Unbemerkte Aura

Graue Substanz

Die Aura. Bleibt sie meist unbemerkt? Manche können die Aura sehen. Andere spüren unerklärliche Dinge. Und ja, Sie sind hier richtig, im SciLogs Blog eines Physikers. In diesem Beitrag geht es um kausale Verkettungen von Migränesymptomen, die bemerkt und auch unbemerkt bleiben können und um eine möglicherweise klinisch stille Migränephase.

Die Aura ist nichts weiter als ein unglücklich gewählter Begriff für eine Gruppe neurologischer Symptome der Migräne.

Als neurologisches Symptom bezeichnen wir in der Regel Reiz- und Ausfallerscheinungen, auch positive und negative Symptome genannt für Reiz bzw. Ausfall. Beispiel: Sie sehen was, was nicht wirklich in Ihrem Gesichtsfeld vorhanden ist. Das ist ein positives neurologisches Symptom. Oder Sie sehen was nicht, was wirklich in Ihrem Gesichtsfeld vorhanden ist. Das wäre ein negatives neurologisches Symptom, ein blinder Fleck.

GoliathkäferEin anderes Beispiel: Sie spüren, dass etwas Ihre Hand entlang krabbelt, obwohl nichts Ihre Hand entlang krabbelt, ein positives neurologisches Symptom; Sie spüren nichts Ihre Hand entlang kabbeln, obwohl gerade ein fetter Käfer Ihre Hand entlang krabbelt, ein negatives neurologisches Symptom, ein Taubheitsgefühl.

Ich könnte so mit mehr als 500 konkreten Beispielen weiter machen, wenn ich die Fallsbeispiele, die Klaus Podoll und ich auf den Seiten der Migraine Aura Foundation gesammelt haben, abdecken wollte. Das ist aber nicht meine Absicht, denn genau dafür gibt es ja diese Website schon.

 

 

Verläuft die Auraphase meist unbemerkt oder symptomfrei?

Mich interessiert, ob jede Migräneattacke mit einer Auraphase einhergeht. Das ist eine seit einigen Jahren viel diskutierte Frage, die unter anderem in dem PLoS MEDICINE Artikel mit dem Titel The Migrainous Brain: What You See Is Not All You Get? kritisch beleuchtet wurde [1].

Wenn dies so wäre, wenn jede Migräneattacke mit einer Auraphase einherginge, dann bliebe die Aura in den weitaus meisten Fällen unbemerkt. Denn nur ca. 20% der Migränefälle werden zur Zeit als Migräne mit Aura diagnostiziert. Die anderen Fälle gelten bisher als Migräne ohne Aura (von einigen diagnostischen Sonderfällen mal abgesehen).

Die Hypothese der klinisch stillen Aura (clinically silent aura) mag zunächst verwundern. Warum sollen Menschen, die unter Migräne leiden ohne offensichtliche Aura nun vielleicht doch eine Auraphase haben, eine die sie nur nicht bemerken? Klingt zunächst abwegig.

Wenn wir über die Symptome sprechen, gehen wir allerdings das Problem vom falschen Ende an. Wir müssen die Krankheitsursache betrachten. Die Aura wird von der spreading depression verursacht, ein nicht minder unglücklich gewählter Begriff, den ich daher als SD abkürze.

SD ist eine Welle neuronaler Entladung, die als Störungszustand majestätisch langsam mit nur wenigen Millimetern pro Minute die Hirnrinde durchschreitet. Vergleichen wir diese Ausbreitungsgeschwindigkeit mit der der normalen Kommunikation zwischen Nervenzellen (~100 m/s), ist das Verhältnis ähnlich unterschiedlich wie das Verhältnis der Geschwindigkeiten Schall zu Licht. SD ist also ein neuronales Phänomen eigener Art.

Da die Aura und somit die SD meist 30 Minuten vor dem Beginn der Kopfschmerzen auftritt, ist allein aus diesen zeitlichen Ablauf die Frage angebracht, ob SD die anschließenden Kopfschmerzen verursacht.

SD Theorie der Migräne
Ein noch unbekannter Auslöser triggert eine SD, die wiederum die Kopfschmerzen verursacht.

Da aber in 80% der Migränefälle gar keine Aura auftritt, wurde das bisher kaum in Betracht gezogen. Sondern angenommen, ein noch unbekannter Auslöser könnte beides, sowohl die SD als auch – allerdings mit einiger Verzögerung – die Kopfschmerzen auslösen.

Migräne
Ein Auslöser kann beides: Aura und (verzögert) Kopfschmerzen verursachen.

