Finde die Fehler: Nach 25 Jahren Migräne geheilt

»Migräne: Frau hat dank Ernährungsumstellung nach 25 Jahren keine Kopfschmerzen mehr« titelt eine deutsche Boulevardzeitschrift, die den Artikel bei einer britischen Boulevardzeitung abschrieb.

Wir dürfen immerhin Fehler suchen. Nur zwei Klicks weit ist die Redaktion weg. Klasse. Also los:

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Ich habe folgende Fehler in der Überschrift gefunden:

  • „Frau“
  • „dank“
  • „Ernährungsumstellung“
  • „25 Jahre“
  • „keine Kopfschmerzen“

Frau“, singular – also genau eine, sie lebt in der englischen Grafschaft Lincolnshire, so erfahren wir es, in der britische Boulevardzeitung sehen wir immerhin auch noch vier wirklich nette Familienbilder: Falsch daran ist, dass dies überhaupt eine Zeitungsmeldung wird. In dem verlinkten Video weist eine Ärztin darauf hin, dass in Großbritannien etwa 6 Millionen Menschen an Migräne erkrankt sind, in Deutschland sind es etwa 10 Millionen. Soll wirklich für jede eintretende Besserung ein Artikel geschrieben werden?

dank“: Falsch daran ist, dass es einen ursächlichen Zusammenhang vorgaukelt (siehe „25 Jahre“).

Ernährungsumstellung“: Richtig ist – wie wir dann im Haupttext erfahren –, dass es um eine bestimmte Ausschlussdiät geht. Diese sei „von einem Freund mit starker Gluten-Intoleranz wärmstens empfohlen“ worden. Aha. Den Preis erfahren wir, wenn man sich etwas durchklickt: beworben wird eine Ausschlussdiät gegen Reizdarm für 319,00 £. Damit wir diese wärmstens empfohlene Diät auch nicht noch übersehen, gibt es einen rosaroten Infokasten. Fast schon löblich: die deutsche Boulevardzeitschrift lässt den Infokasten weg. Diese Diät propagiert eine kohlenhydratreduzierte Ernährung, was bei Migräne als kontraproduktiv gilt.

25 Jahre“: Jetzt wird es wissenschaftlich. Die höchste Rate an Neuerkrankungen (Inzidenz) bei Migräne liegt bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen zwischen 15 und 24 Jahren. Frauen eines Jahrgangs erkranken mit einer Rate von etwa 15‰, was in Deutschland ca. 128 000 junge Frauen im Alter zwischen 15 und 24 Jahren ausmacht. Männer mit nur mit 4,6‰ bzw. 40 000 junge Männer. Die höchste Häufigkeit (Prävalenz) der Migräne besteht wiederum zwischen dem 35. und 44. Lebensjahr. Frauen sind in dieser Altersgruppe mit über 25% mehr als dreimal häufiger betroffen als Männer. Mit 46 Jahren, so alt wie die Frau in der Meldung, ist die Rate der spontan eintretenden Besserung oder Genesung einer Migräneerkrankung wiederum am höchsten. Fassen wir zusammen: Der Fall ist mustergültig für einen natürlichen Krankheitsverlauf!

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Keine Kopfschmerzen“: Migräne sind nicht nur Kopfschmerzen. Gerade im Alter bleibt oft die Migräneaura bestehen, man ist also durchaus weiter erkrankt, auch wenn das Leitsymptom Kopfschmerz abnimmt.

Zusammengefasst: Ein natürlicher Krankheitsverlauf wird benutzt, um eine überteuerte und sogar gegebenenfalls schädliche Diät an kranke Menschen zu vertreiben.

Markus Dahlem forscht seit über 20 Jahren über Migräne, hat Gastpositionen an der HU Berlin und am Massachusetts General Hospital. Außerdem ist er Geschäftsführer und Mitgründer des Berliner eHealth-Startup Newsenselab, das die Migräne- und Kopfschmerz-App M-sense entwickelt.

