Aedificium der Stadt Gottes im Gehirn

Göttliche Strukturen im Gehirn? Hoffentlich nicht zu Weihnachten.

Weihnachten steht vor der Tür. Einige beglücken uns täglich mit einem Kalender, andere wählen Stresstest hintersinniger als aktuelles Thema. Weihnachten steht vor der Tür und mir fällt dazu nur eins ein: Migräne und die Stadt Gottes im Gehirn.

Architectura Militaris Aura

Ich habe mir eine gewagte These zum Anlass überlegt. Es geht darum, wie wir Dinge ungewöhnlich schmücken. Nicht den Weihnachtsbaum. Der hat ja ursprünglich nichts mit dem Christenfest zu tun. Unsere Städte schmücken wir. Und wieder nein, nicht Lichterketten über Straßen, Stadtmauern und die Festungsbaukunst ist mein weihnachtliches Migränethema.

Die Kanonen des Christen Urban bei der Belagerung Konstantinopels 1492 standen am Anfang einer neuen Architectura Militaris, die den eskalierenden Kräften der Feuerwaffen standhalten musste. Es entstanden Fortifikationen, die, dass sehen wir hier an vielen Beispielen, unsere Städte auch schmücken, zumindest aus der Vogelperspektive.

Architectura Militaris Aura

Oder so.

Architectura Militaris Aura

Oder auch so.

Architectura Militaris Aura

Man nennt diese aber auch die älteren, einfachen (ungezackten) Wehranlagen Fortifikationen.

In der Neurologie bezeichnet man mit Fortifikation einen partiellen Gesichtsfeldausfall mit charakteristisch gezacktem Rand. Der Ursprung des Names ist sofort offensichtlich.  Dieses neurologische Symptom gehört zu dem Symptomkomplex der Migräne mit Aura.

In der Migräne-Literatur wird nun häufig erwähnt, daß bereits die Nonne Hildegard von Bingen (1098 bis 1179) diese halluzinatorischen Fortifikationen sah und diese als Aedificium der Stadt Gottes deutete. Das führt bis heute zu einer Verwechslung, denn im 12ten Jahrhundert waren Wehranlagen natürlich nicht so schön gezackt!1

Architectura Militaris Aura

Architectura Militaris Aura

Architectura Militaris Aura

Zunächst zu meiner gewagten These bevor ich das mit Hildegard aufkläre: Nachdem ich die Strukturen der Teils sehr verschiedenen Fortifikationen genauer studierte, drängte sich mir folgender Gedanke auf.  Die Verbindung zwischen Architektur und Neurologie sei möglicherweise nicht nur in der einen, der namensgebenden Richtung verlaufen, sondern auch umgekehrt.

Könnten die Formen einiger dieser sehr ungewöhnlichen Festungsanlagen durch migränöse “Visionen” der jeweiligen Baumeister inspiriert  sein? Ein Zusammentreffen legt allein schon die Häufigkeit der Migräne mit Aura nahe. Man bedenke insbesondere welchen tiefen Eindruck diese Visionen bei den damaligen Menschen gemacht haben muss.

Wenn hier ein Zusammenhang aufzuzeigen wäre, hieße das, die spezifisch gezackten Festungsanlagen spiegeln indirekt neuronale Verschaltungen in der menschlichen Großhirnrinde wider.  Meine Forschungsarbeiten haben gezeigt, dass visuelle Halluzinationen den Betroffenen einen im wahrsten Sinne des Wortes Einblick in ihr Gehirn ermöglicht. 

Natürlich sind Aufzeichnungen von solchen Gesichtsfeldstörungen daher für den Neurowissenschaftler von enormen Wert. Obwohl ich viele Zeichnungen von Patienten weltweit bekomme, wäre es für mich doch auch unglaublich spannend, zusätzlich geschichtliche Aufzeichnungen mit in meine Forschung einzubeziehen.  Diese Parallele zwischen Militärarchitektur und Gehirnforschung aufzuzeigen, könnte für beide Disziplinen ungemein anregend sein. Einen Zusammenhang zu vermuten, ist aber wie gesagt gewagt.

