Big Science – Zukunft der Forschung oder Big Business?

Graue Substanz

4.5 Milliarden US Dollar für die Hirnforschung, jetzt wird wieder über Big Science geredet werden. Statt über Sinn und Unsinn dahinterstehender, hehrer Forschungsziele zu reden, sollten wir es einfach für das verbuchen was es ist: ein Versuch die Rahmenbedingungen in Form technischer Infrastruktur so zu gestalten, dass die Wirtschaft wächst. Wichtiger ist die Frage, unter welchen Bedingungen Wirtschaftswachstum als Leitkriterium der Forschungsförderung in Zukunft durchgehen kann? Denn so wird es kommen. Ein Naturwissenschaftler muss sich in seinem Selbstverständnis als Anbieter von Forschungsleistungen sehen.

Die kritischen Stimmen sind für mich leicht voraussagbar. Denn neu ist Big Science in der Hirnforschung nicht. Wo ich hinhörte, die etwas über eine Milliarde Euro für das Human Brain Project (HBP) löste überwiegend große Skepsis aus. Zuletzt (und mehr als Randnotiz) auf dem 18. Berliner Kolloquium der Daimler und Benz Stiftung “MenschMaschine-Visionen – Technik, die unter die Haut geht”. Keine Konferenz ohne Abfälliges zum HBP zumindest in der Kaffeepause. Oder hier auf SciLogs.

BRAIN Funding Opportunities (badge) Unbekümmert ziehen die USA nun mit 4.5 Milliarden US Dollar nach und am HBP vorbei.  Es kommt die Brain Research through Advancing Innovative Neurotechnologies Initiative – mit neuem Akronym BRAIN.*

Ich denke man kann und muss es auf diesen einen Nenner bringen, das scheint von jetzt an der einzige noch verbleibende Weg überhaupt Geld von der Politik zu bekommen. Big Science schmückt Politiker. Und diese Bemerkung greift nur in einem Aspekt zu kurz. Big Science ist BMBF-Förderung, sie wird von der Politik strukturell gedacht. Big Science ist nicht Wirtschaftsförderung, Big Science rückt aber Wissenschaft, Wirtschaft und Staat zusammen.

Kreativität als Ware

Schauen ich aus der Sicht des Forschers, stelle ich fest, natürlich sind solche Ankündigungen wie nun BRAIN handlungsstimulierend. Man nennt das wohl Kontextsteuerung. Kreativität wird zur Ware. Als Wissenschaftler kann ich meine Forschungsleistung auf einem neu geschaffenen Markt anbieten. An dieser Stelle müsste ich amerikanische und deutsche Universitäten differenzierter betrachten, will dass aber nur knapp machen. Jene Forscher sehen sich durch die dortige Departmentstruktur (mit ihrer Möglichkeit der disziplinären Ausdifferenzierung oder Schwerpunktbildung) auf der Ebene der Hochschullehrer mit diesen Bedingungen konfrontiert. Wenn, dann bieten Forscher dort ihre Leistung eher als Hochschullehrer mit entsprechenden Rückgrat an. Hierzulande sind es vergleichsweise wenige Hochschullehrer, die ihre zugeordneten Mitarbeitern “ansetzen”, oft ohne sich selbst in die für die ambitionierten Detailfragen des Big Science notwendige Tiefe einlassen zu können. Deswegen funktioniert Big Science nicht überall gleich gut.

Technische Infrastruktur für die Wirtschaft

Schaue ich aus der Sicht dessen was gemacht werden soll, muss ich vorab nochmal zurück auf das Ziel des europäischen Human Brain Projects kommen. Ein Gehirn soll nachgeahmt werden. Nicht wenige kritisieren dieses Ziel. Aber geht es wirklich um Wissenschaft?  Geht es nicht viel mehr um die Schaffung einer technischen Infrastruktur?

Die größere Frage ist vielleicht, ändert sich die Naturwissenschaft? In Big Science verabschieden wir uns zumindest ein Stückchen weit von dem Ansatz der Wissenschaft à la Galileo mit Experimenten (und Kontrollexperiment!) und à la  Newton mit idealisierten Modell, worauf ich nochmal zu sprechen komme.

