Wissenschaft befördert die Unbildung

BLOG: Graue Substanz

Migräne aus der technischen Forschungsperspektive von Gehirnstimulatoren zu mobilen Gesundheitsdiensten.
Graue Substanz

Wie man mit einem ungeordneten Haufen von Informationen die Idiotie befördert.

In einem FAZ-Artikel "Die drei Formen der Ignoranz" stellt Jürgen Kaube eine Arbeit des Chicagoer Soziologen Andrew Abbott vor [1]. Ich habe den Originalartikel von Abbot noch nicht gelesen, und um das Lesen geht es. Denn wird geschrieben ohne zu lesen, fördert das die Unbildung. Das zumindest kann ich ungelesen aus eigener Erfahrung im Wissenschaftsbetrieb bestätigen. Wie übrigens fast alles, was ich in diesem FAZ-Artikel über Abbotts Arbeit las.

Bevor ich aber nun nicht selbst das Original gelesen habe, will ich an dieser Stelle nur den Hinweis auf diese Arbeit geben (somit geschehen), ein Zitat aus dem FAZ-Artikel hervorheben und zur Diskussion aufrufen.

Vom Alltagswissen aus erfolgt ein Zugriff auf relativ beliebige Gesichtspunkte und Literatur, ein weitgehend ungeordneter Haufen von Informationen wird gesammelt und eine Diskussion eröffnet, die aber nicht darauf aus ist, zu einem verteidigungsfähigen Schluss zu kommen.

Dieses Zitat bezieht sich auf Laien. Weitere Kritik bezieht sich auf Seminararbeiten von Studenten. Ich denke auch Wissenschaftsblogger müssen sich diesen kritischen Anmerkungen stellen. Mein persönlicher Eindruck ist, dass Blogger fast immer versuchen zu einem verteidigungsfähigen Schluss zu kommen. Das zeigt sich in den Kommentaren und oft in pointiert geschrieben Beiträgen.

Es gibt aber auch den Anspruch den Stand der Forschung nicht unbeachtet zu lassen. Also das zuerst Weiterlesen und dann das Einbetten des Beitrages. Dies im Zusammenhang mit einem Kodex für Wissenschaftsblogger zu diskutieren, würde mich an dieser Stelle freuen.

Literatur

[1] Andrew Abbott, Varieties of Ignorance, The American Sociologist, Volume 41, Number 2, 174-189, 2010

Markus A. Dahlem

Markus Dahlem forscht seit über 20 Jahren über Migräne, hat Gastpositionen an der HU Berlin und am Massachusetts General Hospital. Außerdem ist er Geschäftsführer und Mitgründer des Berliner eHealth-Startup Newsenselab, das die Migräne- und Kopfschmerz-App M-sense entwickelt.

16 Kommentare

  1. Dass viele Blogger – mich eingeschlossen – einen verteidigungsfähigen Schluss anstreben, ist wohl der Kommentarfunktion geschuldet. Wenn man schon eine Weile bloggt, kann man schon ungefähr abschätzen, welches Thema entspannt gelesen wird und wo später die Luzie abgeht. Und dann will man ja nicht wie ein Trottel da stehen, weil man alle Argumente schon im Beitrag verbraten hat.

    Den letzten Abschnitt verstehe ich allerdings nicht so ganz. Würde mich freuen, wenn Sie das noch mal etwas erläutern könnten.

