Wozu das Ganze?

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Raumfahrt aus der Froschperspektive
Go for Launch

Wozu denn Raumfahrt? Was haben wir überhaupt davon?

Offenbar fällt es manchen Leuten schwer, den Wert der Raumfahrt richtig einzuordnen. Da wird verzweifelt nach Kriterien gesucht, und heraus kommen Kugelschreiber, Gürtelreifen  oder irgendwelche anderen Details oder gar die anscheinend nicht totzukriegende Mär von der Teflonpfanne.

 

Oder aber, die Frage wird nur rhetorisch gestellt, mit der Absicht, ihr einen Wert abzusprechen. Da wird, wie unlängst in einem Artikel in der “Zeit”, als Messlatte einfach die Zahl der Patente genommen, die direkt für Hardware in und auf Raumfahrzeugen angemeldet wurde, und geprüft, ob selbige Patente denn auch für irdische Anwendungen in Anspruch genommen werden, was – kaum verwunderlich – nicht oft der Fall ist.

Wenn man die falsche Frage stellt, kann man nicht erwarten, die richtige Antwort zu finden.

Allzu oft steht die Raumfahrtforschung in der Defensive. Oft folgt schon reflexartig dem vorweggenommenen “Beweis” des mangelnden Nutzens der mit anklagender Miene vorgebrachte Hinweis auf die “astronomischen” Kosten. Offenbar wird die Raumfahrt nicht nur für eine sinnfreie Spielwiese von Technikverliebten gehalten, nein, sie gehört auch gleich an den Pranger, denn das, was sie uns angeblich kostet, muss ja jedes Budget sprengen – das Geld fehlt dann wohl anderswo an allen Ecken und Enden.

Auf solche Argumentation sollte man nicht mit dem Hinweis auf einzelne Technologien antworten, die wir der Raumfahrt verdanken. Der Hintergrund solcher Vorwürfe ist eine zwar überprüfbar falsche, aber doch globale Sichtweise. Dieser sollte man eine ebenso globale, dafür aber nachprüfbar richtige Sichtweise entgegenstellen.

Wovon reden wir denn überhaupt? Da fängt es schon mal an. Da sagt jemand “Raumfahrt” und meint damit oft nur einen Teilaspekt – bemannte Raumfahrt etwa, die internationale Raumstation oder auch das Space Shuttle.

Das reicht aber nicht. Wenn schon global argumentiert wird, dann sollte man auch wirklich alles sehen. Raumfahrt ist natürlich auch bemannte Raumfahrt, aber sie umfasst viel mehr als nur das.

Raumfahrt – das ist auch die Erforschung anderer Planeten und ihrer Monde durch Orbiter und Landesonden.

Raumfahrt – dazu gehören Teleskope im Orbit. Dazu gehören physikalische Experimente, die nur außerhalb der Erdatmosphäre und in Schwerelosigkeit durchgeführt werden können. Dazu gehören Raumsonden, mit denen die Sonne, ihr Magnetfeld und ihre Strahlung untersucht werden.

Raumfahrt – dazu gehören Satelliten verschiedenster Art, die unsere Erde beobachten, die Oberfläche, die Meere, die (zunehmend verschmutzte) Atmosphäre, die Polkappen, das Meereis, das Magnetfeld, das Schwerefeld.

Raumfahrt – das ist Kommunikation. Fernsehsatelliten fallen ja den meisten noch auf Anhieb ein. Wegen der zunehmend verbreiteten Glasfaserbreitbandvernetzung der Erde könnte man meinen, dass Kommunikationssatelliten langsam an Bedeutung verlieren. Sie spielen aber nach wie vor eine wichtige Rolle, gerade in entlegenen Gebieten oder bei mobilen Anwendungen. Wenn die Rettungszentrale den Notruf eines sinkenden Schiffs bekommt oder das Tsunami-Warnzentrum die Daten einer seismologischen Meeresboje – beides sofort und in Verbindung mit der genauen Position, sonst wäre die Information wertlos: so etwas geht nur über Satellit.

Raumfahrt – das ist Navigation, und zwar globaler Natur. Die Vorstellung, dass mir eine kaum zigarettenschachtelgroße Elektronikkiste nach kurzen Nachdenken nicht nur auf wenige Meter genau sagen kann, wo genau auf dem Globus ich  mich befinde, sondern auch, wie ich am schnellsten an mein Ziel gelange, wäre vor nicht allzu langer Zeit als reine Science Fiction belächelt worden. Heute ist es Realität – allein dank Raumfahrt.

Natürlich ist Raumfahrt auch Kommerz. Und ja, sie wird auch militärisch genutzt, und zwar eifrig. Wie fast alle nützlichen Dinge, die Menschen erfunden haben.

Raumfahrt ist, kurz gesagt, eine “Enabling Technology”. Der Zugang ins All macht es möglich, Dinge zu tun, die man sonst gar nicht, weniger gut oder mit erheblich höherem Aufwand machen könnte.

Wettervorhersagen waren früher einmal ein reiner Witz. Man muss nicht allzu alt sein, um sich noch lebhaft an ihre notorische Unzuverlässigkeit erinnern zu können. Die Zeiten sind vorbei, und zwar dank Hochleistungsrechnern und numerischen Vorhersageprogrammen, die riesige Datenmengen verarbeiten. Diese simulieren das Wettergeschehen und liefern für mindestens vier Tage, mittlerweile auch schon deutlich länger, zuverlässige Prognosen. Woher kommen aber die erforderlichen Daten? Einige von terrestrischen Messstationen, die Mehrzahl, und zwar täglich ein wahrer Sturzbach, von Wettersatelliten.

Woher wissen wir, wie sich das Ozonloch über dem Südpol heute ausdehnt, wie groß es gestern war, vor einer Woche, einem Monat, einem Jahr? Wie die Entwicklung der Stickoxide über den Ballungszentren verläuft, die der Meerestemperaturen oder des arktischen Meereises? Dank Umweltsatelliten, die die Erde in etwa eineinhalbstündigem Rhythmus umkreisen und keinen Punkt auslassen. Niemand wird ernsthaft bestreiten, dass wir diese Daten brauchen.

Navigations-, Wetter- und Erdbeobachtungssatelliten: schöne Beispiele dafür, dass Raumfahrt nicht Kosten verursacht, sondern Geld spart. Würde man mit rein irdischen Mitteln die Art von Diensten realisieren wollen, die ein einziger Erdbeobachtungssatellit, also schlappe 4 Tonnen Metall, Treibstoff, Kunststoff und Elektronik, ermöglicht – dann würde man wirklich mal merken, was astronomische Kosten sind.

