Nachtrag zu SPON und Frontal21 …

Graue Substanz

… und Auftakt zum heutigen Fachgespräch: Perspektiven für den wissenschaftlichen Nachwuchs.

Nachdem die Presse (hier, hier und hier) auch meine Arbeitssituation aufgegriffen hat, die ich Ende November 2011 im Blog (“Die Umgehung der Zwölf-Jahres-Regelung“) offen legte, will ich den Kernpunkt zusammenfassen.

Für heute (9.30 Uhr) lud der Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung Sachverständige für ein zweistündiges Gespräch, dass live und nachträglich in der Mediathek des Deutschen Bundestages nur durch Anwesenheit verfolgt werden kann (Dank an @A_Schillhaneck). Solche Sitzungen leben auch von Beispielen, damit die Öffentlichkeit konkret nachvollziehen kann, wie es aussieht in der Bildungsrepublik.

Als langjähriger Mitarbeiter einer Universität, wurde mir eine Gastdozentur als Ersatz für eine bereits rechtlich verbindlich zugesagte BAT 1a (heute E15) angeboten. Die Gastdozentur ist eigentlich gedacht, um externe Gäste neu an die Universität für 1-2 Semster zu holen. Die Universitätsleitung hatte sich dagegen verpflichtet mich für 9 Semester weiterlaufend einzustellen, da ich solange mehrere Drittmittelprojekte leiten sollte. Es gab dazu bescheidene Vorgaben meinerseits, unter welchen Bedingungen dies geschehen könnte, die unmissverständlich klar akzeptiert wurden. Nachdem allerdings die Fördermittel für meine Drittmittelprojekte zugesagt waren, zog die Univerwaltung das Angebot zurück und bot mir die Gastdozentur an, die über 1000 Euro schlechter dotiert ist, als das bereits zugesagte Angebot  also sogar deutlich schlechter als mein vorheriges Gehalt und nicht mal ein Arbeitsvertrag im rechtlichen Sinn ist.

Trotz dieses Wortbruchs und einer in meinen Augen klar nicht zweckkonformen Gesetzesauslegung, sehen weder das Präsidium der Universität hierin ein rechtliches Problem noch hat die Senatsverwaltung für Bildung Jugend und Wissenschaft als Aufsichtsbehörde etwas an dieser Situation zu beanstanden.

Da soll mir niemand Bildungsrepublik rufen. Nicht mal das Wort Fürsorgepflicht sollte man hier in den Mund nehmen. Die ist nämlich offensichtlich manchmal nicht vorhanden bei einem staatlichen Arbeitgeber. Dabei gibt es rechtlich saubere Lösungen, die mich auch befristet forschen lassen. Dagegen habe ich nämlich nichts, solange ich nicht weniger verdiene als deutlich jüngere Hochschulangestellte, die nicht mal Personalverantwortung und Lehraufgaben übernehmen, und – wichtiger noch – solange ich eine Perspektive bekomme.

Markus A. Dahlem

Markus Dahlem forscht seit über 20 Jahren über Migräne, hat Gastpositionen an der HU Berlin und am Massachusetts General Hospital. Außerdem ist er Geschäftsführer und Mitgründer des Berliner eHealth-Startup Newsenselab, das die Migräne- und Kopfschmerz-App M-sense entwickelt.

9 Kommentare

  1. Sichere Zukunft

    Lieber Herr Dahlem,

    Ihre spezielle Situation durchschaue ich nicht, kann darum dazu wenig sagen. Ich möchte statt dessen die Gelegenheit für eine allgemeinere Anmerkung nutzen:

    Ich erinnere mich noch gut an die Zeit, als ich arbeitsloser Privatdozent war. Der Gedanke hat mich damals fast verrückt gemacht, daß ich kurz nach der Hälfte des statistisch erwartbaren Lebens aus der Wissenschaft herausfliegen könnte. Eine Alternative zwischen Pförtner und Professor war in meinem Fall nicht zu sehen, schon gar nicht eine, die es mir erlaubt hätte, weiterhin als Wissenschaftler zu arbeiten. In dieser Situation waren/sind sicher nicht wenige. In Deutschland war nicht möglich, was es in Österreich damals gab: wer sich habilitierte, hatte ein Quasi-Anrecht auf eine Stelle zwar nicht als Professor, aber doch als Universitätsdozent.

