Migräniker, Migränepatient oder Mensch, der unter Migräne leidet?

BLOG: Graue Substanz

Migräne aus der technischen Forschungsperspektive von Gehirnstimulatoren zu mobilen Gesundheitsdiensten.
Graue Substanz

Wie bezeichnet man Menschen, die an Migräne erkrankt sind?

Diese Frage stelle ich mir immer mal wieder.

Zu leicht tappt man in eine Falle und diskriminiert. Sprache schafft wohl unvermeidlich die Grundlage für Diskriminierung. Die Hintergründe, zu “Sprache und Ungleichheit” hat Anatol Stefanowitsch gestern in Aus Politik und Zeitgeschichte, einer Beilage der Wochenzeitung Das Parlament (zur PDF-Datei oder online lesen), beschrieben. Er selbst bezeichnet das Thema für sein Sprachlog als “eins der schwierigsten Themen überhaupt”, das er gerade wohl deswegen auch dort regelmäßig aufgreift.

Als ich seinen Artikel las, wollte ich ihn schon zu seiner Meinung über die oben genannten Frage fragen. Doch er gab die Antwort dann im letzten Satz:

Diese Bezeichnungen können nur von den betroffenen Gruppen selbst kommen, und auch sie werden nie unumstritten sein. Aber das ist in diesem Fall auch wünschenswert.

Ich bitte darum, den Artikel von Anatol Stefanowitsch vorab zu lesen. Viele Aspekte werden dort sehr gut erklärt und allgemeine Fragen und Kommentare sollten in seinem Blogbeitrag gestellt bzw. gemacht werden. Konkret will ich hier gerne wissen, wie meine Leser eine sprachliche Unterscheidungen sich wünschen, da wo sie unvermeidlich ist.

Ich sehe vielfältige Probleme, mit den drei Vorschlägen im Titel. Warum zum Beispiel nicht Migränikerinnen? Der Migränepatient ist Patient aber nicht jeder, der an Migräne erkrankt ist, geht zu einem Arzt. Und warum sollte ich das Leid hervorheben, wie in der dritten Variante?

Es ist leicht zu merken, welche Form ich bevorzuge, zweimal habe ich sie ja nun schon verwendet (verwenden müssen). Es sind Menschen, die an Migräne erkrankt sind. Doch manchmal halte ich mich selbst nicht immer an diese Form. Sollte ich?

 

Markus Dahlem forscht seit über 20 Jahren über Migräne, hat Gastpositionen an der HU Berlin und am Massachusetts General Hospital. Außerdem ist er Geschäftsführer und Mitgründer des Berliner eHealth-Startup Newsenselab, das die Migräne- und Kopfschmerz-App M-sense entwickelt.

45 Kommentare

  1. ich habe hin und wieder migräne und mir ist es völlig wurscht, wie man das bezeichnet. “mensch, der unter …” ist allerdings das blödeste, was in frage kommt. da wir ohnehin nur von menschen und nicht von goldhamstern mit migräne reden, ist der verweis auf mein menschsein völlig überflüssig.

  2. Satz mit X

    Bilden Sie doch bitte mal einen Satz, oder vervollständigen diesen:

    “Dass ich Migräne habe, würde ich in einem Jobinterview nie sagen, denn ich denke, … werden diskriminiert.”

    Wie würden Sie sich bzw. diese Gruppe von Menschen gegenüber einer vertrauten Person bezeichnen? Das ist es, was mich interessiert.

  3. Danke

    Dass Sie sich über die “korrekte” Formulierung Gedanken machen, lieber Herr Dahlem, zeigt einmal mehr den Respekt und die Ernsthaftigkeit, mit der sie sich immer diesem Thema widmen. Dafür danke! 🙂

    Ich würde Migräniker als gute und eigentlich überall passende Formulierung empfinden. Ich selbst bezeichne mich entweder als Migränikerin, oder ich teile mit, dass ich unter Migräne leide.

    Im Text, finde ich, muss man nicht zwangsläufig auch die weibliche Form immer wieder hervorheben. Kaum eine betroffene Frau würde sich “diskriminiert” vorkommen und wenn doch, hat vielleicht sie ein Problem? 😉

    @Knallfrosch: Als überflüssig würde ich – mit Respekt – eigentlich nur ihren Beitrag bezeichnen.

  4. Migräneopfer (Ungefähr 1.430 Ergebnisse)

    Sprache schafft wohl unvermeidlich die Grundlage für Diskriminierung.

    Ein Migränepatient, der 60 Mal im Jahr im Betrieb fehlt, wird vermutlich sogar dann diskriminiert*, wenn eine Kündigung in Unkenntnis des Namens der Krankheit erfolgt.

    Sprache ist Ausdrucksmittel aber weder Grund noch Grundlage für das Ausgedrückte. Wer nicht diskriminieren will, soll es einfach unterlassen. Wer es bewusst tut, der will es auch. Hier der Sprache eine über die Rolle als Ausdrucksmittel hinausgehende Funktion zuzuschreiben erinnert mich an den berühmten toten Boten, der die schlechte Nachricht brachte.

    * Im Rechtssinne liegt eine Diskriminierung nicht vor, weil eine solche Kündigung „sachlich begründet“ wäre.

  5. Was ist an Migräne besonders?

    Was unterscheidet denn die Migräne von anderen Erkrankungen dergestalt, dass man sich bei an Migräne Erkrankten über die Bezeichnung besondere Gedanken machen muss und nicht einfach der bei anderen Krankheiten üblichen Formulierung folgen kann?

    Wäre ich Migränekranker (oder Krebskranker etc.), oder meinetwegen auch an Migräne (oder Krebs etc.) Erkrankter, dann würde ich mir eher wünschen, dass die Fachleute an einer Methode arbeiten, mir zu helfen, anstatt ihre Zeit dafür aufzuwenden, wie sie mich denn nun bezeichnen sollen.

    Auch in der Unterscheidung zwischen Migräne und anderen Krankheiten, die Sie ja implizit vornehmen, liegt übrigens eine Diskriminierung, denn es liegt der Überlegung ja offenbar die Annahme zugrunde, Migräne sei anders einzuordnen als andere Krankheiten.

    Warum sollte das so ein?