Also gut, Nützlichkeit hin oder her, Raumfahrt kostet ordentlich Geld, oder?

Nur bedingt. Die Raumfahrtforschung kostet Geld, das stimmt. Aber andere Zweige der Raumfahrt bringen dagegen Geld, und zwar nicht zu knapp – in der Regel nicht mit den orbitalen Anwendungen, sondern mit den vielfältigen Technologien, die durch die raumfahrttechnische Komponente erst ermöglicht werden.

Nun gut, aber was ist denn mit der planetaren Forschung? Was mit den orbitalen Teleskopen? Den physikalischen Experimenten? Was haben wir denn davon?

Nun ja … Zuwachs an Wissen. Verständnis von Dingen, die wie zuvor nicht verstanden hatten. Eine gewaltige technische Herausforderung, an der sich Wissenschaftler und Studenten messen müssen. Etwas, durch deren Lösung sie sich qualifizieren und zu den besten ihrer Branche werden. Eine Aufgabe, die sie dazu bewegt, im Lande zu bleiben, anstatt nach Übersee auszuwandern. Wollen wir wirklich darauf verzichten? Andere tun das nicht. Hätten wir da gar am falschen Ende gespart?

OK, Wissen…. müssen wir denn das alles wissen? Was hat man davon, dass man weiß, welche Windgeschwindigkeiten auf Neptun herrschen?

An dieser Stelle könnte ich den Fehler machen, mich in abenteuerlichen Konstrukten zu verstricken, nach denen man aus der Beobachtung des Neptun etwas über die Erde lernt. Das stimmt natürlich schon. Allerdings ist es auch dann immer noch fraglich, ob das, was man lernt, auch wirklich strenggenommen greifbaren Nutzen abwirft. Nur frage ich dann aber zurück – warum muss es denn Nutzen abwerfen? Warum soll man sich denn nur für Dinge interessieren dürfen, die uns alle unmittelbar und direkt betreffen? Die Zivilisation erlaubt doch uns Menschen den Luxus, uns auch mal für Dinge zu interessieren, die nicht immer mit jetzt und hier zu tun haben müssen.

Aber, ganz ehrlich: Es wird doch in der Raumfahrt auch eine Menge Geld verbraten, für Projekte, die schiefgehen, beispielsweise?

Na klar doch. Wie bei allem, was Menschen unternehmen. Was nun aber die Fehlschläge angeht, da muss man genauer hinschauen. Der Effekt der Ausbildung, der Schaffung neuer technischer Lösungen und Erfahrungen, der ist nämlich auch dann gegeben, wenn ein Projekt in die Hose geht. In der Raumfahrt, die oft an der Grenze des technisch machbaren operiert, oder diese Grenze noch ein Stück hinausschiebt (übrigens ist das der Grund dafür, warum es Raumfahrt nicht für lau gibt), liegen Erfolg und Fehlschlag nun einmal dicht beieinander. Wenn man nur Erfolge produziert und keinen Rückschlag einstecken muss – dann muss man sich die Frage stellen, ob man nicht gar zuwenig wagt.

Jedem steht seine eigene Meinung zu, mancher wird mir nicht zustimmen, einige hoffentlich schon. Ich  habe zum greifbaren Gewinn der Raumfahrt genug gesagt – wohlweislich gleich im allerersten Beitrag meines Blogs. Nun ist das aus dem Weg und ich brauche es später nie wieder aufzurollen.

Ein abschließendes, persönliches Wort sei mir gestattet.

Was bedeutet Raumfahrt für mich selbst? Ganz sicher all das, was ich weiter oben aufgezählt habe. Aber das ist nur ein Teil, vielleicht nicht einmal der Wichtigste.

Raumfahrt für mich persönlich:

Raumfahrt – das ist der siebenjährige Bengel, der im Juli 1969 quengelte und quengelte, bis seine Mutter ihn spät aufbleiben ließ, um die Apollo-11-Liveübertragungen im Fernsehen zu verfolgen. Das hing nun dieser kleine Junge stundenlang gebannt vor der Röhre, im Bewusstsein, ebenso wie alle anderen, Zeuge des bedeutendsten Ereignisses der Menschheitsgeschichte zu sein. Ich wünschte mir – so stark, dass es wehtat – selbst auf dem Mond stehen und zur Erde heraufblicken zu können.

Kann man das beziffern? Wohl kaum. Ist es deswegen weniger wichtig oder weniger wert?

Michael Khan

Ich bin Luft- und Raumfahrtingenieur und arbeite bei einer Raumfahrtagentur als Missionsanalytiker. Alle in meinen Artikeln geäußerten sind aber meine eigenen und geben nicht notwendigerweise die Sichtweise meines Arbeitgebers wieder.

4 Kommentare

  1. “Raumfahrt – das ist der siebenjährige Bengel, der im Juli 1969 quengelte und quengelte, bis seine Mutter ihn spät aufbleiben ließ, um die Apollo-11-Liveübertragungen im Fernsehen zu verfolgen.”

    Für dieses Ereignis war ich zu jung. Aber als Teenager habe ich gespannt den Start und auch die Landung – das war ja der eigentliche Höhepunkt – des ersten Space Shuttle verfolgt. Und damit war ich nicht der einzige. Raumfahrt begeistert doch viele. Wenn da etwas im Internet live übertragen wird, brechen meist die Leitungen zusammen. Die Raumfahrt braucht sich ganz bestimmt nicht zu verstecken.

    Natürlich kann man mit dem Geld vielleicht wichtigere und dringlicher Projekte finanzieren. Aber Geld kann man immer für etwas anderes ausgeben. Und wenn man schon damit anfängt und danach fragt, wofür man Geld ausgibt, dann könnten man jede Menge Projekte auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten streichen. Außerdem sollte man die Möglichkeiten des Geldes nicht überstrapazieren. Wenn in einem Land Bürgerkrieg herrscht und die Menschen dort ihre Felder nicht bestellen können, dann ist mit Geld wenig auszurichten. Kurzfristige Hilfe schon, aber das löst das Problem nicht. Mit Geld schafft man ganz bestimmt kein Frieden auf Erden. Es ist nunnmal nicht alles käuflich.