19 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Na-ja, Focus-Meldung, ich erwarte da eigentlich nichts anderes als solchen Blödsinn. Trotzdem Danke für die Klarstellung!

    • Ich erwarte Journalismus. Ich erwarte „Fakten, Fakten, Fakten“. Ich erwarte ganz klar viel mehr als hier zu lesen war. Viel mehr.

      • „Ich erwarte Journalismus.“

        Das ist sehr naiv. Von einem erloschenen Feuer zu erwarten, dass es in kühlen Zeiten wärme. Oder andersherum.

        • Naja, gester hat Focus dann man wieder zum Thema Migräne einen guten Bericht gebracht, der auch von einer Expertin, Dagny Holle-Lee, verfasst (oder zumindest betreut) wurde.

          Es geht da um Schwindel als Symptome der Migräne.

          Wenn man es genau will, ist dort auch ein Fehler drin, die vestibuläre Migräne ist keine erlaubte Diagnose, sondern nur im Appendix der Diagnoserichtlinie für weitere zukünftige Abgrenzungen in klinischen Studien als Migräneunterform angeführt. Aber solche Details gehören dann auch wiederum nicht unbedingt in einen solchen Bericht.

  2. Correlation does not imply causation. Nur weil der Krankheitsverlauf bei vielen Leuten so ist, heißt das nicht, dass die Diät nicht dieser Frau geholfen hat.

    • Nicht oder nicht nicht. Es heißt nicht, dass die Diät nicht dieser Frau geholfen hat. Es heißt nicht, dass die Diät dieser Frau geholfen hat. Es heißt nicht, dass nicht die Diät nicht dieser Frau nicht geholfen hat. Eben. Es kann ja alles heißen.

    • Soweit ich das verstanden habe, ist das eine einmalige Zahlung für die Anleitung der Ausschlussdiät.

      Wer wirklich seriöse Informationen zu dem Thema Reizdarm und Diät und vielen mehr sucht kann hier schauen.

      Dort erhält man kostenlos eine Einführung in die Low-FODMAP-Diät zum Download.

      • Ähm, Ernährungsumstellung kostet nichts, gar nichts. Die Hauptsache besteht darin viel stilles Wasser zu trinken und keine Fertig- / Industrienahrung zu essen. Fleisch in Maßen. Nahrungsprodukte mit wenig Säure (keine Cola!). Gemüse ist basisch, weil es viele Mineralstoffe und viel Flüssigkeit enthält. Glutenfrei zu essen kann dagegen teurer sein, weil es im Handel kaum Glutenfreie Produkte gibt. Fakt ist, dass die gängigen Getreidesorten seit etwa 50 Jahren erheblich mehr Gluten enthalten. Das wurde so gezüchtet, da Gluten als „Weizenkleber“ dafür zuständig ist, dass die Backwaren zusammenhalten.

        Wenn ein Migräne-Befallener eine Ernährungsumstellung in Erwägung zieht, wäre ich, wenn ich Arzt wäre, die letzte, die diesem versuchen würde, eine solche auszureden. -> Null Nebenwirkungen, mehr Gesundheit garantiert!

        • Die Ernährungsumstellung, die in dem Artikel empfohlen wird, kostet etwas, wenn man sich von dieser Firma anleiten lässt. In dem deutschen Artikel wird dieser Test zweimal, in dem englischen Artikel fünf mal erwähnt. Für den normalen Leser ist nicht erkennbar, um was es sich handelt und wie man umsonst an diesen Test kommt. (So wie ich es verstanden habe, ist des die Low-FODMAP-Diät, Anleitungen dazu gibt es in der Tat auch umsonst. Link ist in einem Kommentar oben.)

          Ernährungsumstellung ist nicht gleich Ernährungsumstellung. Deswegen kommt es sehr darauf an, was genau man umstellt. Und warum.

          Bei einer Migräneerkrankung gilt es in erster Linie regelmäßig zu Essen und Hungerphasen zu meiden, insbesondere an Tagen, an denen auch andere Einflussfaktoren hinzukommen.