    Ein Migränekranker oder eine Migränekranke ist krank und sollte, wie jede(r) andere Kranke auch seiner oder ihrer Erkrankung angemessen behandelt und geschont und sollte Schutz vor Verächtlichmachung oder gesellschaftlicher Benachteiligung als Folge seiner Erkrankung genießen.

    Ich sehe keinen Anlass, mit dieser spezielle Erkrankung anders zu verfahren, als man es mit anderen Erkrankungen machen sollte.

  6. “Zu leicht tappt man in eine Falle und diskriminiert.”

    Diese Sorge, daß das “zu leicht” geschehe, kann ich nicht ganz nachvollziehen. Die Intention eines Textes erschließt sich, auch und nicht zuletzt, über den Kontext – das wird hier wie dort nicht ausreichend thematisiert, wie ich finde.

    Wenn ein Autor in hilfreichen, wissenschaftlich motivierten, weitreichenden Artikeln über Migräne (wie in diesem Blog) die Betroffenen sagen wir als “Migräniker” bezeichnet, wer käme auf die Idee, er, der Autor, diskriminiere damit die Betroffenen? Schreibt er doch stets eindeutig und klar im Sinne der unter dieser Krankheit Leidenden – ohne subtile Einwürfe, die diese Erkrankung bei geeigneter Lesart etwa in die Nähe einer “Geisteskrankheit” rücken?

    Und andererseits ist es zweifellos möglich unter geschickter Umgehung aller denkbaren nominalen Klippen und Untiefen, eine irgendwie ausgezeichnete Gruppe von Menschen, zu stigmatisieren – im Kontext des Geschriebenen.

    Ein “wohlmeinender” Autor, sofern er der Sprache, der er sich bedient, mächtig ist, muß keine Angst bei der Wahl seines Vokabulars haben, solange er seine Leser nicht in ein hermeneutisches Dickicht zwingt, das er selbst zu verantworten hat.

  7. Diskriminierung von Kranken

    Ich denke, man macht sich etwas vor, wenn man wirklich davon ausgeht, Diskriminierung von Kranken sei ein Problem, das ursächlich durch sprachliche Gepflogenheiten bestimmt ist, letztendlich also immer eine Art Definitionsproblem.

    Das mag zwar in vielen Fällen so sein. Wenn aber gesunde Stellenbewerber denen vorgezogen werden, die an einer bestimmten Krankheit leiden, dann geschieht das aus einem ökonomischen Kalkül heraus: Weil das Unternehmen davon ausgeht, in vielen Fällen zu Recht, dass die Einstellung des gesunden Bewerbers profitabler ist – aus diversen Gründen, die keineswegs alle imaginär oder bloßen Vorurteilen geschuldet sind.

    Es ist meines Erachtens naiv, zu hoffen, dass Sprachregelungen hieran etwas ändern. Einem Bewerber, der mit echtem Bedauern und wirklich freundlichen, wohlgesetzten und wohlüberlegten Worten abgelehnt wird, wird das kein wirklicher Trost sein.

    Letztendlich wird, wenn die Benachteiligung kranker Menschen im Berufsleben verringert werden soll, die Gesellschaft Geld in die Hand nehmen müssen. Es geht hier nicht ohne Quoten, und es geht nicht ohne Maßnahmen, die den Kranken das Berufsleben trotz ihrer Krankheit ermöglichen. Das kostet zwar Geld, aber was soll’s … dann kostet es halt Geld.

    Mir fällt übrigens gerade – dies ohne Bezug zum vorher Gesagten – ein Erlebnis aus meinem Zivildienst im Krankenhaus ein:

    Da war eine Sozialarbeiterin, die sehr viel Aufhebens um Formulierungen und Worte machte (und übrigens auch immer darauf achtete, dass auch sonst niemand ein Wort verwendete, das sie auf die schwarze Liste gesetzt hatte).

    Sie sprach grundsätzlich nicht von Kranken ohne das Adjektiv “vermeintlich”. Vermutlich meinte sie, “krank” sei allzusehr mit negativen Assoziationen behaftet und müsse deswegen abgefedert werden.

    Jeder im Pflegepersonal ging ihr aus dem Weg, denn ganz im Ernst, sie war mit ihrer gnadenlosen Ernsthaftigkeit ungeheuer nervig – eine wandelnde Wortpolizei.

    Aber gerade bei den Patienten (oder sollte ich sagen, bei den “vermeintlich Kranken”), also denen, denen ihre Bemühung zur Rúcksichtnahme eigentlich dienen sollte, kam sie mit ihrer Art gar nicht an. Die meisten sagten ihr das nicht direkt, sondern machten sich hinter ihrem Rücken über sie lustig.

    Ein Patient mit Krebs im Endstadium, sonst immer ein ruhiger, umgänglicher Mensch, schnauzte sie allerdings direkt an: “Vermeintlich krank? Sie meinen, ich sei nur vermeintlich krank? Wissen Sie was, ich wünsche Ihnen, sie hätten nur einen Tag meine vermeintliche Krankheit, dann würden Sie nicht so dumm daherreden!”

    That made my day.

  8. “Dass ich Migräne habe, würde ich in einem Jobinterview nie sagen, denn ich denke, … werden diskriminiert.”

    sehen sie mal, herr dahlem, das ist doch das problem: man denkt, man könne diskriminiert werden. aber das stimmt vielleicht gar nicht.

    und nein, ich muss in einem jobinterview nicht über körperliche befindlichkeiten reden. daher ist es auch relativ sinnfrei, diesen satz zu vervollständigen, auch wenn ihre absicht ganz klar wird: sie suchen explizit ein beispiel heraus, wo man eher von menschen mit migräne reden würde, als z.b. beim neurologen, wo sicher naheliegend von migränepatienten die rede ist.

    Als überflüssig würde ich – mit Respekt – eigentlich nur ihren Beitrag bezeichnen.

    @mensch mit dem namen bettina frank
    das ist ihnen völlig unbenommen. wenn sie sich besser damit besser fühlen, an ihr menschsein erinnert zu werden, so what.