  2. Der Mond

    Hallo,
    ich bin ein begeisterter leser der SuW und SdW ein “Wissenskonsument” es freud mich das endlich auch mal ein Blog dafür eingerichtet wurde
    Mir war schon lange das Thema Mond und seine wissenschaftliche Bedeutung im Sinn
    zu wichtig ist es dass man den Mond als wissenschafpliche Plattform nutzen sollte!
    ich würd gerne eine Disskussion anstoßen zu diesem thema Z.B wie könnte man mit den geringsten mitteln den mond besiedeln… hab da viele realistische Ideen…

  3. Gründe für bemannte Raumfahrt

    I. Utilitäre und transutilitäre Raumfahrt
    1958, ein Jahr nach dem Sputnikstart begrüßten in einer Umfrage 22% die Entwicklung der Raumfahrt im Vertrauen auf eine friedliche Anwendung, weil sie sich davon eine Erweiterung der wissenschaftlich-technischen Möglichkeiten versprachen; 23% lehnten sie mit der Begründung ab, dass sich durch sie das Konfliktpotenzial und die Kriegsgefahr erhöhe und sie schlechthin für sinnlos hielten und die dafür aufgewendeten Mittel lieber caritativen Zwecken zukommen lassen wollten. 19% hielten die Vorteile und Nachteile für gleich groß und 36% blieben den Möglichkeiten der Raumfahrt gegenüber völlig gleichgültig – das heißt, dass 55% der Befragten allen Raumfahrtunternehmungen gegenüber reserviert oder teilnahmslos waren. Der Höhepunkt der RF-Begeisterung jedoch wurde zweifellos mit den Mondumkreisungen und der ersten bemannten Landung von Apollo 11 erreicht. (Rückblickend scheint der Erfolg des Apolloprogramms nicht zuletzt auch philosophisch und psychologisch zu sein; der Blick aus dem Weltraum auf die Erde schärfte das ökologische Bewusstsein.) Laut einer früheren GEO-Umfrage Mitte der 1990er lehnten 3/4 der Deutschen eine gemeinsame bemannte Mission der reichen Industrieländer zum Mars ab; 62 % waren der Meinung, das Geld solle lieber für die Rentenversicherung verwendet werden. Wie jedoch ein Blick in die Geschichte zeigt, hat sich Kolumbus seinerzeit auch nicht von Bedenkenträgern bremsen lassen; eventuell hilft auch etwas Geduld und in einigen Jahrzehnten sind die Renten sicher und der Mars besiedelt? Was wäre, wenn die Satellitengewinne direkt für bemannte Raumfahrtprogramme verwendet werden würden?
    Die Anfangsphase der bemannten Raumfahrt in den 1950ern und 1960ern war mit Gagarin, Wostok, Mercury, Gemini, Apollo noch eine Zeit voller Aufbruchsstimmung, aber auch der kulturellen Krise angesichts der demoralisierenden Erfolge der russischen Raumfahrt. Doch mit Apollo 11 wurde schließlich das Wettrennen zwischen den Supermächten des kalten Krieges von den USA gewonnen. Mit der ersten bemannten Mondlandung bewies sie als Inbegriff des Kapitalismus ihre politische, wirtschaftliche und militärische Überlegenheit über die damalige Sowjetunion und den Sozialismus. Apollo 12 bis 17 (eigentlich sollte es bis Apollo 22 gehen) galten dagegen als bloße Wiederholungen, wobei böse Zungen behaupten, dass Apollo 13 inszeniert war beziehungsweise der NASA ganz gelegen kam, da diese Beinahe-Katastrophe das Interesse an der bemannten Raumfahrt noch einmal steigerte…
    Doch dann fehlten Erfolge und Visionen, das Wettrennen war gewonnen und das Geld wurde knapp – auch wegen dem Vietnamkrieg. War der Konflikt der unterschiedlichen wirtschaftlich-politischen Systeme kurzfristig ein Segen für die bemannte Raumfahrt, wurde dieser langfristig jedoch zum Fluch; mit dem Wettlauf-Gedanken tat man ihr kein Gefallen, da man dort langfristig und nachhaltig planen und handeln muss. Schnelle Gewinne lassen sich kaum erzielen, aber das ist auch wider ihre Natur.
    Raumfahrt, vor allem bemannte Raumfahrt begann als Wettlauf zwischen den Supermächten, um die Überlegenheit des jeweiligen Systems zu beweisen. Seinerzeit entschieden die USA das Rennen auf dem Mond für sich, dann erlosch der Kampfgeist.
    Aufbruchsfantasien und Pionierträume bezüglich Vergnügungsreisen in den Erdorbit, Weltraumhotels, autarke Raumstationen für Zehntausende Menschen, Basen auf dem Mond und den Planeten – ja selbst die Pläne zur Besiedlung der Milchstraße zerschmolzen im Vietnamkrieg, Watergate und der Ölkrise.
    Möglicherweise bricht das Interesse an der Raumfahrt innerhalb der nächsten Jahrzehnte zusammen, weil die Menschheit den Sinn ihrer Bemühungen nicht beantworten kann? Aber falls doch…
    Außerdem, was würde uns entgehen, wenn wir das Interesse an Raumfahrt verlieren, wie wäre unsere Zukunft?
    Oder ist Raumfahrt nur ein Phantom, dem einige wenige Fantasten nachjagen? Ist sie vielleicht – noch schlimmer – eine Prestigeangelegenheit zwischen den großen Nationen, wie etwa die Mondlandungen während des kalten Krieges; war das Apolloprogramm also doch nur ein Statussymbol?
    Was lockt uns Menschen von der Erde weg in ferne Bereiche? Was soll beziehungsweise was sucht der Mensch zum Beispiel auf dem Mond, solange wir hier unten noch von so vielen vermeidbaren Problemen und Übeln wie Krankheit, Hunger, Existenzangst usw. gequält werden?
    Was hätte etwa die Krebsforschung mit dem vielen Geld angefangen? Die Biochemie, das heißt die Gentechnik(!) könnte in kurzer Zeit fast alle Krankheiten und Abnutzungserscheinungen beseitigen, würde man ihr die notwendigen Forschungsmittel zur Verfügung stellen. Erst die wichtigsten Probleme auf der Erde lösen, ehe wir uns dem All zuwenden, sagen ihre Kritiker. Doch ohne Raumfahrt lassen sie sich erstmal gar nicht lösen und zweitens könnte diese Vorgehensweise zu risikoreich werden, denn wenn zuviel Zeit vertrödelt wird, sind manche Ressourcen oder noch schlimmer technisches Wissen nicht mehr vorhanden. In die bemannte Raumfahrt muss erst einiges investiert werden; sie wirft keine kurzfristigen Gewinne ab. Um wirklich etwas von ihr zu haben, muss man langfristig und in großen Dimensionen denken. Je länger man also mit der Raumfahrt wartet, desto unwahrscheinlicher wird sie. Deshalb: jetzt oder nie!