Was meinte denn nun die Nonne Hildegard von Bingen? Gucken wir auf ihre Aufzeichnungen. Es gibt Zeichnungen, die an Burgzinnen erinnern. Die Zinnen als Zacken zu sehen, wäre eine These.


Plattencover mit visionären Zeichnungen.

Aber ich denke, Hildegard von Bingen meinte etwas anderes, was in dieser Zeichnung zu sehen ist.

Das Aedifizium wird auch als Radleuchter symbolisiert. Der Flammenrand ist das, was den Strukturen bei Halluzinationen im Gesichtsfeld auch sehr nahe kommt. 

Wahrscheinlich meinte Hildegard das “himmlische Jerusalem” (=Paradies), wie es in der Apokalypse, der Offenbarung des Johannes beschrieben wird, deren Aedifizium wird symbolisiert, z.B. in Kirchen, als Radleuchter oder eben als Bild einer Stadt der Glückseligen.

Ähnliche Vermutungen gibt es auch über die Apostelgeschichte 9,1-9 in der Bibel.

Damit wollte er [Saulus] die Anhänger des Weges, Männer und Frauen, gefangen nach Jerusalem führen.
Während der Wanderschaft, als er sich bereits Damaskus näherte, geschah es ihm, dass plötzlich ein Licht vom Himmel ihn umleuchtete. […] Er fiel auf den Boden und hörte eine Stimme. Als Saulus von der Erde aufstand, öffnete er seine Augen. Er sah nichts. Sie nahmen ihn bei der Hand und führten ihn nach Damakus hinein. Es dauerte drei Tage, dass er nicht sah.

Das die Ereignisse während der Bekehrung des Saulus zum Paulus mit Migräne zusammenhängen, vermuten Hartmut Göbel und Kollegen in der Zeitschrift Cephalagia “Headache classification and the Bible: Was St Paul’s thorn in the flesh migraine?“.

Ich wünsche nun einfach einen schönen 4. Advent und besinnliche Feiertage in denen uns unsere Sinne keine solche Streiche spielen.

Architectura Militaris Aura

Architectura Militaris Aura

Architectura Militaris Aura

Architectura Militaris Aura

Architectura Militaris Aura

Architectura Militaris Aura

Architectura Militaris Aura

Architectura Militaris Aura

 

Nachtrag

Wie in den Kommentaren schon angeführt, gibt es hier eine Antwort im Blog Con Text.

Fußnote

1 Wirklich charakteristisch für unser Stadtbild wurden Fortifikationen erst nach dem Dreißigjährigen Krieg (1618-48). Da zerfiel Deutschland in über 300 selbstständige Territorialstaaten. Die Städte verloren ihre Selbstständigkeit und unterstanden nunmehr den Landesfürsten. Als absolutistische Herrscher sichern sie die Städte durch Festungsanlagen, die heute an die Migräne mit Aura erinnern.

Teile dieses Beitrages habe ich erstmals 2004 hier veröffentlicht.

© 2011, Markus A. Dahlem, die Kanonen des Urban sind gemeinfrei.

Markus Dahlem forscht seit über 20 Jahren über Migräne, hat Gastpositionen an der HU Berlin und am Massachusetts General Hospital. Außerdem ist er Geschäftsführer und Mitgründer des Berliner eHealth-Startup Newsenselab, das die Migräne- und Kopfschmerz-App M-sense entwickelt.

Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Die Formen der Wehranlagen sind ja aus ganz praktischen Erwägungen heraus entstanden, es ging darum, Befestigungen zu schaffen, die blinde Winkel ausschloss und durch tiefe Staffelung den angreifenden Gegner auszulaugen – sofern er es schaffte, über die erste Linie hinein zu stürmen.