Von der Seite der Krankheitsursache scheint die Frage “Verläuft die Auraphase meist unbemerkt oder symptomfrei?” gar nicht mehr so abwegig. Denn die Frage ist nicht, ob wir Symptome haben, die wir dann doch nicht haben. Sondern schlicht: Kann SD durch die Großhirnrinde schleichen, ohne dabei neurologische Reiz- und Ausfallerscheinungen zu verursachen oder könnten solche Symptome häufig nicht bemerkt werden?

Symptomsfreiheit und das nicht Bemerken sind unterschiedliche mögliche Erklärungen, die beide auch getrennt zutreffen könnten. Also Erklärungen für die sogenannte SD-Theorie der Migräne. Diese wurde zum Beispiel auch im Oktoberheft 2009 der Zeitschrift Spektrum der Wissenschaft im Artikel Migräne – leider keine Einbildung von den Kollegen David W. Dodick und J. Jay Gargus näher beschrieben (kostenfreie Leseprobe).

Meine Forschung betrifft dies unmittelbar, denn es könnte sich am Ende herausstellen, dass die Frage warum SD keine Symtome auslöst, damit zu tun hat, wie weit SD sich als räumliche Welle ausbreitet. Also ob es eine kritische Grösse des neuronalen Ausfalls gibt, der nicht mehr komplensiert werden kann. Mein vorangegangender Beitrag beschreibt einen meiner Ansätze, dies in der gefurchten Hirnrinde mit mathematischen Modellen zu studieren.

Auch in einem aktuellen Überblickartikel mit dem Titel “Cortical Spreading Depression Triggers Migraine Attack: Pro” wird die These der unbemerkten Aura aufgeworfen [2]. Insbesondere werden neue Erkenntnisse zusammengefaßt, die Hinweise liefern, wie SD die Kopfschmerzen triggern kann. Für die Entwicklung zukünftiger Therapieansätze ist diese Frage wichtig. Aus dieser Arbeit von Cenk Ayata habe ich auch die netten schematischen Darstellungen (oben), die in ihrer Schlichtheit jeder Diskussion über die klinisch stille Aura eine gewissen Nüchternheit abverlangen.

Peter Goadsby schreibt in [1] in diesem Sinne:

 More research will provide the answer, and certainly the question is tractable.

Literatur

[1] Goadsby PJ (2006) The Migrainous Brain: What You See Is Not All You Get? PLoS Med 3(10): e404. doi:10.1371/journal.pmed.0030404

[2] Cenk Ayata, Cortical Spreading Depression Triggers Migraine Attack: Pro, Headache, 50,72 (2010)

Fußnote

Für die, die der Aura als esoterisches Phänomen nachtrauern, gibt es weitere schlechte Nachrichten. Schon 1966 wurde berichtet [5], dass bei einer Migräneaura als positives neurologisches Symptome auch an Kanten ein Leuchten gesehen werden kann (“Corona phenomenon“). Alles also nur eine Migräne, denn diese gibt es sogar ohne Kopfschmerz.

[5] Klee A, Willanger R. Disturbances of visual perception in migraine. Acta Neurol Scand 1966; 42: 400-414.

 

Markus A. Dahlem

Markus Dahlem forscht seit über 20 Jahren über Migräne, hat Gastpositionen an der HU Berlin und am Massachusetts General Hospital. Außerdem ist er Geschäftsführer und Mitgründer des Berliner eHealth-Startup Newsenselab, das die Migräne- und Kopfschmerz-App M-sense entwickelt.

21 Kommentare

  1. Aura und Epilepsie

    Der Begriff “Aura” wird auch in der Epileptologie für “Vorgefühle” im Zusammenhang mit einem nachfolgenden epileptischen Anfall verwendet. Hier sind besonders verbreitet die so genannte epigastrische Aura – ein unangenehmes, aufsteigendes Gefühl vom Magen her – und die Angstaura. Es werden seltener auch Kribbelparästhesien oder visuelle Phänomene berichtet. Die Auren rechnen bereits zu dem Anfallsgeschehen und haben auch ein entsprechenes pathophysiologisches Korrelat im Elektroenzephalogramm (EEG).

    Zu unterscheiden von den kurz vor einem Anfall auftretenden Auren wären prodromale Syndrome: Manche Patienten berichten z.B. das Auftreten von Depressionen wenige Tage vor dem Auftreten eines Anfalls.

