Interdisziplinäre Forschung: Das auf und ab im Elevator Pitch

Interdisziplinäre Forschung ist für Drittmitteleinwerbung ein Qualitätsmerkmal per se. Aus der disziplinären Sicht und damit auch aus langfristiger Karriereperspektive ist sie dagegen randständig und somit – ebenso per se – von geringerer Bedeutung. 

Der Elevator Pitch: Für den ersten Eindruck gibt es keine zweite Chance. Als Wissenschaftler muss ich – auch wenn Berufungsverfahren oft jahrelang dauern – mich selbst in 30 Sekunden erfolgreich verkaufen können.


CC BY-NC-ND 3.0: Markus A. Dahlem, Graue Substanz. (Weitere)

Diesen überzeichneten Einstieg ins Thema stelle ich gerne zur Diskussion,* insbesondere nachdem ich heute auf academics den Beitrag Janusköpfig von Klaus Zierer las. Dort geht es um die Janusköpfigkeit der Drittmittelforschung allgemein; deren oft interdisziplinärer Charakter ist nur ein Teil des Problems. Es ist der Teil, der mich besonders interessiert. Die Kehrseite, die daher, aus der Interdisziplinarität, rührt, wurde angesprochen, aber die daraus resultierende Gefahr für den Drittmittel einwerbenden Wissenschaftler blieb verborgen.

Unbestritten ist es ein Charakteristikum von Forschungsprojekten, interdisziplinär angelegt zu sein. Dies lässt sich nicht nur an der personellen Zusammensetzung der meisten Projekte erkennen, sondern auch an ihrer theoretischen Fundierung. Laut Cristina Besio umfassen 55,3 Prozent der Projekte aus der SIDOS-Datenbank mehr als eine Disziplin. Dieses Übergewicht unterliegt zudem einer steigenden Tendenz mit Blick auf die letzten zehn Jahre. Mit ein Grund für diese interdisziplinäre Ausrichtung kann in ihrer positiven Wertung bei Fördereinrichtungen gesehen werden, die sich in der interdisziplinären Zusammensetzung der Gutachtergruppen zeigt (vgl. beispielsweise die Gremien der DFG). Hier wird also das bedient, was der Drittmittelgeber gerne sieht.

Dies deckt sich mit meiner Erfahrung. Ich betreue zwei von der DFG, zwei vom BMBF und ein DAAD gefördertes Dritttmittelprojekt, alle fünf liegen im Grenzbereich zwischen Neurologie und theoretischer Physik. Leider aber ist aus meiner Erfahrung auch die Kehrseite richtig – das Zitat aus den Beitrag Janusköpfig geht hier nahtlos weiter:

Aber: Auch diese Ausrichtung, ja Vereinseitigung kann Nachteile mit sich bringen und selegiert erneut Forschung. Denn ein Problem dieser Interdisziplinarität kann sein, dass die disziplinspezifische Forschungs- und Theoriearbeit vernachlässigt wird. Hinzu kommt, dass die Gefahr besteht, sich auf Kosten der Interdisziplinarität mit einer Fragestellung zu befassen, die aus disziplinärer Perspektive nur marginales Gewicht besitzt. 

 

Ich wurde neulich, als es um meine berufliche Zukunft ging, gefragt: "Herr Dahlem, kann es sein, dass die Physiker Sie nicht als Physiker sehen und die Mediziner Sie nicht als Mediziner?" Das ist zweifelsfrei so. Und es ist richtig. Ich selbst sehe mich so. Anders möchte ich Forschung persönlich auch nicht machen. Für Berufungsverhandlungen kann dies aber fatal sein. Denn "dass die disziplinspezifische Forschungs- und Theoriearbeit vernachlässigt wird" kann selbstverständlich nicht im Interesse des einstellenden Instituts sein. Gleichwohl ist interdisziplinäre Forschung natürlich im Interesse der Universität oder auch der Gesellschaft an sich.

Während nun die Drittmittelforschung die Stellenmarktliquidität für junge Forscher enorm erhöht, an meinem Institut für Theoretische Physik haben wir allein sieben befristete Stellen im Bereich Neuroforschung, viele noch unbesetzt, wird durch den Flaschenhals auf dem Weg nach oben das Problem für interdisziplinäre Forscher potenziert.   

Fußnote

* Der Comic war zuvor in der  Außenstelle der Grauen Substanz veröffentlicht. Dort poste ich alles, was für die Graue Substanz bei SciLogs zu schwarz, zu weiß oder zu bunt mir erscheint. Aus dem aktuellen Anlass und weil mich das Thema beschäftigt, habe ich nun herüber geholt.

Mehr zum "Elevator Pitch" gib es hier.  

