Fünf Jahre „Graue Substanz“

Gut, dass in jeder wissenschaftlichen Arbeitsgruppe stets so viel passiert, dass es gerade in einen Blog passt. Nach diesem Motto schreib ich die „Graue Substanz“. Sie wird an diesem Wochenende fünf Jahre alt. 

Im Gehirn zeigt die graue Substanz mit dem Alter funktionelle und strukturelle Veränderungen. Nicht anders ist es mit der „Grauen Substanz“ auf SciLogs: ob Laborbuch, Neuinszenierung der Kaffeepause oder Warenhaus an Wissen, nur zu einem taugt ein Wissenschaftsblog nicht: es ist kein Feigenblatt.

Von den Einblicken in die tägliche Arbeit …

Mit im Schnitt fast jede Woche einen Beitrag hat die Taktfrequenz über die Jahre deutlich zugenommen. Am Anfang alle zwei Wochen, später eher zweimal pro Woche: Ich schrieb häufiger, als ich begann die „Graue Substanz“ als offenes Logbuch des Forschungsprozesses zu sehen.

Ein Laborbuch, in dass ich hineinschreibe, was ich zusammenfassen und dabei überdenken will – treu der Devise: „Writing is nature’s way of letting you know how sloppy your thinking is“ (Dick Guindon, hier gefunden). Ich schreibe auch zu Themen, von denen ich mir von außen weitere Anregungen erhoffe (und oft von Lesern auch bekomme) oder zu Themen, die ich erstmal sammeln, ordnen und später wiederfinden will.

Als interdisziplinäres „dry lab“ geht es bei mir nicht darum, Experimentverläufe zu protokollieren sondern Brücken zu schlagen. Jenes ist ein klassischer Grund ein Laborbuch zu führen. Wobei es selbst beim klassischen Laborbuch um mehr geht. Der übergeordnete Zweck ist nachhaltig auf relevante Informationen zurückgreifen zu können.

Die „Graue Substanz“ erfüllt für mich zusätzlich weitere Funktionen der Science-to-Science-Kommunikation. Vielleicht verdeutlicht dies eine Anekdote am besten.

… über die Kaffeepause …

Im Oktober 2011 schrieb ich ein Empfehlungsschreiben für eine Studentin. Sie bewarb sich auf eine Doktorandenstelle an einer anderen Universität, arbeitete damals jedoch noch als studentische Hilfskraft bei mir. Nachdem der Adressat das Empfehlungsschreiben las, rief er mich an und erhielt am Telefon weitere gewünschte Auskunft. Gegen Ende kam er – zu meiner Überraschung – auf meinen Blog zu sprechen! Er würde meine Beiträge mit Interesse lesen und ob ich nicht einmal im Seminar eines großen Forschungsverbund vor Ort bei ihnen vortragen wolle?

Es hat über ein Jahr gedauert, bis es zu diesem Vortrag kam. Daraus ergab sich dann noch ein weiterer neuer Kontakt zu einem anderen Arbeitsgruppenleiter dieses Verbundes, mit dem ich daraufhin zwei Veröffentlichungen geschrieben habe.

Der Beginn dieser Geschichte, und mit ihr das Wissenschaftsblog, ist dabei mehr als nur die digitale Neuinszenierung des entspannten Kaffeepausengesprächs am Rande einer Konferenz. Dass diese Geschichte in der Neuinszenierung erzählenswert wird, liegt nicht allein an der Neuheit der Wissenschaftsblogs sondern (und vielleicht noch mehr) daran, dass die Kommunikation als Teil des wissenschaftlichen Prozesses sich selbst geändert hat, „weil sich die Wissenschaft geändert hat und weil sich die Rezeption der Öffentlichkeit … geändert hat“, wie es Josef Zens ausführt.

… zu einem Warenhaus an Wissen

Wer konkret hier mitliest, weiß ich nicht. Die allerwenigsten teilen es mir leider mit. Doch es gibt Statistik über die Datenverkehrsanalyse von SciLogs.

Weltkarte mit Besucherfrequenz
Besucherzahlen der „Graue Substanz“ visualisiert. Wissenschaftsblogs repräsentieren Forschung weltweit.

 

In den letzten 12 Monaten waren es über 46 Tausend Besuche, knapp 40 Tausend davon aus Deutschland. Gut 13% der Leser sind also weltweit verstreut.  Bei jedem Besuch werden im Schnitt eineinhalb Beiträge gelesen, pro Beitrag mit etwa 2 Minuten Lesezeit. Das regte zu über 7 Tausend Kommentaren an (meine Antworten mitgezählt). Dabei ist die „Graue Substanz“ nicht mein einziger Internetauftritt.