  9. “Ich habe ein Gehirn mit Migränehintergrund” wäre vermutlich am treffendsten. 😀
    Scherz beiseite, “Migräniker” ist wohl die beste Option. “An Migräne leidend” oder “Migränepatient” erweckt den (meistens) falschen Eindruck, die Betroffenen wären permanent mit ihrem Dröhnschädel beschäftigt bzw. dauerhaft behandlungsbedürftig, was aber nur in schweren Fällen zutrifft.
    “Migräniker” klingt zwar ähnlich dramatisch, aber man kann es auch analog zum Begriff “Epileptiker” sehen; das sagt ja auch nicht aus, daß jemand einen epileptischen Anfall nach dem nächsten erleiden würde.
    Im Alltag sage ich meistens einfach “Ich habe gelegentlich Migräne” (wenn es um die konkreten Attacken geht) oder eben tatsächlich “ich habe ein Migränehirn”, wenn ich klarmachen will, daß die Migräne natürlich auch in beschwerdefreien Zeiten eine ständige Begleiterin ist.

    [Antwort:
    Diese Antwort habe ich völlig überlesen, da ich sie mit meiner überlappte.

    “Metapher mit Migränehintergrund”, das war einer meiner nächsten Titel zur Nutzung des Begriffs “Migräne” als Metapher. Er ist schon in der Pipeline. Aber “Gehirn mit Migränehintergrund” finde ich es auch gut.

    Aber eigentlich will ich nur kurz für den Hinweis danken zum Aspekt, dass die Benennung auch so klingen kan, das Betroffene permanent leiden. Das stimmt genau und ist in sich interessant.

    Gruss M. A. Dahlem]

  10. .

    @Michael Kahn

    Du machst es Dir da zu leicht, denke ich.

    Wenn ich Du Dir nur mal die Unterschiede in der Worthäufigkeit zwischen Migräniker und Epileptiker anschaust, dann wird klar, das dieser Unterschied existiert (und mich bisher oft davon abgehalten hat, “Migräniker” als Bezeichung zu verwenden).

    Und auch Dein Einwand dass “Fachleute an einer Methode arbeiten [sollten Migränikern] zu helfen, anstatt ihre Zeit dafür aufzuwenden, wie sie mich denn nun bezeichnen sollen” ist völlig schräg. Ich habe geschätzt in 15 Minuten diesen Beitrag geschrieben und nutze immer, wenn ich darüber schreibe, einige Sekunden meiner Zeit, es sachlich richtig und angebracht zu schreiben. Das und nicht mehr steht der Zeit gegenüber, in der ich das andere mache.

    Die Autorin Siri Hustvedt hat in ihrem Buch “Die zitternde Frau: Eine Geschichte meiner Nerven” darauf hingewisen, das man Epileptiker (auch) sein kann, Krebs aber hat. Ich muss dass nochmal nachlesen. Aber es gibt eben schon Unterschiede — in der Sprache.

    @Knallfrosch

    Beantworten Sie doch einfach meine Frage.

    @Jörg Schütze

    Wie ich oben schon schreib, nutze ich Migräniker sehr selten, weil ich eben mich über das seltene Vorkommen dieses Wortes wundere — und so selbstverstärkend die Nutzung vermeide.

    Ansonsten gebe ich Dir gerne recht, der Zusammenhang gibt mir meist die Formulierung vor, also ob z.B. das Leiden im Vordergrund steht (Migräneleidende), die Behandlung (Migränepatient) etc.

  11. Haben und Sein

    Soweit ich es nun finden konnte, weist Hustvedt auf den Unterschied hin, dass man nicht sagen kann “I am cancer” oder “I am cancerous”. Man sagt “I have cancer”. Dagegen sagen wir “I’m epileptic” oder “I’m bipoloar”. Neurologische Erkrankungen und psychiatrische Störungen betreffen das Selbst, das Innere was eine Person ausmacht.

  12. @KNALLFROSCH: GEGENREDE

    man denkt, man könne diskriminiert werden. aber das stimmt vielleicht gar nicht.

    http://arbeits-abc.de/vorstellungsgespraech-der-umgang-mit-fragen-zur-krankheitsgeschichte/

    Bei Bewerbern, die in der Vergangenheit häufiger oder langfristig gesundheitlich beeinträchtigt waren, wird vermutet, dass dies auch in Zukunft der Fall sein wird, selbst wenn die Krankheiten längst auskuriert sind.

    Treffender als Michael Kkan in seinerm zweiten Absatz seines Kommentars von 17:33 kann man es kaum auf den Punkt bringen.

  13. Behinderungsgrad

    Zwei Bemerkungen, obwohl diese eigentlich nicht hierher sondern in einen eigenen Beitrag gehören:

    Die volkswirtschaftliche Belastung durch Migräneerkrankungen schätzt man mit über 3 manchmal sogar über 4 Milliarden Euro jährlich allein in Deutschland als Folge von Arbeitsunfähigkeit und reduzierter Produktivität. (Als Vergleich dazu sei der jährlich etwas dreistellige Millionen Betrag an ambulanter und stationärer Behandlung genannt.) [1]

    Kopfschmerzerkrankungen (Migräne aber vor allem auch Spannungskopfschmerz) gelten als eine der zehn schwerwiegendsten Erkrankungen bezüglich dem Behinderungsgrad [2].

    [1] Balak N, Elmaci I.,
    Costs of disorders of the brain in Europe.,
    Eur J Neurol. 2007 Feb;14(2):e9.

    [2] Stovner Lj, Hagen K, Jensen R, Katsarava Z, Lipton R, Scher A, Steiner T, Zwart JA.
    The global burden of headache: a documentation of headache prevalence and disability,
    Cephalalgia. 2007 Mar;27(3):193-210.

  14. Migränebetroffene (Ungefähr 3.030)

    http://www.google.de/search?q=Migr%E4nebetroffene

    Die volkswirtschaftliche Belastung durch Migräneerkrankungen schätzt man […]

    Aha. Jetzt ist schon die Volksgemeinschaft Betroffene. Solange alle Volkswirtschaften gleichermaßen betroffen sind, ergibt sich aus der “Belastung” jedenfalls kein Nachteil im Wettbewerb der Standorte.

    [Antwort:
    Was genau niemand gesagt oder auch nur angedeutet hat und unterstellen wollte. Aber danke, dass wir auch dies geklärt haben.]

  15. @Markus Dahlem

    Du machst es Dir da zu leicht, denke ich.