          Allerdings muss man viele dieser guten Ratschläge in Frage stellen: Auslöser, wie Hungerphasen, immer zu vermeiden – gilt zwar als der beste Weg, so auch Attacken zu verhindern. Doch gibt es wenig empirische Unterstützung für diesen Ansatz, selbst wenn Betroffene ihre individuellen (Ernährungs)Auslöser kennen würden.

          Im Gegenteil, es wird in der Literatur darauf hingewiesen, dass die strikte Vermeidungsstrategie selbst zum Stressfaktor wird. Sowie auch darauf, dass das unnütze Vermeiden vermeintlicher (statt tatsächlicher) Ernährungsauslöser völlig unnötig die Lebensqualität erheblich einschränkt.

          • Naja, ernährungsumstellungen, die in irgendeiner form auf heilung abzielen, haben immer die selben inhalte. Was man genau machen kann, darüber gibt es millionen an büchern. Man kann aber auch alles kostenlos im internet nachlesen. Eine spezielle diät ist somit überflüssig. Den weiter oben zitierten link habe ich mir nicht genauer angesehen, ich kann aber auch so schon sagen, dass er aus folgenden bausteinen bestehen wird: viel wasser ohne kohlensäure, wenig milchprodukte, wenig fleisch, viel gemüse und obst, evtl. glutenarm, mehr gutes fett, weniger schlechtes fett, alles verarbeitete so weit es geht weglassen. Das ist der kern jeder ernährungsumstellung. Regelmäßiges essen ist wichtig, damit die leber richtig funktionieren kann (gallenausschüttung).

          • Dem stimme ich zu. Der viel zitierte gesunde Menschenverstand weiß (mit etwas Bildung), wie eine vernümftige Ernährung aussieht.

            Es gibt sicher Krankheiten, die eine ganz spezielle Ernährung nötig machen. Migräne gehört aber nicht dazu.

  3. Schade, dabei kann die so genannte ketogene Diät sehr wohl bei Migräne helfen. Auf den ersten Blick eine sehr restriktive Ernährungsform, durchdacht gestaltet vermisst man sehr kohlenhydratreiche Nahrung schon innerhalb einer Woche nicht mehr. Ganz zu schweigen vom wiedergewonnenen Lebenswert bei schwerem oder chronischem Migräneverlauf. Immerhin eine Sache, in der die Forschung in den USA uns voraus zu sein scheint.

    Aber es stimmt schon, auf den ersten Blick eine böse Idee, so etwas seinem Körper antun zu wollen. Es ist sehr wohl möglich, während der Übergangsphase von Glucosemetabolation zu Ketonmetabolation schweren Migräneattacken zu erliegen, wahrscheinlich zurückzuführen auf die einmalig ausartende Insulinpegelschwankung. Dieser Insulinpegel pendelt sich jedoch innerhalb von zwei Tagen wieder ein und bleibt für den Rest dieses medizinischen Ernährungsstils auf niedrigem Level, ohne große Schwankungen. Ebenfalls scheinen die Ketonkörper (Fettsäureester) dem Gehirn einen, ich sage mal Schutzpanzer, gegen die Migräne zu verleihen, da diese Ketonkörper die Gehirnblutschranke überqueren können und dem Gehirn mehr Energie zur Verfügung stellen, als dies bei Glucose der Fall wäre.

    Da dieses Thema jedoch so extrem umfassend und wahrscheinlich noch immer gegen die derzeitige Ernährungsratschläge vieler Experten geht und auch noch die Ernährungspyramide des gesunden Essens komplett auf den Kopf setzt, raufe ich mir lieber nicht allzu viele Haare an dieser Stelle aus und lasse gut sein. Wer nicht mehr weiter weiß mit seinem Migränelatein, kann sich entsprechend in die Materie einlesen. Es gibt mittlerweile sogar deutsche Webseiten zu diesem Thema, jedoch wahrscheinlich noch nicht Studien in deutscher Sprache, die sich hiermit befassen.

