Visuelle Trigger, Halluzinationen und Therapie

BLOG: Graue Substanz

Migräne aus der technischen Forschungsperspektive von Gehirnstimulatoren zu mobilen Gesundheitsdiensten.
Graue Substanz

Die visuelle Wahrnehmung spielt bei Migräne eine besondere Rolle. Lichtempfindlichkeit und während des Anfalls auftretende Sehstörungen legen eine Frage nahe: kann Licht auch positiv wirken?

Visuelle Halluzinationen bei Migräne bestehen oft aus geometrischen Zickzackmustern und können durch Fremdaktivierung bestimmter Nervenzellen – Kanten- und Bewegungsdetektoren – erklärt werden. Umgekehrt können flackernde Lichtblitze bestimmter Form diese spezialisierten Zellen im Gehirn überreizen und so erst Migräne auslösen. Welche Reize müssen Betroffene also meiden? Und können andere Reize sogar therapeutisch wirken und eine angehende Reizüberflutung mindern?

Anhand des Hip-hop Musiktitels Migraine1 der Gruppe ArtOfficial lässt sich dies – visuelle Trigger (Auslöser), visuelle Halluzinationen und meine Forschung über Therapieansätze mit visuellen Stimulationen bei Migräne – erklären. Es sind drei eng zusammenhängende Probleme: (1) Welche neuronalen Netzwerke lassen Menschen, die unter Migräne leiden, gerade auf bestimmte Lichtreize überempfindlich reagieren? (2) Wie entstehen einfache visuelle Halluzinationen bei Migräne in Form von Zickzackmustern? Und (3) eben jene zentrale Frage, wie eine Attackentherapie, die auf Lichtreizen basiert, erforscht werden könnte.

Eins steht heute schon fest, das oben erwähnte Hip-hop Musikvideo ist therapeutisch perfekt ungeeignet.

In einem folgenden Beitrag nächste Woche werde ich nur zur ersten Frage kommen: Warum reagieren Migräniker auf bestimmte Lichtreize überempfindlich? Es wird ein Beitrag über die rezeptiven Felder spezialisierter Nervenzellen in der Sehrinde und ihre Anordnung zu einer kortikalen Karte pinwheel map genannt. Diese Pinwheel Map ist ein weiteres Beispiel der vielen topographischen Karten im Gehirn, von denen wir mit der Somatotopik – besser als Homunculus bekannt  – gerade erst eine kennengelernt haben.

Die folgenden drei Beiträge hängen also auch sehr eng mit dem letzten zusammen, auch wenn aufgrund des Wechsels der Sinnesmodalität, zuvor das Fühlen (somatosensorischer Sinn), jetzt das Sehen (visueller Sinn), der Zusammenhang vielleicht gar nicht unmittelbar erkannt wird. Daher mein Hinweis.

Dem nächsten Beitrag zu visuellen rezeptiven Felder folgt dann Beitrag (2) zur Hip-Hop Neuroscience Fusion, in dem die enge Beziehung zwischen visuellen Triggern und visuellen Halluzinationen erklärt wird. Diese Serie “Visuelle Trigger, Halluzinationen und Therapie” endet mit einem Ausblick in Beitrag (3) über die wissenschaftlichen Grundlagen, die aus der theoretischen Physik kommen und hineinspielen in die hier aufgeworfene, zentrale klinische Frage zur visuellen Therapie. So steht es oben rechts im Kopf des Blogs unter “Graue Substanz”: Verbindungen zwischen Physik, Neurologie und Medizintechnik, mein Fokusthema.

Da diese Beiträge wahrscheinlich nicht direkt aufeinander folgen, habe ich diesen zur Ein- aber auch zur Überleitung geschrieben. Ich verlinke von hier alle weiteren Beiträge sobald sie online sind.

(1) Satte Spezialisten überreizen das Gehirn

(2) Kultur optimaler Reizüberflutung (aus aktuellen Anlass eingeschoben)

(3) Wie Licht Migräne auslöst: Hip-Hop Neuroscience Fusion

 

Fußnote

1 Über das Video schrieb ich schon hier als damals mein Video von YouTube gesperrt wurde. Diese Serie von Beiträgen ist nicht zuletzt so entstanden. So hat alles sein Gutes.

 

 

© 2011, Markus A. Dahlem

 

 

 

 

Markus Dahlem forscht seit über 20 Jahren über Migräne, hat Gastpositionen an der HU Berlin und am Massachusetts General Hospital. Außerdem ist er Geschäftsführer und Mitgründer des Berliner eHealth-Startup Newsenselab, das die Migräne- und Kopfschmerz-App M-sense entwickelt.

