Diese Woche: Migräne, Rauschen und Urlaub

Migräneerkrankte sehen anders, was durch neuronales Rauschen erklärt wird; eine übergreifende oder doch nur eine weitere mutmaßliche Theorie der Migräne? Und warum erkranken so viele immer ausgerechnet im Urlaub? Die aktuelle Migräne-Froschungsliteratur.

Viele Studien zeigen, dass das Migränegehirn visuelle Reize anders verarbeitet. Dabei werden verschiedene methodische Ansätze genutzt, u.a. erfasst man Schwellen der Wahrnehmung (psychophysikalische Ansätze) und Hirnströme (elektrophysiologische Ansätze). Dabei zeigen sich moderate aber doch deutliche Unterschiede in der neuronalen Reaktion auf visuelle Reize. Auf dieser Basis wurden mehrere theoretische Erklärungen für Veränderungen im Gehirn durch Migräne aufgestellt, zu denen verschiedene Schlüsselbegriffen gehören: das Migränegehirn sei entweder hyperaktiv, hyperansprechbar, hypersensibel, oder hypererregt, es habituiert (gewöhnt) sich schlecht auf Stimuli und so weiter.

Hinter diesen Begriffen stecken sehr feine physiologische Unterschiede. Leider variieren die Definitionen zwischen den verschiedenen Forschergruppen. All dies merkt eine neue Studie zunächst an, bevor sie dann selbst eine übergreifende Theorie zur Verarbeitung visueller Reize durch das Migränegehirn präsentiert: Die Verarbeitung von Rauschen birgt demnach ein übergreifendes Prinzip, das all die hyper-Eigenschaften erklärt [1]. Ich finde die Idee sogar wirklich sehr interessant, weil ich auch über solche Ansätze forsche. Doch erinnert das zugleich auch an diesen xkcd-Komik:

 

Standards; xkcd
Standards; xkcd

 

In einem vorherigen Blogbeitrag schrieb ich, wie visuelle Reize, insbesondere flackernde Lichtblitze bestimmter Form, spezialisierte Gehirnzellen überreizen und einen Migräneanfall auslösen können. Auch war es schon ein Thema, ob Hyperaktivität bzw. andere Schlüsselbegriffe Migräne erklären. Diese Themen sollte ich einmal zusammenzubringen. Mal schauen, ob ich dafür nicht eigentlich mehr Platz brauche, als es mir Blogbeiträge sinnvollerweise bieten.

Warum viele ausgerechnet immer im Urlaub erkranken, fast die „Welt“ zusammen, so dass ich mir hier den Platz sparen kann. Der Artikel bezieht sich auf eine aktuelle Publikation zur Verarbeitung von Stress [2]. Stress spielt auch die zentrale Rolle in einem weiteren neuen Beitrag, der erklärt, warum Migräne keine genetische Krankheit ist.

Literatur

 

[1] O’Hare L, Hibbard PB. Visual processing in migraine. Cephalalgia. 2015 Nov 25. pii: 0333102415618952. (Link)

[2] Waeldin, S., Vogt, D., Linden, M., & Hellhammer, D. H. (2015). Frequency of Perceived Poststress Symptoms in Inpatients, Outpatients and Healthy Controls: The Role of Perceived Exhaustion and Stress. Psychotherapy and psychosomatics, 85(1), 36-44. (Link)

Markus A. Dahlem

Markus Dahlem forscht seit über 20 Jahren über Migräne, hat Gastpositionen an der HU Berlin und am Massachusetts General Hospital. Außerdem ist er Geschäftsführer und Mitgründer des Berliner eHealth-Startup Newsenselab, das die Migräne- und Kopfschmerz-App M-sense entwickelt.

6 Kommentare

  1. Das ist so spannend, aber an dieser Stelle hier kann ich leider nicht mehr folgen. Ich verstehe nicht was mit “Rauschen” gemeint ist:
    “….All dies merkt eine neue Studie zunächst an, bevor sie dann selbst eine übergreifende Theorie zur Verarbeitung visueller Reize durch das Migränegehirn präsentiert: Die Verarbeitung von Rauschen birgt demnach ein übergreifendes Prinzip, das all die hyper-Eigenschaften erklärt [1].”

    • Danke für deine Rückmeldung, geht sicher vielen anderen dann genauso.

      Wollte mit “All dies merkt eine neue Studie zunächst an” nur sagen, dass das was ich zuvor schrieb, nicht mein eigener Senf ist sondern eigentlich so in einem Paragrafen des Paper steht (dem ich völlig zustimme!). Soweit wahrscheinlich klar.

      Der Kern des Paper ist es dann, eine ganz eigene Theorie aufzubauen, die nicht von einem konkreten fehlschlagenden physiologischen Mechanismus ausgeht (der mit einem der Schlüsselbegriffe tituliert werden könnte), sondern von einem größeren Effekt des neuronalen Rauschens (woher immer es kommt), der all die anderen Theorien quasi miterklärt. So ganz genau durchblicke ich es übrigens auch noch nicht (so ein neues Paper muss man auch erst mehrmals lesen).

      Ich finde einiges daran sehr spannend. Bald vielleicht mal etwas mehr. Ich habe zumindest überlegt, sogar eine Antwortpaper auf dieses zu schreiben. Dazu muss ich aber viel tiefer einsteigen. Zeit. Zeit. Zeit. Die fehlt noch.

      • Dankeschön! Bitte bleib dran. Ich habe den Verdacht, dass dieser Eindruck “komisch” zu sehen viele Migräniker betrifft. Das wir hier ein weiteres Thema gefunden haben könnten, worüber kaum jemand redet, weil es so schwer zu erklären ist, wie es ist. Aber da ist etwas! Etwas dass bevor die vielen Migränen kamen, ganz sicher anders gewesen ist.

  2. Hallo,
    auch ich stolpere über den Begriff “neuronales Rauschen” – was Rauschen für Physiker bedeutet, ist mir natürlich klar. Aber da wir hier über menschliche Signalverarbeitung sprechen- meint das etwa ‘erlernte’ Mechanismen (Kulturtechniken, alles ist wichtig und kann nicht gefiltert werden) oder etwa angeborene physiologische Fehlfunktionen der neuronalen Steuerung? Vielleicht auch mal vor dem Aspekt, dass Entspannungstechniken im westlichen Kulturkreis eher als nicht ernstzunehmende Spielereien betrachtet werden (leider)?

    • Es gibt unspezifische, wahrnehmbare Signale, die sich als Nebenprodukt aus der normalen Arbeitsweise unserer Sinne und des Gehirns ergeben. Solche Ereignisse werden z.B. als ´neuronales Rauschen´ bezeichnet.
      In der Regel ignoriert das Gehirn solche Signale – in Einzelfällen können sich solche Signale aber zu einem Ereignis aufschaukeln.
      Wenn Sie z.B. bei Dunkelheit die Augen schließen, dann ´sehen´ sie ein weißes Flimmern – die wäre ein schönes Beispiel von neuronalem Rauschen.

    • Für Neuronales Rauschen gibt es den Wikpedia-Eintrag Neuronal Noise. Dieser Eintrag geht allerdings nicht auf die Bedeutung des neuronalen Rauschens ein. Hier gibt es Arbeiten, die behaupten: Ohne neuronales Rauschen kein lernen. Wiederum andere Arbeiten behaupten, Neuronales Rauschen bremse das Hirn oder genauer: Es komme auf die genaue Art des Rauschens an, ob es die Hirnleistung verbessert oder im Gegenteil verschlechtert.

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