Zubrin zu Obamas angeblichen NASA-Plänen

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Raumfahrt aus der Froschperspektive
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Heute las ich diesen Artikel in der Online-Ausgabe der Washington Times. Darin zieht bekannte Unternehmer Autor, Raumfahrtaktivist und ehemalige Raumfahrtingenieur Robert Zubrin, der vor allem als Gründer der Mars Society bekannt ist, wortgewaltig über angebliche Pläne des US-Präsidenten Barack Obama vom Leder, die planetare Forschung der NASA ganz einzustellen.

Nun muss man erst einmal zweierlei festhalten. Erstens war das kein journalistischer Bericht, sondern ein Leitartikel, also eine bloße Meinungsäußerung. Zweitens sollte man wissen, dass die Washington Times von einem Unternehmen gegründet wurde, das der Vereinigungskirche, der weltweit aktiven Sekte des rechts außen stehenden koreanischen selbsternannten Messias Sun Myung Moon gehört. Das Blatt ist dafür bekannt, eine politische Agenda zu verfolgen. 

Zubrin behauptet nun, ihm sei zu Ohren gekommen (von wem, sagt er nicht), der Präsident plane einen radikalen Kahlschlag in der planetaren Forschung. Beispielsweise solle es nach der dieses Jahr startenden Mars-Rover Mission MSL (Mars Science Laboratory “Curiosity”) und der 2013 zum Start anstehenden Aeronomie-Mission Maven keine neuen Mars-Missionen geben.

Richtig ist an dieser Behauptung zumindest, das die NASA einseitig ihre Beteiligung an der gemeinsam mit der ESA entwickelten Mission TGO beendet hat und dies mit Budgetschwierigkeiten begründet. Dies, obwohl der NASA-Anteil an dieser Mission eher überschaubar gewesen wäre, die Entwicklung reibungslos lief und zudem diese Raumsonde als Datenrelais für zukünftige Marsmissionen unverzichtbar ist. Also sicher eine merkwürdige Entscheidung, die schwer nachzuvollziehen wäre, wenn nicht mehr dahinter steckt als rationales Kalkül.

Richtig ist auch, dass unklar ist, wie es mit der Mars-Forschung der NASA nach 2013 weiter gehen soll. Das Startfenster 2016 wird die NASA wohl nicht wahrnehmen können. Auch der Kandidat für das Startfenster 2018 ist alles andere als definiert. Ob aus dem Rover, der auf dem Chassis von MSL basiert und US- sowie europäische Nutzlasten und einen Bohrer tragen wird und nicht nur nach Spuren von Leben suchen, sondern auch Bodenproben für eine spätere Rückführungsmission zur Erde aufnehmen und verwahren soll, bis jemand genug Kohle zusammenkratzt, um hinzufliegen und sie abzuholen. Finanziert ist diese Mission nicht, aber das Entwicklungsrisiko ist auch nicht so hoch, denn die meiste Hardware ist ja bereits entwickelt. Was dort noch fehlt, sind die Experimente. Für deren Entwicklung reichen zwar die gut 6 verbleibenden Jahre, wenn in absehbarer Zukunft die Finanzierung steht.

Noch ist das allerdings nicht geschehen. Wenn da nicht bald eine Entscheidung fällt, wird die NASA auch im Startfenster 2018 nichts starten können. Danach aber wird man sich langsam darauf einstellen müssen, dass man die für MSL entwickelte Hardware nicht mehr ohne Weiteres neu bauen und verwenden kann, denn darin stecken Tausende kleiner und großer Unterkomponenten, die man 10 Jahre später nicht ohne Weiteres mehr bekommen wird. Eine Requalifikation des Systems, das gar nicht mehr weitgehend dem bereits entwickelten und qualifizierten Status entspricht, sondern viele neue Komponenten enthält, wird eine ganze Menge des Kostenvorteils wieder auffressen, den man durch das Aufsetzen auf existierende Technik erzielen wollte.

Soviel von meiner Seite zum Thema Mars.

Die Sache mit dem Kepler-Teleskop, über die sich Zubrin echauffiert, ist in der Tat merkwürdig. Das Ding ist oben, und es funktioniert. Im Frühjahr 2011 stand die Entscheidung an, das Weltraumteleskop zur Suche von Exoplaneten noch weitere 4 Jahre zu betreiben, nachdem die nominale Missionsdauer von dreieinhalb Jahren sich dem Ende zuneigten. Für jedes Jahr des Weiterbetriebs brauchte man 20 Millionen $ (für die Nutzung von Bodenstationen, für Personal und für die Datenspeicherung und -dissemination). Dieses Geld wird es laut Zubrin aber nicht geben, also wird es auch die 4 Jahre Weiterbetrieb nicht geben. Auch diese Logik erschließt sich mir nicht. Warum ein funktionstüchtiges Teleskop abschalten, dessen Weiterbetrieb deutlich weniger kosten würde als ein Jagdflugzeug? 