  2. totale Informationsüberflutung…

    Die Überschrift “Wissenschaft befördert die Unbildung” hat mich als erstes spontan daran erinnert, dass in der Wissenschaft so viel veröffentlicht wird, dass meine keine Chance mehr hat, sich einen detaillierten Überblick zu verschaffen! Täglich werden Paper zu allen möglichen Themen veröffentlicht und viele hängen oftmals zusammen: Wenn z.B. jemand ein bestimmtes Protein erforscht, ein anderer ein Stoffwechselweg, indem dieses Protein eine Funktion besitzt, ein anderer dann wieder Gene, die mit diesem Stoffwechselweg in Verbindung gebracht werden, dann hört es einfach niemals auf! Jede Arbeitsgruppe spezialisiert sich ja auf ein bestimmtes Thema und geht daher dort so ins Detail, dass die Informationsüberflutung nachher einfach nur noch gewaltig ist! Klar ist es sinnvoll, sich als Wissenschafts-Blogger über die neuesten Publikationen schlau zu machen, aber meiner Meinung nach hat man 0 Chance einen “ultimativen Artikel” zu schreiben, wonach keine Fragen mehr offen bleiben. Dies lässt die Masse an Informationen einfach nicht zu! Es wird immer wieder etwas Neues geben oder etwas, über das man eben noch nichts gehört hat. Dieses Risiko besteht leider immer! Was einem als Blogger nur übrig bleibt, ist, eine bestimmte Anzahl an Informationen so zusammenzupacken, dass der Leser es versteht und sich danach “schlauer” fühlt.

  3. Zur Person

    Ich fange mit meiner Erklärung, um die Sören Schewe bat (danke dafür), mal bei dem FAZ-Artikel an und mache mit einem persönlichen Beispiel dann weiter. Wir lesen dort:

    “Es gebe, wie in Seminararbeiten, den ernsthaften Versuch, eine naive Sicht auf das Thema zu überwinden. Aber, was Abbott verständlicherweise schmerzlich trifft, dieser Versuch lande bei einer Merkmalsliste für Berufe. Dem Beitrag ist also unbekannt, dass es zu manchen seiner Fragen und Gesichtspunkte einen Stand der Forschung gibt.”

    Das Wort “Berufe” kann ich hier durch ein beliebiges Thema ersetzen, über das ein Blogger einen Beitrag schreibt (statt eine Seminararbeit). Schon habe ich ein Problem.

    Mein Problem ist nicht, dass ein Blogger auch mal nur eine Merkmalsliste über ein Thema veröffentlicht und unbekannt bleibt, dass es “zu manchen seiner Fragen und Gesichtspunkte einen Stand der Forschung gibt”.

    Ich würde aber schon gerne wissen, was ich erwarten darf. Denn auch ich kenne ja eventuell den Stand der Forschung nicht und nehme nun vielleicht fälschlich an, dieser würde mir hier vermittelt. Eine Lösung ist bei den SciLogs, zum Beispiel, die schnell zugängliche “zur Person”-Seite.

    Nun zu meinen Beispiel, welches das Problem, das ich sehe, genau benennt.

    Ich sagte vor einiger Zeit zu, im Bloggewitter Mathematik/Sprache/Wissenschaft einen Beitrag zu schreiben. Ich hatte eine wage Idee. Es hat mich dann enormen Aufwand gekostet, halbwegs mir einen Überblick über den Stand der Forschung zu verschaffen. Und immerhin war ich mit meinem Protagonisten, Emil du Bois Reymond sehr vertraut. Aber es gab so viel mehr zu wissen. Ich schrieb vor und nach der Veröffentlichung mehren Professoren der Wissenschaftgeschichte. Alle kannten sich mit Emil du Bois Reymond bestens aus. Ich bekam zum Beispiel eine Dissertation daraufhin über das Thema zugeschickt.

    Am Ende kam ein viel zu langer Blogbeitrag heraus. Und immer noch einer, der zu manchen seiner Fragen und Gesichtspunkte den Stand der Forschung wohl leider ignoriert.

    Jetzt erst kommt der Fehler. Der war natürlich nicht, einen nicht Dissertations-reifen Beitrag zu schreiben. Also nun bitte unbedingt weiterlesen!

