenn er eine Entscheidung trifft, ist seine Sache. Wesentlich ist, daß er es freiwillig tut. Und daher sollte es doch darauf ankommen, welche ethischen Konsequenzen diese Einwilligung in punkto Gerechtigkeit hat, oder? Warum wird das nicht diskutiert?

    “Der Schaden tritt streng genommen schon ein, wenn der Kunde das Risiko übernimmt – nicht erst, wenn es zum Tragen kommt.”

    Nehmen wir an, daß der Punkt trotz des Risikos einen hohen, wenn auch unwahrscheinlichen Gewinn einfährt. Worin besteht dann der Schaden?

    Obwohl ich so links bin, daß ich die TAZ-Redaktion rechter Hand locker stehen lasse, sehe ich den Punkt überhaupt nicht: Wenn der Kunde kein risikobelastetes Geschäft abschließen MUSS, dann liegt das ethische Problem doch wohl eher in mangelhaften Aufklärung und der Intranzparenz der Märkte und weniger im Geschäftsmodell. oder?

  2. Herzlich willkommen!

    Als Chronologs-Nachbar rufe ich ein “Herzliches Willkommen!” und freue mich schon sehr auf diesen Blog, der sicher auch ganz neue Leserinnen und Leser in die Chronologs führen wird! Alles Gute und auf ein fröhliches Miteinander!

  3. Wirtschaft und Moral

    Moralisch begutachtet wird einmal, wie ethisch die Mittelwahl erfolgte, um Gewinn zu machen, mit viel Risiko oder mit weniger. Lustig ist doch bei der ganzen unternehmerischen Mittelwahl im Kapitalismus: erstens der Gewinn ist vorausgesetzt und zweitens, das Risiko bleibt. Und weil der Gewinn vorausgesetzt ist, geht notwendig die Schere zwischen arm und reich auseinander, das kann man einzeln durchbuchstabieren und fängt bei der Höhe des Lohns an, der ja auch nur gezahlt wird, weil der Gewinn vorausgesetzt und angenommen wird bei der Kalkulation.
    Das Risiko einer unternehmerischen Entscheidung hängt auch an dem, was die Konkurrenz macht. Und wenn ein Unternehmer mit “ethisch verbesserten” Produkten mehr Gewinn machen kann, dann macht er es; und das ist keine moralische Entscheidung, sondern eine rein sachliche (sachlich, weil die Wahl der moralischen Mittel Teil der betrieblichen Kalkulation bleiben müssen). An der Gewinn und Verlustrechnung kommt niemand vorbei. Beim Festhalten an moralischen Prinzipien im Verlustfalle wäre die Pleite notwendige Konsequenz. Und der Zweck Gewinne zu machen ist nicht unmoralisch oder moralisch, er stellt die Schere her und das ist sehr, sehr schlecht für die Armen im sachlichen Sinn.

  4. Unternehmer und Kunde treffen nicht mit einem GEMEINSAMEN Interesse gegenüber, sondern mit einem gegensätzlichen (der eine will soviel wie möglich von dem anderen haben und sowenig wie möglich geben), in diesem Verhältnis ist vom sachlichen Standpunkt nie und nimmer Platz für richtiges, gerechtes Verhalten (es gibt keinen gerechten Preis), für Sitte und Anstand, für Moral, die immer von einem gemeinsamen, höheren Interesse ausgeht, begründet irgendwo im Himmel.

  5. Gute Geschäfte

    Ich hatte im Sportverein mal einen Bekannten, der seine BWL-Diplomarbeit über die Frage schrieb, was ein gutes Produkt sei. Seiner Meinung nach eines, das sich gut verkaufe. Das hat natürlich genug Diskussionsstoff geliefert (Drogen? Waffen? Sklaven? …).

    Herzlich willkommen bei den SciLogs!