    Auch im Zusammenhang mit fokalen Anfällen wird diskutiert, ob nicht meistens Auren auftreten, manche Patienten den Zusammenhang jedoch nicht bemerken oder sich gar nicht bewusst sind, dass z.B. das merkwürdige Magengefühl Teil des epileptischen Geschehens ist – sich also vollständig im Gehirn und nicht im Bauch abspielt.

    Das Erkennen zuverlässiger Vorzeichen könnte für den Epilepsiepatienten eine Möglichkeit der Anfallsselbstkontrolle eröffnen – aber hierzu liegen kaum kontrollierte Studien vor.

    Die Pathophysiologie der Migräne und der Epilepsie ist übrigens völlig verschieden; meines Wissens werden bei Migräne die für Epilepsie typischen EEG-Zeichen (z.B. Spikes) nicht beobachtet. Spreading depression wird jedoch von einzelnen Forschern auch im Bereich der Epilepsien untersucht.

    Mir ist noch eine weitere Verwendung des Begriffs bekannt. Unabhängig von Migräne haben manche Menschen in ihrem visuellen System eine veränderte Konturwahrnehmung im Sinne von Farberscheinungen an Rändern. Interessanterweise können diese Farberscheinungen – wie bei einer Synästhesie – mit dem emotionalen Zustand des Sehenden oder mit dem am Gesehenen wahrgenommenen emotionalen Zustand korreliert sein. Möglicherweise kommt dies der esoterischen Bedeutung des Phänomenes “Aura” näher.

  2. Hallo Herr Hoppe!

    Ihr Hinweis über zur Epilepsie ist richtig und interessant. Vielen Dank dafür.

    Kurz drei Anmerkungen.

    (1)
    In der Fußnote erwähnte ich schon die Konturwahrnehmung im Sinne von Farberscheinungen an Rändern und zitiere eine Arbeit von 1966, die hier einen Bezug zur Migräne sieht. Haben Sie sicher überlesen.

    (2)
    Das Konzept der klinisch stillen Aura ist in der Tat sehr eng mit dem der klinisch stillen Epilepsie verwandt [6]. Meiner Kenntnis nach verhält es sich dort so: Das interictale Aktivität im EEG schon sichtbar ist, aber nur wenn diese pathologische Aktivität vom ictogenen Focus ausbricht, manifestiert sich die Epilepsie. Bitte korrigieren Sie mich aber hier, wenn es so nicht ganz stimmt.

    Meine Forschungsarbeit beschäftigt sich intensiv damit herauszubekommen, wie pathologische Aktivität im Gehirn von einem Focus ausbricht.

    (3)
    Das Epilepsie und Migräne eine unterschiedliche Pathophysiologie haben ist nur bedingt richtig. Ich verweise hier nur zum einen auf die Arbeiten von George Somjen [7], sicher einer der herausragenden Wissenschaftler auf diesem Gebiet. Prof. Somjen nennt für SD auch gerne den Begriff seizure-like activity. Oder, zum anderen, auf die familiäre hemiplegische Migräne (FHM). Hier
    sind viele Gemeinsamkeiten vorhanden.

    Das wäre ein neuer Blogpost zum Thema Migralepsy. Vielleicht also später mehr dazu.

    Literatur

    [6] Gastaut H, Broughton R (1972) Epileptic seizures: clinical and electrographic
    features, diagnosis and treatment. Springfield, IL: Thomas.

    [7] Somjen G, Ions in the Brain: Normal Function, Seizures, and Stroke. Oxford Uni. Press

  3. ad Dahlem

    Hallo Herr Dahlem,

    mein Hinweis bezog sich auf eine neuere Veröffentlichung von Jamie Ward (2004) Emotionally mediated synaesthesia. Cognitive Neuropsychology 21,761-772. Hier besteht kein Zusammenhang zu Migräne.

    Zum Zusammenhang Epilepie/Migräne: Finden sich denn bei Migräne epilepsietypische Potentiale im EEG, sei es während oder zwischen den Attacken? Ich verstehe diese EEG-Zeichen als Ausdruck pathologischer Synchronisation von Nervenzellverbänden (“Fokus”), deren Ausbreitung im Gehirn die entsprechende Anfallssemiologie verursacht. Mir scheint dies zunächst etwas anderes zu sein, als spreading depression.

    Dass interiktale, pathologische Aktivität häufig nicht zu einem Anfall führt, würde man vermutlich mit einem Schwellenmodell erklären: erst überschwellige Synchronisationen führen zur Ausbreitung dieser Synchronisation in funktionell relevantem Umfang.

