Wenn es in Japan brennt dreht sich der Wind in Deutschland

BLOG: Graue Substanz

Migräne aus der technischen Forschungsperspektive von Gehirnstimulatoren zu mobilen Gesundheitsdiensten.
Graue Substanz

Auf Berliner Feuermeldern steht "Berechtigt zum Melden ist, wer die Brandstelle angeben kann." Einer davon steht vor dem Schloss Bellevue.

Es brennt nicht in Deutschland. Es brennt in Japan. Deutschland ist allerdings bisher das einzige europäische Land, dass als Reaktion sieben Reaktoren sofort still legte. Es sei eine Notsituationen. Jetzt muss geprüft werden, wie wahrscheinlich es ist, dass es auch hier brennen wird.

Der Bundestagspräsident Norbert Lammert hält die Aussetzung der Laufzeitverlängerungen ohne Zustimmung des Bundestages für rechtlich inakzeptabel. Das hat nichts mit der Frage zu tun, ob unsere Reaktoren modern und zukunftsfest sind und mit welchem Risiko wir leben wollen. Mit dem Sargnagel der Demokratie aber schon.

Präsident, modern und zukunftsfest. Da war doch was. Ach ja, unser Bundespräsident Christian Wulff versprach mit Hilfe einer Denkfabrik (Think Tank) dazu beizutragen gleich ganz Deutschland modern und zukunftsfest zu machen. 

Schloss Bellevue mit Feuermelder
Wo ist eigentlich unser Think Tank, Herr Bundespräsident?

Dürfen wir nun eine Wortmeldungen in Situationen wie dieser von ihm erwarten? Welche Brandstelle ist er berechtigt, ja verpflichtet zu melden? In Japan hat Tenno Akihito sich gemeldet. Der Himmlische Herrscher. So gesehen ist die Frage nach unserem Bundespräsidenten bescheiden.

FeuermelderIch will ich mich aber zunächst noch viel bescheidener geben. Was ist mit Wortmeldungen der Wissenschaftsblogger? Dazu nämlich wurde gestern Abend in einem Kommentar zu meinem letzten Mode-Beitrag aufgefordert.* Fünf Tage zuvor schon hat Michael Khan in seinem Kommentar hier kritisch zu solchen Wortmeldungen Stellung bezogen: 

Es wäre wirklich hilfreich wenn in einer solchen Situation auch mal diejenigen von einer Wortmeldung in Form eines Blogposts absehen würden, deren Kernkompetenz ganz offensichtlich woanders liegt. Ich finde es wenig hilfreich, wenn jetzt Physiker aller Couleur meine, sich zu Themen äußern zu müssen, zu denen ich lieber einmal die Meinung eines Kraftwerksingeneiurs hören würde. Es reicht schon, wenn im Fernsehen als Reaktorexperten alle möglichen Leute, von Ärzten bis hin zu Meteorologen präsentiert werden.

Kommentare an sich und gerade solche kritischen machen die Stärke der Wissenschaftblogs aus. Denn siehe da, es meldet sich in dem kritisierten Beitrag prompt ein Kernkraftwerksingenieur, der nach eigenen Angaben 1980, also sechs Jahre vor der Katastrophe von Tschernobyl dort einige Wochen gearbeitet hat. Und er kommentiert mit Leidenschaft und Ausdauer seit diesen fünf Tagen. Der letzte Kommentar kam vor wenigen Minuten, um 5:25 in der Früh. Wir schreiben also zeitgleich.

Wer dort mitliest und sich vielleicht sogar beteiligt hat, wurde sachkundig informiert. Es kamen weitere Beiträge bei den SciLogs, die alle nun zusammengestellt wurden. Auch dort sollte die Diskussion in den Kommentaren mitgelesen werden.  

Wenn unser Bundespräsident nun also keinen Think Tank einberufen hat (zumindest keinen offen sichtbaren, vielleicht existiert ja einer hinter den Kulissen?), so wünsche ich mir doch zumindest seinen Hinweis, dass ein modernes und zukunftsfestes Deutschland durch eine kritische Diskussionskultur entsteht und nicht in dem wir Reaktoren schneller abschalten, als sich Fähnchen im Wind drehen können.

Denn letztlich sollen auch Bundestagesabgeordente ihre Entscheidungen durch vertrauenswürdige Erkenntnisse treffen. Dazu können sie Fachinformationen sowie Analysen von den Wissenschaftlichen Diensten in Anspruch nehmen. Sollten die aber gerade mit anderem beschäftigt sein, einfach mal Wissenschaftsblogs lesen und mitdiskutieren. 

 

Fußnote

*Der Teil des Kommentars, auf den ich mich hier beziehe lautet

Im Moment aber ist es vielleicht wichtiger, daß alle Blogger (gerade die Wissenschaftler) den Mut finden, einen Standpunkt zu beziehen, was die Lehren aus Fukushima und das kaum glaubwürdige, volatile Verhalten der Regierenden betrifft.