 

Weltkarte mit Besucherstatistik
Weltkarte mit Besucherstatistik der Migraine Aura Foundation

 

Ich schreibe noch das Blog „Gray Matters“ in Englisch auf scilogs.com und zusätzlich betreibe ich zusammen mit Dr. med Klaus Podoll, einem Kollegen aus Aachen, die Website der Migraine Aura Foundation. Das wiederum ist eine statische Website, d.h. mit sehr unregelmäßigen Updates und ohne Kommentar-Funktion für Leser. Dafür gibt es regelmäßig Austausch über Email mit Betroffenen, die ihre Krankheits- und Leidensgeschichte teils mit Bildern (unten sind nur ein Bruchteil gezeigt) schildern und die auf der Website gesammelt, kategorisiert und so umfassend dokumentiert werden.

mafPictures

Die statische Website ist jetzt fast 15 Jahre alt. Auch dort sind die Inhalte auf Englisch und bei allem geht es darum für mein Forschungsgebiet Öffentlichkeit herzustellen. Die Besucherstatistik ist übrigens gar nicht so unterschiedlich zu dem deutschsprachigen Blog. Mit 85 Tausend Besuchern pro Jahr ist die Reichweite erwartbar größer, wobei auch wieder im Schnitt eineinhalb Seiten pro Besuch gelesen werden; die Besucher verweilen jedoch etwas kürzer.

Offenheit ist kein Epiphänomen

Ohne dieses schriftliche Festhalten hätte sich viel Wissen längst wieder verflüchtigt, einiges hätte mich erst gar nicht erreicht. So aber habe ich mein eigenes Warenhaus an gesammelten Wissen und zwar nicht nur für mich allein sondern für alle online verfügbar. Dabei wirken fünfzehn Jahre Migräne und Migräneforschung im Internet zu präsentieren zurück auf die eigene Forschung.

Wenn man als theoretischer Physiker eine Krankheitsgeschichte zur Migräne mit Aura liest, denkt man über diese Dynamik und über deren zugrundeliegenden funktionellen und strukturellen Strukturen im Gehirn in Form von mathematischen Gleichungen nach. Wenn man einige hundert Krankheitsgeschichten liest (persönlich per Email zugeschickt oder im Blog kommentiert), denkt man unweigerlich viel über diese fehlschlagende Gehirndynamik nach. Deswegen bin ich überzeugt, dass jede meiner wissenschaftlichen Veröffentlichungen in Fachzeitschriften der letzten Jahre wurden zumindest indirekt durch diese prägende Erfahrung eines offenen Forschungsprozesses beeinflusst ist – und das ist auch gut so.

Das ist Teil meiner Antwort auf die Frage, ob das Schreiben eines Wissenschaftsblogs nicht zuviel Zeit gekostet. Ich kann mit dieser Frage schlicht wenig anfangen. Was soll das heißen? Wie soll ich einen Vergleich führen? Es kostet Zeit ein Lehrbuch zu schreiben. Zuviel Zeit? Oder eine Habilitationsschrift, die am Ende wohl auch nicht mehr zusammenfasst oder mehr zum Überdenken zwingt, die kaum jemand je lesen würde und die fürwahr kaum mehr als wenige schmückende Buchstaben vor dem Namen für die Allgemeinheit (andere Fachdisziplinen eingeschlossen!) nachhaltig hinterlässt.

Einflussfaktor nicht Feigenblatt

Ich habe seit 2009 insgesamt 21 wissenschaftliche Artikel (peer review) veröffentlicht, die 348 mal seitdem zitiert wurden. Vielleicht wären es ohne „Graue Substanz“ mehr, vielleicht aber auch weniger, wie die Anekdote oben zeigt. Beides wäre kein Grund gegen bzw. für ein Wissenschaftsblog. Allein dass es wohl andere Fachartikel wären, scheint mir wirklich interessant und durchaus eine „funktionale Begründung für öffentliche Wissenschaftskommunikation“.

Wer mich heute nach dem Zeitaufwand fragt, dem sage ich als Zusatz zu dieser funktionalen Begründung auch, es ist doch gut, dass in einer wissenschaftlichen Arbeitsgruppe stets so viel passiert, dass es gerade in einen Blog passt.

Für mich ist immer noch der beste Grund, dass ich mich entscheiden kann meinen wissenschaftlichen Kompass nicht allein an Zahlen wie den „impact factor“ und „h-index“ auszurichten oder meinen Einflussfaktor gar aus akademischen Graden abzuleiten. Ich bekomme Resonanz auf das Blog. Wie viel mehr das für die Allgemeinheit bringt, um wie viel mehr es einen selbst motiviert und auf die eigene Forschung zurückwirkt, das muss und kann jeder selbst abschätzen bzw. zulassen. Klar ist: ein Wissenschaftsblog taugt nicht als Feigenblatt, das kaum mehr als notdürftig den eigenen wissenschaftlichen Impakt verhüllen könnte, wie es vielleicht die für jeden Forschungsantrag nötigen „allgemeinverständlichen 15 Zeilen“ tun können, die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft eingefordert werden – maximal 1600 Zeichen passen dort herein. Dieser Beitrag, der hiermit endet, hatte ungefähr 8500 Zeichen. Er ist einer von 246 Beiträgen in den letzten fünf Jahren.