  6. Risiko und (vermeintliches) Wissen

    Die deutsche Bank sieht sich also selber als Drehscheibe. Die wirklichen Risiken tragen die Kunden. Ethisch gesehen ist das einerseits problematisch – denn sie gibt dann wohl ihren Wissensvorsprung nicht an die Kunden weiter – andererseits ist sie damit eine relativ sichere Bank was ihre eigene Risikoexposition angeht. Der Staat – als letzter Garant – und damit der Steuerzahler ist aber durch Banken gefährdet, die selber Risiken eingehen, die sie letztlich nicht tragen können. Es ist also nicht so einfach ein ethisches Urteil abzugeben. Als Ideal könnten wir dem die “altruistische” Bank entgegenstellen. Die Bank also die die Kunden im Kundeninteresse berät. Doch damit haben wir ein neues Problem: Kunden in ihren Entscheidungen lenken, damit sie das “Richtige” tun, bringt Verantwortung mit sich und setzt voraus, dass man die Situation richtig einschätzt – besser einschätzt als das der Kunde selber kann. Doch – und das wurde im Artikel ja angedeutet – auch Banken können die Situation falsch einschätzen. So gesehen ist es klüger der Urteilskraft der Kunden zu vertrauen.

  7. Ich sehe, ich habe einen Haufen Themen angesprochen und vieles nicht zu Ende geführt. Ein paar Punkte ganz kurz: Bei meiner These, dass das Risiko selber schon der Schaden ist und nicht erst der Fall, dass das Risiko zum Tragen kommt – da habe ich ökonomisch gedacht. Ein Firma müsste ja auch Rückstellungen zu Lasten des Gewinns bilden, wenn sie Risiken eingeht. Natürlich denken Privatanleger nicht so und schreiben auch keine Bilanzen, deswegen kann man sicher auch argumentieren, dass das für sie nicht zutrifft. Das war für mich aber eher ein Nebenaspekt.
    Dann noch zur Frage: Was ist ein gutes Produkt für wen, und wer kann es beurteilen? Da werde ich mir in Zukunft noch eine Menge Gedanken machen – das ist ja ein Kernthema der Wirtschaftsethik. Man kann natürlich argumentieren, dass absolute Transparenz gefordert ist und der Kunde dann selber die Verantwortung übernehmen muss. Aber in manchen Fällen würde absolute Transparenz bedeuten, dass der Bankberater sagt: “Dieses Produkt haben wir gar nicht auf Ihre Bedürfnisse ausgerichtet, sondern um Risiken darin zu verpacken, die wir selber nicht tragen möchten.” Dann könnte die Bank das Produkt wahrscheinlich nicht mehr verkaufen – andererseits ist sie von ihrer Struktur her darauf angewiesen. Deswegen meine These: Das gesamte Geschäftsmodell ist aus ethischer Sicht problematisch. Bei einer normalen Geschäftsbank, die Kredite vergibt und Einlagen hereinnimmt, sehe ich das ganz anders.

  8. Und ich dachte das Hauptgeschäft wäre es, sich nahezu zinslos das Geld bei der Notenbank zu besorgen, dann zu hohen Zinsen an Griechen usw. zu verleihen und bei deren Konkurs die Risiken an Rettungsschirme, Notenbanken oder Steuerzahler weiter zu geben.

  9. bruno jennrich

    das klingt für mich ein bisschen so, also ob es im grunde darum ginge, den erwartungswert durch das risko (bzw den rein “negativen anteil” des erwartungswertes) zu ersetzen, und daraus ein eithisches/moralisches weltbild zu formen oder zumindest diesen teil in massiv in den vordergrung zu rücken.

  10. Deutsche Bank – Geschäftsmodell

    Als Aktieninhaber, Volkswirt und Kunde verfolge ich diese Diskussion schon seit langem und habe vor Jahren entschieden, keine Wertpapiere der DB mehr zu kaufen. Das war wohl richtig so.
    Bin gespannt auf die weiteren Folgen.
    Übrigens sehr kompetent dazu das Buch von Kersting, Macht und Moral, 2010.

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