Jetzt einen neuen Standpunkt zu beziehen, welcher die Lehren aus Fukushima einbezieht, kann ich noch nicht. Denn eins hat mich Fukushima nicht gelehrt. Nämlich dass solche Unfälle mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit passieren und es nur eine Frage der Zeit ist. Das wusste ich schon vorher. Ich kam mit diesem Beitrag aber gerne dem zweiten Teil der Aufforderung nach, der das volatile Verhalten der Regierenden anspricht. Hier hat mich Fukushima überrascht. Ich möchte nicht von unvorhersehbaren, in ihrer Ausdehnung auf keine Tatsachen beschränkten Winden regiert werden.

Markus A. Dahlem

Markus Dahlem forscht seit über 20 Jahren über Migräne, hat Gastpositionen an der HU Berlin und am Massachusetts General Hospital. Außerdem ist er Geschäftsführer und Mitgründer des Berliner eHealth-Startup Newsenselab, das die Migräne- und Kopfschmerz-App M-sense entwickelt.

20 Kommentare

  1. Der Politiker als Repräsentant des Volks

    Die Unmittelbarkeit mit der in Deutschland mediale Empörung in Politik umgesetzt wird, verwundert mich schon. Folgende Interpretationsmöglichkeiten bieten sich mir an, wobei mehrere Möglichkeiten gleichzeitig zutreffen können:
    1) Die Medien sind das Sprachrohr des verängstigten Bürgers und die Politiker zeigen mit ihren unmittelbaren, prompt auf die Empörung folgenden Entscheidungen, dass sie den Willen des Volkes umsetzen wollen.
    2) Die Politiker haben gewisse Selbstzweifel ob sie wirklich die Repräsentanten des Volkes sind und wollen mit solch unmittelbaren Entscheidungen beweisen, dass sie auf das Volk hören
    3) Die Politiker wollen durch diese visiblen Entscheidungen, die auch ein entsprechendes Echo in den Medien finden, ihre Chancen auf Wiederwahl erhöhen
    4) Die Politiker halten in der Mehrzahl Entscheidungen von Politikern und Bürokraten über politische Fragen für das einzig richige, wollen aber durch unmittelbare Reaktionen auf Themen mit grossem medialem Interesse zeigen, dass sie mit der Realität verhaftet bleiben und die Interessen des kleinen Bürgers wahrnehmen.

  2. Des Politikers Geist

    Lieber Markus,

    ich glaube, Martin Holzherr hat das schon ziemlich richtig dargelegt, was Politiker dazu bewegt, so zu agieren, wie sie es tun. Ich persönlich mache mir eher Gedanken um die persönliche Entscheidungsfreiheit einer modernen Milchkuh, aber dieser Abschnitt Deines Beitrages hat mir wirklich außerordentlich gut gefallen:

    “Denn letztlich sollen auch Bundestagesabgeordente ihre Entscheidungen durch vertrauenswürdige Erkenntnisse treffen. Dazu können sie Fachinformationen sowie Analysen von den Wissenschaftlichen Diensten in Anspruch nehmen. Sollten die aber gerade mit anderem beschäftigt sein, einfach mal Wissenschaftsblogs lesen.”

    Antwort:
    Ich habe nun noch ein “einfach mal Wissenschaftsblogs lesen und mitdiskutieren” hinten angehängt. Denn eigentlich geht es eher darum als das passive Lesen (s. Kommentar 7). Ich denke das ist ebenso in Deinem Sinne.

  3. Lammerts zweite Blutgrätsche

    Was immer Politiker dazu bewegt, so zu agieren, wie sie es tun, es gibt ja schon gewisse formale und praktische Grundlagen des politischen Handelns.

    Nach Lammerts zweiter Blutgrätsche, frag’ ich mich jetzt wo eigentlich Wulff als Innenverteidiger bleibt? Das ist der eine Punkt meines Beitrages.

    Der andere ist in der Tat, dass bei komplexen Themen, sei es der Super-E-10-Schwindel, ob Deutsch ins Grundgesetz gehört oder eben die erwähnten Kühe, vor allem eine sachliche und unaufgeregte Diskussion wichtig ist. Das unbescheidene Selbstlob der SciLogs mag man mir nachsehen.

    Wer sich heute freut, wenn aus falschen Gründen abgeschaltet wird, der vergisst, dass aus anderen, ebenso falschen Gründen dann auch wieder eingeschaltet wird.