Francis Collins, Direktor der National Institutes of Health (NIH), kommentiert die US-amerikanische Initiative BRAIN nun so:

Wie das Gehirn funktioniert und unserer geistiges und intellektuelles Leben hervorruft, wird der aufregendste und herausfordernste Bereich der Wissenschaft im 21. Jahrhundert sein. Als Ergebnis dieser gemeinsamen Anstrengung werden neue Technologien erfunden, neue Industrien werden hervorgebracht und neue Behandlungen und sogar Heilmittel für verheerende Störungen und Erkrankungen des Gehirns und des Nervensystems entdeckt.

Aus einem Dollar mach 140 Dollar

Neue Technologien, neue Industrien, beides steht nicht umsonst in der Mitte, schmackhaft gemacht von den hehren Zielen drumherum. Als Direktor des NIH und Genetiker wird Collin das von Obama genannte Argument im Hinterkopf haben: Jeder in das Big Science Human Genome Project investierte US-Dollar rechnete sich und kam durch Wirtschaftsleistung angeblich mit US$ 140 zurück (Quelle ist ein gemeinnütziges US-amerikanisches Institut für Vertragsforschung).

Das Leitkriterium der Forschungsförderung à la Big Science ist letztlich wirtschaftliches Wachstums. (Wenn es nicht militärisch ist, man denke an das Manhattan-Projekt.) Wer also die Unwissenschaftlichkeit der geförderten Projekte anführt, verkennt vielleicht nur dieses Leitkriterium. In den Phrasen der ausbuchstabierten Akronyme sind weniger wissenschaftliche Ziele versteckt als Rahmenbedingungen für Infrastruktur.

Ändert sich Wissenschaft?

Big Science wirft dabei eine ungeheurer Frage auf. Ändert sich die moderne naturwissenschaftliche Methode? Dass Big Science sich offensichtlich nicht so schnell reproduzieren lässt, ist wohl weniger ein Merkmal dafür. Auch andere Entwicklungen zeigen wie zweitrangig dies geworden ist. Vielmehr verblüfft es mich, dass wir in der Hirnforschung oft nur noch Zusammenhänge (Korrelationen) suchen, ohne sie zu verstehen (Kausalität) zu wollen. Dafür scheint Big Science vor allem zu stehen.

Der Psychologe Gary Marcus veranschaulichte das im The New Yorker. In den bunten Bilder der Neurowissenschaften sah er einen wissenschaftlichen Ansatz ähnlich dem Versuch, das politische Geschehen im US-amerikanischen Swing State Ohio vom Flugzeug über Cleveland beobachten zu wollen. Dann schrieb er einen Satz, der in Wissenschaftsblogs und darüberhinaus ein großes Echo hervorrief (hier und hier).

Wissenschaftler kämpfen auch immer noch darum Theorien aufzustellen, wie Verbände aus individuellen Gehirnzellen zu komplexen Verhaltensweisen sich verbinden, zumindest prinzipiell. Die Neurowissenschaft muss noch ihren Newton finden, geschweige denn ihren Einstein.

Big Science gibt die Antwort darauf. Wir sollen nicht auf den Neuro-Newton warten. Stattdessen muss sich ein Naturwissenschaftler in seinem Selbstverständnis als Anbieter von Forschungsleistungen sehen.

Wäre diese Entwicklung so verkehrt? Wenn an drei Säulen nicht gerüttelt würde, sähe ich diese Entwicklung durchaus positiv.

Man darf nicht die Verbeamtung (bzw. tenure in den USA) der Forscher in Frage stellen. Insbesondere deutsche Universitäten müssen gleichzeitig hin zu einer Departmentstruktur und sich von dem Lehrstuhlsystem verabschieden.

Die Forschungsausgaben müssen entsprechend über 3 Prozent des Bruttinlandsprodukts (BIP) liegen, denn Big Science könnte man mit einigem Recht im Haushalt des Bundesminister für Wirtschaft und Energie (BMWi) verbuchen. Dass “Technologie” im Namen des BMWi verschwunden ist, mag man als Zeichen des Wandels hin zu Big Science sehen, d.h. Rahmenbedingungen der technischen Infrastruktur werden am Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gesetzt.

Außerdem gilt zukünftiges Wirtschaftswachstum als Leitkriterium der Big Science allein für die Naturwissenschaften (Science) nicht aber für die Geisteswissenschaften (Humanities). Diese müssen weiter als Gegengewicht dringend gestärkt werden, insbesondere solange Big Science vom 3%-BIP-Kuchen herausgeschnitten wird.

Ich fürchte alle drei Punkte werden genau nicht gemacht. Damit würde Big Science allein zu Big Business.