    Ich machte den Fehler erst nach dem Beitrag. Mit einigem Stolz über das zuvor gelernte ergänzte ich meine “zur Person”-Seite! Ich schrieb dort, ich sei auch nun am Innovationszentrum Wissensforschung (IZW) der TU mit Fragen zur Wissensschaftgeschichte der Physiologie beschäftigt (oder etwas ähnlich eitles, ich habe es nach einiger Zeit wieder gelöscht, als ich merke wie albern ich war). Ich bin wirklich lose mit dem IZW assoziiert, habe dort auch über diesen Blogbeitrag gesprochen. Ja ich habe sogar mal einige Semester Philosophie studiert. All das darf ich ja gerne (wie jetzt hier) ganz uneitel und im Kontext nebenbei bemerken.

    Aber auf der “zur Person”-Seite mich als angeblichen Fachmann auszuweisen, war eine Irreführung. Es gaukelt vor, den Stand der Forschung zu kennen.

    Ich rekapituliere: Zum einen sollten Wissenschaftsblogger möglichst viel zum Thema lesen, mehr als vielleicht im Blog dann
    verarbeitet wird. Zum anderen sollten Wissenschaftsblogger sich klar darüber sein, dass der Leser sie ernst nimmt oder es zumindest möchte. Eine angemessene Information was der wissenschaftliche Hintergrund des Autoren ist, sollte daher zugänglich und auch ausgewogen sein.

  4. Lieber Herr Dahlem,

    vielen Dank für die ausführliche Erläuterung. Bei mir fällt der Groschen mitunter in Zeitlupe. Damit kann ich jetzt aber was anfangen.
    Ich gebe Ihnen recht, dass man bei einem Autor erkennen sollte, wer er ist und wo seine Kompetenzen liegen. Das wird mittlerweile in fast allen Blogs auch außerhalb der Scilogs so gesehen.

    Ich glaube aber, dass es auch außerhalb der About-Seite einen Kompetenz-Effekt gibt, allein durch die Behandlung der Themen im Blog selbst. Als ich im Oktober/November letzten Jahres meinen ersten Artikel über das Sabah-Nashorn schrieb, habe ich dazu gerade mal einen Artikel als Quelle benutzt. Mir gefiel einfach die Idee, bei Nashörnern genau so zu verfahren wie bei Rindern und anderen Nutztieren. Und dann kam eins zum anderen. Mittlerweile habe ich ein Netzwerk aus Leuten, die mir jederzeit helfen, sollte ich mich in dem Dschungel aus Studien, Daten und Hintergründen verrannt haben, denn – wie Sebastian oben schreibt – die reine Menge an Material ist bei längerer Recherche ziemlich groß.
    Mittlerweile glaube ich, dass ich lediglich durch das regelmäßige Berichten im Blog oder auch über Twitter/Facebook einiges gelernt habe, was meinen Artikeln ein gewisses Gewicht gibt. Und schon allein durch die Fragen, die mich erreichen, merke ich, dass eine 1-Quellen-Recherche nicht mehr wirklich ausreicht. Der Nachteil ist natürlich, dass faktische Fehler in meinen Artikeln zu Nashörnern sicherlich schwerer wiegen.

    Ich werde das mal genauer beobachten.

  5. Warum ich den Kodex will.

    Lieber Sören!

    Ich glaube, mein letzter Absatz war nicht ohne Erläuterung zu verstehen. Deswegen auch der Dank für Deine Frage. Mir liegt viel an diesem Thema.

    Stell Dir vor, Du hättest nach Deinem ersten Blogbeitrag über Nashörner gleich auf Deiner “zur Person”-Seite geschrieben: “Ich studiere Nashörner im Berliner Zoo”, weil Du ja eine Freikarte für diesen hast (was wiederum nicht erwähnt wird). So in etwa hab’ ich mich angestellt.

    Besser ist da dein Vorgehen Kompetenz durch Beharrlichkeit. Das braucht dann auch keinen Hinweis.