9 Kommentare

  1. Generelle Überempfindlichkeit

    Ich kann mir vorstellen, dass Migräniker deshalb bei Lichtreizen überreagieren, weil sie generell überempfindlich auf Reize jeglicher Art reagieren. Dies hat wohl mit der Reizleitungsstörung, dem fehlenden Reizfilter, zu tun.

    Migräniker reagieren ja auch ähnlich überempfindlich auf Lärm, Gerüche, Berührungen, Hitze, Kälte, Druckunterschiede, Etiketten in der Kleidung und – die Liste ließe sich noch lange weiterführen.

    Könnte man einen “künstlichen” Filter im Gehirn einbauen lassen, wäre ja alles bestens. 😉 Manchmal klappt das kurzfristig sogar ein wenig mit Antidepressiva, Antiepileptika, Betablocker usw.

  2. weniger leicht zu ignorieren

    Die kommende Erklärung wird auch nicht derart sein, dass nur visuelle Reize ausgezeichnet sind und zur Übererregung führen. Vielmehr, dass gewisse Reize elementarer sind als andere und diese elementaren Reize besonders unangenehm wirken. Karomuster und Streifenmuster bestimmter räumlicher Wellenlänge zum Beispiel.

    Natürlich ist das Konzept der elementaren Reize auf andere Sinnesmodalitäten übertragbar. Dort gilt also analog, dass diese Reize mehr stören als andere.

    Sehr wahrscheinlich kommt der visuelle Wahrnehmung bei Migräne die besondere Rolle in der Tat nur deswegen zu, weil man schneller über visuelle Reize klagt, da diese sehr stören allein durch den hohen Stellenwert den das Sehen hat. Oder man berichtet über visuelle Halluzinationen eher, weil diese auffälliger sind. Ein Kribbeln und erst recht Taubheit mag man leichter ignorieren. Auch ist die Sehrinde größer als alle anderen Areale des Kortex für die anderen Sinne.

    Dass die Pathophysiologie Migräne in irgendeiner Weise nur das Sehen betrifft, dafür gibt es keine Hinweise.

  3. Licht

    Ich bin auf die Lichttherapie gespannt. Wie ist das gedacht, spezielles Licht während die Aura andauert oder Licht während der Schmerz-Übelkeit Phase?

  4. Arbeitsplan für Jahre

    Ich kann nur skizzieren woran ich arbeite, es ist keine fertige Sache oder gar schon ein existierender Therapieansatz.

    Zunächst folgen zwei Beiträge, die die Grundlagen dazu erklären. Diese sind hoffentlich allein schon erhellend und bieten auch ein paar konkrete Tipps zur Vermeidung von visuellen Stress. (Aber wahrscheinlich nichts, was jemand, der unter Migräne leidet, nicht intuitiv sowieso schon weiß.)

  5. Wofür Wissenschaft machen

    Wenn jemand schneller Ideen verwirklicht als ich es kann, dann ist es nur gut so. Wissenschaft ist ja nicht zur persönlichen Bereicherung da. Ich suche mir halt eine neue Idee. Viele Kollegen haben solche Ängste. Das ist seltsam, wenn man erst mal darüber nachgedacht hat.

  6. Empfindlichkeiten

    Allgemein scheint es aber doch so zu sein, daß Lichtreize ganz oben in der Hitliste der Migränetrigger stehen, oder? Von Migräneattacken, die durch eine Baustelle vorm Haus oder das penetrante Aftershave des Sitznachbarn im Bus ausgelöst wurden, habe ich jedenfalls noch nichts gehört (lasse mich aber gerne eines Besseren bzw. Schlechteren belehren).
    Anekdotisch möchte ich noch kurz ein Phänomen zu Protokoll geben, über das ich in der einschlägigen Literatur auch noch nie gelesen habe, das mir aber persönlich wohlbekannt ist: eine Überempfindlichkeit gegen kleinteilige Muster (bspw. der Karorock einer Kollegin oder der Fußabtrittsrost vor dem Haus etc.), sowohl während der Aura- wie auch der anschließenden Elendsphase. Ist das meine ganz eigene Migränespezialität, oder berichten auch andere Patienten darüber?

  7. kleinteilige Muster – das Stichwort

    Sie sind mein Stichwortgeber!

    Der Lärm der Baustelle vorm Haus oder das penetrante Aftershave des Sitznachbarn im Bus, also Reize anderer Modalitäten, treffen wahrscheinlich nicht jeweils passgenau auf die elementare Bausteine der Wahrnehmung dieser Sinnesmodalittäten und führen so nicht zur Sättigung.

    Wenn dieser Kommentar, morgen nach dem neuen Betrag, noch keinen Sinn macht, fragen Sie bitte wieder nach.

    Und die kleinteiligen Muster werden Sie auch finden. Sie sind in der Tat genau auf der richtigen Spur. Bitte wirklich nachfragen, der nächste Beitrag ist eventuell zu lang und umfassend.

Schreibe einen Kommentar