    Also – was treibt Menschen an, sich mit dem Weltraum auseinanderzusetzen? Da gibt es sehr viele und sehr unterschiedliche Antworten. Der Diskussionsrahmen ist international sehr unterschiedlich; in amerikanischen, sowjetischen und französischen Kreisen werden internationale Kooperation, nationale Identität, menschliche Entdeckungsleistung, Weltbildfunktion der Raumfahrt und Besiedlung des Weltraums und andere nicht- beziehungsweise transutilitäre Gründe und Perspektiven angeführt. Seltsamerweise stimmen Gegner und Befürworter überein, dass die Anwesenheit von Menschen im Orbit gerechtfertigt ist, wenn der – kurzfristige – Nutzen überwiegt. Damit wird die ihre kulturelle Aufgabe implizit nicht anerkannt.
    Würden wir Menschen technische Instrumente quasi-naturwüchsig hervorbringen, würden die Folgen technischen Handelns frei von Kritik. Eine Handlung, deren Nutzen geringer als deren Kosten beziehungsweise Aufwand ist, muss trotzdem nicht zwecklos sein; transutilitäre Zwecke rechtfertigen sie. Eine transutilitäre Beurteilung ist nicht-monetär und transutilitäre Einschätzungen sind auch dann rational, wenn sie eine gerechtfertigte allgemeine Geltung beanspruchen.
    Wird die bemannte Raumfahrt aber wie “Apollo” im kalten Krieg dazu verwendet, die Überlegenheit eines Gesellschaftssystems zu demonstrieren, erzeugt diese Zwecksetzung potenziell Konflikte und ist somit ethisch verwerflich. Das gilt auch für die Erzeugung und den Erhalt der politischen Führungsrolle einer Nation etwa mittels SDI, Raumwaffen usw.
    Den Befürwortern bleibt nur, den Appetit anzuregen und Begeisterung zu wecken (z.B. mit diesem Buch), am besten die Beweis- und Argumentationslage umzukehren. Hilfreich könnte es auch sein, Ziele vorsichtiger und realistischer zu formulieren (bis dann die technologische Singularität kommt und alles schneller und vor allem anders wird). Der Weltraum sollte weiter erkundet werden, um zu erforschen, zu verstehen und zu vereinen. Seine Erforschung spricht den kulturellen Imperativ an, der darin besteht, unsere Erfahrungsgrenzen auszuweiten, weiter voranzugehen und zu lernen, die Öffentlichkeit zu inspirieren und zu bilden, damit sich diese engagiert. Der wissenschaftliche Imperativ besteht darin, Wissen zu vermehren und zu verstehen, was uns im Universum umgibt, Antworten auf fundamentale Fragen über unseren Ursprünge und Ziele zu finden und menschliche Erfahrungen und technologischen Fortschritt zu bewahren und fortzusetzen. Der politische Imperativ der (bemannten) Raumfahrt ist der, globalen Unternehmungen ohne nationale Grenzen den Weg zu bereiten. Weiterhin geht es um die vereinte Nutzung der Möglichkeiten, die der interplanetare und später der interstellare Raum bieten.
    Die Lufthülle der Erde bildet nur aus pragmatischen Gründen wie etwa der Strahlungsbelastung eine Grenze; durch bemannte Unternehmen lassen sich solche möglichen Barrieren erforschen und Erkenntnisse zur Möglichkeit ihrer Überwindung gewinnen. Das der Weltraum “menschenfeindlich” ist, zählt nicht als Argument gegen dessen Besiedlung, denn selbst die Erde ist für einen Menschen ohne Technik “menschenfeindlich”. Nur aus prinzipiellen, selbstauferlegten Gründen, die aus dem “Ethos der Kontinenz” folgen, würden Erkundungs- und Besiedlungsabsichten an der Erdhülle enden. Mit der impliziten Beschränkung auf utilitäre Zwecke geht ein zur Zeit mit großer Resonanz verkündetes Ethos der Selbstbescheidung einher; dieses fordert, dass sich der Mensch mit dem Stand der erreichten Technik zufrieden geben solle oder sogar z.T. eine Rückentwicklung in Kauf nehmen solle…
    Die in diesem Milieu vegetierende kontraproduktive “Ethik der Verantwortung”1 verlangt im Zweifelsfall, sich gegen eine technische Innovation zu stellen. Für die bemannte Raumfahrt bedeutet das konkret, die Menschheit solle sich mit dem Lebensraum Erde zufriedengeben und nicht darüber hinausstreben(!)
    Hinter dieser angeblichen Menschenfeindlichkeit des Weltraums steht das destruktive Kontinenz-Ethos, welches postuliert, das die Erde “menschenfreundlich” und ihm angepasst sei, und das Weltall im Umkehrschluss menschenfeindlich sei. Und damit spricht alles dafür, sich mit dem gegebenen Lebensraum zu bescheiden – das Kontinenz-Ethos wird damit zur Antithese der Omnipotenz.
    Allerdings ist die “lebensfreundliche Erde” ein Konstrukt; der Mensch ist tatsächlich am unangepassten, denn erst durch das teilweise Außerkraftsetzen evolutionärer Mechanismen durch zum Beispiel Wissenschaft, Technik, Medizin usw. hat sich der Mensch eine lebensfreundliche Umwelt hergestellt; das begann mit der Sesshaftigkeit, mit Ackerbau und Viehzucht.
    Daher an alle Ökos, Grünen, “Umweltschützer”, Alternativ-Lebenden usw.: das Programm eines “Friedens mit der Natur” ist irreführend; primär bedroht die Umwelt, die “Natur” den Menschen und nicht umgekehrt – was aber nicht ausschließt, unnötigen oder zweckwidrigen Natur”verbrauch” zu vermeiden!