    Ich finde die Frage nun m al leicht zu beantworten:

    Bilden Sie doch bitte mal einen Satz, oder vervollständigen diesen:

    “Dass ich Migräne habe, würde ich in einem Jobinterview nie sagen, denn ich denke, … werden diskriminiert.”

    […]

  16. Das fehlende Wort …

    … das in meinem Kommentar von eben aufgrund eines Formatierungsfehlers leider nicht auftauchte*), ist:

    “Migränekranker”

    Next problem please … beispielsweise das wirkliche Problem, wie man die Benachteiligung kranker Menschen im Berufsleben errektiv reduziert … und ich fürchte, wer meint**), das sei im Wesentlichen ein sprachliches Problem, der macht es sich zu leicht.


    *) Böte die hier verwendete Software eine Vorschaufunktion für Kommentare, wäre das nicht passiert.
    **) Ich bitte darum, nicht jede Bemerkung allein auf sich selbst zu beziehen.

  17. Next problem please

    Es — die Sprache — ist weit ab des zentralen Problems, ja geschenkt. (Und die Kommentarfunktion ist noch einmal ein anderes Übel.)

    Aber den Platz dafür in diesem Beitrag, den habe ich mir jetzt gerne genommen.

  18. sprachliche Unterscheidungen

    Konkret will ich hier gerne wissen, wie meine Leser eine sprachliche Unterscheidungen sich wünschen, da wo sie unvermeidlich ist.

    Sprachliche Unterscheidung wie Unterscheidung allgemein ist eine der natürlichsten Sachen überhaupt, sobald Sprache bereitsteht.

    Diskriminierung, also Unterscheidung, wurde irgendwann von bestimmten soziologischen Kräften als problematisch bzw. als problematisches Konzept sozusagen hinzugebaut. Man müsse sich danach richten, was andere von einem erwarten, Gemeinte müssten sich zurückmelden können und an der Wortwahl mitfeilen dürfen, man müsse alle und alles berücksichtigen.

    Der Schreiber dieser Zeilen, der noch in einer “diskriminierungsfreien” Zeit gelebt hat, qua Alter, würde aber doch gerne weiterhin bspw. die Generika nutzen, wie bspw. das generische Maskulinum, Feminimum und Neutrum und sich auch gerne weiterhin auf die ursprüngliche Wortbedeutung beziehen – anstatt Moden hinterherzujagen und seine Sprache diesen Moden fortlaufend anzupassen.

    Das wäre auch ein Dienst an der Sprachlichkeit oder Logik (die der Schreiber dieser Zeilen bei A.S. gelegentlich vermisst).

    MFG
    Dr. Webbaer

    [Antwort: … ähm, bitte nicht mehr auf diese Art, ich bin mehr und mehr geneigt solche für mich sinnlosen Beiträge auch zu löschen.]

  19. @Nachtrag: Behinderungsgrad

    Die in deinem Kommentar von heute 20:02 mit der Überschrift “Behinderungsgrad” genannten Fakten finde ich eminent wichtig. Ein Grund mehr, Migräne als Krankheit zubegreifen und zu behandeln (im medizinischen und im linguistischen Sinn) und die von dieser Krankheit Betroffenen auch als Kranke zu bezeichnen.

    Ich bin also eigentlich vollkommen deiner Meinung … verstehe allerdings nicht ganz, wo es hier (offenbar) ein Missverständnis gibt.

    Zum Begriff “Epileptiker” (oder auch “Diabetiker”): Anscheinend gibt es Krankheiten mit auffälligen Symptomen, die schon seitdem Altertum bekannt und beschrieben sind, und für die Menschen, die an ihnen leiden, spezielle und schon sehr alte Begriffe, die bei anderen Krankheitsbildern mit weniger auffälligen oder weniger eindeutigem Symptomkomplex nicht existieren.

    Aber diese alten Begriffe sind nicht selten auch negativ besetzt, siehe “Spastiker” oder “Hysteriker”, wobei der Zusammenhang zum Vorliegen einer Erkrankung verwischt wird. Also noch ein guter Grund, direkt vom “Migränekranken” yzu sprechen.

  20. Migränekranke

    Ich finde den Begriff “Migränekranken” auch interessant allerdings vor allem, weil er mir noch seltener vorgekommen ist als “Migräniker”.

    In dem Buch von Text von Siri Hustvedt — ich habe noch mal nachgelesen — schreibt sie: “Every sickness has an alien quality … No one says, ‘I am cancer’ … Neurological illnesses are different”.

    Ich denke, da sind schon sprachlich interessante Aspekte. Auch in Hinblick auf den “Diabetiker”. Jedoch finde ich selbst diese nicht so zentral. Trotzdem stimmt es einfach, dass ich fast bei jedem Beitrag kurz darüber nachdenke und durch den Artikel von A.S. nun also dies mal hier ansprach.

  21. @Markus Dahlem

    Ich finde den Begriff “Migränekranken” auch interessant allerdings vor allem, weil er mir noch seltener vorgekommen ist als “Migräniker”.

    Es ist wohl unvermeidlich, dass ein Fachmann andere Begriffe verwendet und mit bekannten begriffen andere Assoziationen verbindet als ein Außenstehender. Das geht mir auch so.

    In dem Buch von Text von Siri Hustvedt — ich habe noch mal nachgelesen — schreibt sie: “Every sickness has an alien quality … No one says, ‘I am cancer’ … Neurological illnesses are different”.

    Das verstehe ich jetzt nicht ganz. Natürlich sagt niemand ‘I am cancer’. Man sagt ja auch nicht ‘I am migraine’ oder ‘I am diabetes’, sondern man sagt ‘I have/I’ve got cancer/migraine/a hangover’.

    Zum zweiten Punkt: ‘Neurological illnesses are different’: Ja, unbedingt. Das ist so, und es führt auch heute noch zu Ausgrenzung der Betroffenen bzw. zum Versuch des Verbergens und damit zum Verschleppen der Behandlung seitens der Kranken.

    Das Gehirn und das Nervensystem wird vielfach nicht als Organ verstanden, das zum Funktionieren bestimmte Rahmenbedingunen braucht und das beim Fehlen dieser Bedingungen krank werden kann. Deswegen werden neurologische Krankheiten mythisiert und stigmatisiert.