  4. Synaesthesia

    Emotionally mediated synaesthesia, interessant. Von dieser neuen Arbeit hatte ich bisher nicht gehört. Beschäftige mich aber auch wenig damit.

    Danke für den Hinweis.

    Mein Kollege Klaus Podoll, mit dem ich die Migraine Aura Foundation betreibe, hat 2002 eine Arbeit zu Migräne und Synaesthesia veröffentlicht (Auditory-visual synaesthesia in a patient with basilar migraine).

    Und es gibt einer Webseite bei uns dazu:
    Synaesthesia.

    Ich bin zwar weit davon entfernt in jeder neurologischen Störung gleich eine Migräne zu vermuten, aber umgekehrt darf ich schon davon ausgehen, dass die Dunkelziffer bei Migräne sehr hoch ist.

  5. Erfahrungen einer Betroffenen

    Ich finde diese Diskussionen hier sehr interessant und möchte mich als Betroffene äußern.

    Ihre Überlegungen, Herr Dahlem, kann ich gut nachvollziehen. Genaugenommen könnten diese sogenannten Vorboten der Migräne eventuell einer stillen Aura zugerechnet werden? Folgende Vorboten (meist schon 1 oder 2 Tage vor der Attacke) hat fast jeder Migräniker, egal, ob er Aura hat, oder nicht: Gereiztheit oder Euphorie, Müdigkeit oder auch besondere Leistungsfähigkeit, Depression, Unruhe, Übelkeit, Magen- Darmprobleme, Heißhunger auf Süßes und Hochkalorisches, häufiges Gähnen usw.

    Gelegentlich tritt eine visuelle Aura erst nach Jahrzehnten plötzlich auf. Oder sie verschwindet wieder, wie es bei mir der Fall war. Ich hatte gelegentlich neurologische Symptome und Mikropsie. Seit der Therapie mit Topiramat zeigte sie sich nie mehr.

    Herr Hoppe, Sie sind ja der Meinung, dass Migräne und Epilepsie in keinem Zusammenhang stehen. Mich würde das natürlich freuen, aber sind Sie sich da ganz sicher? Was im EEG wo zu sehen ist, oder auch nicht, kann ich natürlich nicht beurteilen, aber basieren nicht beide Erkrankungen auf einer Übererregbarkeit der Nerven? Ein Epilepsiemedikament war bisher die einzig wirklich wirksame Prophylaxe für mich. Das gibt mir auch zu denken. Leider musste ich wegen starker Nebenwirkungen und Nierenproblemen nach über 5 Jahren absetzen.

    Zum Thema Synästhesie: Ist hier das Farbensehen (z.B. farbige Buchstaben und Zahlen) gemeint, oder betrifft es nur die besonderen Erscheinungen, die Patienten in den eingestellten Links geschildert hatten?

    Ich habe immer schon Buchstaben und Zahlen farbig gesehen und dachte, es wäre völlig normal. Erst vor einigen Jahren wurde mir aufgrund einer Reportage klar, dass die meisten Menschen keine Farben sehen. Meinen Kindern habe ich diese “Fähigkeit” vererbt und beide sind Migräniker. Mein Mann, der keine Migräne hat, weiß gar nicht, wovon wir sprechen.

  6. Hallo Frau Frank

    Das ist ja spannend mit Ihrer Synästhesie. Dazu später sicher noch mehr.

    Ich will aber die Vorboten kommentieren. Die Prodromal-Phase, in der diese Symptome auftreten, würde ich (bisher noch) strikt von der Auraphase trennen. Den eine SD sollte nicht länger als ca. 30 Minuten in der Hirnrinde verweilen und dann auch kurz darauf den Kopfschmerz auslösen.

    Wenn also überhaupt etwas an der klinisch stillen Aura dran ist (das wird ja durchaus sehr kontrovers diskutiert), dann wohl eher in einer Phase die mit der normalen Auraphase übereinstimmt.

    Die Prodromal-Phase ist wohl eher eine eigenständige zusätzliche Phase, da sie länger ist und früher stattfindet.

  7. Danke Herr Dahlem

    Ich danke Ihnen für Ihre Einschätzung.

    Weiß man denn genau, und ist es untersucht worden, dass die SD immer nur ca. 30 Minuten andauert? Gibt es da keine Ausnahmen, wie es z.B. bei der prolongierten/persistierenden Aura ohne Infarkt der Fall ist? Ich meine nun nicht die hemiplegische Migräne oder Migräne vom Basilaristyp, sondern eine ungewöhnlich verlängerte Aura.

