Spiralen-Halluzination

Kunst bietet einen Zugang zu den vielfältigen Halluzinationen bei Migräne.

Meine letzter Beitrag "Spiralwellen im Gehirn" konnte leicht missverstanden werden: Die dort gezeigte Spiralform einer Erregungswelle hat nichts mit den Spiralformen zu tun, die manchmal bei visuellen Halluzination während einer Migräne "gesehen" werden.

Das mögliche Missverständnis1 ist zwar leicht erklärt: die Abbildung der Welt durch unseren Sehapparat auf unserer Hirnrinde ist nicht wie die Projektion bei einem Fotoapparat. Doch das spezielle Problem der Herkunft der Spiralen – die übrigens nicht so häufig sind, wer so etwas sieht, mag sich bitte melden – also die Herkunft dieser Spiralen als Trugwahrnehmung hat eine mathematische Erklärung, die ich jetzt nicht (verständlich erklärt) aus dem Ärmel schütteln kann.2

Migränekunst: Zugang zu einer anderen Welt

Es gibt auch eine künstlerische Seite, die die Formenvielfalt im Sinnesraum thematisiert. Ich spreche von der Migränekunst und deren Sammlung. Noch nie was davon gehört? Dann wird es Zeit.

Ich will hier nur mit ein paar Bildern auf ein ganz wunderbares Buch aufmerksam machen. Jeder, der meine Beiträge mit Interesse verfolgt, wird dieses Buch lieben, da bin ich sicher. 

Ein kurzer Auszug von einer Website2 über das Migränekunst-Konzept, erklärt von Dr. med. Klaus Podoll, Mitautor des Buches:

Auch wenn die Ursprünge des Konzepts sich bis auf die Neurologie des 19. Jahrhunderts zurückführen lassen, bedurfte es doch erst des inspirierenden Beispiels der Migränedarstellungen einer Kunstlehrerin, bevor Derek Robinson in den 1970er Jahren das Migränekunst-Konzept entwickelte, das als Grundlage der vier nationalen Migränekunst-Wettbewerbe und ähnlicher Wettbewerbe in Großbritannien und den USA diente. Die Ergebnisse dieser Wettbewerbe wurden der Öffentlichkeit in einer Reihe von Ausstellungen und Publikationen aus der Laien- und der medizinischen Fachpresse vorgestellt.

(Das Buch ist übrigens in Englisch verfasst.)


Derek Robinson (links) mit Oliver Sacks (rechts) in Bracknell bei Boehringer Ingelheim Limited, November 1991. © 2011 Migraine Aura Foundation

Auf einigen Bildern sind nun auch die Spiralen zu sehen. Dieses Bild z.B. fand auch Einzug in das Buch von Oliver Sacks über Migräne.


Migraine Art: Macrosomatognosia. © 2011 Migraine Action Association and Boehringer Ingelheim Limited

Hier ein anderes Beispiel.


Entry to art contest Migraine Images, 1992. © 2011 GlaxoSmithKline

Es folgen noch ein paar Schnappschüsse des Buches. Schon nach kurzem Blättern wird mir klar, die Formenvielfalt der visuellen Halluzinationen bei Migräne ist unendliche viel reicher als die Formen der pathologischen Erregung in der Hirnrinde.

 

Ich denke Sie sehen, dass dieses Buch nicht nur reich illustriert ist sondern auch mit erklärenden Texten die Bilder begleitet. Und nun festhalten: ein Kunstbuch, 400 Seiten, immer mit hochwertigen Farbabbildungen und wissenschaftlicher Begleitung für ca. 26 Euro. Ohne Förderung durch die Pharmaindustrie. Kein Witz. Ein Wunder. Hier Bestellen.