    Das System aus raffiniert verwinkelten Bastionen geht zurück auf den großen Architekten Alberti, der in der Mitte des 15. Jahrhunderts bemerkte, dass eine wirklich effektive Verteidigung gegen die neuen Waffen – Artillerie basierend auf Schießpulver – am besten durch eine ‘Sägezahn’-Struktur zu erreichen sei. Im 16. Jahrhundert wurden weiter Elemente dazu genommen – crownworks, hornworks, ravelins – der mittelalterliche Verteidigungsgraben wurde beibehalten.

    Die vermutlich vollkommenste Umsetzung der trace italienne ist die Festung Neuf Brisach: http://en.wikipedia.org/wiki/Neuf_Brisach

  2. Einfallswinkel = Ausfallswinkel

    Danke für die Hinweise. Dass eine effektive Verteidigung also angefangen von Physik (Einfallswinkel = Ausfallswinkel und Impulserhaltung der Kannonenkugel und Mauer) und weiteres gegen die neuen Waffen für die Formen ausschlaggebend war, ist klar.

    Aber was meinst Du mit “blinde Winkel ausschloss und durch tiefe Staffelung den angreifenden Gegner auszulaugen”? Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich es genau richtig verstehe. Klingt aber auch gut.

  3. blinde Winkel

    Jede Stelle im Vorfeld einer Befestigung sollte von zwei Seiten aus beschossen werden können, um eine effektive Verteidigung sicher zu stellen. Bereiche, welche nicht mit Geschoßen abgedeckt werden können, nennt man blinde Winkel – diese ermöglichen es einem Feind, sich anzunähern.
    Auch in mittelalterlichen Befestigungen achtete man schon auf diese Bauweise. Z.B. hatten vorstehende Wehrtürme den Abstand einer Pfeilschussweite (Bogen/Armbrust) bzw. diese Entfernung vor einer Burg wurde von Bewuchs und Bebauung frei gehalten (Festung von Edinburgh)

  4. Wie KRichard schon beschreibt, blinde Winkel sind jene, die von den Verteidigern nicht beschossen werden können. Um solche potenziellen Einfallstore für Angreifer zu schließen, wurden Bastionen und deren Ergänzungen [siehe oben] so angelegt, dass die verschiedenen Mauerabschnitte in unterschiedlichen Winkeln gestaltet wurden. Außerdem …

    Bemerkung von M.A.D.:
    Dierk Haasis hat nun noch ausführlicher in seinem Blog geantwortet und dort mit Bildern seinen Kommentar bereichert. Er bat mich diesen Kommentar zu dem neuen Beitrag umzulenken, was ich sehr gerne mache: “Ein wenig Wehrtechnik

    So wurde übrigens die Aura im 19ten Jahrhundert in Lehrbüchern der Neurologie dargestellte (s. hier).

  5. Gott der Weltbaumeister

    Vielen Dank für die beiden Kommentare.

    Ich sehe das natürlich genau auch so in der Entstehungsgeschichte.

    Meine zusätzliche Idee zu dieser: Wir wissen heute, dass Hildegard von Binden in ihren Visionen die Stadt Gottes zu sehen glaubte.

    Das wusste sicher auch jeder Gelehrte am Ende des Mittelalters.

    Nun hat sich vielleicht ein Baumeister damals, nennen wir ihn Bob, vielleicht am Weltbaumeister orientiert. Üblich wäre es. Dieser, so wusste Bob, beurteilte ja nach getaner Arbeit sein Werk nicht nur nach Kriterien der Nutzbarkeit sondern auch der Schönheit. Und Bob, mit nun all den Kriterien der obigen Kommentare zur Nutzbarkeit gerüstet, denkt: aber schön soll es ja auch sein!

    Und was bzw. wenn nimmt jener Baumeister sich zum Vorbild? Die Stadt des Weltbaumeisters. Denn daher kommt doch die Schönheit. Diese Stadt sah er entweder in eigenen oder Hildegards Visionen.

    Soweit meine Theorie zu Gott, Bob und Hildegard. Nicht ganz abwegig, denke ich.