    Wie sieht es bei der “Migraine sans Migraine” aus? Wieso folgt hier kein Kopfschmerz?

  8. Wellenformen

    Vielen Dank für diese Frage! Sie betrifft entscheidende Punkte.
    Die Zeit, die eine SD im Cortex verbringt, ist zum einem durch die endliche Größe der Hirnrinde dividiert durch die Geschwindigkeit der SD geben. Aber auch durch den Verlauf der SD Welle.

    Durch meine Analysen kann ich vorhersagen, dass die SD letztlich in ihrer Wellengröße schrumpft und meist schon verschwunden ist, bevor sie die Hirnrinde überquert hat. Das wird auch als “retracting wave” bezeichnet.

    SD könnte aber auch im Kreis laufen (“re-entrant” geannt) oder stehen belieben (“stationary”). Genau dazu habe Anfang des Jahres eine Arbeit publiziert [8].

    In dem Beitrag “Europa, Fußballstadion, Großhirnrinde“, in dem ich diese “… ja wo laufen sie denn”-Frage aufwerfe, ist das etwas beschrieben, aber ich werde das nochmal weitergehend erklären müssen. Die stehenden SD-Wellen könnten in der Tat mit der persistierenden Aura zusammenhängen, kreisende mit Schlaganfall.

    Literatur

    [8] Markus A. Dahlem et al., Two-dimensional wave patterns of spreading depolarization: Retracting, re-entrant, and stationary waves, Physica D, 239, 889-903

  9. Auren u. SD

    Aus meiner Sicht als Betroffene kann ich das bestätigen. Ja, ganz sicher kann eine Aura unbemerkt bleiben. Bei einer negativen Aura geht auch das was fehlt, es bleiben keine Lücken oder Löcher die mit Fantasie oder Erinnerung ergänzt werden könnten.

    Negative Auren, entdecke ich vermutlich regelmäßig erst durch logisches Schließen. Für gesunde Menschen ist das sicherlich schwer nachvollziehbar.

    Mich beschäftigt schon länger eine Frage zur SD. Ist es möglich das die SD den Schmerz nicht auslöst sondern der Schmerz eine andere Darstellungsform der Welle ist? Während lang andauernder Migränen, erlebe ich es immer wieder das der Schmerz abrupt die Seiten wechselt, keine Pause, kein Neustart sondern einfach eine Fortsetzung der gleichen Migräne – sozusagen die vollständige “Heilung” des Schmerzes einer Seite innerhalb von etwa einer Minute. Wäre es denkbar das in solchen Fällen die Welle einfach weitergezogen ist?

    Vielen Dank.

  10. Schmerz eine Aura?

    Ist der Kopfschmerz eine Trugwahrnehmung? So verstehe ich die Frage:

    Ist es möglich das die SD den Schmerz nicht auslöst sondern der Schmerz eine andere Darstellungsform der Welle ist?

    Ich denke, für die allermeisten Fälle kann dieser Gedanke ausgeschlossen werden. Ich habe aber auch schon in dieser Richtung nachgedacht. Also ich verstehe die Frage so:
    Könnte die SD durch die sensorische Hirnrindenareale laufen und der Schmerz als Empfindung wäre dann eine Aura genau wie die Sehstörung. Und somit auch nicht minder schmerzhaft, selbst wenn es eine Trugwahrnehmung wäre.

    Dagen spricht, dass die Aktivierung und Beteiligung des Hirnstammes an der Migräne sehr gut nachgewiesen ist, so dass dies wohl eher nicht der Hauptmechanismus ist. Als seltene Aura könnte ich mir aber durchaus vorstellen, dass es zu auch einer Schmerzwahrnehmung kommen kann. Diese sollte dann aber eigentlich nicht auf dem Kopf beschränkt sein, das wäre wieder eine gesonderte Ausnahme.

  11. Trugwahrnehmung

    “…Könnte die SD durch die sensorische Hirnrindenareale laufen und der Schmerz als Empfindung wäre dann eine Aura genau wie die Sehstörung. Und somit auch nicht minder schmerzhaft, selbst wenn es eine Trugwahrnehmung wäre. “

    Nicht ganz, ich dachte an den Schmerz als eine Aura genau wie die Sehstörung, aber verursacht durch eine SD die den Hirnstamm durchwandert. Die zügigen Seitenwechsel der Schmerzen, brachten mich auf den Gedanken, dass die Ausbreitung der SD sich womöglich nicht nur auf die Hirnrinde beschränkt.