 

 

Fußnote

*Angedacht wurde diese Initiative schon 2012 mit dem Brain Activity Map Project (BAM).

Markus A. Dahlem

Markus Dahlem forscht seit über 20 Jahren über Migräne, hat Gastpositionen an der HU Berlin und am Massachusetts General Hospital. Außerdem ist er Geschäftsführer und Mitgründer des Berliner eHealth-Startup Newsenselab, das die Migräne- und Kopfschmerz-App M-sense entwickelt.

14 Kommentare

  1. Big Science ist in erster Linie eine Big Data-Strategie und als Ergebnis kommt dann so eine Meldung heraus, wie man sie letzte Woche lesen konnte: ´Synchronized brain waves enable rapid learning´ (DOI: 10.1016/j.neuron.2014.05.005).
    vereinfacht gesagt: man erhält eine Menge Daten, mit denen man nichts sinnvolles anfangen kann, weil man sich über grundlegende Abläufe des Denkens bisher keine vernünftige Theorie bzw. Modelle ausgedacht hat. Solange aber die allgemeine Ablaufstruktur von Denkvorgängen nicht verstanden wird, nützen die BigData-Erkenntnisse nicht viel.
    Ich habe schon mehrmals darauf hingewiesen, dass man im Rahmen der sogenannten ´Nahtod-Erfahrungen´ bewusst erleben kann, wie das Gehirn einen einzelnen Reiz (hier: ein Gedanke) systematisch und strukturiert verarbeitet. Aber ausgerechnet diese Ablaufstruktur wird seit vier Jahrzehnten nicht erforscht, sondern ignoriert. Man muss davon ausgehen, dass Forscher, welche bisher nicht einmal in der Lage waren, solche einfachen Zusammenhänge zu erkennen, auch mit Riesenmengen von Daten nichts vernünftiges anzufangen wissen!
    Was nützt es, wenn man weiß, dass das Gehirn mit synchronisierten Aktivierungszuständen arbeitet; wenn man dann mit dieser Information nichts sinnvolles anzufangen weiß – weil man einfachste Ablaufstrukturen nicht erforscht hat.

    • Das Problem ist doch, das wir keine offensichtlichen tiefen naturwissenschaftlichen Probleme mehr haben. Dafür aber viele offensichtliche gesellschaftliche Probleme. Gucken wir nur mal bei Lars Fischer rüber.

      Keine naturwissenschaftliche Probleme nicht in dem Sinne der Antwort die Planck bekam: “Theoretische Physik ist zwar ein ganz schönes Fach, und man kann wohl hier und da in dem einen oder anderen Winkel ein Stäubchen noch auskehren, aber was prinzipiell Neues, das werden Sie nicht finden.” Nein. Die Naturwissenschaft gleicht heute eher einem völlig verstaubten Dachboden, den man von vielen Ecken beginnen könnte zu säubern, der Staub wird aber vorerst nur aufgewirbelt und sich wieder neu setzen.

      ´Nahtod-Erfahrungen´ werden ja durchaus erforscht, nur von wenigen. Aber das gilt für so vieles, fast alles.

      In diesem Dilemma steuert die Politik sowohl die Ressourcenverteilung staatlicher Mittel als auch die Ausbildung. Ich weiß nicht, ob das auch die Lehren aus dem Manhattan-Projekt sind, aber es traf sich schon gut, dass die USA viele Physiker (geholt) hatte, die sie damals von ihren Arbeitsstätten wegholen und an einem Ort versammeln konnte, um ein Großforschungsprojekt (Big Science eben) anzugehen.

      Die Rollen sind heute etwas anders verteilt. Big Science wird wohl auch als Beschäftigungstherapie konzipiert, um dann einen Vorrat an gut ausgebildeten Forschern zu haben und Infrastruktur, um große Probleme aktuell anzugehen.

      Das ist in meinen Augen eine gute Strategie. Besser zumindest, als letzte offene Fragen zu suchen.

  2. Human Brain Project und BRAIN sind vor allem eine “Vermessung der Welt” und ein Aufbau einer Welt (Infrastruktur) in die man neue Erkenntnisse einbringen kann.