  6. Reales Erleben und Symbolik

    Die Idee, einmal nachzuprüfen, ob Migräneauren eine Entsprechung in Kunst Kultur und Technik haben, finde ich sehr gut. Diese Sichtweise hat bis jetzt niemand aufgegriffen – daher sollte sie weiter verfolgt werden.

    Bilder von Migräneauren lassen sich auf direktes Erleben zurückführen, wie hier bereits in einem früheren Blog gezeigt wurde.
    Auch die Psychedelische Kunst hat ihre Grundlage auf Wahrnehmungen welche durch veränderte Bedingungen im Gehirn ausgelöst wurden – z.B. durch Drogen.

    Allerdings muss man Aussagen auch hinterfragen: z.B. war die Stadt, die Stadt Gottes oder das himmische Jerusalem nicht unbedingt Ergebnis einer Wahrnehmung, sondern oft nur ein Sinnbild für eine bestimmte Ordnung oder Wunschvorstellung (z.B. Schutzzone).
    Ähnlich ist es im Hinduismus: dort deutet abstehendes Haar oder flammendes Haar nicht auf mentale Zustände hin, sondern ist symbolisch zu bewerten: z.B. flammendes Haar deutet auf einen Feuergott hin, oder darauf, dass diese Gottheit mit Feueropfern geehrt wird. Nach allen Seiten abstehende Haarfrisuren bezeichnet man als Büßerzöpfe-/flechten

  7. Spannend

    Wie spannend, über diese Idee nachzudenken. Genau das richtige für einen guten Blog. Ich finde aber auch gut, dass du auf ihre spekulatorische Natur hinweist – denn ob Hildegard von Bingen an einer Migräne mit Aura litt und ihre Zeichnungen den Festungsbau beeinflusste, scheint mir weitere Belege zu erfordern.

    Leider sind nicht alle Forscher so zurückhaltend, rückblickend neurologische oder psychiatrische Erkrankungen zu diagnostizieren, siehe

    We review the biblical characters in the Old Testament and offer newer insights to their neurological diseases. We first look at the battle between Goliath and David. Interestingly, Goliath probably suffered from acromegaly. We propose autism as a diagnosis for Samson which would precede the first known case of autism by centuries. Isaac was a diabetic, and he probably had autonomic neuropathy. Few verses from the books of I Samuel, Psalms, and Ezekiel reveal symptoms suggestive of stroke. Jacob suffered from sciatica, and the child of the Shunnamite woman in II Kings had a subarachnoid hemorrhage.

    Mathew SK, Pandian JD (2010). Newer insights to the neurological diseases among biblical characters of old testament. Ann Indian Acad Neurol 13:164-6.

  8. Anamnese

    Dass Hildegard von Bingen an Migräne litt, ist gut belegt in der Fachliteratur. Allerdings werden dort ihre Visionen meist als epileptische Aura gesehen, wenn ich das richtig erinnere.

    Sie beschreibt sehr genau, was sie sieht, das wäre einmal einen eigenen Beitrag wert. Sie schreibt auch von Kopfschmerzen und was bei ihr dagegen hilft. Sie war ja auch eine Heilerin. So ist im gewissen Sinn eine “Anamnese” auch heute noch indirekt möglich.

  9. “Dass Hildegard von Bingen an Migräne litt, ist gut belegt in der Fachliteratur.”
    Dazu würde vielleicht auch Folgendes passen:

    In der sog. Lichttherapie werden bestimmte Farben gezielt als Heilmittel eingesetzt. Grünes Licht soll sogar Migränekopfschmerzen zum Verschwinden bringen. Siehe hier:

    http://www.focus.de/gesundheit/gesundleben/alternativmedizin/lichttherapie-gruen-gegen-migraene_aid_361991.html

    Hildegard von Bingen hat ja die Farbe Grün richtiggehend verherrlicht. So schrieb sie: “Es gibt eine Kraft aus der Ewigkeit und diese Kraft ist grün.”

    Hat sie durch diese “Grünkraft” (Viriditas) eine Linderung ihres Leidens verspürt und sie deshalb mit der göttlichen Lebenskraft gleichgesetzt?

