Mit Migränehintergrund

BLOG: Graue Substanz

Migräne aus der technischen Forschungsperspektive von Gehirnstimulatoren zu mobilen Gesundheitsdiensten.
Graue Substanz

Die Frage vom letzten Beitrag kann ich auch umdrehen, was bezeichnet man mit Migräne, abgesehen von der Krankheit selbst?

Stuttgart 21 hat Migräne – Die Wahrheit über den Stresstest. Das war neben so vielen anderen eine Überschrift letztes Jahr zu diesem kontroversen Thema.

Für mich, der selber nicht an Migräne leidet aber seit Jahren darüber forscht und schreibt, ist es nach wie vor schwer abschätzbar, ob solche journalistischen Kunstgriffe der Stigmatisierung Vorschub leisten oder zumindest beleidigend aufgefasst werden. Nebenbei frage ich mich auch, ob der Verfasser wirklich denkt, seine Metapher sei treffend oder schafft zumindest mehr Aufmerksamkeit.

Ich stolperte öfter über solche Metaphern bei der automatisierten Suche nach englischsprachigen Blogbeiträgen zum Thema Migräne. Dann finde ich Vergleiche wie z.B. bei einer CD-Kritik diesen Vergleich in der New York Time zweier US-amerikanischen Bands, “The Antlers” und “The Decemberists”:

It can get too dour, this image wrangling, like the Decemberists with a migraine.

Dour,  also mürrisch macht die Migräne. 

Manchmal ist zumindest ersichtlich, wo der Zusammenhang zur Migräne herkam, auch wenn dann die Metapher eher noch fragwürdiger wird. Etwa wenn über die Vorwahlen in den USA berichtet wird, wie hier “Eineinhalb Jahre Kopfschmerzen“. Die Kandidatin Michelle Bachmann geriet wegen ihrer Migräne in die Schlagzeilen. Trotzdem sollte man sich nicht leichtfertig verleiten lassen, diese Erkrankung gleich als Metapher auf den Wahlkampf zu übertragen. Der Titel ist das eine, im Text steht: “Ich krieg’ Migräne!!!”.

Ein anders Beispiel, die Kräuselmigräne, ein Klassiker, ein Beispiel das ich mag, weil es sehr hintergründig den langsamen Einsatz der oft verschwommenen Sehstörungen sprachlich aufgreift:

I Feel a Ruffle Migraine Coming On.


Jerry Seinfelds Modeflop

Auch wenn diesen Humor nicht jeder teilen wird, können wir uns sicher einigen, dass es gute und schlechte Beispiele gibt.

Ich könnte Seitenweise weiter machen. Denn leider gibt es kaum gute (Blog)Beiträge über Migräne (weswegen meine Serie “Migräne gebloggt” bisher nur #1 und #2 umfasst), dafür aber jede Woche wieder eine neue Variante der Metapher mit Migränehintergrund. Nur ein paar der intelligenteren will ich aufgreifen.

Die “sofortige Migräne” fand ich in “A Light Fantastic Could Illuminate New York“. In scheinbar klarer Unkenntnis des Attackenverlaufs, so plötzlich geht das nicht oder wollte der Autor hier bewusst den Kontrapunkt setzen und ein Oxymoron schaffen? Nein er spielt auf die Lichtempfindlichkeit und Licht als Auslöser an. 

Then it was downstairs to the food court. After a few hours spent talking about effective lighting, a walk into this place brings on an instant migraine. 

Wie auch bei der “Kräuselmigräne” sehe ich dies als weniger plump an verglichen zu den vielen anderen – ob die Anspielungen wirklich bewußt gemacht wurden, weiß ich natürlich nicht.

Die zunächst langweiligere “migräneauslösende Aufgabe” fand ich auch öfter, wie hier in der New York Times “With No Mothers-in-Law in Sight, a Night Ends in Romance

To arrange a City Ballet season is, no doubt, a migraine-inducing task. But there must be a better way.

Oder, zum Abschluss, die “migräneauslösende Aufgabe” in einem Blogbeitrag über den Haushaltsplan der Vereinigten Staaten und zwar gleich im Titel: Can’t Handle The Migraine From Reading The 165 Page CBO Report? Then Read This Nutshell Version.

Ob hier Grenzen überschritten werden, sollten Betroffene selbst beurteilen. Ich wundere mich eher, wie gedankenlos oft Migräne als Metapher dient, bei anderen Erkrankungen jedoch, glaube ich, sensibler damit umgegangen wird. Oder kennt jemand ähnliche Fälle, zum Beispiel dass Epilepsie in Situation, in denen man sich schütteln möchte, gebraucht wird, oder dass Alzheimer bei den Gedächtnislücken der Politiker als Metapher herhalten darf? Letzteres vielleicht in der Umgangssprache aber nicht in der New York Times.

Interessant finde ich vor allem aber, in welchem Zusammenhang Migräne jeweils gesehen wird, wie meine Beispiele, in denen suggeriert wird, dass Aufgaben “migräneauslösend” sein können. In diesen Metaphern verbirgt sich subtil, welches gesellschaftliche Bild der Migräne wir haben.

Markus Dahlem forscht seit über 20 Jahren über Migräne, hat Gastpositionen an der HU Berlin und am Massachusetts General Hospital. Außerdem ist er Geschäftsführer und Mitgründer des Berliner eHealth-Startup Newsenselab, das die Migräne- und Kopfschmerz-App M-sense entwickelt.

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