Markus Dahlem forscht seit über 20 Jahren über Migräne, hat Gastpositionen an der HU Berlin und am Massachusetts General Hospital. Außerdem ist er Geschäftsführer und Mitgründer des Berliner eHealth-Startup Newsenselab, das die Migräne- und Kopfschmerz-App M-sense entwickelt.

Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Kann ich völlig bestätigen!

    Ironischerweise hätte ich wohl kaum so frei forschen, schreiben und lehren können, wie in den letzten Jahren, wenn ich mich beruflich von der Zustimmung durch Fachkollegen abhängig gemacht hätte. Erst neulich habe ich wieder zu hören bekommen, ich würde durch die Evolutionsforschung und die Zusammenarbeit mit Naturwissenschaftlern “die Religionswissenschaft ausliefern”. Allerdings beobachte ich auch, dass unter den Jüngeren (und einigen Junggebliebenen) ein echtes Interesse an Interdisziplinarität besteht, es wird m.E. dann eher durch die etablierten Strukturen und deren Verlangen nach Abgrenzungen abgewürgt.

  2. Also erstmal

    einen herzlichen Dank für den Link zu deiner Außenstelle. Ich habe sehr herzhaft gelacht! Ehrlich gesagt finde ich, dass den Scilogs ein wenig humorisches Bunt hier und da ganz gut stehen würde.

    Zum Inhalt: Ich habe mir über diesen Konflikt noch keine Gedanken gemacht, für das, was ich tue, ist er nicht relevant. Aber ich kann ihn nachvollziehen, und ich möchte hier kurz eine Lanze brechen für die Interdisziplinarität. (Wo kommt dieser seltsame Ausdruck eigentlich her?)

    1. und allerwichtigster Punkt: Die Welt ist nicht unidisziplinär. Wollen wir sie wirklich tiefgreifend verstehen und wollen wir vielleicht auch das eine oder andere Problem tatsächlich lösen, ist so ein Perspektivenwechsel ab und an ganz angebracht.

    2. Interdisziplinarität erweitert den persönlichen wie fachlichen Horizont, die Gefahr, zum super ausgebildeten Fachidioten zu verkümmern, sinkt beträchtlich. Zudem hilft es, die eigenen liebgewonnen Ansichten zu hinterfragen. Gutes Mittel gegen Dogmatismus.

    Dann gibts natürlich auch ein paar Schwierigkeiten, unter anderem die der sprachlichen Verständigung – verschiedene Fachdisziplinen haben oft unterschiedliche Termini, von unterschiedlichen Welt- und Menschenbildern ganz zu schweigen. Das kann mächtig anstrengend werden und auch die eine oder andere Storming-Phase auslösen. Das Gute daran, wenns dann klappt: Ein Zuwachs an “interkultureller” Kompetenz.

    PS: Je wilder die Mischung, desto spannender das Zusammentreffen. Allerdings kann ich nicht von außen nicht einschätzen, wie weit Physik und Medizin TATSÄCHLICH auseinanderliegen.

    [Antwort:
    Ich erlaube mir mal den Text hier zu verlinken. Bunt wird es dann in einem eigenen Beitrag dazu. Das hat einen durchaus ernsten Hintergrund. Diesen muss ich aber erst noch aufschreiben, die Bilder sind schneller gemacht.
    Unten antworte ich dann noch weitergehend Dir und Michael zusammen.]

  3. Früh ist man noch frei und mit Chancen

    Danke für die Zustimmung. Wobei ich gar nicht bestreiten will – und ihr wohl auch nicht – dass es durchaus disziplinspezifische Forschungs- und Theoriearbeit gibt. Diese mag sogar in der Förderung unterrepräsentiert sein (s. die oben genannten 55.3%) wobei ich schon denke, dass die Welt sich eben nicht an unserer Disziplinen hält und so wahrhaft interdisziplinär ist und sein muss. Doch geben Grenzen manchmal halt auch die nötige Freiheit sich zu beschränken.

    Aber selbst wenn es nur ein Bruchteil ist der grenzüberschreitend forscht, braucht es für diesen Bruchteil eben Stellen auf denen wir Forschen können. Die gibt es zu Hauf – eben durch Drittmittelförderung – auf den unteren Rängen und dort wird man in der Regel auch frei interdisziplinär forschen dürfen.

    Die recht subtile Gefahr entsteht dann aber gerade durch die späte Festlegung der Karriere in der Wissenschaft in Deutschland: 12 Jahre nach dem Diplom ist man eventuell inzwischen so “interdiszipliniert”, dass man von keiner Fachrichtung mehr als einer der ihren (an)erkannt wird. Das ist aber der Zeitpunkt, an dem die Karten auf den Tisch kommen.

Schreibe einen Kommentar