    Da für kein Lebewesen seine Umwelt weiträumig und langfristig stabil ist, muss auch der Mensch, wenn er denn überleben will, bereit sein, jeweils den Status quo seiner Naturbewältigung zu überschreiten. Optimal ist ein Ethos der Transzendenz, denn es entspricht unserem Überlebensinteresse; nach ihm wird versucht, die “Natur” mit Umsicht und Maß permanent zu instrumentalisieren. Dagegen impliziert das Kontinenz-Ethos technische Degeneration und führt prinzipiell zum Aussterben. Dessen Kritik an der (bemannten) Raumfahrt und anderen großtechnischen Innovationen ist jedoch ein Luxus, den sich nur hochtechnische Nationen für kurze Zeit leisten können, denn bekanntermaßen kommt erst das Fressen und dann die Moral. Generell werden vorgegebene (Umwelt-)Grenzen durch utilitäre und transutilitäre Kulturerrungenschaften überschritten; die irdische Lufthülle ist genauso wenig eine natürliche Barriere menschlichen Lebensraums wie die Alpen oder der Atlantik …
    Doch auch der Widerstand gegen die bemannte Raumfahrt hat Bedeutung für ihre Entwicklung, denn ohne ihn, ohne ihre Kritiker würde die Welt im Chaos des Neuen ersticken; meistens behalten sie (allgemein bei technologischen Entwicklungen) recht und bringen unfruchtbare Ideen zum Verschwinden, womit sie eine notwendige soziologische Funktion erfüllen. Auch Ziolkowski wusste, dass es tatsächlich Dinge gibt, für die die Zeit noch unreif ist und die von selbst gewaltlos untergehen. Wurden sie auch nicht verhindert, fanden sie dennoch keinen Anklang und erloschen oder versanken allmählich. Würde “heute” (gemeint ist Ziolkowskis Gegenwart) unter uns – so seine Ansicht – ein so außergewöhnlicher Mensch wie seinerzeit Giordano Bruno, Galilei, Kopernikus, Newton auftauchen, könnte ihn kaum jemand verstehen, der kleine Kreis seiner Schüler ihn anzweifeln und wer immer ihn versteht, ihm nicht helfen können. Andere Wissenschaftler würden ihn für unwissenschaftlich halten; um sie und die Öffentlichkeit zu interessieren und zu überzeugen, brauchen sie die Klugheit enzyklopädischer Wortbücher und viel Geduld, denn die Öffentlichkeit fragt (noch “heute” im 21. Jahrhundert) kaum bis nie danach, warum etwas so oder so ist, sondern will nur wissen, wozu etwas nützlich sein kann. Nun, mittlerweile haben sich die Zeiten etwas gebessert, denn ganz so isoliert sind die Raumfahrtbefürworter nicht mehr, aber bemannte Raumfahrt ist noch immer kein Selbstläufer …
    Hoimar v. Dithfurt attestierte seinerzeit der Apollo 8-Mission eine begrenzte “Erlebnisfähigkeit”, die nicht auf der Erde stattfand; die aus 300.000km kaum noch groß genug wirkte, um die Fernsehbildschirme auszufüllen. Apollo 8 war so besonders, weil die 3 Astronauten die Erde verließen und damit alle Menschen hinter sich ließen – sie waren in vollkommener Isolation. Die auf der Erde Zurückgebliebenen sahen und hörten sie zwar, aber haben nicht miterlebt, nicht mitgefühlt, was es bedeutet, eine solche Reise zu machen, da sich die Apollo 8-Astronauten als (mit-)erlebnisunfähig erwiesen. Ihnen selbst war von diesem besonderen Erlebnis nichts anzumerken, da sie nicht ausgewählt wurden, um zu erleben und zu begeistern – dafür hätte es wohl Künstler gebraucht – sondern um zu funktionieren, unfähig, Angst zu haben; der komplizierten Maschinerie eingefügte Roboter aus Fleisch und Blut. Nicht nur die Mondfahrer wurden so um das Erlebte ihrer Reise betrogen, sondern unerwarteterweise wir alle. Die Genesis-Vorlesungen aus der Bibel haben dem Unternehmen künstlich jenen Charakter des Besonderen verleihen müssen, den es eigentlich automatisch hätte haben müssen – so die Meinung von v. Dithfurt.
    Aber vielleicht ist die Erklärung die, dass sich die Apollo 8-Astronauten jenseits unserer Vorstellungskraft befunden haben? Denn der Ort, an dem sie sich temporär aufhielten, liegt noch heute (auch 2011) außerhalb des unseren Erleben zugänglichen Bereiches – und gerade dann wäre die seltsame Blässe des Eindrucks der sicherste Hinweis auf die wahre Bedeutung des Geschehens, nämlich dass sich unsere Vorstellungskraft um den Bereich des Fluges erweitern wird – das ist die eigentliche Bedeutung von Apollo, überhaupt von der bemannten Raumfahrt.
    Heute – 50 Jahre später fällt der erste Teil der Kritik wohl etwas milder aus, denn sie entstand ausschließlich unter dem Eindruck einer einzigen Mondumkreisung. Mit Apollo 9-17 fanden 9 weitere Umkreisungen und Landungen statt, so dass sich die Astronauten und Daheimgebliebenen zumindest etwas daran gewöhnen konnten. Außerdem haben die Mondreisenden so gut wie es eben geht versucht, ihren Gefühle usw. in zahlreichen Interviews usw. Ausdruck zu verleihen und ganz sicher haben sie sich untereinander ausgetauscht, so dass v. Dithfurts Kritik teilweise überflüssig sein sollte. Im Zweifelsfall hilft nur eins: sich selbst dorthin begeben…
    Trotz aller Gegenargumente – Raumfahrt ist zu teuer, erst die Probleme auf der Erde lösen, das können Roboter doch viel besser, usw. – brauchen und wollen wir sie, denn unser Expansionsdrang und unsere Abenteuerlust sind praktisch wohl kaum zu bremsen, da die Suche nach immer neuen Horizonten ein genetisches Steinzeiterbe ist. Die Faszination der bemannten Raumfahrt liegt nicht zuletzt darin, dass, wenn ein Mensch fliegt, wir dann alle fliegen. Könnte eine robotische Marsmission so sehr begeistern wie Apollo oder eine bemannte Marslandung? Bemannte Raumfahrt ist die Eroberung des Universums durch die Menschheit und Astronauten sind unsere Botschafter.
    Unser Fühlen und Handeln war und ist niemals nur das Ergebnis konsequenter rationaler Überlegungen, sondern eine Verwirklichung von Trieben, die zum Beispiel auch in der transutilitären Kunst und Kultur dafür sorgen, dass unsere Welt nicht still steht. Neugier und Gestaltungstrieb sind Motoren in der Geschichte der Raumfahrt bis in unsere Tage. Ihre Bedeutung hat sich im Laufe der Zeit gewandelt:
