Diese Woche: Migräne Verkaufsschlager?

Beim Streifzug diese Woche durch das Netz fand ich das Wort Migräne zweimal auf den Titel gehoben. Bei einem gerade erschienen Buch über Tierarztgeschichten und bei der Spiegel-Kolumne Fragen Sie Frau Sibylle:

Herr Doktor, mein Hund hat Migräne!: Haar- und fellsträubende Tierarztgeschichten

Drogen & Liebe: Nie mehr Migräne

Leiden Tiere überhaupt an Migräne?  Die Diagnose Migräne wird anhand der Anamnese gestellt. Da man Haustiere nicht direkt fragen kann, sondern höchsten aus ihrem Verhalten Antworten ableiten könnte – sind sie lichtscheut, wenig aktive? –  lautet die einfache Antwort nein. Eine tiefergehende Antwort würde den Rahmen sprengen – kurz: vielleicht. Apropos vielleicht, vielleicht geht es in dem Buch vor allem um die Tierpsychologie und Analogien zum menschlichen Verhalten? Oder ist der Titel nur Marktgeschrei? Oder beides?

Bei Sibylle Bergs Kolumne geht es nicht um Migräne. Es geht um Drogen, Liebe und pharmakologisch optimierte Lebensqualität. Bei letzterem wäre der Bezug zu Migräne ja durchaus gegeben. Doch natürlich wird Migräne über „Schatz, nicht heut’ Nacht“ in den Text gebracht. Und sogar gleich in die Schlagzeile? Na klar, Sex sells.

Stellt sich für mich ernsthaft die Frage, wenn hier schon nicht der inhaltliche Kern herausarbeitet wurde, dachte man wirklich Migräne eignet sich als Verkausschlager? Möglich bei einer Volkskrankheit. Möglich und sehr billig. Man kann sich mal fragen, warum das bei keiner anderen Krankheit so gut funktionieren würde?

Markus Dahlem forscht seit über 20 Jahren über Migräne, hat Gastpositionen an der HU Berlin und am Massachusetts General Hospital. Außerdem ist er Geschäftsführer und Mitgründer des Berliner eHealth-Startup Newsenselab, das die Migräne- und Kopfschmerz-App M-sense entwickelt.

Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. “Man kann sich mal fragen, warum das bei keiner anderen Krankheit so gut funktionieren würde?”

    Das ist ziemlich einfach. Migräne gilt als Frauenkrankheit. Als Vorwand gegen Sex. Als keine “richtige” Krankheit sondern als Hysterie und rangiert gleich neben “Menstruation”. Migräne kann kann man hernehmen für “haarsteäubende” Geschichten, weil Frauenangelegenheiten “nun mal” haarsträubend, lächerlich, frigide und irgendwie skandalös sind. Ein Mann mit Migräne? Ist eigentlich unvorstellbar.

    • Ja, stimmt. Mein Kollege sagte neulich, “Migräne? Ist das nicht diese Frauenkrankeit?” Sowas höre ich nicht gerne… Es stimmt auch nicht. Ich kenne eine Reihe Männer die übel Migräne haben. Ist auch denen gegenüber ein bisschen unfair. Frauen haben eine Frauenkrankheit und Männer haben was?
      Der Kollege wird das künftig wird er das nicht mehr sagen solange ich in Hörweite bin 😉 aber hat er es auch verstanden? Sicher nicht. Ich glaube Migräne versteht nur wer sie bekommt oder Leute schonmal nahe dabei gewesen sind, während ein anderer Mensch Migräne hatte – aber das sind nicht viele. Wer Migräne hat zieht sich zurück, das bringt die Krankheit eben mit sich.

        • Migräne ist natürlich keine Frauenkrankheit. Unter Migräne leiden nach der Pubertät allerdings drei mal mehr Frauen als Männer. Vorher ist es gleichverteilt (vllt. sogar etwas mehr Jungs).

          Im historischen Kontext ist das Interessant. Da wurde diese Erkrankung bei Frauen in die Nähe der Hysterie gestellt und — die gleiche Krankheit — bei Männern war sie positiv besetzt: Mann ist perfektionistisch und Leistungsträger, Mann hat nun ob all der großen Taten eben auch körperliche leiden.

          Die Symptome wurden jeweils sehr ähnlich von Betroffenen den Ärzten geschildert. Nur die hatten dann zwei Schubladen. Ist schon im Buch “Not tonight” beschrieben.

          Viel gerechter ist die Welt heute auch noch nicht.

          • Sind die Zahlen denn verlässlich? Interessanterweise kenne ich etwas mehr Männer als Frauen die Migräne haben. Das beweist natürlich gar nichts, das ist klar. Aber warum nicht einfach auch mal das hinterfragen?

          • Die Zahlen sind schon oft und in vielen Ländern erhoben worden. Ich denke, die sind recht verlässlich. (Ob jetzt 1:3 oder 1:2 mag noch dahin gestellt sein.)

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