    Kommt es Beispielsweise durch Elektrolytmangel zu Herzrhythmusstörungen, geht man ganz selbstverständlich zum Kardiologen und lässt sich dort behandeln, und niemand sieht das negativ.

    Was aber, wenn ein Lithiummangel zu neurologischen Problemen führt? Logischerweise sollte man dann einfach zum Neurologen gehen und sich behandeln lassen. Es ist doch eine ganz analoge Situation zur der des patienten mit Herzrhythmusstörungen. Der neurlogische Patient wird aber feststellen, dass seine Umwelt ganz anders auf die Symptome dieser Erkrankung reagiert. Er mag Sympathie erfahren, wahrscheinlicher ist aber eine negative Reaktion bis hin zu Ausgrenzung udn Ablehnung.

    Logisch ist diese Ungleichheit nicht und hilfreich schon mal gar nicht.

  22. “I am migrainous”

    Siri Hustvedt meinte in dem Buch, dass man nicht sagen würde “I am cancerous” wohl aber “I’m epileptic”. Auch “I am migrainous” funktioniert in diesem Sinn.

    Würde aber wirklich niemand sagen: “I am cancerous”? Vielleicht ja doch.

    Denn auch hier ist die Ungleichheit nicht logisch. (Anders wäre, wenn ein fremder Virus den Körper befällt.)

  23. Semantik von “cancerous”

    Ich denke, man würde “I am cancerous” aus rein semantischen Gründen nicht sagen. Ich kenne das Adjektiv “cancerous” aus Verbindungen wie “cancerous growth” oder “cancerous cells”. Im Deutschen sagt man ja auch nicht “Ich bin krebsartig entwartet”.

  24. semantischen Gründe

    Ja, genau, aber geht es bei der Ungleichheit durch Sprache nicht genau um solche semantische Gründe? Deswegen hatte ich — oder besser Siri Hustvedt — es angeführt.

    Was man nun daraus macht, ist ja nochmal eine andere Frage.

    Ich habe gestern Abend noch einen anderen Beitrag fertig gestellt, da geht es dann auch “nur” um Sprache — und um die famose Kräuselmigräne.

  25. Notwendigkeit der Differenzierung

    Sehr geehrter Herr Dahlem,
    ich finde es äußerst bemerkenswert, dass Sie diese Thematik hier aufgreifen! Insbesondere in Bezug auf Erkrankungen/Störungen zeigt sich die Relevanz resp. die Notwendigkeit einer kritischen Auseinandersetzung mit der „üblichen“ Terminologie. So hat der verwendete Begriff sehr wohl eine praktische Bedeutung: Benutze ich den Begriff xy, so benutze ich auch die unterschiedlichen Assoziationen, die hiermit einhergehen (was sich beispielsweise auch im Begriff der „Behinderung“ stark widerspiegelt). Die Konsequenz ist, dass ich dieser Person dementsprechend (unbewusst) begegne. Ferner wird die Bedeutung, welchen Einfluss die „Wortwahl“ auf mein Handeln und meinen Gegenüber haben kann, insbesondere in der psychosozialen Beratung oder Psychotherapie deutlich. Nenne ich meinen Gegenüber nun Patient, Klient oder vielleicht auch Kundigen? Beim Letzteren unterstelle ich ihm implizit eine Kompetenz; und zwar diese, dass er ein „Wissender, ein Kundiger“ für seine Problematik ist (Ressourcenorientierung).
    Zu den Begrifflichkeiten Migräniker, Migränepatient und Mensch, der unter Migräne leidet, tendiere ich zum letzteren Begriff. Vor allem beim ersten Begriff ist die Reduktion einer Person auf seine Krankheit (hat er keine Persönlichkeit mehr? „Ist er nur noch Migräne“?) offensichtlich und führt meines Erachtens „Reifikation des Menschen“!
    @ Michael Khan Was ist an Migräne besonders?
    „Auch in der Unterscheidung zwischen Migräne und anderen Krankheiten, die Sie ja implizit vornehmen, liegt übrigens eine Diskriminierung, denn es liegt der Überlegung ja offenbar die Annahme zugrunde, Migräne sei anders einzuordnen als andere Krankheiten.“
    Die Auseinandersetzung mit den Begrifflichkeiten der Krankheit „Migräne“, ist ein exemplarischer Diskurs, welcher ebenso für andere Krankheiten (z. B. auch psychische Erkrankungen) geführt werden sollte.
    Beste Grüße
    Christian

  26. @Christian: „Unbewusst“

    Die Konsequenz ist, dass ich dieser Person dementsprechend (unbewusst) begegne.

    Ist das nunmehr gewusste Unbewusste noch unbewusst?

    Vor allem beim ersten Begriff ist die Reduktion einer Person auf seine Krankheit

    Ein eingestreuter Kommentar über “Volkswirtschaftliche Schäden” ist das nicht?

  27. @ Ano Nym

    Ad 1: Das „gewusste Unbewusste“ ist, aufseiten des Therapeuten -zumindest zu „Beginn“ – bewusst; die damit verbundenen Assoziationen vermutlich nicht. In concreto: Ich entscheide mich bewusst dafür, den Terminus xy zu nehmen, da ich weiß, dass dieser eine „unbewusste, positive Wirkung“ auf den „Kundigen“ hat. Im Laufe der Zeit übernehme ich diese „Grundhaltung“ (Habitus). Dieser ist nunmehr unbewusst und bestimmt das Handeln (z. B. in der nächsten Beratung) mit. Mir ist durchaus bewusst, dass dieses Modell äußerst abstrakt-theoretisch erscheint.
    Ad 2: Anscheinend habe ich mich hier undeutlich ausgedrückt. Was ich hiermit sagen wollte ist, dass der Mensch auf seine Krankheit reduziert wird und nicht als Mensch, als autonomes Wesen beschrieben wird, welcher „vorübergehend“ an dem Konstrukt Krankheit (Migräne) leidet (formal ausgedrückt: Mensch = Migräne; und nicht Mensch = Mensch, welcher unter der Krankheit „Migräne“ leidet, aber nichtsdestotrotz in anderen Lebensbereichen „gesund“ ist) (vgl. hierzu auch Konzepte wie Salutogenese, Recovery-Ansatz: “Was bedeutet überhaupt Krankheit?).