    Es ist zunächst die jahrtausendalte Astronomie, die Faszination des Überirdisch-Göttlichen, die sich in Religion und Philosophie ausdrückt; aus ihr geht die Astronautik hervor, der Wunsch, selbst dort zu sein. Anders formuliert ermöglicht die bemannte Raumfahrt im Gegensatz zur Astronomie den Schritt von der Theorie zur Praxis, also vom Imaginären weg hin zum Realen.
    Raumfahrt hat mit Mythen und Märchen begonnen, sie wurde bereits in vorgeschichtlicher Zeit als Handlungsschauplatz gewählt und mit Sonnenwagen und anderen göttlichen Fahrzeugen bevölkert. Ihre weltgeschichtliche Bedeutung erhielt die Rakete erst im 20. Jahrhundert als Vehikel der Raumfahrt.
    Noch im 19. Jahrhundert war sie wissenschaftliche Gedankenspielerei und Thema phantasiebegabter Schriftsteller, doch ab den 1850ern hat sich ihre Bedeutung geändert. Die immer schnellere Entwicklung von Wissenschaft und Technik erzeugte einen enormen und durchaus berechtigten Fortschrittsglauben. Durch die Industrialisierung ist es möglich geworden, große Abenteuer zu wagen und zum Teil zu gewinnen: der Flug zum Mond, zu anderen Planeten des Sonnensystems und schließlich zu den Sternen mit ihren (Exo-)Planeten. Die phantastische und die SF-Literatur haben einen wesentlichen Anteil an der Verbreitung dieser Ideen; durch sie rückt die Zukunft scheinbar plötzlich in allernächste Nähe. Außer den Schriftstellern machten vor allem Raumfahrtpioniere wie Ziolkowski, Oberth, Goddard und viele andere die Idee vor allem der bemannten Raumfahrt populär und leisteten Entwicklungsarbeit, von der noch heute profitiert wird; ohne sie würde es keine Raumfahrt geben. Da sie ihre Erkenntnisse fast gleichzeitig, aber unabhängig voneinander gewannen und die Entwicklung von Wissenschaft und Technik entsprechend weit war, scheint die Entstehung der Raumfahrt beinahe zwingend gewesen zu sein? Vor allem durch den 2. Weltkrieg wurde aus großartigen Einzelleistungen der Raumfahrtpioniere eine ebenso große organisierte Massenforschung, aus der innerhalb weniger Jahre das Zeitalter der Raumfahrt entstand. Wäre die Entwicklung der bemannten Raumfahrt nur etwas optimaler verlaufen, hätte es vielleicht schon in den 1930ern Satelliten geben können …
    Raumfahrt fasziniert eine breite Bevölkerung, sie gilt als Hochtechnologie an sich und bringt einen vielfältigen Nutzen für die Gesellschaft und Politik. Sie ist innerhalb zweier Kategorien begründet; dem utilitären Ansatz, das heißt als Instrument um politische und wirtschaftliche Ziele zu verfolgen und zum anderen ist sie wertgebend für Gesellschaft und Kultur, also transutilitär.
    Die utilitäre Raumfahrt dient der Entwicklung von Märkten und der Schaffung von Arbeitsplätzen. Sie wird für Kommunikation, Mobilität, zur Umwelt-, Wetter- und Klimaüberwachung und zur Wettervorhersage genutzt. Sie dient dem Katastrophen- und Ressourcenmanagment. Als Technologiefeld liefert sie wichtige Beiträge zur Innovation, Verlässlichkeit, Qualität, Miniaturisierung und der Entwicklung neuer Werkstoffe. Durch die spezielle Weltraumumwelt, also Schwerelosigkeit, Hochvakuum und tiefe Temperaturen werden im All hergestellte Industrieerzeugnisse zur Produktion von Gütern führen, die auf der Erde gar nicht oder nur unvollkommen oder sehr aufwendig herstellbar sind; unter anderem Schaummetalle, neuartige Legierungen und Schmiermetalle. Ultragenaue Latexkugeln, um Elektronenmikroskope zu kalibrieren. Hohlkugeln für Kugellager, um Wirkungsgrade von Gasturbinen zu erhöhen, Glasfasern für optische Nachrichtentechnik sowie Halbleiter und andere elektronische Baudelemente. Weiterhin Pharmazeutika, ultrareine Materialien, Monokristalle und submillimeterdünne Siliziumschichten als Träger für elektronische integrierte Baudelemente. Löt- und Schweißverfahren lassen sich in der speziellen Weltraumumwelt effektiver gestalten.
    Auch wenn der gesamte Transportbedarf von einigen 10 Kilotonnen jährlich beträchtlich ist, ist allein der Ausblick auf vorteilhafte Weltraumprodukte kurzsichtig; bei hinreichend geringen Transportkosten – etwa durch den Weltraumfahrstuhl – gibt es weitere sehr gute Gründe, die Großindustrie soweit wie möglich ins All (oder aufs Meer) zu verlegen:
    Es steht fast unbegrenzte solare Energie zur Verfügung, die Erde wird von allen Belastungen als Folge dieser Energieproduktion befreit, die Industriegelände werden für andere Zwecke frei – auch zur Renaturierung und die Umweltbelastungen und -Schäden, die durch irdische Industrie anfallen, werden beseitigt.
    Die transutilitäre Raumfahrt erweitert unser Wissen und unseren Horizont, sie liefert Kenntnisse vom Ursprung und der Vergangenheit des Universums mit Blick in die Zukunft. Sie stimuliert Neugier und Entdeckergeist, gestaltet das Weltbild und die naturwissenschaftliche Kultur. Sie fasziniert und inspiriert, liefert Authentizität und Identifikation und schließlich einen schwer vorhersehbaren aber virulenten Gewinn von Prestige, von Ansehen, Macht und Einfluss durch die Meisterung der Aufgaben der Raumfahrt.
    Die rein utilitäre Beurteilung der bemannten Raumfahrt ist zweifelhaft und greift zu kurz. Statt dessen müssen ihre Opponenten aufzeigen, dass die Realisierung bestimmte Zwecke verlangt oder es nahelegt, eine weitere Mitwirkung zu unterlassen. Wer nämlich zur Unterlassung einer Option auffordert, hat andere Gründe als jemand, der für deren Aufnahme argumentiert. Die “Ethik der Technik” fragt bei jeder technischen Neuerung nicht zuerst, ob der Nutzen die Kosten übersteigt, sondern zu welchem Zweck Maschinen und Geräte verwendet werden. Die Technik-Ethik fragt nach der Kulturfunktion der Technik; mag der wirtschaftliche Nutzen auch ein möglicher und wichtiger Aspekt der Kulturfunktion sein, geht diese aber nicht in der Nutzenfunktion auf. Spricht irgend jemand davon, welchen Nutzen die Entdeckung Amerikas hat oder vom Nutzen der Erfindung des Buchdrucks?
