Erklärt Hyperaktivität Migräne? (Teil 2)

„Migräniker leben mit einem Porsche im Kopf.“ Was steckt hinter bildhaften Vergleichen wie diesen?  

Die populärwissenschaftliche Erklärung lebt von der Vereinfachung. Kann man Migräne erklären, indem man von den Fehlfunktionen der Gehirnzellen eine Brücke zu dem Menschen durch einen Vergleich schlägt? Oder ist das verkehrt?

Zunächst zu den Gehirnzellen. Sie weisen bei Menschen mit einer Migränerkrankung sowohl Über- als auch Unterfunktionen auf und zwar jeweils bezüglich ihrer Aktivität und Sensibilität. Man hat quasi freie Auswahl, setzt man einen Vergleich an, der die zellulären Vorgänge mit menschlichen verbindet. Das zeigt Teil 1.

Zum Menschen. Welche Symptome und krankheitsbezogenen Aspekte will man erklären? Stress spielt eine große Rolle bei Migräne. Außerdem reagieren Migränikeerkrankte auf sensorische Reize überempfindlich. Das passt doch zur Hyperaktivität und Hypersensibilität ihrer Neurone! Dass, je nach Situation und Blickwinkel, diese Neurone auch weniger sensibel und weniger aktiv reagieren können als bei Gesunden, das lässt man wegfallen. Ebenso dass es nicht unproblematisch ist, Stressoren und sensorische Reize mit neuronalen Signalen gleich zu setzen.

Der Vergleich ist rational fassbar und damit einprägsam. Aber es ist eben nur ein Vergleich, keine Erklärung, insbesondere keine populärwissenschaftliche Erklärungen. Denn eine populärwissenschaftliche Erklärungen muss den für den Laien allein aus der Fachliteratur undurchdringlichen physiologischen Mechanismus vermitteln. Ein Vergleich kann dabei helfen. Allein für sich überbrückt er das zu Erklärende und lässt Spielraum für Missverständnisse.

Der Porsche im Gehirn

„Porsche im Gehirn“, das ist ein bildhafter Vergleich. Es folgt ein Nachsatz und erst der setzt einen physiologischen Mechanismus hinzu ins Bild.

Migräniker leben mit einem Porsche im Kopf, geben immer Vollgas. Doch von Zeit zu Zeit benötigt das Hirn einen Boxenstopp.
(Wolf-Dieter Gerber, Direktor des Instituts für Medizinische Psychologie der Universität Kiel, 2001 im Tagesspiegel).

Es gibt übrigens noch eine Variante. Da werden Migränikeerkrankte mit einem Formel 1-Wagen verglichen, die regelmäßig Boxenstopps brauchen: großer Motor, kleiner Tank. Dies wird einem weiteren, von mir sehr geschätzten Migräneforscher zugeschrieben.

Auf welche physiologischen Gegebenheiten sich diese bildhaften Vergleiche beziehen, darauf wird erst im nächsten Teil eingegangen. Im Tagesspiegel sind die Hintergründe sehr gut populärwissenschaftlich erklärt ‒ wer neugierig ist wird auch dort fündig. Nur soviel: mit Genetik und Funktionen einzelner Gehirnzellen haben sie zunächst einmal nichts zu tun. Sie sind etwa 15 Jahre alt und stammen damit aus einer Zeit, als die genetischen Grundlagen noch weitgehend unklar waren.1

Der Punkt ist, wenn man von hyperaktiven Migränegehirn spricht oder bildhaft vom Porsche im Gehirn, dann muss das immer explizit in einem Zusammenhang mit dem konkreten physiologischen Mechanismus stehen. Sonst besteht die Gefahr, dass es in einen falschen Kontext gerückt wird. Leider kann man genau das immer mal wieder in sozialen Netzen beobachten. Bestimmte Vergleiche führen Zielsicher zu Missverständnissen über die neuronalen Grundlagen der Erkrankung Migräne. Genauer zu einem alten und einem neuen Missverständnis, die sich beide gegenseitig noch unterstützen.

“Migränepersönlichkeit”

Das alte Missverständnis heißt “Migränepersönlichkeit”. Womit gemeint ist, dass Wesenszüge und Verhaltensauffälligkeiten bereits vor der Erkrankung festgelegt sind. Der Porsche war schon immer im Kopf. Diesem Mythos kann man nur schwer entgegentreten.  Birgit Kröner-Herwig (Leiterin der Abteilung für Klinische Psychologie und Psychotherapie, Uni Göttingen) bringt es auf den Punkt:

„Heute bleibt festzuhalten, dass das Konzept der prämorbiden spezifischen Schmerzpersönlichkeit den empirischen Test nicht bestanden hat. Die Mehrzahl der Studien erlaubt aufgrund methodischer Mängel prinzipiell keine belastbaren Aussagen, oder die Annahmen konnten empirisch nicht untermauert werden. Somit sollte dieses Konzept endgültig begraben werden, was die Herausgeber dieses Buches veranlasst hat, auf eine ausführliche Diskussion dieses Konzeptes in einem separaten Kapitel, wie es noch in der vorherigen Auflage dieses Buch geschehen war, zu verzichten.“
(Kröner-Herwig, Schmerz als biopsychosoziales Phänomen – eine Einführung. In: Schmerzpsychotherapie: Grundlagen – Diagnostik – Krankheitsbilder – Behandlung, Springer)

Der Verzicht auf eine ausführliche Diskussion ist durchaus richtig. Aufklärungs- und Widerlegungsarbeit könnten das Konzept nur noch tiefer im Gedächtnis verankern, wie es Martin Ballaschk an vielen anderen Beispielen in seinem Blogbeitrag und seinem Vortrag auf der re:publica 2014 beschreibt.