    “…Dagen spricht, dass die Aktivierung und Beteiligung des Hirnstammes an der Migräne sehr gut nachgewiesen ist, so dass dies wohl eher nicht der Hauptmechanismus ist.”

    Das bedeutet eine SD bewegt sich grundsätzlich niemals außerhalb der Hirnrinde? Damit ist meine Vorstellung natürlich hinfällig 😉

    Besten Dank für den netten Austausch!

  12. … plötzlicher Säuglingstod

    SD im Hirnstamm? Das wird diskutiert, aber zum Beispiel sind die meisten Sehstörungen bei Migräne mit Aura recht sicher durch eine SD in der Großhirnrinde verursacht. Das wissen wir zum einem durch genaue Beschreibungen von Betroffenen und auch durch Bildgebung.

    Trotzdem, SD kann grundsätzlich in allen Bereichen der grauen Substanz laufen.

    Mein Einschätzung ist, dass ein Phänomen wie SD, welches doch eine sehr massive neuronale Störung ist, im Hirnstamm schlimmere Folgen haben müsste. So wird SD im Hirnstamm auch mit dem plötzliche Säuglingstod in Verbindung gebracht (hier steht die Annahme dahinter, dass das junge Gehirn und damit auch der Hirnstamm noch anfälliger für SD ist).

    Wäre sicher mal ein gutes Thema für einen ausführlichen Blogbeitrag!

  13. Spee Dating

    Ich bin durch das “Speed Dating” auf diesen Beitrag gestoßen und hoffe, er möge gewinnen. Es bieten sich nämlich Fortsetzungen zu diversen Fragestellungen an, die hier aufgeworfen werden: die Migräne ohne (oder mit unerkannter) Aura, ihr Gegenbeispiel “Migraine sans Migraine” und, aus Patiensicht die interessanteste, die verschiedensten Ausprägungen einer nichtvisuellen Aura.

    Dazu aus eigener Erfahrung: Zwar hatte ich erst mit 25 einen ersten “klassischen” Migräneanfall samt lehrbuchmäßigem Geflimmer vor den Augen. Aus dem Alter von elf oder 12 erinnere ich mich jedoch, daß ich gelegentlich Wahrnehmungsverzerrungen erlebt habe – auf schlau ausgedrückt, Makropsie bzw. Mikropsie (meistens aber beides GLEICHZEITIG, eine äußerst merkwürdige Erfahrung), oder auch das Gefühl, ich sei selbst “nicht wirklich da” oder die ganze Welt sei irgendwie unwirklich.

    Heute weiß ich, daß dies typische Symptome von kindlicher Migräne sind; die SD scheint also im Kinderhirn andere Wege zu nehmen als bei Erwachsenen (wurde das schon mal ausführlicher untersucht?).
    Oder könnte es sein, daß es eine hohe Dunkelziffer von erwachsenen Migränikern “ohne” Aura gibt, die diese nur nicht erkennen oder einfach nicht zugeben mögen, daß sie unter “Wahrnehmungsstörungen” leiden?

    Das war jetzt eine sehr spezifische Frage, und eine Antwort hier in den Kommentaren würde mich freuen. Über die drei eingangs aufgeworfenen Punkte möchte ich dagegen gerne weitere ausführliche Blogbeiträge lesen.
    Deshalb: Mein favstar für diesen Beitrag. 🙂

  14. Seltsames und Seltenes

    Der erste Teil, also die gewünschten Fortsetzungen, betrifft unmittelbar meine Forschung, so dass es sicher den ein und anderen weiteren Artikel dazu gibt.

    Zur konkreten Frage nach der Dunkelziffer: aus Erfahrung mit Berichten in der Migraine Aura Foundation denke ich, dass visuelle Auren wirklich eher von alleine berichtet werden, gerade auch von Menschen die noch gar nicht wissen, dass die Aura Teil der Migräne ist, da die Betroffenen oft zunächst eine einfache Erklärung haben (Netzhautablösung oder anders).

    Bei Wahrnehmungsverzerrungen hat man oft keine solche “mechansiche” Erklärung parat und viele Menschen erzählen davon erst, wenn sie hören, oder eben im Internet gelesen haben, das dies recht normale Symptome sind unter denen viele leiden.

    Systematische Untersuchungen, ob diese Dunkelziffer sogar dafür sorgt, dass es eigentlich keine Unterschiede im Verlauf bei Kindern und Erwachsenen gibt, kenne ich nicht. Ich gehe aber davon aus, dass die Aura wirklich bei Kindern etwas anders Verläuft, was wieder die Frage aufwirft, warum.