Auch wenn Zubrin da noch Recht hat, bei seiner Lobeshymne auf das James Webb Space Telescope singt er allein das hohe Lied der wissenschaftlichen Leistungen, die man damit eines fernen Tages wird erbringen können, blendet aber die mehrhundertprozentigen Budgetüberschreitungen und die Managementprobleme kurzerhand aus. Dabei ließe sich gerade zu denen allerhand sagen. Budgetüberschreitungen werden meist einfach als Beleg gesehen, dass etwas teurer wird, als es sein müsste, könnte oder dürfte. Im Fall des JWST ist aber nicht die wahrscheinlich notwendige Summe, die man bräuchte, um in absehbarer Zeit das Gerät fertig zu stellen, zu starten und zu betreiben, schockierend hoch, auch wenn 6.8 Milliarden $ natürlich kein Pappenstiel ist. Schockierend ist eher, dass die anfängliche Schätzung der Missionskosten bei 1.6 Milliarden $ lag und dass diese unrealistisch niedrige Zahl nie hinterfragt wurde. Da liegt doch wohl Einiges im Argen – von Zubrin gibt es aber kein Wort dazu.

Recht hat Zubrin allerdings mit seiner Einschätzung der Rolle der NASA, immer noch ein Garant der Innovation, ein Magnet für die hellsten Köpfe der Welt und eine wahre Wissenschaftsmaschine. Das allerdings ist nichts Neues, ebenso wenig wie die Tatsache, dass das planetare Wissenschaftsprogramm der NASA weltweit Neid und Bewunderung hervorruft. Die ESA kann nicht ein Zehntel davon vorweisen. 

Ein Dementi seitens der NASA folgte postwendend von Jim Green, dem Direktor der NASA-Abteilung für Planetenforschung. Das fiel allerdings reichlich schwach aus – ein bisschen mehr als “Gar nicht wahr! Selber doof!” hätte er schon bringen sollen. Natürlich hat die NASA immer noch ein interplanetares Forschungsprogramm, das weltweit seinesgleichen sucht. Allein auf dem oder um den Mars sind drei US-Sonden aktiv. Im vergangenen Jahrzehnt hatte die NASA insgesamt sechs Sonden dort. Niemand sonst hat etwas zu bieten, was MSL gleichkommt. Die NASA hat aktive Raumsonden am Merkur, am Saturn, im Asteroidengürtel und auf dem Weg zu Jupiter und Pluto. Aber es stimmt nun einmal auch, auch wenn Green das nicht sagt, dass auf diese Knaller wahrscheinlich eine scharfe Zäsur folgen wird, ohne dass klar ist, wie eine mögliche Neuausrichtung aussehen wird. 

Ganz Unrecht hat Zubrin eben nicht mit seinem Leitartikel. Aber er verharrt so sehr im Ungefähren, dass er zu seiner ziemlich drastischen Eingangsbehauptung auch keinen belastbaren Beleg liefert.

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Ich bin Luft- und Raumfahrtingenieur und arbeite bei einer Raumfahrtagentur als Missionsanalytiker. Alle in meinen Artikeln geäußerten sind aber meine eigenen und geben nicht notwendigerweise die Sichtweise meines Arbeitgebers wieder.

3 Kommentare

  1. Keplers Status

    Am ‘Fall’ Kepler zeigt sich gerade, dass Zubrin eben kein Insider-Wissen besitzt und nicht mal die öffentlich verfügbare Information versteht: Über die Verlängerung der Mission wird – im Wettstreit mit 8 anderen laufenden der NASA – erst 2012 entschieden.

  2. Merkwürdig ist das NASA eigentlich so wegin Erfahrung mit anderen Planeten hat. Nur 12 Menschen total sind aufs Mond gelandet. Und die alle haben das vor _40_ Jahren getan!

    [Antwort von MK: ¿Qué?]

  3. Sparzwang

    Es wäre natürlich interessant zu erfahren woher Robert Zubrin seine Informationen hat. Natürlich haben die USA ein riesiges Haushaltsdefizit und müssen sparen. Außerdem stecken einige Bundesstaaten in einer schlimmen Finanzklemme und brauchen Soforthilfe. Für Konjunkturbelebung und Schaffung neuer Arbeitsplätze müssen zusätzlich 100 Milliarden Dollar ausgegeben werden. Schwer vorstellbar, dass sich die Finanzplanung für die NASA da noch aufrechterhalten lässt. Aber Zubrin scheint mit seiner Behauptung, dass die planetare Forschung der NASA ganz eingestellt würde, doch etwas übertrieben zu haben, wenn man diesem Artikel hier glaubt:
    http://www.spacepolitics.com/…eatly-exaggerated/

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