    Antwort von M.A.D.:
    Dazu weiß ich nichts, aber natürlich ist viel einfach Unfug von dem was Hildegard schrieb aus heutiger Sicht, nehme ich mal an. Das mit der “Grünkraft” scheint in dieser Kategorie gut aufgehoben.

  10. Schamanismus

    In Korea gibt es zwei Arten von Schamanen:
    1) mit ererbter Berufung: diese sind für die Durchführung von üblichen Riten zuständig
    2)solche welche durch Krankheiten intensiv gequält (Ohnmacht, Visionen, Ekstase, Besessenheit) und auf diese Weise von Geistern auserwählt wurden, bis sie sich von einem erfahrenen Schamanen ausbilden ließen: ihnen schreibt man übernatürliche, transzendentale Kräfte zu.
    Quelle: Koreas Kulturerbe, Koreanischer Informationsdienst, ISBN: 89-7375-375-7 03910

    zu 2) Hier wäre es interessant, zu wissen, ob/wie Migräne-Auren/-Bilder eine Rolle spielen.

  11. Blogpost von Dierk dazu

    @Dierk hat, wie ich eben sah, einen Blogpost dazu auf den Chronologs geschaltet “Ein wenig Wehrtechnik”:
    https://scilogs.spektrum.de/chrono/blog/con-text/allgemein/2011-12-18/ein-wenig-wehrtechnik

    Trackbackt Euch doch! *Zur-Kooperation-ermutig*

    Antwort von M.A.D.:
    Soeben geschehen, wir hatten das schon heute Mittag über Twitter vereinbart, ich war nur bis eben offline. Auch hier der Hinweis auf den Beitrag: “Ein wenig Wehrtechnik

  12. Selektionsdruck

    Das Problem mit derartigen Erklärungen für Wehrtechnik ist das selbige in unseren Breiten gerade aufgrund der immer wiederkehrenden Kriege einem starken Selektionsdruck unterlag. Etwas, das nicht funktioniert hat, war ziemlich schnell ein Haufen Geröll und der Baumeister, der es entworfen hat, hatte vermutlich auch ziemlich schnell einen schlechten Ruf und wurde nicht mehr beauftragt. Was funktioniert hat wurde dagegen nachgemacht.

    Auch wenn man natürlich eine Gewisse Ähnlichkeit zu den Zeichnungen konstatieren kann, so sind diese doch so abstrakt, dass die Aussagekraft gering ist. Die Frage, warum so gebaut wurde, ist doch vermutlich eher mit “weil es funktioniert” zu beantworten.

  13. Konvergenz

    Ich habe ja viele Zeichnungen hier eingefügt. Würden Anlagen allein nach dem Prinzip konstruiert, was funktioniert wird gebaut, hätte ich doch eine gewisse Konvergenz mit der Zeit erwartet. Oder?

    Die Formenvielfalt spricht schon für ästhetische Gesichtspunkte.

    Aber wie ich schon drüben bei Dierk sagte, wie mit “Visionen” in Form neurologischer Störungen umgegangen wird, wie diese in Kunst und Technik integriert wurden und werden, das ist die spannende Forschungsfrage. Weniger, ob konkrete Kontruktionsvorschriften abgeleitet wurden.

  14. Migränekunst

    Ich zitiere mal von hier zum Migränekunstkonzept, auf das ich im Beitrag und Kommentar anspiele, dann wird der Gedanke vielleicht klarer:

    “Auch wenn die Ursprünge des Konzepts sich bis auf die Neurologie des 19. Jahrhunderts zurückführen lassen, bedurfte es doch erst des inspirierenden Beispiels der Migränedarstellungen einer Kunstlehrerin, bevor Derek Robinson in den 1970er Jahren das Migränekunst-Konzept entwickelte, … Migräneerfahrungen haben als eine bedeutende Quelle der künstlerischen Inspiration bei Malern, Bildhauern, Filmemachern und anderen visuellen Künstlern der Vergangenheit wie der Gegenwart gedient. … Migräne-inspirierter Kunst schließt nicht nur Werke berühmter Frauen und Männer wie Hildegard von Bingen, Giorgio de Chirico, Yayoi Kusama und Sarah Raphael ein, um nur einige wenige Beispiele aus der Kunstgeschichte zu nennen, …”

    Der Bereich der Festungsbaukunst ist dort bisher nicht eingeschlossen und ohne schriftliche Berichte wird sich nichts belegen lassen. Aber rein rational und funktional ging es beim Bau der Anlagen kaum zu.