    Zum Thema Makropsie bzw. Mikropsie noch der Verweis auf die Seite Body image disturbances (Alice in Wonderland syndrome) und deren Unterseiten:

    Size of the body
    Mass of the body
    Shape of the body
    Disturbances of the body image affecting its position in space

  15. heimliche Auren

    Mir ist es ähnlich ergangen. Die erste offizielle Migräne – also Übelkeit + Schmerz hatte ich mit Ende 12 und erst da ist mir klar geworden das ich einige der Symptome schon lange vorher gekannt habe, alles außer dem Schmerz, all das was Unimatrix auch schildert.

    Ab wann nennen wir es eigentlich Migräne und woran erkenne ich es?

    Bis heute habe ich Schwierigkeiten die Symptome einzuordnen, Drehschwindel, Verständnisprobleme, das Gefühl neben mir zu stehen, kribbeln, bringen mich soweit das ich mich ernsthaft frage ob ich noch voll im grünen Bereich laufe, aber da ist manchmal zeitgleich noch ein Symptom – nämlich die Übelkeit, die sich verstärkt wenn ich ins Licht schaue, also habe ich ein Wort dafür erfunden, ich nenne es “halbe Migräne”, weil es alles hat was eine Migräne haben muss bis auf den Schmerz. Und klar… normalerweise rede ich mit niemandem darüber.

  16. Einfallsreiche Auren

    Meine Frage hierzu wäre, ob es normal ist dass sich Auren im Verlauf der Jahrzehnte verändern, ausgeprägter werden – eine regelrechte “Spielfreude” entwickeln und sehr erfindungsreich sind. Diese Wortwahl mag vielleicht etwas merkwürdig anmuten, doch mein Gehirn spielt mir im Zusammenhang mit der Migräne/Aura so viele Streiche, dass ich mich frage, ob es anderen auch so ergeht.
    Kurz zu meinem background: Ich leide seit meinem 13. Lebenjahr an Migräne (fast immer in Verbindung mit Auren) – und das so heftig, dass sie mein Leben teilweise ziemlich fest im Griff hat – auch wenn ich versuche, das nicht zuzulassen. Ich spreche auch normalerweise nicht darüber, weil man dann gleich in eine Schublade gesteckt wird – und das kann insbesondere im Beruf üble Folgen haben … Und wirklich ernst genommen wird man sowieso meistens nicht …
    Zurück zu meiner eigentlichen Frage: Früher habe ich Auren hauptsächlich als Lichteffekte wahrgenommen: Blitze, blinkende Sternchen, helle Konturen um Gegenstände und Menschen, Farbverzerrungen, Regenbogenfarben. Doch je älter ich wurde (nun 47 Jahre), desto einfallsreicher ist “meine” Aura geworden: Tunnelblick, Sprachstörungen (verdrehe Wörter in einem Satz, verdrehe Buchstaben in einem Wort, finde nicht den richtigen Begriff, obwohl ich genau weiß, was ich sagen möchte …). Manchmal empfinde ich es so, als würde ich für wenige Sekunden in ein Paralleluniversum versetzt, die Welt um mich herum verändert sich – und dies wird von einem ganz merkwürdigen Gefühl begleitet. Sorry, weiß nicht, wie ich es anders ausdrücken soll. Auch das mit den Déja-vus kenne ich. Ich sehe manchmal, dass die Menschen mit mir sprechen, verstehe aber nicht, was sie sagen, weil mein Gehirn den Dienst verweigert. Die Lichterscheinungen sind sehr vielfältig geworden; die bemerkenswertesten unter diesen Lichterscheinungen sind der Eindruck, mit Überlichtgeschwindigkeit durchs Weltall zu fliegen – und die Sterne ziehen als Striche an einem vorbei. Manchmal bringt mich die Aura allerdings auch in eher unschöne Situationen, denn wenn man vor einer Ampel steht und plötzlich, ohne Vorwarnung nicht mehr die Farben der Ampel erkennt/einordnen kann und nicht mehr weiß, bei welcher Farbe, die man ja sowieso nicht mehr erkennt, man losfahren kann, so ist das schon ziemlich beängstigend.
    Daher meine Frage: Ist diese sich entwickelnde Vielfalt, der Einfallsreichtum der Aura normal, geht es anderen Migränepatienten ebenso? Übrigens dauern meine Auren, d. h. alle vorher genannten Erscheinungen, meist nur wenige Sekunden/Minuten, können jedoch auch deutlich länger als 30 Minuten andauern.
    Zum Thema Synästhesie: Ich empfinde Zahlen/Buchstaben zwar nicht farbig, doch ich verbinde schon mein Leben lang – auch wenn sich das jetzt merkwürdig anhört – Gefühle, Eigenschaften mit Zahlen und Wörtern. Ich drücke es jetzt einmal ganz plakativ aus: Es gibt definitiv “gute” Zahlen, die freundlich und nett sind, denen man vertrauen kann, und es gibt “böse” Zahlen, denen ich nicht über den Weg traue. Bei Wörtern empfinde ich es ganz genau so! Ich weiß, dass sich das ziemlich verrückt anhört – daher habe ich auch bislang noch nie darüber gesprochen! Aber so empfinde ich es.
    Letzte Frage: Meine Migräne verschwindet meist nach 20:00 Uhr abends, sodass ich automatisch zu einer regelrechten Nachteule geworden bin. Geht es anderen Migränepatienten auch so?