 

Markus A. Dahlem

Markus Dahlem forscht seit über 20 Jahren über Migräne, hat Gastpositionen an der HU Berlin und am Massachusetts General Hospital. Außerdem ist er Geschäftsführer und Mitgründer des Berliner eHealth-Startup Newsenselab, das die Migräne- und Kopfschmerz-App M-sense entwickelt.

8 Kommentare

  1. Fünf Jahre schon? Du meine Güte! Herzlichen Glückwunsch. Dein Fazit hört sich überwiegend positiv an. Du hast ja auch gute Erfahrungen damit machen dürfen. Ich denke, es hat auch dazu beigetragen, deinem Thema eine größere Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Zur Hochschulpolitik bist Du ja öfters mal interviewt worden.

  2. “Dabei ist die „Graue Substanz“ nicht mein einziger Internetauftritt.”
    “Ich schreibe noch das Blog „Gray Matters“ in Englisch auf scilogs.com.”
    “Zusätzlich betreibe ich zusammen mit Dr. med Klaus Podoll, einem Kollegen aus Aachen, die Website der Migraine Aura Foundation. – Regelmäßig Austausch über Email”

    Dawg, das ist reichlich, full time. Bleibt da überhaupt noch Zeit, mal in Ruhe nachzudenken? Ich vermute also, Sie haben zumindest keinen facebook-account – das wäre für einen Neurowissenschaftler mit Abitur auch eher überraschend.

    “Es ist doch gut, dass in einer wissenschaftlichen Arbeitsgruppe stets so viel passiert, dass es gerade in einen Blog passt.” – Ist das so? Bedeutet das, wissenschaftliche Arbeitsgruppen haben ihre Metaphysik bereits auf die teilweise absurde Dynamik und daher weak logic des Internet eingestellt?

    I’ll calculate 2*2 now.

    • All the news that’s fit to print.

      Das Motto findet man in der linken Ecke der „New York Times“. Für’s Internet wurde es zu

      All the News That’s Fit to Click.

      Die F.A.Z. hat im August diesen Jahres in eigener Sache berichtet und über größten Krise der Zeitungsgeschichte nachgedacht und aufgerufen nachzudenken. Dort war auch zu lesen, dass der Wahlspruch der „New York Times“ von Karl Kraus eindeutscht wurde: „Gut, dass in der Welt täglich stets so viel passiert, dass es gerade in eine Zeitung passt.“

      Karls Kraus’ Version habe ich also für den Wissenschaftsblog adaptiert. Vielleicht hilft dies ein wenig im Verständnis?

      • “Karls Kraus’ Version habe ich also für den Wissenschaftsblog adaptiert. Vielleicht hilft dies ein wenig im Verständnis?”

        Wenig. Denn _warum_ haben Sie diese Adaption vorgenommen? Was glauben Sie, würde Karl Kraus sagen, was sind die Ursachen dieser “größten Krise der Zeitungsgeschichte”? Sie werden sagen: Schlechter Journalismus, oder besser: nicht mehr stattfindender Journalismus, da kann sich die FAZ winden, wie sie will. Eben. Ich nehme an, das würde auch Karl Kraus gesagt haben wollen.

        Wollen Sie also das gleiche über das wissenschaftliche Publizieren in Zeiten des Internet (never sleeps) andeuten? Sie führen das nicht aus, stellen lediglich dar, dass Sie in Ihrer Ontologie durchaus auf die (kurzgeschlossene) Dynamik und (daher nicht ganz unbedenkliche) Kultur des Internets setzen.

        • Ein Blog ist flexibel und hat nicht wie eine Zeitung einen vorgegebenen Platz zum befüllen. Man kann also als Wissenschaftler selbst entscheiden, was in das Blog gehört, weil man sich einen Nutzen erhofft.

        • “Schlechter Journalismus, oder besser: nicht mehr stattfindender Journalismus” als Ursache der Zeitungskrise – das würde auch Karl Kraus gesagt haben? Nein, ganz bestimmt nicht, er hätte wohl gesagt: Journalismus.

  3. Heute Abend 12:45 Report Mainz, u.a.

    “Heftiger Streit: Soll Cannabis in der Schmerztherapie zugelassen werden?”

    … die positiven Cannabismeldungen reißen nicht ab, ist echt interessant. Die Frage bleibt offen, was die Leute, die gegen die Re-Legalisierung sind, eigentlich antreibt. Die haben nämlich ganz klar keine sauberen Motive (ist in den USA genauso). Schmerzpatienten ein sicheres, billiges Medikament zu verweigern, da bekommt der Amtseid (zum Wohle…) ein fauliges Geschmäckle.

    –über Industriehanf noch gar nicht gesprochen..

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