Keine Leiharbeit in der Wissenschaft

BLOG: Graue Substanz

Migräne aus der technischen Forschungsperspektive von Gehirnstimulatoren zu mobilen Gesundheitsdiensten.
Graue Substanz

Die Umgehung der Zwölf-Jahres-Regelung hat zu Problemen geführt, so dass ich mich am 3. Mai gezwungen sah, die Personalabteilung meiner Universität zu bitten, mein Dienstverhältnis vorzeitig zum Ende des Semesters aufzulösen.

Eigentlich waren strukturelle Probleme absehbar. Die Gastdozentur bewegt sich in meinem Fall unbestritten in den Grauzonen des Rechts und ist letztlich nichts anderes ist als eine zweite, abgesenkte Lohnlinie ohne jede Perspektive. Sie führte mich ins Abseits, nicht zuletzt, weil ich die Probleme frühzeitig und mit deutlichen Worten intern angesprochen habe, später dann auch offen hier im Blog. Die Gastdozentur als Dienstverhältnis eigener Art (so heißt es wirklich) eignet sich für Gäste, um neue Impulse von außen in einer Hochschule einzubringen. Sie eignet sich auch, um Lehre kurzfristig abzudecken. Sie ist dagegen ungeeignet, um Wissenschaftler nach vier Jahren für weitere viereinhalb Jahre nun als “Gäste” zu beschäftigen. Sollte man meinen. Denn das ist eigentlich keine Grauzone mehr. Das ist in meinen Augen der Missbrauch von Abhängigkeit.

Leider soll gerade dass nun anscheinend etabliert werden, das Beispiel macht Schule: eine Vergütung unter Tarif bei gesetzlich garantierter Perspektivenlosigkeit für Wissenschaftler, die eigene Drittmittel einwerben, ist attraktiver als die sinnvollen und gesetzlich sauberen Alternativen, deren Stärkung längst quer durch alle Parteien gefordert wird. Für wen attraktiver? Warum wird ein Flickwerk an fragwürdigen Einzelmaßnahmen erfunden, satt vor Ort die Wege zu wirklich attraktiven akademischen Juniopositionen umzusetzen?

Dabei ist die Gastdozentur, die missbraucht wird für die befristete und unterbezahlte Fortführung meiner Forschungsarbeit, gar nicht das ärgerlichste für mich. 

Wirklich bedenklich wurde zuletzt die Angst der Personalabteilung und Universitätsleitung vor ihrer eigenen Courage, vor ihrer innovativen Personalpolitik. Sie haben eine potentiell einklagbare Dauerstelle geschaffen,* so dass nun diese Gefahr über meine wissenschaftliche Qualifikation mitentschied. Das ist in etwa so, als wenn der Buchhalter des Bäckers sich in die Rezeptur der Brötchen einmischt. Ich weiß, auch das passiert. Gut für die Brötchen ist es aber nicht. Meine drittmittelfinanzierten Projekte selbstständig durchführen, das wurde mir erlaubt, die darin involvierten Mitarbeiter und Studierenden zu betreuen, dagegen plötzlich nicht mehr. Wie kann ich das verantworten, ohne die Doktoranden aus mindestens zwei Gründen in eine unmögliche Situation zu bringen. Erstens, weil ich in keiner Weise in ihre Begutachtung involviert bin. Zweitens, weil weder Bachelor- noch Masterarbeiten in ihren Themenumfeld durchgeführt werden.

In “Halbe Stellen in der Wissenschaft und andere halbe Sachen” schrieb ich über dieses generelle Problem in der deutschen Doktorandenausbildung über Drittmittel:

“Beklagenswert ist […] die Verquickung von Drittmittelinteressen und Qualifizierung [Promition] innerhalb der durchgeführten wissenschaftlichen Projektaufgaben, weil eine Trennung der Arbeitszeit in die eine und andere Tätigkeit oft Haarspalterei ist.”

Mein Schritt, diese Gastdozentur nun vorzeitig aufzukündigen und nicht 9 Semester stumpf zum Nachteil aller Beteiligter auszuharren, war der einzig verantwortungsvolle Ausweg, den ich noch sah.

 

Fußnote

*Ein Gastprofessor an der Universität Cottbus klagte erfolgreich nach einer Beschäftigungsdauer von 6 Semestern auf unbefristete Anstellung. Die hierzu getroffenen arbeitsgerichtlichen Entscheidungen hatte offensichtlich auch Signalwirkung für andere Bundesländer (Forschung und Lehre 8/11, Seite 604).

Markus Dahlem forscht seit über 20 Jahren über Migräne, hat Gastpositionen an der HU Berlin und am Massachusetts General Hospital. Außerdem ist er Geschäftsführer und Mitgründer des Berliner eHealth-Startup Newsenselab, das die Migräne- und Kopfschmerz-App M-sense entwickelt.

12 Kommentare

  1. Komm zu uns (Brandenburger) Piraten, und lass uns für bessere Bedienungen in der Forschung kämpfen. Es wird höchste Zeit, dass sich da was ändert. So kann und darf es nicht weiter gehen. Mich Kotzt die Situation schon lange an, was da in der Lehre&Forschung passiert. Wer kämpft kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren. In dem Sinne, klar machen zum ändern..