Genetik

Der andere falsche Kontext des Bildes „Porsche im Kopf“ ist neuer. Er tritt seit einigen Jahren besonders häufig in den deutschen2 sozialen Medien als Totschlagargument gegen andere Risikofaktoren auf und betrifft die Genetik. Auch hier bringt ein Zitat den eigentlichen Sachverhalt auf den Punkt, auch wenn es nicht um Migräne geht:

„Angsterkrankungen entstehen durch das komplexe Zusammenwirken von genetischen Faktoren und Faktoren der Umwelt. Genomweite Assoziationsstudien haben risikoerhöhende genetische Faktoren identifiziert. Vielversprechende Kandidaten sind Gene der Signalwege und Transmittersysteme der neuronalen Furchtmatrix. Dabei wäre es naiv, anzunehmen, dass die Veränderung eines einzelnen genetischen Faktors oder eine Handvoll Gene die Ursachen der Krankheit erklärt. Vielmehr scheint sich der Verhaltensphänotyp – gesund oder krank – durch die Akkumulation kleiner Effekte aus zahlreichen Variablen zu manifestieren. Diese Wechselwirkungen und das Zusammenspiel mit risikoerhöhenden Lebensereignissen sind allenfalls im Ansatz verstanden. Dabei können kritische Lebensereignisse sowohl in frühen Phasen der Entwicklung als auch in späteren Lebensphasen das Erkrankungsrisiko erhöhen.“
(Hans-Christian Pape (Direktor des Instituts für Physiologie I, Uni. Münster), FAZ)

Man darf diese Aussage eins zu eins von Angsterkrankungen auf die Migräne übertragen. Denn das Argument gilt letztlich für fast alle Ergebnisse der genomweiten Assoziationsstudien. Dazu muss natürlich noch „Signalwege und Transmittersysteme der neuronalen Furchtmatrix“ ersetzt werden mit den entsprechenden Signalwegen und Transmittersystemen der Migräne, zu denen wir in dem nächsten Teil kommen (und von denen im oben zitieren Tagesspiegel die Rede ist).

Das Problem ist, dass es in Diskussionen zuverlässig zu einem genetischen Fatalismus kommt. Die Gene kann man nicht verändern. Nach dem heutigen Stand der Forschung müssen wir aber feststellen, dass man Migräne nicht mit Genetik erklären kann. Genetische Faktoren erhöhen das Risiko. Mehr nicht.

Ob immer genetische Faktoren eine Rolle spielen ist unklar. Ebenso unklar ist, wie die genetische Information zum Ausdruck kommt und in Erscheinung tritt. Als gesichert darf aber gelten, dass diese Prozesse auch die Umwelt und Lebensereignisse einbeziehen, die auf die sog. neuronale Plastizität einwirken.

Man darf sich das so vorstellen. Gehirnfunktionen können wie Knete plastisch von umweltbedingten Eindrücken verändert werden. Man sagt auch, das Gehirn lernt. Es lernt mit variablen Voraussetzungen umzugehen und es lernt leider auch, gewisse Voraussetzungen und Umweltbedingungen in einer Migräneerkrankung auszudrücken. Dabei ist es leider nicht elastisch wie eine Feder, d.h. selbst wenn bestimmte negative Eindrücke wegfallen, springt es nicht von allein zurück. Einer Migräneerkrankung muss man also aktiv entgegenarbeiten.

[Teil 3 schaut (wie zunächst schon für diesen versprochen) auf die anatomisch-funktionellen Ebenen zwischen mutierten Molekül, Migränegehirn.]

 

Fußnoten

 

‡ Ich verlinke nun nicht mehr auf den Beitrag, wo dieses Formel 1-Zitat steht, denn diese Seite bringt dieses Zitat in den völlig falschen Kontext der Migränepersönlichkeit. (Nachtrag 10. Okt. 2015)

1  Zur zeitlichen Einordnung muss man unterscheiden, ob man von den schon etwas länger bekannten und sehr seltenen monogenetischen Unterformen der Migräne spricht, von der familiären hemiplegischen Migräne (FHM). Oder ob von den vor fünf Jahren erstmals veröffentlichten genomweiten Assoziationsstudien, die die Hauptformen der Migräne betreffen.

Angelegt wurden letztere Studien allerdings schon zehn Jahre früher, also um die Zeit, in dem ein sog. Migränegenerator (der in der deutschen Literatur auch schon als Migränemotor bezeichnet wurde) im Hirnstamm entdeckt wurde. Wie die risikoerhöhenden Genorte damit zusammenhängen ist noch unverstanden.