    Nur eine Quelle in einem Artikel zu nutzen, ist auch vorbildlich – solange auch nur eine zitiert wird. Ein Punkt im Kodex könnte also sein, dass Wissenschaftblogger nicht zitieren des Dekorieren willens. Wäre es nicht verlockend, einfach mal Nashörner zu googlen und noch drei Zitate an halbwegs passender Stelle anzubringen? Das scheint mir ein Punkt zu sein, den Abbott kritisiert (ich muss endlich das Original lesen).

    Warum liegt mir so viel an den Thema “Kodex für Wissenschaftsblogger”? Du hast mich ja schon mal angesprochen.

    Zum einen wird viel Schindluder in der Wissenschaft selbst betrieben. Wir dekorieren nicht nur, wir zitieren auch beliebig uns selbst. Auf das der H-Index wachse. Es ist wirklich erschütternd. (Oh, ein Blogbeitrag wird fällig.) Kurzum, ich habe meinen Titel “Wissenschaft befördert die Unbildung” bewusst gewählt (d.h. übernommen), denn was ich heute in der FAZ las, kam mir alles sehr bekannt vor.

    Wissenschaftblogger werden kaum besser sein als Wissenschaftler, fürchte ich. Zumal einige in Personalunion auftreten.

    Der zweite Punkt ist, dass wir Wissenschaftblogger auch angegriffen werden. Siehe zum Beispiel das Editoral “Science Blogs and Caveat Emptor” in der Zeitschrift Analytical Chemistry.
    Dieser (leider teilweise ignoranten) Kritik sollten wir begegnen. Gerade weil durchaus ein Kern Wahrheit bleibt.

    Und nochmal, die Kritik von Abbott scheint mir alles andere als ignorant zu sein und auch uns Wissenschaftsblogger zu treffen. Wir wissen es nur noch nicht.

  6. Verteidigungsfähig ohne Dekoration

    Lieber Sebastian,

    ich will auch kurz auf Deinen Einwand eingehen. Den “ultimativen Artikel” sollte wir nicht versuchen zu schreiben. Wir dürfen aber auch nicht versuchen, einen Beitrag als solchen zu verkaufen. Das wäre mein Punkt. Trotzdem müssen wir zu einem verteidigungsfähigen Schluss kommen.

    Wenn ich darüber nachdenke, komme ich auf die Probleme, die ich Sören als Antwort schrieb. Deswegen kann ich mich kurz fassen, obwohl Dein Einwand berechtigt ist.

    Der verteidigungsfähige Schluss darf nicht durch Dekoration vorgetäuscht werden.

  7. Etwas mehr Selbstbewusstsein

    Ok Markus, dann gehen wir das mal durch:

    ich denke, ausschließlich Beharrlichkeit kann irgendwann etwas frustrierend sein, weil man ab einem betimmten Punkt womöglich erwartet, dass man für die eigenen Bemühungen anerkannt wird oder zumindest die Artikel anerkannt werden. Immer nur stumm und emsig zu sein, da stellst Du meiner Meinung nach Deine Fähigkeiten leicht unter den Schemel. Wenn Dich also ein Thema fasziniert – wie mich die Nashörner – dann schreib doch ruhig ein paar Artikel dazu. Dann sehen Leser auch Deine Arbeit. Das macht sich bestimmt besser als einen Haufen Bücher zu lesen und dann zu schreiben, dass Du diese gelesen hast. Das kann sein, kann aber auch nicht. Belege sind immer noch besser – auch wenn es die eigenen sind. Dann kannst Du das auch ruhigen Gewissens auf Deine About-Seite schreiben, einfach als Interessensgebiet.

    Ich habe mir zum Beispiel schon längst abgewöhnt, ein Thema in einem Artikel so zu bearbeiten, dass der Artikel die nächsten Monate aktuell ist. Wozu? Das macht einen höchstens krank bei der Recherche. Also begleite ich verschiedene Themen, ich greife sie also immer wieder auf, wenn es eine neue Entwicklung gibt.