    Die Frage, ob wir uns bemannte Raumfahrt leisten können und sollen, lässt sich nicht mit utilitären Argumenten beantworten, denn genauso wenig gibt es utilitäre Rechtfertigungen für den Unterhalt von Orchestern, Museen oder für die Ausrüstung von Expeditionen oder für die Arbeit an (genialen) Erfindungen. Zwar leistet die bemannte Raumfahrt ihre Beiträge für die Realisierung bestimmter Zwecke, aber das machen andere technische und sonstige kulturellen Optionen auch; allerdings ist die Besiedlung von Raumkörpern nur durch sie zu realisieren.
    Würden nur utilitäre Gründe technische Errungenschaften rechtfertigen, gäbe es in unserer Geschichte keine gerechtfertigten Kulturoptionen. Das gilt auch für die zeitliche Variante, kulturelle Optionen zurückzustellen, bis gewisse Probleme gelöst sind, zum Beispiel die Welthungerkatastrophe, das Waldsterben, die “Klimakatastrophe” oder die Wirtschafts- bzw. Eurokrise und dann erst zum Mond usw. zu fliegen. Aber Raumfahrt löst sowohl direkt als auch indirekt über Satelliten zum Beispiel Hungerprobleme, Klimakatastrophe und Waldsterben. Raumfahrt wirkt friedensschaffend in dem Sinn, dass Nationen zusammenwachsen und sich gegenseitig respektieren und vertrauen und dadurch zusammenwachsen und Barrieren abgebaut werden. Im übrigen ist es unvorstellbar, großtechnische Optionen bis zum Tag X nur als Potenzial aufzusparen, denn “Können” lässt sich nicht konservieren.
    Ließe man also in der Argumentation um Raumfahrt als kulturelle Option nur utilitäre Argumente zu, würde man die Menschheit auf eine Großherde möglicherweise zufriedener, grunzender Affen reduzieren, die allerdings wohl vor geraumer Zeit an Selbstbescheidung zugrunde gegangen wären. Skeptiker und Kritiker vom Sinn, Nutzen und überhaupt von der Idee der bemannten Raumfahrt zu überzeugen, kann und wird kaum bis gar nicht gelingen, denn das ist Ansichtssache, ist eine Glaubensfrage. Da geht es um (irrationale) Prinzipien.
    Es stellt sich vor allem die Frage, ob Raumfahrt Werkzeug oder Selbstzweck ist; sieht man sie nur als Werkzeug, als Mittel zum Zweck, gehen utilitäre Gründe wohl vor. Doch wird sie zum Selbstzweck, zur Selbstverständlichkeit, ist sie ein Selbstläufer und somit über jeden Zweifel erhaben …
    Während der Nutzen der unbemannten Raumfahrt weitgehend unbestritten und die gesellschaftliche Akzeptanz im Gegensatz zu Atomkraftwerken, Gentechnik usw. gegeben ist, ist deren wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Erfolg fatal für die bemannte Raumfahrt, da diese unter Druck gerät, wenigstens langfristig die gleichen Erfolge zu erzielen. Außerdem verläuft die Diskussion in den Bahnen von Kosten-Nutzen-Abschätzungen und der Nutzen sollte sich unmittelbar oder wenigstens mittelbar einstellen.
    Selbst Wissenschaftler betrachten wissenschaftliche Einsichten vorrangig unter Berücksichtigung eines wenigstens mittelbaren wirtschaftlichen Nutzens. Außerdem müssen sowieso schon knappe Forschungsetats für Teilchenbeschleuniger, Teleskope, Raumfahrt u.v.a.m. auch noch aufgeteilt werden. Das dann Egoismus, Neid, Vorurteile und Emotionen hochkochen, dürfte nicht verwundern, denn selbst Wissenschaftler sind auch nur Menschen. Die Gegner der bemannten Raumfahrt sind davon überzeugt, dass sich die Funktionen des Menschen durch unbemannte Raumflüge ausgleichen oder überkompensieren lassen; der Mensch also einen Störfaktor darstellt. Sie halten die bemannte Raumfahrt für überflüssig, da die hohen Kosten den erkennbaren Nutzen übersteigen.
    Indem die Befürworter aber nach Lücken und Unsicherheiten in den gegnerischen Argumenten suchen, erkennen sie indirekt die Kosten-Nutzen-Betrachtung an statt den gegnerischen Standpunkt prinzipiell anzuzweifeln oder zu widerlegen. Auf die Frage, wozu Raumfahrt dienen kann, könnte man als Gegenfrage stellen, wozu ein neugeborenes Kind dienen könne?
    Bemannte Raumfahrt ist allein schon als großtechnische Option sinnvoll. Während sie ein mögliches Mittel für die Verwirklichung der polyzentrischen Weltordnung ist, ist sie für die Verwirklichung der Besiedlung des Weltalls das einzige Mittel. Unabhängig von utilitären Faktoren wie die Wartung unbemannter Systeme oder die Gewinnung von Sonnenenergie im Raum (siehe Oberth, Barth, Koelle usw.) bleibt die Frage, ob die Besiedlung künstlicher und/oder natürlicher Raumkörper als technischer Fernzweck anzusehen ist.
    Raumfahrt – konkret die Mondlandung, das Apollo-Sojus-Test-Projekt (die erste US-amerikanisch-sowjetische Kooperation in der Raumfahrt) und die ISS – hat auch eine neue Qualität und Quantität des Managements erschaffen. Schon 1960 waren über 5000 Firmen und Forschungslabors mit Raumfahrt-Aufträgen beschäftigt: in Bereichen der Elektronik, Optik, Wärme- und Kältetechnik, Chemie, Metallurgie, Keramik, Treibstoff-, Kunststoff-, Maschinen- und Werkzeugindustrie, in Textil-und Bekleidungsindustrie und Arzneimittelforschung. Sie alle und viele weitere Zweige trugen zu diesem Riesenprojekt bei.
    1961 befassten sich in den USA schätzungsweise 60.000, in der UdSSR 140.000 Wissenschaftler nur mit Grundlagen- und angewandter Raumfahrtforschung, für die Entwicklung arbeiteten etwa 300.000 Wissenschaftler in den USA und 100.000 in der damaligen SU.