    Vielleicht steckt hinter diesem Bemühen aber ein grundlegender Irrtum über das ZNS, nämlich folgende Annahme: Wenn ich alles weiss über die Nervenzellen, ihr Milieu und den “Verkehr” zwischen den Nervenzellen und wenn ich also möglichst alles genauestens festhalte, dann verstehe ich das Ding am Schluss. Ist das ZNS also vergleichbar mit dem gestirnten Himmel, mit unserem Univserum also mit seinen Milliarden von Sternen (Neuronen), die in Galaxien organisiert sind (Hirnkerne) und wo Galaxien Gruppen bilden (Hirnzentren, die zusammenarbeiten)? Oder ist es vergleichbar mit einer riesigen Metropole mit ihren Strassen, Plätzen, Hochhäusern und den vielen glitzernden Lichtern in der Nacht?
    Bestimmte Dinge wird man mit diesem Ansatz sicher verstehen lernen. Doch ich bin überzeugt dass das wirkliche Geheimnis des ZNS in den tieferen Kräften steckt, die das ZNS individuell entfalten lassen (Morphogenese) und evolutionär weiterentwickeln lassen. Meiner Meinung müsste man bildlich gesprochen eher nach Dingen wie einem “neuronalen Energie- oder Impulserhaltungssatz” suchen und nach Organisationsprinzipien, die aus einem Haufen individueller Neuronen ein Organ machen das so aussieht als sei es mit unendlicher Sorgfalt manuell verdrahtet worden, was aber nicht stimmen kann, denn die wenigen Gene, über die ein Mensch verfügt erlauben diese Detaillverliebtheit gar nicht zu.
    Im Endeffekt könnte das Bild vom Hirn als Universum oder als grosse Metropole doch nicht so falsch sein. Auch das Universum wird von allgemeinen Gesetzen und Kräften gelenkt und die Stadtentwicklung folgt ebenfalls bestimmten zum Teil verbrogenen Gesetzen. Viele dieser Kräfte erkennt man aber in einem Stadtplan oder einer 3-dimensionalen Karte der Sterne in den Galaxien nicht – oder nur dann wenn man bereits zum Wissen um diese tieferen Kräft vorgestossen ist.

    • Die Eröffnungsfrage beim Pressegespräch zum 18. Berliner Kolloquium der Daimler und Benz Stiftung “MenschMaschine-Visionen – Technik, die unter die Haut geht” war, ob zum grundsätzlichen Verständnis des Gehirn die klassische Physik ausreicht oder man Quantenmechanik benötigt. (Nebenbeibemerkt, einige Fragen später war schon eine Frage zum HBP dran.)

      Meine Antwort wäre gewesen (ich wurde nicht gefragt sondern saß als Blogger auf der Seite der Presse, auch eine neue Erfahrung): Es ist ein bezeichnendes Missverständnis im Gehirn quantenmechanische Prozesse als bedeutend anzusehen. Die physikalisch relevante Disziplin ist in diesem Zusammenhang nicht die Quantenmechanik sondern die Thermodynamik. Und das ist auch die Antwort auf Ihren Kommentar. Das Gehirn oder eine Stadt, nehmen wir New York, ist ein offenes System.

      Schon wenn man das Gehirn isoliert betrachtet, findet man schnell, das geschlossene Rückkopplungsschleifen fundamentale Bedeutung haben. (Wie in jedem Organ, nur im Gehirn sind es besonders viele.) Einige dieser Rückkopplungsschleifen werden geöffnet, wenn man das Gehirn isoliert. Damit ist das Gehirn aber nicht mehr ein Gehirn.

      Neulich hat das jemand mit Merkels Handy illustriert. Wenn man isoliert Merkels Gehirn betrachtet, wird man dort vielleicht neuronale Aktivität sehen, die Bedeutung das ihr Handy abgehört wurde, ist aber nicht isoliert zu verstehen. Oder auch New York ist nicht zu verstehen ohne Hamburg.

      Thermodynamik (fern vom Gleichgewicht) ist hier die Disziplin innerhalb der Physik. Aber wahrscheinlich müssen wir Abstand nehmen von dem Gedanken etwas in Form einfacher Gesetze (d.h. idealisierter Modelle) über solche Systeme aussagen zu können. Vielleicht ist Korrelation hier wirklich wichtiger als Kausalität. Dass mich das verblüfft (s.o.) soll nicht heißen, dass ich es als falsch ansehe.