Fußnoten

1 Die Spiralwelle im vorangegangen Beitrag war noch dazu in der Netzhaut nicht in der Hirnrinde. Allerdings diente die Netzhaut, wie der aufmerksame Leser wohl merkte, als Modell der Hirnrinde. In beiden sollten im Prinzip – Sie kennen Radio Eriwan? – gleiche neuronale Muster sich ausbilden. Würde ein Spirale in der Netzhaut bei Migräne entstehen (was gar nicht auszuschließen ist!), würden wir diese Störung auch als Spirale sehen. Kurzum, die Sache ist kompliziert.

2 Oder sind Sie vertraut mit der komplexen Darstellung der Cauchy-Riemannschen Differentialgleichungen? Nun gut, Sie haben bis hierher gelesen, dann also weiter: Bei einer konformen Abbildung vom Gesichtsfeld zum Cortex würde unsere kortikale Sehstärke, also die Anzahl der kortikalen Zellen, die visuelle Information von einen Bereich des Gesichtsfeldes bearbeiten, nicht von der Richtung abhängen, was eine vernünftige Annahme ist, genau wie die, dass alle Meridiane im Gesichtsfeld gleichberechtigt sind. Das sind zwei Symmetrieannahmen (konforme Abbildung und azimutale Symmetrie): so kommen wir nahtlos zum Logarithmus ergo Spiralen … ein anderes mal.

3 Diese Website betreibe ich gemeinsam mit Klaus Podoll, an seinem Projekt zur Migränekunst bin ich aber nicht weiter beteiligt, verfolge es jedoch mit großem Interesse. 

Link

Kurze URL zum Beitrag

http://goo.gl/WOBSb

Markus Dahlem forscht seit über 20 Jahren über Migräne, hat Gastpositionen an der HU Berlin und am Massachusetts General Hospital. Außerdem ist er Geschäftsführer und Mitgründer des Berliner eHealth-Startup Newsenselab, das die Migräne- und Kopfschmerz-App M-sense entwickelt.

20 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Mathematik

    Der Engländer Daniel Tammet ist Autist (Asperger-Syndrom) und kann gleichzeitig Synästhesie-Wahrnehmungen berichten. Bei ihm sind mathematische Rechnungen dadurch so in den erlebbaren Bereich verschoben, dass er sie visuell empfinden und beschreiben kann. Z.B. wird Division in Form einer Spirale erlebt, die sich nach unten schraubt. Größe und Form hängen von der Art der Division ab
    Literatur: Daniel Tammet: Elf ist freundlich und Fünf ist Laut, Kapitel 1, Blaue Neunen und rote Wörter

  2. Synästhesie zeitweise

    Wenn ich mich recht erinnere tritt Synästhesie auch (aber sehr selten) als Migräneaura auf, d.h. diese Art der Kopplung eigentlich unabhängiger Sinne tritt nur währen dieser Phase auf.

    Das könnte ein Schlüssel zum Verständnis der Synästhesie sein.

  3. Tammet Synästhesie

    Bei Tammet ist diese Synästhesie deswegen so interessant, weil dadurch Gedankeninhalte mathematischer Art, welche eigentlich zum sematischen Gedächtnis-/Erlebnisbereich gehören – in den Bereich bewusst erlebbarer Erfahrungen (episodischer/autobiographischer Gedächtnisbereich) verschoben werden. Dadurch kann er eigentlich unzugängliche(!) Erfahrungen beschreiben.

    Ob diese Spiral-Wahrnehmung geeignet ist, um das Verständnis für Gehirnfunktionen (einschließlich Migräne) besser zu verstehen, ist mir noch unklar.
    Ich habe hier bloß deswegen darauf aufmerksam gemacht, weil dieses Spiral-Erleben weltweit einzigartig ist

  4. Nachtrag

    Ich hab´s heute vormittag vergessen:
    Wenn jemand wie Tammet so problemlos Spiral-Effekte reproduzieren kann, indem man ihn rechnen lässt. Dann wäre das die ideale Basis um Spiralmuster im Gehirn zu erforschen – zumindest bei einem gesunden Menschen.

  5. Spiralen

    Hm… Daniel Tammet sieht Sprialen, Muster und Farben, aber er sieht keineswegs Spiralwellen die durch sein Hirn laufen oder deren Folge. Er ist kein Migräniker, also keine Wellen.

