Die Grenzen der Physik aus Sicht eines vergessenen Physiologen

BLOG: Graue Substanz

Migräne aus der technischen Forschungsperspektive von Gehirnstimulatoren zu mobilen Gesundheitsdiensten.
Graue Substanz

Der Ignorabimus sollte auch unter dem Aspekt des Wandels der Physiologie des 19. Jahrhunderts und dessen politischen Kontext gehen werden. So schrieb ich vor vier Jahren hier. Diese Einschätzung mag ja meine persönliche Ignoranz gewesen sein. Umso mehr freute mich, als Ende letzten Jahres ein Buch erschien (MIT Press, 26,25€, Link zum Verlag), dass endlich in der gebührenden Tiefe Emil du Bois Reymond uns wieder ins Gedächtnis ruft.

Ich habe es noch nicht vollständig gelesen. Deswegen hier nur eine Vertragsankündigung des Autoren, mit folgender bemerkenswerten Kernaussage:

Die Grenzen der Physik: Eine Sicht von dem größten vergessenen Intellektuellen des neunzehnten Jahrhunderts
Die Kontroverse des späten neunzehnten Jahrhunderts über die Grenzen des Wissens wurde allgemeinen beschrieben als Krise, von der die Wissenschaft noch nicht losgekommen sei. Meine [Gabriel Finkelsteins] Forschung unterstützt die entgegengesetzte Interpretation. Der Initiator der Kontroverse, Emil du Bois-Reymond, war ein Physiologe, der sein ganzes Leben gegen die Kräfte des Obskurantismus arbeitete, ob vorgebracht von Katholiken und konservativen Rechten oder von der szientistischen und chiliastischen Linken. Du Bois-Reymond Agnostizismus in Richtung der ultimativen Natur des Geistes und der Materie muss daher als Bekenntnis gesehen werden und nicht Ablehnung seines Glaubens an die Vernunft.
[von Gabriel Finkelstein, Link]

Markus A. Dahlem

Markus Dahlem forscht seit über 20 Jahren über Migräne, hat Gastpositionen an der HU Berlin und am Massachusetts General Hospital. Außerdem ist er Geschäftsführer und Mitgründer des Berliner eHealth-Startup Newsenselab, das die Migräne- und Kopfschmerz-App M-sense entwickelt.

11 Kommentare

  1. Es gibt keinen jenseitigen Gott, keinen persönlichen Gott und keinen Schöpfer-Gott. Gott ist identisch mit der Natur (und dem Leben). Aber nicht nur mit der uns bekannten Natur, sondern auch mit der uns (ewig) unbekannten Natur. Der Mensch wurde nicht “erschaffen”, sondern existiert von Natur aus. Das Universum ist nicht durch einen “Urknall” entstanden, und ist zeitlich und räumlich unendlich.
    Es ist sinnvoll, wenn der Glaube weiter bestehen bleibt. Aber man soll kein (oder fast kein) Geld mehr ausgeben für den Glauben. Geld ausgeben kann man, wenn tatsächlich religiöse Heilungen erfolgen. Religiöse Rituale brauchen nicht von einem Priester durchgeführt zu werden, sondern man kann sie selber durchführen. Es braucht niemand Theologie zu studieren. Sondern es genügt, sich im Rahmen eines Philosophiestudiums mit Religionsphilosophie zu beschäftigen. Die Kirche muss abgeschafft werden. Dennoch wird es weiterhin religiöse Organisationen geben, z. B. Geistheiler-Organisationen. Ferner besteht die Möglichkeit, religiöse Kurse (z. B. schamanische Seminare) zu absolvieren.

  2. Wie der Zufall so will, entspricht dieses Zitat der Grundforderung des Konstruktivismus, dem der Schreiber dieser Zeilen anhängt:

    Gegenüber den Rätseln der Körperwelt ist der Naturforscher längst gewöhnt, mit männlicher Entsagung sein ‚Ignoramus‘ auszusprechen. Im Rückblick auf die durchlaufene siegreiche Bahn trägt ihn dabei das stille Bewußtsein, daß, wo er jetzt nicht weiß, er wenigstens unter Umständen wissen könnte, und dereinst vielleicht wissen wird. Gegenüber dem Rätsel aber, was Materie und Kraft seien, und wie sie zu denken vermögen, muß er ein für allemal zu dem viel schwerer abzugebenden Wahrspruch sich entschließen: ‚Ignorabimus‘. – Über die Grenzen des Naturerkennens, 1872, Seite 464 (Quelle)