  28. dass der Mensch auf seine Krankheit reduziert wird und nicht als Mensch, als autonomes Wesen beschrieben wird

    für mich impliziert es das genaue gegenteil: wenn man betonen muss, dass es sich um einen menschen handelt, besteht die möglichkeit, dass es auch nicht-menschen mit XYZ gibt odr die betreffende person kein mensch ist. wir dürften nach dieser lesart keine einzige eigenschaft mehr bennenen ohne den bezug “mensch”, denn wer wollte z.b. eine frisörin auf ihren beruf reduziern? also mensch mit dem beruf frisörin. berliner? nein, mensch aus berlin. renter? mensch, der rente bezieht. urlauber? mensch, der im urlaub ist.

    die bezugnahme auf das menschsein von menschen ist ein überflüssiger pleonasmus.

  29. @Chris: “Unbewusst”

    ad 1:

    Ich entscheide mich bewusst dafür, den Terminus xy zu nehmen, da ich weiß, dass dieser eine „unbewusste, positive Wirkung“ auf den „Kundigen“ hat.

    Woher wissen Sie von der “unbewussten positiven Wirkung” auf den Kundigen? Sagen kann er’s Ihnen ja nicht, es soll ja unbewusst wirksam sein.

    Mir ist durchaus bewusst, dass dieses Modell äußerst abstrakt-theoretisch erscheint.

    Welches Modell?

    ad 2:

    Anscheinend habe ich mich hier undeutlich ausgedrückt. Was ich hiermit sagen wollte ist, dass der Mensch auf seine Krankheit reduziert wird

    Und was ich mit dem Hinweis auf den Kommentar mit den “Volkswirtschaftlichen Kosten” sagen wollte ist, dass dort der Mensch sogar auf die Kosten “reduziert” wird, die seine Krankheit dem Volkskörper auflastet.

    Im Patient-Arzt-Gespräch soll der Migränebetroffene mit sprachlichen Samthandschuhen angefasst werden, aber wenn er abends daheim vor dem Fernseher (oder dem Browser) sitzt, dürfen ihm irgendwelche Volkswirte unverblümt die (vermeintliche) Volksschädlichkeit seiner Disposition vorhalten?

    Ich finde, das ist von Heuchelei kaum noch zu unterscheiden.

  30. @ knallfrosch

    Ich verstehe deinen Einwand sehr gut. Jedoch geht es mir hierbei um Selbststigmatisierung und deren negativen Folgen (insbesondere im Sinne von “Identitätsbildung”). Ein Beruf kann durchaus (und sollte es meistens auch) ein Kriterium sein, mit welchem man sich identifizieren kann. Bei einer Krankheit (was besonders im Bereich psychischer Erkrankungen deutlich wird; vgl. Thomas Scheff), läuft man schnell Gefahr, seine Ressourcen (personale, soziale Stärken) aus den Augen zu verlieren, d.h. dass man in eine Art Resignation verfällt (überspitzt formuliert: Ich bin Depression; dass ist nun so diagnostiziert; also habe ich mich auch entsprechend zu verhalten etc.)

    “die bezugnahme auf das menschsein von menschen ist ein überflüssiger pleonasmus.”
    Ferner wird genau dieses ja ausgeblendet, wenn ich von einer Person als Krankheit spreche. Die Person ist nicht mehr Mensch, sondern ein “soziales Konstrukt”, also eine “Krankheitsdefinition”. Diesen Prozess könnte man auch (wie oben bereits erwähnt) als Vedinglichung (Reifikation) beschreiben.

  31. @ Ano Nym

    ad 1:
    Dies sind primär Erfahrung aus dem Bereich der lösungsfokussierten-systemischen Therapie (vgl. insbesondere Jürgen Hargens).

    Ferner hätte ich den Begriff “Modell” tatsächlich mit Gänsefüßchen verzieren sollen, ob der semantischen Unschärfe in diesem Kontext.

    ad 2:
    d´accord. Genau das ist ja das Traurige. Ferner ist dies eine “gesamtgesellschaftliche Aufgabe”, die nicht nur den Therapeuten/Arzt betreffen sollte (ähnlich der Forderung, aus der “Self-Advocacy-Bewegung von Menschen mit Behinderung” (vgl. http://www.people1.de/)

  32. Ein Beruf kann durchaus (und sollte es meistens auch) ein Kriterium sein, mit welchem man sich identifizieren kann.

    identitäten sind komplex. alles mögliche kann herangezogen werden, sie zu bilden. aber dass wir alle menschen sind, setze ich als bekannt voraus. solang hier keine schimpansen mitreden, ist die benennung des menschseins eine binsenweisheit, leere rabulistik.

    Bei einer Krankheit (…), läuft man schnell Gefahr, seine Ressourcen (personale, soziale Stärken) aus den Augen zu verlieren, d.h. dass man in eine Art Resignation verfällt

    gibts dazu studien, oder ist das jetzt küchentisch?
    nehmen wir an, es wäre so: dann wäre es durch schönes benennen nicht zu umgehen. inwieweit sich ein individuum mit seinen krankheiten identifiziert, ist letztlich auch eine persönliche entscheidung und eine frage des naturells. bei psychichen leiden mag die fähigkeit zu dieser entscheidung eingeschränkt sein. aber darum geht es bei migräne nicht.

    Die Person ist nicht mehr Mensch, sondern ein “soziales Konstrukt”

    personen sind immer menschen. ob sie nun migräne haben oder mundgeruch, das ist völlig egal.

    Diesen Prozess könnte man auch (wie oben bereits erwähnt) als Vedinglichung (Reifikation) beschreiben.

    können kann man alles mögliche, nur ob es sinn hat – und zwar für denjenigen, den es betrifft, nicht für den, der sich mit euphemistischen sprechen einen moralisch schlanken fuß machen möchte, ist ja hier die frage. genau das ist es, was ich mich weiter oben auszudrücken anschickte. wenn die nennung einer eigenschaft bereits eine verdinglichung darstellt, dann darf keine eigenschaft mehr ohne die bezugnahme auf menschsein genannt werden. es wäre z.b. denkbar, dass eine mutter sich mit der bezeichnung mutter reduziert und verdinglicht fühlt. nennen wir sie also mensch, der mutter ist?

    hier gehts es nicht um migräne oder krankheiten. hier gehts um moralische gewinnmitnahme. ich habe nämlich rein gar nichts davon, wie man die tatsache nennt, hin und wieder migräne zu haben. und es wäre mir sogar egal, würde ich nicht für weltverbesserungsvoodoo instrumentalisiert werden.