Wer das Gen für jene drei monogenetischen Unterformen für die FHM von seinen Eltern erbt, erkrankt mit einer Wahrscheinlichkeit von hundert Prozent. Diese schon im Teil 1 implizit erwähnte FHM3-Unterform der Migräne lässt auch unmittelbar Rückschlüsse auch die Über- und Unterfunktionen der Gehirnzellen zu.

 

2 Ich lese in verschiedenen auch internationalen sozialen Medien und Migräne-Foren mit und zumindest kommt es mir so vor, dass in Deutschland die Genetik der Migräne eine größere Rolle spielt und die (eigentlich eher dünnen) genetischen Erkenntnisse manchmal geradezu gerne hingenommen werden, weil sie die Migräneerkrankung zu objektivieren scheinen.

 

PorscheImKopf

 

 

Bildquellen

Zusammenstellung aus:

Kevin Payravi, Wikipedia: English: A red silhouette symbol of the human brain. Creative Commons CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication.

Pixabay CC0 Public Domain

Markus A. Dahlem

Markus Dahlem forscht seit über 20 Jahren über Migräne, hat Gastpositionen an der HU Berlin und am Massachusetts General Hospital. Außerdem ist er Geschäftsführer und Mitgründer des Berliner eHealth-Startup Newsenselab, das die Migräne- und Kopfschmerz-App M-sense entwickelt.

9 Kommentare

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  2. Migräneforscher tendieren also dazu, Migräne als “erlernt” zu betrachten. Das würde die Option eröffnen, den Lernvorgang umzukehren. Pathologische Lernprozesses sind im übrigen bei den Suchtkrankheiten bekannt. Es könnte ja sein, dass hier ähnliche Prozesse ablaufen.

    • Lernen ist letztlich ein umgangssprachliches Wort für das, was man neuronale Plastizität nennt. Das Wort weckt wahrscheinlich unterschiedliche Assoziationen, die nicht alle gleich hilfreich sind zum Verständnis.

      Ich fürchte aber dass die Vorstellung der Gene eine deutlich schlimmere Assoziation hervorruft und deswegen war es mir Wert, diesen Lernvorgang (als Bild) dem entgegen zu setzten.

      „Gene werden bei der Empfängnis erworben und zu Grabe getragen.“ So fängt der (im Teil 1 zitierte) Artikel „Don’t blame your genes“ (The Economist) an.

      Eben erst las ich wieder in einem Form: „Wenn man nur wüsste, wie sich die Gene abschalten lassen. Das wäre toll.“ Es ist ein sehr gutes Forum. Ich könnte mir daher vorstellen, dass dieser Satz nicht fatalistisch gemeint war, bzw. zumindest von einigen gar nicht so aufgenommen wurde. Es gibt ja in der Tat molekulare Strukturen, die sich auf oder in der Nähe von Genen befinden und wie Schalter Gene an- oder abstellen. Und zwar in Abhängigkeit von Umweltreizen.

      Das Wort Gen oder genetischer Risikofaktor weckt aber wahrscheinlich bei den meisten allein die Assoziationen, dass man da nichts mehr (fundamentales) machen kann. Lernen hingegen hat für mich genau die gegenteilige Assoziation, da man ja ein Leben lang lernt.

      • Gene an- und abschalten könnte sich immer noch als einfacher erweisen als umzulernen. Das An- und Abschalten kann auf vielfältige Weise geschehen
        – Durch Umschalten in einen anderen “Stoffwechselmodus”. So weiss man heute, dass Fasten/Hungern auf Bluttfette, Blutzucker und dutzende andere Metaboliten Einfluss hat, so als würde ein Schalter umgelegt.
        – durch Blockade der Rezeptoren für das Genprodukt oder durch direkte Inaktivierung des Genprodukts ( medikamentös)
        – durch Methylierung des Gens (ist heute noch nicht möglich)
        – durch Genmodifikation beim Patienten (Weiterentwicklung der CRISPR/Cas-9 Technik könnte das ermöglichen

        Dass man mit den gleichen Genen stirbt mit denen man geboren wurde muss in der Zukunft nicht mehr unbedingt stimmen.

        Umlernen ist im übrigen oft nur eine theoretische Option, die sich in der Praxis aber nur bei wenigen bewährt. So nehmen “Schlankheitsoperationen” wie Magenverkleinerung oder -bypass zu, weil mehr als die Hälfte der stark Adipösen zwar abnehmen wollen, es aber nicht schaffen durch Hungerkuren dauerhaft abzunehmen.

  3. „Migräniker leben mit einem Porsche im Kopf, geben immer Vollgas. Doch von Zeit zu Zeit benötigt das Hirn einen Boxenstopp.“

    Ohne Frage neigen bestimmte Migräniker dazu, Vollgas zu geben und ihre Mitmenschen zu nötigen.

    Erst wenn sie einen Migräneanfall kriegen, sind sie auf das Verständnis der von ihnen zuvor Genötigten angewiesen und empfänglich dafür.

  4. Würden Sie zu- oder davon abraten Marihuana anzuwenden oder gibt es darüber Informationen ob das hier wirkt?

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