Tony Petrocellis Rückblende

Graue Substanz

Manches macht man nicht nur aus Spaß an der Freud.

Gestern vor einem Monat wurde zur Ehrung der Carl Sagan Tag begangen. Als Jugendlicher interessierte ich mich noch nicht für Sagans Fernsehserie Unser Kosmos. Ich sah allerdings einige Jahre zuvor mit größter Begeisterung “Petrocelli”, was, so wurde mir nun klar, sowohl meine Auffassung von Wissenschaft als auch ganz aktuell mein Engagement im Bereich der Arbeitsbedingungen an Hochschulen (und wahrscheinlich weiteres) prägte. So wie andere vielleicht von Carl Sagan in ihrem Schaffen inspiriert wurden.

Eigentlich durfte ich diese zum Genre der Anwaltserien gehörende Sendungen als Achtjähriger nur deswegen gucken, weil im Anschluss noch eine Zeichentrickserie kam, “Spaß an der Freud” – die mit diesem Huhn. Erinnert sich noch jemand? Ein Familienspaß.

Petrocelli war der Strafverteidiger in der Serie. Jede Folge gehorchte einem bestimmten Format: Petrocellis Mandant war scheinbar eines Verbrechens schuldig, doch im letzten Moment trat ein Beweis zutage, so dass Petrocelli der Jury zumindest eine ebenso glaubhafte Alternative präsentieren konnte, nach der sein Mandant unschuldig wäre. Diese Alternative wurde nie als absolute Tatsache begründet, und es gab nie einen Hinweis auf die schuldige Person, allein der Zweifel war ausreichend, um die Freilassung seines Mandanten zu erreichen.*

Gestützt wurde die Handlung einer Sendung durch drei zentrale Rückblenden auf die Tat jeweils aus der Sicht verschiedener Beteiligter. Die Rückblenden sind somit selbstverständlich unterschiedlich, je nach dem, wessen Vorstellung oder Erinnerung gerade hervortrat.

Um die Dramatik zu erhöhen kam die Version der Staatsanwaltschaft immer als erste Rückblende. Also das, was angeblich geschehen ist. Dann wird die Version des Angeklagten gezeigt. Also das, an was er oder sie sich erinnert. Am Ende konnte Petrocelli dann seine Version darstellen. Also das, was wohl tatsächlich geschah. Die Petrocelli-Rückblende.

In dieser letzten Rückblende waren immer Elemente der anderen Versionen der Staatsanwaltschaft und seines Mandanten enthalten. Aber erst durch die neu gefundenen Beweise war nun die Unschuld seines Mandanten möglich, ja wahrscheinlich. Und nicht nur das, sie lieferte auch eine schlüssige Erklärung, warum die beiden anderen Versionen sich unterschieden. Mit anderen Worten, keine der beiden Seiten wurde als korrupt oder lügend dargestellt. Im Gegenteil, ohne diese neuen Informationen von Petrocelli erschienen die beiden Versionen aus ihren jeweils noch beschränkten Blickwinkeln als völlig folgerichtig und erst Pretocellis Rückblende erklärte auch die Fehlinterpretationen.

Ich wollte daraufhin Jurist werden. Fast acht Jahre lang. Ironischerweise wurde ich schließlich umgestimmt, weil ich befürchtete, ich müsse viel zu viel schreiben. Schreiben lag mir gar nicht, meinte ich zu wissen.

So moderat wie bei Petrocelli sollte eigentlich auch Wissenschaft funktionieren. Bei machen Themen gelingt es mehr, bei anderen weniger. Zum Thema Klimawandel scheint eine sachliche Diskussion neuer Informationen und alter Falschdarstellungen schwer (siehe hier und hier). 

Mir fällt es zur Zeit zunehmend schwerer, die Sicht einer Petrocelli-Rückblende bei den Arbeitsbedingungen, die mir geboten werden, einzunehmen. Nicht dass ich als Betroffener in irgendeiner Weise prädestiniert wäre, objektiv zu urteilen. Aber alle Seiten zu würdigen und nicht die Zeit mit der Suche nach Schuldigen zu vertrödeln, das ist eigentlich etwas, was mir ganz gut liegt.

Aber ich mache es nicht aus Spaß an der Freud.

 

Fußnote

* Obwohl ich mich sehr gut an die Serie erinnere, habe ich diesen und die folgenden drei Absätze im wesentlichen aus dem Eintrag bei Wikipedia übersetzt übernommen.

Markus A. Dahlem

Markus Dahlem forscht seit über 20 Jahren über Migräne, hat Gastpositionen an der HU Berlin und am Massachusetts General Hospital. Außerdem ist er Geschäftsführer und Mitgründer des Berliner eHealth-Startup Newsenselab, das die Migräne- und Kopfschmerz-App M-sense entwickelt.