    • LIEBE ELKE,ob du diese Zeilen wohl nach 6 Jahren lesen wirst? Ich kann alles was du hier über diese eigenartige Migräne schreibst bestätigen, mein ganzes Leben ist geprägt von diesen Anfällen. Bereits als Kind kam ich in diese Zustände, dass ich mich selbst “wie ein rießengroßer Buchstabe pulsierend” erlebte, in der Schule sah ich die kaleidoskopFarben, die hellen leuchtenden Zacken tanzten im Auge herum, bildeteten diesen Ring, versperrten die Sicht, wie beim Auto “die blinde Zone” verdeckte “etwas” mein Gesichtsfeld, die Menschen um mir sahen ich nur teilweise, die Stimmen bzw der Sinn des Gesprochenen kam mir dann immer abhanden, der ganze Arm begann zu “ameisen” und zu kribbeln, wie ein Ring der betäubt von den Fingern kreisförmig den ganzen Arm einnahm, in die Zunge und in den Gaumen gelangt und dort jedes normale Sprechen unmöglich macht, es ist wie mit einem Auge nur sehen , gar nur schwarzweiß , eine VERSTÜMMELTE WELT……Dies geschieht mir , wie gesagt, in Abständen, seit 50 Jahren und bis heute weiß ich nicht, Wie das alles gschieht und was es sein könnte. Mal ist der Verdacht auf Zucker, mal auf Kaffee, dann ist es die Verdauungsstörung allgemein (eine Rückvergiftung) ….es findet sich nicht der Grund für solche Anfälle, die einem Schlaganfall doch sehr ähneln. Alle Wissenschaft konnte bis heute keine Erklärung finden und es grenzt an ein Wunder, wenn man mit diesen Zuständen zwischen Menschen “unbemerkt” sein kann, denn niemand ahnt, was sich im Innern abspielt, und wie “arm” man ist. In meiner Familie haben sämtliche Geschwister auf oder ab, dieselben Anfälle, ist also vererblich.
      Wäre es “nur” eine viel besprochene AugenAura (ausgelöst durch starres Schauen auf Laptop,Händy usw) würde es doch nicht so viele andere Organe in Mitleidenschaft ziehen. Meine Anfälle dauern in der Regel ca. 20-30 min und kommen gleich 2-3mal hintereinander, wenn ein Anfall “nicht ganz ausgebrochen ist”. Zudem merke ich, das dejavu , wie Vernarbungen bleiben gewisse Episoden “registriert” und werden bei jedem Anfall teilweise wieder neu erfahren. Ein wildes Karusell!!

  17. Abwechslungsreich

    abwechslungsreich und immer für eine Überraschung gut. Oh-ja Ihre Schilderung kommt mir sehr bekannt vor und deckt sich in vielen Punkten mit meinen Erlebnissen. Die Hitparade meiner Auren wechselt regelmäßig, zur Zeit sind die Sprachverständnisprobleme auf Platz eins, demnächst vielleicht wieder das Kribbeln, manchmal ist es als führte sie ein Eigenleben.

    Ob es normal ist kann ich nicht sagen, aber ich schätze das die Dunkelziffer höher als erwartet sein könnte.

    Die Migräne verschwindet um 20.00? Die Migräne-Schmerzen oder die Migräne-Auren? Einfach so, alles weg? Nein, das kenne ich leider nicht.

  18. Corona Migräne

    Ich habe öfters diese Erscheinung der
    “silbernen Zacken, die sich nach ca 20-30 min zu einem Kreis schließen.
    Aber ich habe keine Kopfschmerzen dabei.

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