    Oder habe ich das jetzt mißverstanden?

  6. @jörg, alex

    Forschung sollte ergebnisoffen sein – daher mein Hinweis.
    Tammet sieht vor seinem inneren Auge beim Dividieren eine Spirale, die sich nach unten schraubt und dabei ihre Form verändert, je nachdem, was er rechnet. Es wäre interessant, so einen Vorgang mit unterschiedlichen Zahlenwerten zu vermessen, damit man mehr über die ´Spirale´ aussagen kann. Ob dies dann auch für die Migräneforschung nützlich sein wird, kann erst dann gesagt werden, wenn Ergebnisse vorliegen.

    Die Bilder, welche Tammet sieht, sind reproduzierbar nachprüfbar. Er empfindet Zahlen farbig und in bestimmten Formen bzw. Strukturen. Dies wurde in einer kleinen Zahl von Experimenten durch das Team von Prof. Ramachandran getestet (kalifornisches Zentrum für Hirnforschung)

  7. objektiviert

    Wenn einzelne Buchstaben in Farbe erscheinen, kann diese Tatsache durch ausnutzen des “pop out” Effektes genutzt und so objektiviert (durch schnelle Suche) werden.

    Das “B” wäre sofort sichtbar, wenn es nur in rot einem erschiene.

    Quelle Wikipedia: Visual search

    Wenn aber “Division in Form einer Spirale erlebt” wird, dann sehe ich diesbeüglich nicht den Zusammenhang mit Synästhesie.

    Trotzdem ein interessantes Phänomen!

  8. @Dahlem

    Unserem persönlichen (Wieder-)Erleben sind normalerweise nur Inhalte des episodischen/autobiographischen Gedächtnisses zugänglich und auch nur solche Inhalte sind bildlich vorstellbar.
    Inhalte des semantischen Bereiches sind zwar erinnerbar – aber nicht bildlich vorstellbar.
    Bei Tammet sind beide Bereiche verknüpft (Synästhesie), so dass ein eigentlich sonst unzugänglicher Bereich visuell vorstellbar erlebbar wird. Dieses Phänomen ist weltweit einzigartig nur von ihm bekannt. Deahalb sollten eigentlich Gehirnforscher und Informatiker bei ihm Schlange stehen, um Experimente zu machen.

  9. isländisch

    Tammet scheint doch schon gut studiert worden zu sein von Gehirnforschern. Ich hörte vom ihm nachdem er innerhalb einer Woche die isländische Sprache erlernte.

    Er litt auch an epileptischen Anfällen, da ist die Migräne gar nicht so weit entfernt.

  10. “Die Bilder, welche Tammet sieht, sind reproduzierbar nachprüfbar. Er empfindet Zahlen farbig und in bestimmten Formen bzw. Strukturen. Größe und Form hängen von der Art der Division ab”

    Indem jemand Zahlen/Buchstaben (zusätzlich) farbig empfindet (‘”pop out” Effekt,’ Kommentar M.Dahlem), entdeckt er überdurchschnttlich schnell ein “B” in einem Haufen von”P”s. Das ist objektiv meßbar und unmittelbar einleuchtend.

    Das Empfinden einer Division als eine Spirale, “die sich nach unten schraubt und dabei ihre Form verändert” – ist hingegen etwas weitaus Komplexeres – und Folgenreicheres.

    Denn hingen Größe und Form und Dynamik der Spirale mit der Lösung der (einer) Gleichung zusammen, wäre das eine Qualität, die der Mathematik zweifellos eine bisher unbekannte höhere Ordnung verliehe, die erst gänzlich ungewöhnliche Menschen zu sehen vermöchten. Kaum auszudenken – aber man hört auch von ebenso geradezu unmöglich erscheinenden Primzahl-Geschichten…

  11. @Dahlem

    Tammet´s Fähigkeiten wurden von Gehirnforschern bisher kaum untersucht (der Besuch bei Ramachandran erfolgte quasi nebenbei, im Rahmen einer USA-Reise) – und das ist das tragische an diesem Fall: ein Mensch hat solch einzigartige Fähigkeiten und die Gehirnforschung pennt.