    Dabei wäre ich mit weit Bescheidenerem zufrieden gewesen. Ich hätte mir gewünscht, es gäbe ein Dauerstipendium oder etwas ähnliches, gerade ausreichend zum Leben, also etwa in der Höhe von Hartz IV, vielleicht verbunden ist mit einer gewissen Lehrverpflichtung, aber halt ohne die Verpflichtung, irgendeine Arbeit anzunehmen. Das hätte es einem ermöglicht, weiterhin zu forschen. Ich verstand nicht, warum es das nicht gab. Der Staat hätte billige Arbeitskräfte bekommen, denn so ein Hartz-Wissenschaftler arbeitet ja im allgemeinen in jeder freien Minute, also bis zu doppelt so viel wie ein normaler Angestellter, entweder, weil er doch noch Karriere machen will, oder weil er halt Wissenschaftler ist und ohnehin nichts anderes täte, ob er nun dafür bezahlt wird oder nicht. Der Anreiz, Karriere zu machen, wäre wegen der geringen Summe immer noch gegeben, aber es würden nicht Leute ihre doch (für den Staat) sehr teuer erworbene Qualifikation Jahrzehnte zu früh wegwerfen müssen.

    Für mehr ordentlich bezahlte langfristige oder Dauerstellen an den Universitäten zu kämpfen, seien es nun Professuren, seien es Stellen im Mittelbau, ist ja schön und gut. Aber es werden immer viel weniger sein, als es Bewerber gibt. Und solche Stellen wird es immer nur für die geben, die in die jeweiligen Anforderungsprofile passen. Wer seinen eigenen Weg geht, also etwa sein Leben lang „seine“ Forschungsfrage verfolgt statt das zu tun, was gerade angesagt ist, paßt da eher wenig rein.

    Natürlich sind meine damaligen Gedanken unausgegoren. Aber dennoch: Könnte man so etwas nicht zum Gegenstand machen – wenn nicht gleich einer politischen Kampagne, so doch vielleicht eines „Bloggewitters“ oder was auch immer?

    Viele Grüße

    Ludwig Trepl

  2. BGE

    Ich denke, diese Argumentation gilt auch für andere Bereiche und geht in die mir nicht unsympathische Richtung des bedingungslosen Grundeinkommens. Das wäre dann eine andere Diskussion.

    Ansonsten würde ich es bevorzugen, dass für staatliche Universitäten gilt, was auch für private Unternehmen gilt. Dann wäre viel gewonnen. Da es aber einen sehr hohen Eigenantrieb gibt (das ist ja auch der Hintergrund Ihrer Frage und hinter dem BGE), wird dieser schamlos ausgenutzt. Würde ich klagen, hätte ich meine Dauerstelle im Mittelbau, davon bin ich überzeugt, soviele Fehler hat die Personalabteilung und andere gemacht. Aber kann ich danach in Ruhe forschen?

    Ich will gerne an der Uni und in der Forschung bleiben, aber nicht um jeden Preis und nicht mit verbogenem Rückgrat.

  3. Unsagbar…

    Lieber Herr Dahlem, ich drücke weiter die Daumen fürs Ausland, denn für alles andere lohnt leider die Energie nicht…

    Herr Trepl, Ihre Argumentation kann ich zwar nachvollziehen, aber – Ihren Forschergeist in Ehren – sollte es einem Wissenschaftler nicht möglich sein, nach einer langen und kostspieligen Ausbildung auch ausreichend entlohnt zu werden?

    Deutschland möchte zwar Forschungsstandpunkt sein, sieht dann aber verständnislos nach, wenn immer mehr Forscher zwangsläufig das Weite suchen.

  4. @ Markus A. Dahlem und @Bettina Frank

    Frau Frank, Sie schreiben: „Ihre Argumentation kann ich zwar nachvollziehen, aber … sollte es einem Wissenschaftler nicht möglich sein, nach einer langen und kostspieligen Ausbildung auch ausreichend entlohnt zu werden?“

    Das ist eben das Dilemma. Wenn man sagt: Wir tun doch etwas Sinnvolles für die Gesellschaft, wir tun es ohnehin, auch unbezahlt, nur wenn wir anders nicht einmal leben können, dann müssen wir eben gezwungenermaßen aufhören mit der Wissenschaft, darum gebt uns wenigstens so viel, daß wir leben können – dann drückt man den Wert der wissenschaftlichen Arbeit. Aber andererseits: wenn man nur das sagt, was Sie sagen – also so argumentiert, wie ein typischer Gewerkschaftler, den die, die aus dem bezahlten Arbeitsleben herausgefallen sind, einfach nicht mehr interessieren –, dann bedeutet das eben für viele Wissenschaftler das Ende ihres Lebens als Wissenschaftler, denn es wird die sozusagen für ein standesgemäßes Leben ausreichende Entlohnung für alle nie geben.