  8. Beharrlich

    Hi Sören,

    ich meinte doch auch mit “Beharrlichkeit”, dass ein Wissenschaftblogger, der zwar erst mal einfach drauflos schreibt, jedoch dann an dem Thema bleibt. Und so auch hoffentlich immer mehr Belege seiner wachsenden Kompetenz bringt (die Kommentatoren werden schon wachsam sein). Dass kann selbstverständlich dann auf der “zur Person”-Seite stehen. Es ist aber durch die Beiträge ebenso ersichtlich und auch durch Klick auf die Kategorie. Also zusätzlich gar nicht nötig.

    Habe wir uns da jetzt Missverstanden? Also Du zuvor mich oder ich jetzt Dich?

    Ich meine keineswegs beharrlich schweigen und lesen. Wobei ich nun ein gewisses Minimum an Zeitaufwand für das Weiterlesen voraussetze.

    Das Weiterlesen bringt einen oft ja z.B. auch auf andere Blogbeiträge, da es durchaus Kernthemen bei Wissenschaftsblogs gibt. Ich finde es immer schade, wenn ein sehr passender Nachbarblog-Beitrag nicht über Trackbacks verlinkt wird.

  9. “Habe wir uns da jetzt Missverstanden? Also Du zuvor mich oder ich jetzt Dich?”

    Ich glaube, ich habe da etwas missverstanden und es deshalb noch mal wiederholt.

    Gut, dann werde ich noch mal in einer ruhigen Minute darüber nachdenken.

  10. wieso “verteidigungsfähigen Schluss”?

    Ich würde eine Orientierung von blogs an “Themen”, die einen interessieren, statt an “Thesen”, vorziehen. Durch die Themenwahl und -bearbeitung ergiebt sich auch eine Authentizität. Und das Einarbeiten in Teilaspekte seitens des bloggers macht mehr Spaß, z.B. hatte ich für die Verwendung eines Levinas-Zitat hierdrin sein Buch durchgelesen (zuerst leider in der dt. Übersetzung, nur um festzustellen, dass einige rätselhafte Aussagen darin bloss Übersetzungsfehler sind), was ich sonst sicher nie getan hätte. Unangenehm wird es aber, wenn man auf Theorielücken stößt. So war ich vor Monaten in einem Archiv, um Hintergrundmaterial zu einem Aspekt der Kultur der Weimarer Republik zu sammeln, der sich in eine Reihe ähnlicher Kulturphasen einordnen läßt, woraus sich u.U. einiges erschliessen/rekonstruieren ließe. Aber ausgerechnet zur Analyse solchen Kulturphasen gibt es keinen theoretischen Ansatz. (Zu anderen schon, wie die Artikel Jared Diamond’s und Murray Gell-Mann‘s zeigen). Also blogge ich dazu erstmal nichts.

  11. Ignorance of core literatures is nearly fatal

    Der “verteidigungsfähige Schluss” kam natürlich durch den Zusammenhang mit Seminararbeiten in meinen Beitrag und unsere Diskussion. Blogbeiträge sind klar solche nicht.

    Ich würde auch nicht erwarten, dass Wissenschaftsblogger eigene Thesen ausarbeiten und verteidigen. Aber der Standpunkt, den wir beziehen, sollte haltbar sein und eingebettet. Und sei es der Standpunkt keinen eigenen zu beziehen (vgl. Homöopathie-Debatte. Darf man dort als Wissenschaftler keinen haben?)

    Beispiel:

    Wenn ich einem sehr gutgeschrieben Beitrag lese, dann aber durch die Kommentatoren erfahre, dass es zu diesen Gesichtspunkten einen Stand der Forschung gibt, dann mag das immer noch ein Beitrag zur Unterhaltungsindustrie gewesen sein, die Bildung hat es wohl eher nicht befördert. Wobei ich hier den Begriff Unterhaltungsindustrie nun nicht negativ sehe. Kulturangebote jeder Art fallen darunter.