  4. Ich finde es immer wieder erstaunlich, dass die Ernährung im Hinblick auf Gesundheit so klein geredet wird. Mir hat die Ernährungsumstellung auf mein eigenes System geholfen, nicht bei Migräne, aber bei „normalen“ Kopfschmerzen und anderen Beschwerden. Hinter diesem Link dürften der Link zur Studie stehen:
    http://www.spektrum.de/news/hilft-ernaehrungsumstellung-gegen-migraene/1426985?utm_medium=newsletter&utm_source=sdw-nl&utm_campaign=sdw-nl-daily&utm_content=edi
    Außerdem gibt es Bücher von Ärzten zum Thema, wie Konsum leicht verdaulicher kohlehydrate Blutzuckerwerte, Stress, Hormonschwankungen und Migräne zusammenhängen sollen.- Ausprobieren schadet nicht, eine teure Anleitung braucht man dafür natürlich aber nicht..

  5. Hallo Herr Dahlem, Sie werden in dem von „Bettina“ verlinkten Bericht zitiert. Es würde mich sehr interessieren, wenn Sie zu dem Thema berichten würden, da ich meine sehr schwere Migräne zwar nicht vollständig heilen, aber sehr stark eindämmen konnte, indem ich mich kohlenhydratarm ernähre. Und dies nicht nach „nur“ 25, sondern nach ca. 46 Jahren. Die Aussagen eines der wortführenden Migränespezialistens Deutschlands haben mich lange davon abgehalten, es zu versuchen, und sie verunsichern mich auch heute manchmal noch – wäre die Migräne vielleicht sowieso zurückgegangen? Eine systematische Erforschung des Themas Kohlenhydrate bei Migräne wäre wirklich hilfreich. Sie kennen sicher die Arbeiten von Peter Mersch, alle Infos sind kostenlos auf seinen Internetseiten zu finden. Auch in vielen Abnehmforen findet man immer wieder Leute, deren Migräne zurückgeht, wenn sie die Atkins-Diät machen. Es gibt also viele Indizien. Viele Grüße, Petra

  6. Mir hat diese Ernährung nicht nur gegen die Migräne wesentlich geholfen, sondern gegen ein gesamtes metabolisches Syndrom mit Übergewicht, Prädiabetes und Bluthochdruck. Zudem ist eine Infekt-und Entzündungsneigung verschwunden inclusive chronischer Sehnenentzündungen. Die Kohlenhydratintoleranz kann mit zunehmendem Alter zum Typ2 -Diabetes führen, wodurch sich tatsächlich eine Migräne bessern kann. Viele übergewichtige Frauen erleben mit und nach den Wechseljahren allerdings sogar mit der weiteren Gewichtszunahme eine erhebliche Migräneverschlechterung (habe ich bei den Fachleuten gelesen, ich meine im Bereich der Migräneklinik Kiel).
    Ich bin froh, dass ich durch diese Ernährung seit über 5 Jahren rundum gesund geworden bin. Ich habe mittlerweile ideale körperliche Werte. Ich mußte keine Firma bereichern, sondern konnte auf gesunde möglichst unverarbeitete Nahrungsmittel aus dem normalen Handel zurückgreifen.
    Schade, dass so wenig Betroffene davon wissen und es so madig gemacht wird.

    • Ich habe mich auch positiv oder zumindest neugierig zu einer Ernährungsumstellung hier geäußert. Mir gin es mit der Kritik vor allem um die Form dieses Artikels.

      • Gut, Herr Dahlem, das ist dann so in Ordnung für mich. Ich kann nur empfehlen, sich wohlwollend mit dieser Ernährungsform zu beschäftigen. Ohne sie hätte ich bereits vor 5 Jahren Metformin und 2 Blutdrucksenker einnehmen müssen. Heute muß ich keine Medikamente mehr einnehmen (vom Kardiologen abgesegnet). Das senkt die Kosten im Gesundheitswesen, wird aber in breiter Anwendung vermutlich die Pharmaindustrie nicht freuen.

        Viele Grüße

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