    Herr Dahlem, ich würde diese Diskussion trennen von der um das bedingungslose Grund einkommen. Es ist ein besonderer Fall, daß es einerseits „einen sehr hohen Eigenantrieb gibt“ (wie bei Künstlern) und andererseits eine Menge verschwendet wird, wenn die sehr kostspielige Ausbildung zu keiner entsprechenden Tätigkeit führt. Hinzu kommt, daß man in der Wissenschaft nicht so leicht sagen kann: Wer gut ist, findet eine Stelle, wenn die anderen keine finden, ist es für die Gesellschaft nicht so schlimm. Denn ob es Stellen, hängt von Moden, vom geschickter Politik bestimmter Wissenschaftlergruppen ab, wer sie bekommt, hat, von den Extremen nach oben und unten abgesehen, meist nicht allzu viel zu tun mit der wissenschaftlichen Qualifikation. Das kommt anderswo auch vor, aber nicht so häufig. Und es läßt sich in der Wissenschaft kaum voraussagen, wann das Verfolgen einer bestimmten Frage von gesellschaftlicher Bedeutung ist; was heute abseitig erscheint, kann die größte Bedeutung erlangen und umgekehrt.

    Aus all dem ergibt sich, meine ich, eine sehr spezielle Situation für Wissenschaftler, und die sollte man auch gesondert behandeln.

  5. @ Ludwig Trepl

    Das geht nun aber schon sehr ins Philosophische. 😉 Aber auch diese müssen essen und die Miete bezahlen. 🙂

    Mal im ernst, was ist denn Ihr Fazit? Konnte ich aus Ihrem Posting nicht so wirklich erkennen.

    Die Ausgangsfrage war ja, wie man hier in Deutschland mit seinen Wissenschaftlern umgeht und nicht, ob es ein gesichertes Grundeinkommen für alle geben sollte. Das ist wieder eine ganz andere, aber anscheinend ebenso unlösbare Aufgabe.

    Andere Frage: Wieso gelingt es im Ausland, Wissenschaftler anständig zu entlohnen, mehr noch, sie zu fördern und zu unterstützen? Geld haben die dort auch nicht mehr, aber die Prioritäten sind anders gesetzt.

  6. Wie funktioniert es im Ausland?

    Ich kann hier nur fuer Grossbritannien sprechen. Die bessere Situation (Studierenden/Professorenverhaeltnis 20:1 bis 10:1) hat u.a. folgende Gruende:

    1) hohe Studiengebuehren fuer nicht-EU Studenten von ca. 20.000 Euro pro Jahr (bringt an unserer Uni z.B. 100 Millionen Euro pro Jahr extra).
    2) teilweise Bezahlung von Dozenten durch Fellowships (etwa 5-10% aller Dozenten). Fellowships werden sowohl staatlich als auch durch Stiftungen finanziert (Royal Society, Wellcome Trust, Cancer Research UK, British Heart Foundation). Diese Stiftungen haben zusammengenommen ein Jahresbudget von mehr als 2 Milliarden Euro.
    3) mehr durch internationale Gelder geschaffene Professuren (z.B. Said Business School in Oxford).
    4) nur etwa 1/3 bis 1/4 so viele Doktoranden wie in Deutschland. Graduate School nehmen jedes Jahr 3-10 Doktoranden auf und nicht wie in Deutschland 20-40!

    Leider scheint keiner dieser 4 Gruende eine Option fuer Deutschland zu sein so dass ich auch eher zum Auswandern raten wuerde.

  7. hab einen wichtigen Grund vergessen

    5) Dozenten/Professoren sind groesstenteils in der Gewerkschaft (UCU). Diese Gewerkschaft schafft es sehr gut die Bedingungen zu verbessern. So hat sie vor ein paar Jahren eine Gehaltssteigerung fuer Berufseinsteiger durchgesetzt (d.h. Dozenten Anfang 30 bekommen jetzt mitunter das gleiche Nettogehalt wie 40-jaehrige W2-Professoren in Deutschland).

    Naja, der deutsche Hochschulverband ist eben kein Marburger Bund. Ausserdem sind Hochschullehrer in GB keine Beamten, d.h. es darf auch mal gestreikt werden. Dafuer gibt es auch keine tenure mehr (dafuer aber unbefristete Stellen).

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