    Wobei zeitgenössische Kräfte vielleicht eher wie folgt formulieren würden:
    ‘Der Weltteilnehmer kann im Gegensatz zum Weltbetreiber nie über umfängliches System- oder Weltwissen verfügen [1], sich demzufolge dem Ringen nach Erkenntnis (vs. ‘Wissen’) anzuschließen hat, das sich möglichst oder gerne empirisch adäquat [2] um das bemüht, was ist oder zu sein scheint. [3]’

    MFG
    Dr. W

    PS: Was die moderne skeptizistische Wissenschaftlichkeit meint, die auch in keiner Weise schlecht ist, eine Methode ist.

    [1] es kann hier gedankenexperimentell mit “allwissenden Göttern” hantiert werden, die, sofern Systemteilnehmer, nicht absolut wissen können
    [2] Bas van Fraassen zitierend
    [3] dem Utilitarismus ist hier nicht das Wort geredet werden, es soll schon darum gehen, was weltlich ist

  3. Markus A. Dahlem schrieb (4. September 2014):
    > […] ein Buch […, das] endlich in der gebührenden Tiefe Emil du Bois Reymond uns wieder ins Gedächtnis ruft.

    Da es offenbar vor allem um du Bois Reymonds Sicht zu “den Grenzen der Physik geht, möchte ich auch eine entsprechende Äußerung eines späteren, wohl als Physiker besonders geschätzten Wissenschaftsphilisophen ins Gedächtnis rufen:

    Alle unsere zeiträumlichen Konstatierungen laufen stets auf die Bestimmung zeiträumlicher Koinzidenzen hinaus.

    Ach!, wenn doch irgendein SciLog auch diese Sicht würdigen und in gebührender Tiefe offentlich
    kommentierbar machen könnte …

  4. Emil du Bois Reymond Eintreten für anti-vitalistische und materialistisch-mechanistische Positionen in den 1840er-Jahren bedeutete für ihn als Physiologe und Hirnforscher nichts anderes als die Grenzen zwischen Physik und Biologie zu verwischen oder gar abzustreiten, ja einzureissen – und das völlig zurecht, auch wenn heute immer noch und schon wieder holistisch/esoterische und vitalistische Strömungen gerade im Bereich Körper und Gesundheit erstarken (allerdings mehr in der Gesellschaft nicht in der Forschung).
    Dieser Einstellung ist es wohl mit zu verdanken, dass er zu seiner Zeit grundlegende Erkenntnisse über elektrophysiologische Phänome (von ihm tierische Elektrizität genannt) gewann.

    Interessant finde ich, dass sich Emil du Bois Reymond bereits mit philosophisch erkenntnistheoretischen Fragen beschäftigte, die von heute sein könnten (Zitat Wikipedia)

    thematisierte er erkenntnistheoretische Probleme im Zusammenhang mit dem Bewusstsein (gemeint ist damit im Wesentlichen das „phänomenale Bewusstsein“ als qualitative Erfahrung, also die sogenannte „Qualia“[3]) und dem freien Willen.

    Meine Schlussfolgerung (zugegen aus meiner begrenzten Sicht, basierend auch auf dem was hier in scilogs diskutiert wird): Die Philosophie tritt auf der Stelle. Es gibt kaum echten Fortschritt. Es werden immer wieder die gleichen Fragen entlang den gleichen kontroversen Standpunkten aufgeworfen. Es verwundert mich deshalb nicht, dass nun selbst naturwissenschaftlich orientierte Hirnforscher Fragen wie die nach dem freien Willen, der Determiniertheit unserer Entscheidungen und den Qualia beantworten wollen – und zwar mit behauptet naturwissenschaftlichen Methoden. Wobei diese Hirnforscher oft die tiefere philosophische Fragestellung ignorieren und zu Simplifikationen und Übertreibungen neigen. Auch heute ist also das Verhältnis von Naturwissenschaft zu Philosophie und Geisteswissenschaften kein harmonisches, sondern steht oft für ganz unterschiedliche Weltsichten, was man zum Klischee verdichten könnte: “Naturwissenschaftler sind vom Mars, Philosophen und Geisteswissenschaftler von der Venus”.