      • Wenn es keine einfachen Gesetze gibt, die das Eigentliche, die höheren Funktionen des Hirn lenken und ausmachen, gibt es wohl auch keine einfache Erklärung für Phänomene wie Denken und Verstehen – etwas mit dem heutige Computer noch grösste Mühe haben.
        Vielleicht befinden sich die Gesetze aber einfach auf einer höheren Ebene und werden von einer zukünftigen Informationstheorie entdeckt. Oder aber das Hirn und seine höhreren Leistungen lassen sich wirklich nur über den Weg erklären, die die Evolution genommen hat und auf der unteren Ebene erklärt die Thermodynamik neuronale Systeme.

        • Für mich ist ein einfaches Gesetz z.B. F=ma, selbst mit den entsprechenden Bedeutungen der Buchstaben und Messanweisungen ist das ein einfaches=kompaktes Gesetz. Sowas suchen wir (sowieso) nicht für Phänomene wie Denken, Bewußtsein oder Gedächtnis.

          Aber es könnte andere Formen einfacher=idealisierte Modelle geben.

          Evolution ist dabei ein Resultat der Thermodynamik und begründet Biologie. Verdeutlicht man sich die Reihenfolge Thermodynamik->Evolution->Biologie, dann sieht man, wie weit weg Biologie von der Physik ist.

          • Ja das ist klar F=ma oder ähnliches ist sicher meilenweit entfernt von Phänomen wie Denken, Bewusstsein oder Gedächtnis. Die verführende Kraft von einfachen Ansätzen ist aber gross – nicht nur in der Hirnforschung sondern auch in verwandten Gebieten wie der künstlichen Intelligenz. Ein solcher einfacher Ansatz ist das neuronale Netz. Nach anfänglicher Begeisterung ist dieses der Biologie abgelauschte Konzept fast vollständig verschwunden um jetzt mit noch grösserer Begeisterung in allgemeinerer Form wiederbelebt zu werden. Man spricht von Deep Learning wo neuronale Netzwerke nun als deep neural networks wieder auftauchen. Mit Deep Learning-Verfahren können nun Computer allein durch Training handgeschriebene Zahlen oder Gesichter erkennen ohne dass sie über eine weitergehende Intelligenz oder einen spezifischen Algorithmus in irgend einer Form verfügen.
            Einfache Erklärungen für höhere Funktionen liefert uns auch einer der führenden Transhumanisten, Ray Kurzweil, in seinem Buch “How to Create a Mind” wo er die These vertritt, der Neocortex bestehe aus lauter mehr oder weniger identischen Elementen, von denen jedes als Muster-Erkenner fungiere. Höhere Funktionen kämen durch die hierarchische Organisation dieser Muster-Erkenner zustande. Sicher sind diese Thesen unseriös und dürfen nicht als Wissenschaft betrachtet werden. Doch auch in der Wissenschaft sucht man nach einfachen Erklärungsmustern und gibt sich nicht mit einem grossen Haufen Daten zufrieden.

          • Genau solche einfache=idealisierte Bauelemente könnten als Model dienen. Ich bin überzeugt, dass dabei die Rückkopplung über die Umwelt essentiell ist. Somit existiert in einem materiellen Sinn das Gehirn (Brain) zwar auch ohne Umwelt aber nicht Geist (Mind). Konzepte wie Bewußtsein können gar nicht allein mit dem Gehirn ohne Umwelt erklärbar sein, denke ich.

          • @Markus A. Dahlem 16. Juni 2014 10:51
            Zitat:“Bewusstsein [ist] nicht mit dem Gehirn ohne Umwelt erklärbar””. Bunge und Mahner gehen noch einen Schritt weiter und vermuten in ihrem Buch “Die Natur der Dinge”, das menschliche Bewusstsein sei nicht funktionalisierbar, also nicht nachbaubar in einem nichtbiologischen Systeme. Vielmehr gäbe es menschliches – oder auch tierisches – Bewusstsein nur in biologischen Systemen und eine Nachbildung in einem technischen System (Computer) würde zu etwas anderem als dem menschlichen Bewusstsein führen. Das wiederum finde ich nicht unbedingt plausibel. Ich erwarte vielmehr dass die meisten komplexen Phänomene auf viele verschiedene Arten realisiert werden können und dass das menschliche Bewusstsein nicht nur in unserem aus glipschigem Material zusammengesetzten Hirn in der Auseinandersetzung mit der Umwelt entstehen kann.