3 Kommentare

  1. Rückblende

    “Mir fällt es zur Zeit zunehmend schwer, die Sicht einer Petrocelli-Rückblende bei den Arbeitsbedingungen, die mir geboten werden, einzunehmen.” – Mit anderen Worten, eine der beiden Seiten ist korrupt oder, haha, lügt – ist doch das Wesen der Petrocelli-Rückblende, daß “keine der beiden Seiten als korrupt oder [oder?] lügend dargestellt” i.S.v. “entlarvt” wird.

    Aber wer sollte in deiner Causa korrupt sein und also zur Lüge imstande? Du wahrscheinlich nicht – die verantwortlichen Chefs jedoch (qua definitionem) schon mal gar nicht.

    Man erkennt hier die logischen Grenzen der Petrocelli-Rückblende, in der offenbar Zeitpfeile einfach umgedreht werden können – ganz so, als könne es eine wahre Geschichtsschreibung (Informationsbewahrung) geben. Die aber gibt es nur in Vormittagsserien, wo am Ende folgerichtig die Guten gewinnen.

  2. Versagen der Konfliktlösungsstrategie

    In meiner Causa sind Zusagen zurückgenommen worden — und es sicher dumm so etwas grundlos zu tun. Im Vorfeld gab es (in meinen Augen) auch noch einen klaren Verstoß gegen die Bestenauswahl, aus mir letztlich nicht völlig bekannten Gründen.

    Kurzum, die letzten 18 Monate zusammenfassend muss ich leider ein Versagen der Konfliktlösungs- und Vermittlungsstrategien diagnostizieren. Daran scheinen Hochschulen auch wirklich im allgemeinen wenig Interesse zu haben. Kenntnis in Mitarbeiterführung = Null, so könnte man es auch zusammenfassen.

    Aber Korruption sehe ich nicht in meiner Causa. Dieser Begriff und der der Lüge stammen aus der Beschreibung des Plots bei Petrocelli. (Nicht dass es so etwas nicht auch im üblichen Maß im Elfenbeinturn gibt.)

    Ich schrieb:
    Und nicht nur das, sie lieferte auch eine schlüssige Erklärung, warum die beiden anderen Versionen sich unterschieden. Mit anderen Worten, keine der beiden Seiten wurde als korrupt oder lügend dargestellt.

    Oha, die Kommentarfunktion hat hier den Rest wohl abgeschnitten. Sehr ärgerlich.
    Nachtrag von 11.12. um 7:22

    In meinem Beitrag “Die Umgehung der Zwölf-Jahres-Regelung” versuchte ich durch den Blick auf all die verschiedenen Randbedingungen, gegeben durch Gesetze (in Bund und Land), DFG als Fördergeber, den Interessen von Präsidium, Fakultät, Institut und meinen eigenen, zu einer zumindest schlüssigen Erklärung zu kommen, warum ich außerhalb des Tarifsrechts eingestellt wurde (Fakten) und damit die Gesetzgebung (WissZeitVG) umgangen wird. Eine Sicht, die vielleicht schon nicht mehr als neutral zu bezeichnen ist — wobei mir ja explizit gesagt wurde, dieses Dienstverhältnis sei wirklich die einzige Möglichkeit die 12-Jahres-Regelung zu umgehen und mich doch zu befristen im Rahmen der Gesetzgebung (BerlHG). Es wird ein kurzfristiger Bedarf konstruiert. Dieser ist ja offensichtlich auch da! Vorab wurde mehrfach eine Beschreibung des Aufgabenkreises meiner Tätigkeiten (BAK) vom Institut vorgelegt und von der Personalabteilung dann aber abgelehnt. Einmal sogar fünf Minuten vor meiner Unterschrift. Ich hatte den Vertrag schon in der Hand … Die jeweiligen BAKs hätten zu meiner Entfristung geführt. Da greift die Universität hart durch, dazu hat eine Gremien Universität schlicht nicht die Möglichkeit. Bis dann endlich, abgestimmt mit dem Präsidium, eben dieses Konstrukt “Gastdozentur” gefunden wurde. Wenn es sein muss, weil die DFG es fordert, findet man halt doch eine Lösung — aber nur mit Befristung.

    Da hinter dieser schlüssigen Erklärung eine viel längere (und leider für mich Teils undurchsichtige, wie ich Anfangs im Kommentar schrieb) Geschichte steht, fällt es eben schwer, nicht die Position der Staatsanwaltschaft anzunehmen und öffentlich einfach anzuklagen, ohne gleich den Blick auf das Ganze zu werfen. Das will ich aber nicht im Blog machen. Hier versuche ich dann doch lieber eine sachliche Zusammenfassung aller Aspekte zu geben.

    Vorgestern berichtet “Die Zeit” über “Arbeitsbedingungen an Unis: Enorm leidensfähig“. Soweit mir bekannt, wird kommende Woche in anderen Medien das Thema weiter aufgegriffen. Dort bringe ich mich dann gerne ein, da auch Gegenpositionen in solch einer größeren Diskussion zu Wort kommen und ich dann meine Interessen vertreten kann ohne gleich alles schlüssig zu erklären zu versuchen. Ich setze einen Link vom Blog.

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