    Liebe Grüße
    Mathias Täge

  2. Wie es weiter geht.

    Ich kann nicht zwei Dinge auf lange Zeit gleichzeitig sehr gut machen. Meine Migräneforschung geht vor Hochschulpolitik. Da habe ich jetzt über 15 Jahre investiert. Ich bin halbwegs zuversichtlich bis zum 1.10.2012 nahtlos diese Forschung weiterführen zu können, nur eben mit einer anderen Anstellung.

    Sollte das nicht mehr in diesem Zeitraum funktionieren, kann ich mir vieles vorstellen.

  3. Nicht den Schwung verlieren!

    Hallo Herr Dahlem, wünsche ihen auf ihrem Weg alles Gute und bleiben sie der Migräneforschung treu.
    Nicht den Schwung verlieren und nicht ins Bockshorn jagen lassen!

  4. Hoch die Solidarität!

    Lieber Markus,

    ich bewundere Deinen Mut und Deine Konsequenz und kann nur hoffen, dass sie als Weckruf verstanden werden.

    Selbstverständlich hoffe ich, dass Du Deine wertvollen Forschungen fortsetzen kannst – zu würdigen Bedingungen!

  5. Alles Gute

    Es tut mir sehr leid, das zu lesen, aber irgendwie führte der Weg schon lange in diese Richtung. Mich wundert das daher nicht, aber Ihre ohnmächtige Wut und Enttäuschung kann ich mir gut vorstellen.

    Wo und wie immer Sie Ihre Migräneforschung weiterführen werden – ich wünsche Ihnen alles erdenklich Gute!

  6. Zauber

    Danke für Zustimmung, Unterstützung und guten Wünsche!

    Ich würde übrigens nicht von “ohnmächtiger Wut” sprechen, denn genau das sind Wissenschaftler ja nie, ohne Macht. Meine Macht reicht schon einmal so weit, dass ich meine Arbeitskraft unter gewissen Voraussetzungen nicht investiere und die Forschung notfalls auch abbreche.

    “Wut” mag ich auch nicht, obwohl ich mich von einem Groll nicht ganz freisprechen kann. Den münze ich aber meist schnell um, suche erst nach den eigentlichen Ursachen und bemühe mich dann darum diese offen anzusprechen. Natürlich erst ein mal intern und dabei durchaus auch sehr deutlich, dann aber auch öffentlich und mehr besonnen.

    Beides zusammen, also transparent Konsequenzen ziehen, ist nicht nur eine Möglichkeit selber mit dieser Situation sehr gut umzugehen sondern es ist auch die einzige Möglichkeit, dass Veränderungen sich durchsetzen.

    Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.

  7. Wenig Handlungsspielraum

    Ihr letzter Satz stimmt natürlich und es wird sich ein guter Weg finden.

    Nun ja, so viel Handlungsspielraum hatten Sie aber in all den Jahren nun leider auch wieder nicht. 😉

  8. Alles Gute

    Lieber Markus,
    ich hoffe dieser Schritt ist die Initialzuendung fuer viele neue Moeglichkeiten. Ich wuensche Dir, dass Du die Stelle bekommst, die Du verdienst und dass Du sie dann mit der Verantwortung fuellst, die Du bei anderen vermisst hast.
    Alles Gute,
    Ingo
    P.S.: you can do it!

  9. Nicht Wut, nicht Groll, sondern Zorn, der der Verninft besser zu diensten sein kann.

    Habe ich neulich bei Georg Schramm gehört…

  10. @Markus: Neue Stufe?

    Ich verstehe nicht genau, was da jetzt alles passiert ist und warum, wünsche dir aber viel Kraft und Inspiration für die Gegenwart und Zukunft. Lass dir davon keine Kopfschmerzen bereiten!

    Kürzlich erkundigte ich mich rein aus Neugier bei einem Dekanat über die Bedingungen einer Juniorprofessur. Dass ich zweimal schriftlich meine Frage stellen musste, ob diese Stelle “mit der Option auf Festanstellung (tenure track)” ausgeschrieben sei und dass man das dort nicht gleich beantworten konnte, sondern erst noch Rücksprache mit einer dritten Person halten musste (Antwort: keine Option auf Festanstellung), zeigt leider, wie wenig Bewusstsein es für die heikle Situation von JuniorforscherInnen in Deutschland mancherorts gibt.

    “Stufen” ist übrigens eines meiner Lieblingsgedichte und gerade auf Besuch in meiner Geburtsstadt und dank Begegnungen mit wirklich alten Bekannten regen sich andere Gedanken als sonst.

    Bitte lass es mich wissen, wenn ich dich einmal mit Weizenbier oder schlechten Gedichten aus der eigenen Feder unterstützen kann. 😉 Vielleicht sollte ich deinen Kollegen aus der Verwaltung in Berlin wöchentlich eines davon zuschicken? So wie bei den Vogonen in “Per Anhalter durch die Galaxis”:

    Oh zerfrettelter Grunzwanzling, dein Harngedränge ist für mich
    Wie Schnatterfleck auf Bienenstich.
    Grupp, ich beschwöre dich mein punzig Turteldrom.
    Und drängel reifig mich mit krinklen Bindelwördeln
    Denn sonst werd ich dich rändern in deine Gobberwarzen
    Mit meinem Börgelkranze, wart’s nur ab! (Per Anhalter durch die Galaxis, Kapitel 7)

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