  3. Zitat: ” Das Gehirn oder eine Stadt, nehmen wir New York, ist ein offenes System. … Oder auch New York ist nicht zu verstehen ohne Hamburg.”
    Ja. Es gibt auch keine Ursprache. Früher wollte man diese Ursprache bei Wolfskindern, isoliert Aufgewachsenen, eruieren. Doch ohne Umgebung, in der Isolation, gibt es keine wirkliche Sprache.

  4. Wenn Big Science == Big Data + Navigierbarkeit + OpenAccess + [Simulation]
    bedeutet, dann könnten Projekte wie HBP und BRAIN tatsächlich die Leuchtturmprojekte sein, die den zukünftigen Weg zum Verständnis und zur Beherrschung der Welt des Komplexen vorspuren. Es wäre ein neuer Zugang zur Komplexität in der das Hirn (HBP und BRAIN) mit ähnlichen Methoden angegangen wird wie es bei den grossen Kartenprojekten geschah, wo google Map und google Earth den Höhepunkt einer neuen Digitialisierungswelle darstellen. Wie die Erdoberfläche durch Satellitenimaging und GPS “erobert” wurde, so wird nun das Gehirn und werden bald schon alle komplexen Phänomene kartiert, seien es das Klima, Megastädte mit ihren vielen Aspekten oder auch politische Entwicklungen.

    Es ist eine zweite Aneignung der Welt ähnlich zu der physischen Aneignung der Welt (” “Machet euch die Erde untertan”), aber auf einer anderen und höheren Ebene. Zudem kann nun auch der Mensch selbst zum Objekt der Aneignung – der Kartierung – werden.

    Die richtigen und detailtreuen Karten stehen nun für den Hebel mit dem die Welt aus den Angeln gehoben werden kann.

  5. “Die physikalisch relevante Disziplin ist in diesem Zusammenhang nicht die Quantenmechanik sondern die Thermodynamik.” (s.a. Gedankenlose Eröffnungsfragen)

    >> Hierzu ein konstruktiver Vorschlag: ohne den physikalischen Telos “Kraft” (s.o. “F=ma”):

    Die relevante Disziplin ist allein die Statistik.”

    Bescheiden genug und strikt, im Kleinen anders als im Großen, zufällig, ohne Kraft, mit Wirkung.

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  7. TED führt mehr als 10 Kurzvorträge zum Thema Bewusstsein. Einer wird vom Philosophen David Chalmers gehalten, der sich scheinbar fast “hauptberuflich” damit beschäftigt. Laut Chalmers wisse man nicht wie das Bewusstsein funktioniere und es gebe Leute, die behaupteten, es entziehe sich einem wissenschaftlichen Zugang weil es subjektiv sei. Man müsse auch fragen warum es das Bewusstsein als eine Art Film, in dem man den Hauptdarsteller spielt, überhaupt gebe? Gewisse “Bewusstseinforscher” nähmen an, Bewusstsein sei etwa Fundamentales wie der Elektromagnetismus, andere verträten einen Panpsychismus wo es Bewusstsein überall gibt allerdings mit abgestuften Bewusstseinqualitäten: je komplexer das Wesen desto höher das Bewusstsein.

    Interessant daran finde ich nicht das Thema an und für sich, sondern die Tatsache, dass es Leute gibt, die sich mit der Frage, was Bewusstsein sei, professionell beschäftigen. Auch dass man einen ganzen Vortragssaal mit Leuten füllen kann, die hören wollen, was Bewusstsein sei, ist interessant.
    Warum ist das so? Wohl weil viele denken, das was den Menschen ausmache, sei das Bewusstsein, der Rest könne als Hardware, als kalte Maschine aufgefasst werden, erst durch das Bewusstsein werde der Mensch “beseelt”. Damit wären wir letztlich wieder beim Dualismus angekommen, also der Auffassung der Mensch bestehe aus Körper und Geist oder in der modernisierten Variante aus Hardware und Software, wobei nur der Geist, nur die Software den eigentlichen Menschen ausmache und der Rest quasi das Gefängnis darstellt in dem sich der Geist/die Software befindet (in dem er ausharren muss bis er erlöst wird).
    Ein allzu ausgeprägter Dualismus gehört für mich in den Bereich der Psychopathologie oder lässt sich mindestens als eine Art Abspaltungsphänomen (Dissoziation) auffassen, bei dem die Einheit von Denken, Fühlen und Empfinden gestört ist.