  4. Mich stört höchstens, dass immer so getan wird, als ob es nur ein Deutsches Problem ist, bzw nur die Deutschen so reagieren..
    Das ist nachweislich Falsch…
    Ob in der Schweiz, Spanien, Belgien, ja selbst in China, ist man grade in heftigste Debatten zu dem Thema verstrickt.
    China hat zwar eben beschlossen, dass es neue kraftwerke bauen will, soweit so richtig, aber dabei wird nicht erwähnt, dass sie da grade die Sicherheitsstandards knallhart auf den Prüfstand stellen. Bis dahin liegen sämtliche AKW Neubauten auf Eis
    http://www.rohstoffe-go.de/rohstoff/rohstoffnews/beitrag/id/Australien_gibt_ab_China_stoppt_AKWs_Uranaktien_brechen_ein_ID94108.html
    Spanien:
    http://www.heise.de/tp/blogs/2/149466
    Belgien:
    http://www.deredactie.be/cm/vrtnieuws.deutsch/mediatheek_de/1.981697
    in Belgien, das 51 % seines Energiebedarfs aus AKWs (2 AkWs mit insgesamt 7 Reaktoren) bezieht, hat man einen Ausstieg bis 2025 geplant.
    Das Ältere AKW sollen schon 2015 abgeschalten werden, dass andere 2025..
    Ironisch daran war..
    Das am 10.3.11 die IEA einen Bericht veröffentlichte, dass der Austieg nochmal überdacht werden sollten, wie es der Christdemokrat Yves Leterme, Interims MP (geschäftsführende Ministerpräsident, bis sich in Belgien endlich mal eine neue Regierung gebildet hat, die das schon seid 270 Tagen probiert) in Föderalstaat Belgien, wollte. Er hat eine ähnliche Argumentation wie Merkel, mit ihrem Ausstieg vom Ausstieg geliefert, so das man vermuten kann, dass da ebenso die Atomlobby ordentlich gewildert hat. Alles genau dasselbe, Energiesicherheit, Brückentechnologie, usw usf, was man von merkel ja auch alles kennt, wird da ins Feld geführt..
    Eigentlich sind die Europäische Christdemokraten da ziemlich unterwandert von den Lobbysten..
    Hier der Artikel von 10.3.11 in VRT, dem flämischen Radio/fernsehen..
    http://www.deredactie.be/cm/vrtnieuws.deutsch/nachrichten/110310_IEA_Atomkraft_Belgien

    Tut mir leid, aber das ist absolut keine Innerdeutsche Debatte, oder die Typisch Deutsche Hysterie, sei es Verlängerung (Parralell zu Deutschland, Spanien, und Belgien), oder nun das Umdenken bei den AKWs..
    Würde mich nicht wundern, wenn das auch in vielen anderen Ländern der Fall ist..

  5. Programm nicht German Angst

    Wahrscheinlich hat mein Satz “Deutschland ist allerdings bisher das einzige europäische Land, dass als Reaktion sieben Reaktoren sofort still legte” Ihre Interpretation hervorgerufen, aber ich ziele nicht darauf ab, dass angeblich wir Deutschen mal wieder allein überreagieren.

    Ich las von der “German angst” in diesem Zusammenhang, aber wie gesagt, nicht mein Thema.

    Für Überreaktionen hätte ich Verständnis in einer dramatischen Lage. Es scheint mir vielmehr ein absolut klar kalkulierter Schritt zu sein.

    Vor der Wahl soll noch abgeschaltet werden und die fehlende Rechtssicherheit ist Programm, denn es soll durch Schadensersatz an die Betreiber dies beglichen werden.

  6. “Denn letztlich sollen auch Bundestagesabgeordente ihre Entscheidungen durch vertrauenswürdige Erkenntnisse treffen.”

    So und nicht anders sollte es sein. Das wird aber erst dann der Fall sein, wenn es eine politische Kultur gibt, die das ehrlich verinnerlicht hat, eine, die frei von Machtkalkül ist. Man erkennt sogleich das Problem – wir sind von diesem Zustand weit entfernt; ich muß das nicht näher erläutern, es wäre höchstens andernorts die Frage zu stellen, inwieweit das systemisch ist.

    Und es ist ja nicht etwa so, daß Politiker keine wissenschaftlichen Berater hätten (wir haben obendrein eine promov. Physikerin an der Spitze der Republik). Das Problem, unter dem der Journalismus leidet, ist dem Problem der Wissenschaft nicht unähnlich. Zwei wichtige intellektuelle Säulen, die Gefahr laufen, ihre Unabhängigkeit und damit ihre Identität preizugeben, wodurch sie nicht mehr tragend sind.

    Die bloggende Wissenschaft liefert interessante Einblicke in verschiedene Disziplinen. Sie wird sich dabei bewußt sein, daß sie auch zwischen den Zeilen schreibt und so gelesen wird. Das kann ihr Gewicht geben, Wissenschaft ist zu wichtig, um nur im Turm “herumzusitzen”.

  7. Mandat der Wissenschaft

    An dieser Stelle noch ein Nachtrag, den ich gerade erst fand.

    Wahrheiten und Mehrheiten

    vom Bundestagspräsident Norbert Lammert über den Beratungsbedarf der Politik.

    Natürlich hat die Wissenschaft kein Mandat. Damit wäre auch nichts gewonnen. Viel wäre aber gewonnen, wenn Bundestagsabgeordnete als Mandatsträger frei entscheiden würden nachdem sie mit Wissenschaftlern diskutiert haben.

    Deswegen habe ich nun den letzten Satz so ergänzt, denn einfach Wissenschaftsblogs lesen ist nicht unbedingt besser (oder schlechter) als den Wissenschaftsteil einer Zeitung. Diskutieren macht den Unterschied, was ich ja auch an vielen anderen Stellen zuvor im Beitrag ansprach.

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