  12. Leben auf dem Mars

    Vielleicht ist es auch schlicht schwierig seine Phänomene zu objektivieren, denn allein auf der Basis seiner Erzählung kann ein Gehirnforscher nicht viel empirisch machen. Seine Beschreibung steht für sich. Doch mehr als eine Anekdote ist es dann erst mal nicht. Neben einem empirischen Ansatz könnte man versuchen eine (überprüfbare) Theorie zu entwickeln, die diese Phänomene erklärt.

    Ich fand noch eine von Temple Grandin: “How does visual thinking work in the mind of a person with autism? A personal account” [1]. Auch hier also wieder nicht mehr als ein ” personal account”, einer anekdotenhafte Erzählung.

    Der ein oder die andere kennt ihn vielleicht durch Oliver Sacks Buch “Eine Anthropologin auf dem Mars” welches am Beispiel von Temple Grandin Autismus beschreibt.

    Literatur

    [1] Grandin T. How does visual thinking work in the mind of a person with autism? A personal account. Philos Trans R Soc Lond B Biol Sci. 364:1437-4142 (2009)

  13. Guinness-Rekord

    Einen Bericht über Migräne mit vielen Bildern aus dem von Ihnen vorgestelltem Buch, habe ich gestern in ´bild der wissenschaft´ 8/2011 gelesen.
    Dort steht auch, dass es Ihnen gelungen ist, eine Migräne-Aura von Paul den realen Strukturen der Sehrinde zuzuordnen.
    Glückwunsch! Damit sind Sie vermutlich der erste Forscher, der Gedanken dokumentiert hat – denn eine Aura ist nichts anderes als Gedanken.
    Sie sollten sich dafür einen Eintrag im Guinness-Buch der Weltrekorde machen lassen. Denn so ein Eintrag könnte das weltweite Interesse für diesen Forschungsbereich erhöhen. Damit ist es auch leichter an Forschungsmittel oder andere Unterstützungen zu kommen.

  14. visuelle Hallizinationen & fMRI

    Ich glaube Dominic ffytche war einer der ersten, die visuelle Hallizinationen mit Hilfe der fMRI objektiv nachgewiesen haben; für das Guinness Buch der Rekorde ist das aber eher ungeeignet.

    Ich kann von hier (Urlaub) leider nun nicht die Referenzen heraussuchen. Trage ich evtl. dann später nach.

    Danke auch für den Hinweis auf das aktuelle heft “Bild der Wissenschaft.”

  15. Urlaubsgrüße

    Ich wünsche noch einen schönen, angenehmen Urlaub!

    Und für danach gleich noch ´ne Frage:
    Es ist ja gelungen am Computer eine Aura den Strukturen der Sehrinde zuzuordnen – Hat man auch schon den umgekehrten Weg versucht, Strukturen der Sehrinde zu verändern und dann zu rechnen, ob/wie ´ne Aura zu sehen ist?

  16. Herkunft der Spiralen nicht so häufig

    Wußte das nicht. Hatte plötzlich vor dem Fernseher zackige, farbige, stark leuchtende Zick-Zack- Wellen von links nach rechts ziehend, mit vorausgehender Dunkelheit. Einmal während der Autofahrt..
    Es wurde mir vor den Augen dunkler und ich dachte es läge an der Wolkendecke. Plötzlich kreisrunde große sich stark drehende Kreise, dazwischen war es dunkel, aber ich konnte noch sehen, aber keinen Abstand zwischen mir und den vorausfahrenden Autos bestimmen.Ich konnte in meiner Angst noch anhand des Tachos gleichmäßig 4okmh fahren und mein Auto dann an den Straßenrand zum Stehen bringen.Nach einiger Zeit war alles vorbei. Keine Kopfschmerzen,nichts.

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