  33. Migräniker…

    …wäre auch meine Wahl.

    @Michael Khan Der Unterschied zu beispielsweise Krebs ist, dass Migräne keine im normalen Sinne heilbare Krankheit ist. Sie ist einmal ein Leden wir Epilepsie, und man spricht auch nicht von Epilepsiekranken, sondern von Epileptikern. Wobei mir gerade Tourette einfällt. Dafür hätte ich auch gerne einen schönen Namen, “Tourettiker” klingt etwas sperrig.

    Nennt man einen Migräniker einen Migränekranken, dann impliziert das schnell ein “der soll sich endlich behandeln lassen, Pille rein und gut ist”. Soweit sind die Medikamente aber noch nicht, obwohl Triptane schon zeigen, wie Medizin nicht nur die Symptome bekämpfen kann, unter denen jemand leidet, sondern in die Kausalkette eingreift..

  34. @Volker König

    Der Unterschied zu beispielsweise Krebs ist, dass Migräne keine im normalen Sinne heilbare Krankheit ist. Sie ist einmal ein Leden wir Epilepsie, und man spricht auch nicht von Epilepsiekranken, sondern von Epileptikern.

    Warum sollte die Heilbarkeit ein Kriterium dafür sein, ob ein Leiden als Krankheit bezeichnet wird?

    Erstens spricht man auch von Demenzkranken und Alzheimerkranken – auch diese Krankheiten sind nicht heilbar.

    Es mag immer Leute geben, die einem Kranken sagen “Schluck’ doch eine Pille.” Daran kann man wohl nichts ändern.

    Woran man aber etwas ändern kann, das ist die noch allzu verbreitete Wahrnehmung von Migräne als Luxussyndrom oder als Ausrede für Leute, die nicht arbeiten wollen.

    Es handelt sich um eine Krankheit, und je schneller das allgemein begriffen wird – wozu die klare Benennung einen Beitrag leistet – desto besser für die Betroffenenen.

  35. Vorteil Migräniker

    Sprache ist – neben vielem anderem – auch ein Werkzeug für eine effektive und effiziente Kommunikation. An Stellen wo adäquate Begriffe, repräsentiert durch kurze Worte, fehlen, werden diese erschaffen – davon lebt die Sprache.

    Auch fehlende Begriffe können zur Diskriminierung führen. Z.B. im Krankenhaus wird ein Patient leicht auf seine Krankheit oder seine Verletzung reduziert: “Die Bandscheibe von Zimmer 12 wird morgen operiert”; “Der Darmkrebs ist verlegt worden”; “Die Migräne am Fenster bekommt Tee zum Abendessen”.

    Für die Verwendung des Begriffs Migräniker spricht, dass er die in bestimmten Kontexten wichtige Verknüpfung zwischen spezifischer Krankheit (Migrän-) und allgemeiner Gattung Mensch (-iker) knapp und präzise wiedergibt. Er ermöglicht auf eine immer wiederkehrende gleichartige umständliche Umstandsbeschreibung zu verzichten, zumindest sie manchmal zu ersetzen. In vielen Fällen macht er Texte dadurch einfach lesbarer und abwechslungsreicher, in einigen Fällen könnte das Wort Migräniker sogar helfen Diskriminierung zu vermeiden.

  36. gefühlter Sprachinhalt 😉

    Ich versuchs mal so:
    Wenn ich niese und die Nase läuft habe ich Allergie, ich habe allergische Symptome, ich bin Allergiekrank.
    Wenn die Symptome nicht aktuell auftreten bin ich nicht krank, aber immernoch Allergiker.
    Habe ich Aura und halbseitigen Kopfschmerz, habe ich Migräne. Wenn die Symptome zwischen den Anfällen fehlen bin ich immernoch Migräniker.

    Tatsächlich habe ich bei den meisten Migränikern und Epileptikern bislang das Wort “krank” als Synonym für einen Anfall und nicht als Synonym für den Zeitraum zwischen den Anfällen gehört.

    Ein Schulkollege sagte vor gefühlten 100 Jahren mal als Antwort auf sein “bist du krank”, als er seine Tabletten nahm:

    “Nein, aber ich bin Epileptiker und nehme die Pillen, damit ich nicht krank werde.”

  37. Z.B. im Krankenhaus wird ein Patient leicht auf seine Krankheit oder seine Verletzung reduziert: “Die Bandscheibe von Zimmer 12 wird morgen operiert”; “Der Darmkrebs ist verlegt worden”; “Die Migräne am Fenster bekommt Tee zum Abendessen”.

    das ist schließlich die aufgabe eines krankenhauses. wie der name schon sagt, geht es dort um kranke. dass “der blinddarm” vielleicht briefmarken sammelt oder gern talkshows guckt, ist dort weniger relevant. und das ist in vieler hinsicht auch gut so. vom chirurgen will man i.d.r. auch nicht wissen, was er gern isst oder ob er gern radfährt.

    irgendwie verstehe ich nicht, wo das problem liegt. man kann doch nicht ernsthaft erwarten, dass in jedem beliebigen kontext alle facetten einer persönlichkeit gleichwertig von interesse sind. zumal sich die frage stellt, inwieweit z.b. der blinddarm eine facette der persönlichkeit ist.

  38. @Volker König

    Tatsächlich habe ich bei den meisten Migränikern und Epileptikern bislang das Wort “krank” als Synonym für einen Anfall und nicht als Synonym für den Zeitraum zwischen den Anfällen gehört.

    OK, ich sehe das Argument. Viellicht bin ich ja auf dem falschen Pfad, und ich will auch nicht groß darauf bestehen.

    Ich denke aber allerdings nach wie vor, dass ein Epileptiker auch ausßerhalb seiner Anfälle objektiv gesehen immer noch krank ist, denn die Krankheit ist ja immer präsent, auch wenn die Symptome sich gerade nicht manifestieren. Der Epileptiker muss wie in dem von Ihnen genannten Beispiel Medikamente schlucken, umd die Symptome zu unterdrücken, oder aber, die Symptome können durch äußere Reize unvermittelt auftreten.