    Mir scheint folgende Sicht von Mensch, Tier und Leben überhaupt naheliegender: Ja, man kann Tiere und auch den Menschen als Maschine auffassen und interpretieren und es gilt sogar, dass relativ gut durschaubare Automatismen einen Grossteil dessen ausmachen was wir als Lebensaktivitäten erleben und durchleben. Doch es ist ein Irrtum, die Maschine Mensch als Ingenieurprodukt zu sehen, welches durch eine Intelligenz für einen bestimmten Zweck konstruiert wurde. Vielmehr kann man den Menschen, seinen Körper, sein Gehirn, seinen Geist, sein Verhalten und seine Gefühle nur als Akkumulation eines langen Entwicklungsprozesses mit vielen dazu gehörigen Teilprozessen sehen, wobei es einen evolutionsbiologischen Entscheidungs- und Informationsbaum von Materialisationen/Ausreifungen gibt und einen durch soziale und individuelle Erfahrungen bedingten entsprechenden Baum gibt, der die Individuation jedes Einzelnen definiert. Wir sind so gesehen doppelt offene Systeme: Unsere Biologie hat sich im offenen System der physischen und biologischen Umwelt ständig angepasst und weiterentwickelt und unser Geist hat sich im offenen Informationssystem welches durch unser Nervensystem und seine Umwelt gebildet wird ständig angepasst und weiterentwickelt. Dass unser Nervensystem ein offenes System ist findet sich als Gedanke auch in einem Kommentar Markus A. Dahlems, der zum Blogbeitrag Big Science – Zukunft der Forschung oder Big Business? gehört. Dort schreib er: ” Das Gehirn oder eine Stadt, nehmen wir New York, ist ein offenes System… Neulich hat das jemand mit Merkels Handy illustriert. Wenn man isoliert Merkels Gehirn betrachtet, wird man dort vielleicht neuronale Aktivität sehen, die Bedeutung das ihr Handy abgehört wurde, ist aber nicht isoliert zu verstehen. Oder auch New York ist nicht zu verstehen ohne Hamburg.”

    Wir sind dadurch in hohem Ausmass an das Leben auf der Erde, an das Leben zusammen mit anderen Geschöpfen und auch mit anderen Menschen angepasst. Das erkennen wird bei den Sinnesorganen wie Haut, Auge, Ohr, aber auch auf höherer Stufe. Wenn wir uns zulächeln so hat dieses Zulächeln sowohl eine biologische als auch eine kulturelle und individuelle Geschichte hinter sich. Schon einige Tiere können lachen (wirklich sicher ist man sich nur bei den Menschenaffen), beim Menschen aber hat es an Bedeutung gewonnen und je nach Kultur wird es etwas anders eingesetzt. Von Mensch zu Mensch kann sich dieses Verhalten zudem mit anderen Assoziationen und anderen Erinnerungen verbinden.

    Was sind nun die Konsequenzen aus diesen Überlegungen? Ich bin überzeugt, dass die Entwicklungsgeschichte der meisten Dinge, die zu unserem Leben gehören sehr viel wichtiger ist als die meisten denken. Wo wir Dinge wie Rationalität und Moralität bemühen steckt in Wirklichkeit eine Entwicklungsgeschichte dahinter und ohne diese Entwicklungsgeschichte wäre alles ganz anders. Einige Moralisten und Rationalisten behaupten etwa, wir würden das Leben anderer Menschen aus Vernunftgründen achten und schützen. Ich denke eher, dass das mit unserem Gefühls- und Empfindungshaushalt zu tun hat und wir Dinge wie Mitgefühl über unsere Geschichte sowohl biologisch als auch kulturell angeeignet haben. Ein Wesen, das diese Entwicklungsgeschichte nicht mitgemacht hat, hat eventuell überhaupt kein Mitgefühl. Die Warnung von Stephen Hawking, Alien könnten uns, wenn sie uns einmal entdeckt haben, gefährlich werden, ist gerechtfertigt. Aliens könnten uns durchaus so behandeln wie wir Insekten behandeln, denn ihnen fehlt die Geschichte, die sie zu Mitgeschöpfen macht.

    Ob unser Körper und Geist allein materiell erklärt werden kann ist vor diesem Hintergrund gar nicht entscheidend, denn Körper und Geist können in jedem Fall nur über ihre Geschichte erklärt werden. Diese Geschichte hat sich in der Materie in der Verknüpfung unserer Nervenzellen, in allem eben, niedergeschlagen.

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