    • 1. Warum zitieren Sie David Hilbert nicht einfach in deutsch? 😉
      2. Diese Erkenntnistheoretischen Fargen, die von heute sein können, stimmen mich nachdenklich: Hat die Debatte in diesen mehr als hundert Jahren keine Fortschritte gemacht? Oder bekommen wir nur nichts davon mit, weil die Debatte so verfeinert wurde?
      3. Die Theorie (!) des Vitalismus wurde noch bis ins 20. Jahrhundert hinein vertreten und ist erst durch das Aufkommen der Bio-Physik/-Chemie abgeflaut. Meines Wissens.

      • zu 1) “Warum zitieren sie David Hilbert nicht einfach deutsch?” Dachte We must know — we will know passt besser zu Ignoramus et ignorabimus. Auf deutsch tönt es etwas gewöhnlich. Zudem ist die englische Version kürzer und einprägsamer.
        Im Wikipedia-Artikel David Hilbert liest man dazu:

        The epitaph on his tombstone in Göttingen consists of the famous lines he spoke at the conclusion of his retirement address to the Society of German Scientists and Physicians in the autumn of 1930. The words were given in response to the Latin maxim: “Ignoramus et ignorabimus” or “We do not know, we shall not know”:[21]

        Wir müssen wissen.
        Wir werden wissen.

        In English:

        We must know.
        We will know.

  5. Emil du Bois Reymond Ausspruch Ignoramus et ignorabimus stiess dazumal auf strikte Ablehnung von David Hilbert, dem damals führenden Mathematiker, der damals mit finiten Methoden die Widerspruchsfreiheit der Axiomensysteme der Mathematik nachzuweisen versuchte und du Bois Ausspruch seinen eigenen entgegnhielt: We must know — we will know
    Und was lehrt uns die Geschichte? Hilberts Programm – Widerspruchsfreiheit und Beweis oder Widerlegung- scheiterte, ja es wurde von Kurt Gödel sogar bewiesen, dass es in formalen Systemen immer Sätze gibt, die mit dem System weder bewiesen noch widerlegt werden können.
    Ignoramus et ignorabimus bedeutete für Emil du Bois Reymond jedoch keinesfalls, dass man gar nicht versuchen muss sich Wissen anzeignen und fortzuschreiten. Er war nur einer, der nicht daran glaubte, dass man das finale Ziel der umfassenden Welterklärung erreichen könnte.

  6. Du Bois-Reymond Agnostizismus in Richtung der ultimativen Natur des Geistes und der Materie muss daher als Bekenntnis gesehen werden und nicht Ablehnung seines Glaubens an die Vernunft.

    Das sehe ich jetzt als die Kernaussage. Okay, also nicht einfach der Zweifel an den Fähigkeiten der menschlichen Vernunft, sondern der Glaube daran, dass bestimmte Dinge nicht erkannt werden können. Wenn nicht auf Glaube, was soll “Bekenntnis” dann bedeuten?

    Was ist dadurch aber gewonnen?

    In Übrigen: – die Debatte um die Erkenntnisfähigkeit des Menschen scheint mir in Angebracht späterer Erkenntnisse gar nicht mal entschieden zu sein. Es gibt sehr viele verschiedene Positionen zum Thema, je nachdem, von welchen Fachgebiet aus man es behandelt.

    • @ Skeptiker :

      Das sehe ich jetzt als die Kernaussage. Okay, also nicht einfach der Zweifel an den Fähigkeiten der menschlichen Vernunft, sondern der Glaube daran, dass bestimmte Dinge nicht erkannt werden können. Wenn nicht auf Glaube, was soll “Bekenntnis” dann bedeuten?

      Der ‘Glaube’ oder das Bekenntnis oder die Einstellung oder die Erkentnis, dass nicht Alles erkannt werden kann, ist primär die Ablehnung des Glaubens daran, dass Alles erkannt werden kann.

      PS:
      Gewonnen ist so die bessere Absicherung der wissenschaftlichen Methode.

    • Skeptiker schrieb (6. September 2014 19:38):
      > nicht einfach der Zweifel an den Fähigkeiten der menschlichen Vernunft, sondern der Glaube daran […]

      … wohl eher: das Bekenntnis dazu …

      > dass bestimmte Dinge nicht erkannt werden können.

      Nämlich konkret und insbesondere:
      diejenigen “Dinge“, mit denen Begriffen wie “Vernunft” bzw. “Erkenntnis” definiert
      würden.

      > Was ist dadurch aber gewonnen?

      Ein (Russell-)paradoxie-freier, “vernünftiger” Begriff von “Vernunft” usw.;
      nicht zuletzt auch als Grundlage der wissenschaftlichen Methodik.

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