    Abgesehen davon wiegt das Vorhandensein der Erkrankung, die dem Kranken jederzeit bewusst ist, wie jede Krankheit auf der Psyche. Auch beim Migränekranken: “Jetzt gerade bin ich schmerzfrei, aber mir graut schon vor dem nächsten Anfall.”

    Bei vielen Krankheiten treten die Symptome phasenweise auf, beispielsweise auch bei der Malaria. Wer eine Malaria hat, der ist krank, auch außerhalb der Fieberschübe.

    Man sollte nicht das Vorhandensein einer Erkrankung allein am Vorhandensein manifester Symptome festmachen.

  39. Abgesehen davon wiegt das Vorhandensein der Erkrankung, die dem Kranken jederzeit bewusst ist, wie jede Krankheit auf der Psyche. Auch beim Migränekranken: “Jetzt gerade bin ich schmerzfrei, aber mir graut schon vor dem nächsten Anfall.”

    sorry, aber das ist eine unbegründete, stereotype vorannahme. mag sein, dass die migräne bei manchen tatsächlich so präsent ist. aber bei vielen ist sie das nicht. reden sie den leuten also keine leiden ein, die nicht vorhanden sind. DAS sind nämlich genau die vorurteile, die sie erst selbst in den welt setzen und dann mit schönsprech umgehen wollen.

    Man sollte nicht das Vorhandensein einer Erkrankung allein am Vorhandensein manifester Symptome festmachen.

    doch, das sollte man. alles andere ist vorurteil und kaffeesatzleserei. es gibt keinen grund, jemanden, der 5x im jahr migräne hat, als dauerhaft krank zu definieren und ihm psychische defizite anzudichten.

  40. Anmerkung

    “Bei vielen Krankheiten treten die Symptome phasenweise auf, beispielsweise auch bei der Malaria. Wer eine Malaria hat, der ist krank, auch außerhalb der Fieberschübe.”

    Man spricht in dem Fall von einer chronischen Krankheit. Medizinisch ist das so definiert, dass in einem bestimmten Zeitraum die Symptome immer wieder auftreten. Migräne wäre demnach eine chronische Kopfschmerzerkrankung.

  41. @”knallfrosch”

    mag sein, dass die migräne bei manchen tatsächlich so präsent ist. aber bei vielen ist sie das nicht.

    Und das wissen gerade Sie genau woher? Weil Sie es selbst behaupten? Ach, daher. Na, dann.

    reden sie den leuten also keine leiden ein, die nicht vorhanden sind.

    Sie meinen allen Ernstes, was hier jemand sagt oder nicht sagt, hat auf die Wahrnehmung eines Betroffenen seiner eigenen Krankheit auch nur irgendeinen Einfluss?

    DAS sind nämlich genau die vorurteile, die sie erst selbst in den welt setzen und dann mit schönsprech umgehen wollen.

    Sie sind gerade so schön am Behaupten, dass es mir fast schon leid tut, ihnen in die Parade zu fahren, aber “Schönsprech” habe ich genau wo gefordert? Zitat?

    doch, das sollte man. alles andere ist vorurteil und kaffeesatzleserei. es gibt keinen grund, jemanden, der 5x im jahr migräne hat, als dauerhaft krank zu definieren und ihm psychische defizite anzudichten.

    Sie behaupten also, das Vorhandensein einer Krankheit sei allein am Vorhandensein manifester Symptome festzumachen. Wer keine Symptome zeigt oder sie medikamentös unterdrückt, ist demnach nicht krank. Nun, das mag Ihre Meinung sein, aber die medizin sieht das dann doch etwas anders.

    Psychische “Defizite” hat übrigens niemand angedichtet oder auch nur erwähnt. Das haben Sie mir gerade angedichtet. Ich denke, von der Art Diskussionsstil sollten Sie besser Abstand nehmen.

  42. Und das wissen gerade Sie genau woher?

    einfach alle postings lesen, michael kahn.

    Sie meinen allen Ernstes …
    Sie sind gerade so schön am Behaupten …
    Sie behaupten also …

    lesen sie einfach, was dort steht. dann brauchen sie nicht raten, was wohl gemeint sein könnte.

  43. @Knallfrosch

    Das war nun etwas schwach. Sie werfen mit Schönsprech vor, oder dass ich Vorurteile pflege oder Leuten etwas einrede oder ihnen psychische Defekte unterstelle, wissen aber gerade nicht mehr, wo ich das getan haben soll – ich soll selbst danach suchen.

    Nicht nötig, was ich gesagt habe, weiß ich selbst – es hat nichts mit dem zu tun, was Sie da behaupten. Schon gut – ich erwarte von jemandem, der ohnehin nicht dn Mut hat, zu seinen Worten zu stehen und sich stattdessen hinter einem albernen Pseudonym versteckt, auch nicht die Größe, einen Fehler zuzugeben. Aber vielleicht schauen Sie ja doch mal nach, wer wo wann was sagte und stellen fest, dass Sie da wohl etwas durcheinander gekommen sind.

    Immer in solchen Diskussionen gibt es Leute, die in der Tat ëtwas fordern, das auf Schönsprech hinausläuft, und dann gibt es Andere, so wie Sie, bei denen das gleich, manchmal schon im voraus, einen Beißreflex auslöst. Beide Typen sind langweilig. EOD mit Ihnen.

  44. Begriffe

    Hallo, ich bin neu hier. Und finde es sehr interessant. In letzter Zeit habe ich öfter gesagt, ich bin Migränikerin. Da haben viele einen Schreck bekommen, und habe gesagt: so wie Epileptiker, wo jederzeit ein Anfall auftreten kann ?
    Es hat die Menschen verunsichert, habe ich gemerkt. Allerdings haben die Menschen eher verstanden, dass ich licht- und lärmempfindlich bin.
    Nun sage ich wieder, “ich habe Migräne”.
    Da ich starke Basilaris Migräne ohne Kopfschmerzen (ständig) habe, ist es eh immer sehr schwierig, zu vermitteln, welche Krankheit ich habe.

    Sabine

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