    Was aber Abbott anmahnt, ist die Gefahr der Ignoranz für die Bildung. (Die übrigens der FAZ-Leser Jan Grothe als Kommentator im FAZ-Artikel eloquent lobt und dabei interessante Gesichtspunkte bringt.)

    “Ignorance of core literatures is nearly fatal. Ignorance of adjacent literatures should be minimized, but will always be with us. And finally, expert ignorance is among the most dangerous. For it makes us unable to see the new.”

    Ich lese selber erst gerade das Original von Abbott. Ich finde es also offensichtlich gut, wenn Wissenschaftsblogger sich selber durch bloggen erst einarbeiten. Denn in Blogportalen findet ja auch ein interdisziplinäres Gespräch statt, wie Arnd Zickgraf in seinem Beitrag Blogs: Die Hintertür der Naturwissenschaften auf Telepolis bemerkt. Wir lernen also selbst. Darum ging es ja im zweiten Teil von Wissenschaftsbloggen ist Lobbyismus.

    Aber dann muss (und ist ja bei den SciLogs auch so, wobei ich hier nicht alle Blogs kenne) dem (womöglich erstmaligen) Leser schnell klar sein, wer der Autor ist und wo seine Kompetenzen liegen, denn sonst tragen wir zur Unbildung bei.

  12. Gibt es eigentlich Schätzungen über den Anteil von Simulanten im universitären Bereich? In den Geistes- und Sozialwissenschaften dürfte die soziale Selektivität unseres Bildungssystems eine Rolle spielen, denn zwecks Statuserhalt und -transfer sind dort sicher viele Studenten/Dozenten, denen die grundlegenden Fach- und Erkentnissinteressen fehlen und die somit ohnehin nichts anderes tun können, als zu simulieren. Andererseits war z.B. Nietzsches Kenntnis antiker Philosophie etwas sehr oberflächlich, was ihm aber nicht schadete, denn er konnte auf ein enormes Hintergrundverständnis durch die Altphilologie und auf seine Genialität bauen. Es ist ja auch plausibel, dass eine am Selberdenken orientierte Arbeitsweise bis zur endgültigen Bifurkation den selben Weg wie den zur Simulation führenden entlanggehen muss. In den Naturwissenschaften stellt sich das Problem auch, wie Ravi Vakil schön darstellt. Der entscheidende Faktor ist also nicht die Unterscheidung “gründl./oberflächliches Wissen/Lernen”, sondern “intrinsiches/extrinsisches Interesse” und der entsprechende Authentizitätsunterschied. Nun stellt sich die (m.E. empirisch umsetzbare) Frage, wie mit diesen Faktoren im universitären Umfeld umgegangen wird. Schliesslich stellt sich noch die Frage, wie es um die Sensibilität für die Relevanz von Allgemeinverständniss und Hintergrundwissen überhaupt bestellt ist. Als ich vor ein paar Tagen gebeten wurde, mich in eine mit der Uni Cambridge assoziierte Diskussiongruppe zu involvieren, erlebte ich bei den (idR Informatiker mit akad. degree) einige Überraschungen: http://lesswrong.com/lw/2yj/help_do_i_have_a_chance_at_becoming_intelligent/2ul0?c=1&context=2#comments Wieso sollten sich Soz.- und Geisteswiss. nicht in eine ähnliche Richtung entwickeln?

  13. ein Artikel zu “Simulanten in Unis”:

    Als Zusatz zu einem vorhergehenden Kommentar hier der link zu einem Artikel über Simulanten im Wissenschaftsbetrieb. Der Autor ist akademischer Ghostwriter und äußert sich zu dem Milieu, Häufigkeiten usw.

  14. Simulanten

    Ich fand Ihr Thema “Simulanten” in der Wissenschaft gleich beim ersten Lesen interessant, habe dann aber nicht weiter darüber nachgedacht. Danke für den neuen Hinweis, den ich nun erst mal lesen muss.

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