  15. Alberti, von Bingen, da Vinci – man kennt sich

    Ich hätte wirklich nicht mit soviel Skepsis gerechnet. Es ist klar, das Belege fast unmöglich sind zu finden. Wer die Aura selber erfahren hat, weiß auch, dass sie nicht so konkret bildlich ist, dass sie als Blaupause dienen könnte.

    Aber davon abgesehen, ist ein Zusammenhang schon sehr naheliegend.

    Deswegen noch den dritten Kommentar (nach “Konvergenz” und “Migränekunst”).

    Ich googelte mal auf Verdacht nach Leon Battista Alberti und Hildegard von Bingen und fand:

    … if you want to be a Renaissance man or woman, study Leon Battista Alberti, Thomas Jefferson, Hildegard von Bingen, and best of all, Leonardo da Vinci.

    Aha, immerhin. Ich hab es nicht weiter geprüft, aber dass Leon Battista Alberti – den Dierk ins Spiel brachte – die Hildegard kannte, nehme ich jetzt mal an. Und dann ist da da Vinci. Denn kenne ich gut in diesem Zusammenhang.

    In [1] wird da Vinci über die Fortifikationen so zitiert:

    ‘And you who want to demonstrate with words … do away with such an idea, because the more minutely you describe the more you will confuse the mind of the reader, and the more you will remove him from knowledge of the thing described; it is therefore necessary both to make a drawing of it as well as to describe it’ (Leonardo da Vinci, c. 1509–1512).

    Man solle Zeichnungen der Visionen machen. Diese Zeichnungen waren also bekannt. In dem Review [1] sind auch die oben gezeigten Bilder aus den Neurologie-Lehrbüchern gezeigt. Und der Hinweis auf die Arbeiten, die ich von mir im Beitrag erwähne. Ich sollte dies alles nochmal nach Weihnachten aufarbeiten. So wie ich es sehe, ist das Review [1] sogar open access. Schön. Wer ungeduldig ist, kann dort selber weitere Informationen beziehen.

    [1] G. D. Schott, Exploring the visual hallucinations of migraine aura: the tacit contribution of illustration, Brain (2006)

  16. Trackbacks

    @ Markus

    Den Trackback von Con Text habe ich abgeschickt und er ist hier nun auch drin. Von Graue Substanz zu Con Text konnte ich keinen schicken. Dazu mußt Du erst im Text auf den Beitrag von Con Text verlinken und vor dem Abspeichern, die Option “Trackbacks verschicken” anwählen. Auf der nächsten Seite werden Dir dann alle Links angezeigt und dort wählst Du den Link zu Con Text und schickst ihn ab. Zum Sprachlog brauchst Du keinen schicken, das habe ich vorhin schon gemacht.

  17. neuronale Verschaltungen

    Gibt es einen Zusammenhang zu den Sternen, die man bei einem Schlag aufs Auge oder bei einer Ohnmachtsanfall sieht? Die Signale, die bei direkter Reizung der Netzhaut entstehen, enthalten nicht die starken Korrelationen, die bei einer Reizung durch ein reales Objekt entstehen. Ist es so, dass die höheren Verarbeitungstufen dann aus diesen seltsamen Koordinatenfunktionen keine globale Karte zusammensetzen können und deshalb die diskreten Strukturen sichtbar werden, die von den primären Detektoren erzeugt werden, und aus denen normalerweise die Illusion eines Kontinuums erzeugt wird?

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