    Eine Marsmission etwa könnte durch die hohen Anforderungen an Antriebs- und Sicherheitstechnik, Lebenserhaltungssysteme, exobiologische Forschung usw. einen ähnlichen technologischen Motivationsschub freisetzen wie seinerzeit Apollo. Der Aufbruch zum Mars würde die Wirtschaft beleben und die Kosten mehr als aufwiegen, ganz zu schweigen von der Bedeutung für unsere Zivilisation, wenn ein Mensch erstmals seinen Fuß auf einen anderen Planeten setzt …
    Da die Raumfahrt ganz spezielle Anforderungen hat, entstehen sehr viele wissenschaftlich-technische Ergebnisse als “Abfallprodukte” der erforderlichen Forschungs- und Entwicklungsarbeit, so erforderte zum Beispiel das Apollo-Saturn-Programm völlig neue Methoden der Planung, Koordinierung und Steuerung von Abläufen, also des Managements. Das gilt – in einem noch größeren Rahmen – für die ISS und wird sich für darauffolgende Projekte noch verstärken: Rückkehr zum Mond, Landung von Menschen auf dem Mars und anderen Welten und dereinst beim interplanetaren Verkehr von Forschern, Touristen usw.
    Raumfahrt-Großprojekte wie die ISS und andere technische Großprojekte wie der Bau und der Betrieb etwa von Teilchenbeschleunigern wirken friedensschaffend und -erhaltend.
    Vor allem die bemannte Raumfahrt wird durch 2 Gruppen von transutilitären Zielen gerechtfertigt: die eine umfasst Zwecke, die zur politischen Kultur auf der Erde beitragen, etwa die Realisierung einer polyzentrischen Weltordnung und europäischen Integration. Die andere beinhaltet Beiträge, um eine nationale Identität usw. auszubilden.
    Eine polyzentrische Weltordnung bedeutet eine gerechte Weltordnung in der keine Nation gleichrangig mit anderen ist, sondern “Gerechtigkeit” meint gerechtfertigte Ungleichheit; jede Nation hat ihre Stärken und Schwächen und ist auf einem bestimmten Gebiet gut. In ihr wetteifern die Nationen miteinander, jedoch ohne dass eine Nation X irgendeine Führungsrolle anstrebt, sondern eher eine Symbiose mit anderen eingeht. Also ist es nicht sinnvoll, nur eine Raumfahrtnation zu haben.
    Gemeinsame, internationale Raumfahrtmissionen – auch, um Kosten auf mehrere Länder zu verteilen – bauen Spannungen ab und tragen zur Völkerverständigung bei; Länder die gemeinsam zum Beispiel an einer Raumstation arbeiten, führen keine Kriege gegeneinander. Durch moderne Nachrichtentechnik, Transportmethoden usw. wird die Welt immer vernetzter und damit zu einer Einheit (“Globalisierung”).
    Da Raumfahrt friedensschaffend wirkt, können die Militärausgaben verringert werden; durch deren Abbau würde ein enormes industrielles, technisches und wissenschaftliches Potenzial freigesetzt, das der Raumfahrt äußerst gut tun und ihre Entwicklung sehr beschleunigen würde – etwa um 10 bis 20 Jahre. Ein ernsthaftes Weltraumkolonisierungsprogramm macht nur einen Bruchteil der Verteidigungs- und anderer, eher unwichtiger Ausgaben aus (man denke weiterhin an Misswirtschaft, Wirtschaftskriminalität, an die Millionengehälter von Fußballern und Schauspielern und ähnliches) und gefährdet nicht die Lösung anderer dringender sozialer Probleme, die eher durch Korruption, Rüstung, Veruntreuung usw. entstehen. Je mehr Menschen sich dafür begeistern, desto leichter wird es durchzusetzen sein. Eine große Auswahl bleibt nicht, denn die Alternativen zur Raumfahrt und allgemein zu einer technischen Welt sind moralisch-ethisch nicht durchführbar, denn sie wären verheerend: kein Schutz vor Planetoiden- oder Kometenimpakten, Nahrung- und Platzmangel bei einer Agrar- oder Jäger- und Sammlergemeinschaft, fehlendes Können und Wissen u.v.a.m.
    Raumfahrt schützt die individuelle Freiheit, indem sie Informationen und Bildung mitverbreitet, die Entstehung ernster Mängel verhindert, die zu administrativer, politisch-wirtschaftlicher Überregulierung führen.
    Dadurch, dass die Weltraumerforschung dermaßen teuer ist (jedenfalls im Prä-Nanotechnologischen-Zeitalter), ist sie nur in internationaler Kooperation möglich und durch diese zunehmende Verflechtung der Nationen sinkt die Terror-und Kriegsgefahr; die gemeinsame Arbeit an einer Aufgabe (etwa ISS) führt zu einem Weltbürgerbewusstsein und ist ein Schritt hin zum Weltfrieden; das könnte der Anfang für die gemeinsame Lösung der großen Menschheitsprobleme sein. Die gemeinsame Erforschung unseres Ursprungs und unserer Bestimmung kann ebenso ein Bindeglied sein; diese (transutilitäre) Mission erhält durch die Weltraumforschung neue Akzente und Aktualität. Durch die Raumfahrt wird es möglich, politische, religiöse und soziale Differenzen beizulegen.
    “Utilitär” und “transutilitär” sind Pole; in der Diskussion werden sie oft gegeneinander verwendet und dadurch Raumfahrtbefürworter gegeneinander ausgespielt. Die Frage, was Raumfahrt eigentlich soll, führt oft zur gefürchteten “entweder-oder”-Devise. Selbst innerhalb der Raumfahrt werden diese Pole von Interessengruppen gegeneinander ausgespielt, was ihrer Gesamtbeurteilung erheblich schadet.
    Diese unbefriedigende und kontraproduktive Situation erfordert das Aufbrechen der utilitären/transutilitären Pole durch eine überlagernde Beschreibung als Brücke zwischen ihnen. In dieser vermittelnden Kategorie steht Raumfahrt für Sicherheit, Frieden, Wohlstand und für Förderung internationaler und interkultureller Zusammenarbeit. Exploration, SETI und schließlich der Mensch im Weltall – diese Kategorie lässt sich mit den Komotationen Arbeit, Forschung, Tourismus keinem Pol zuordnen. Utilitäre und transutilitäre Raumfahrt kann es nicht geben, denn Raumfahrt als Ganzes erbringt die Leistungen und rechtfertigt die Investitionen. Dieser neue Synthese-Ansatz kann die Richtung vorgeben, um aus tradierten Begründungen für die Raumfahrt auszubrechen und einzelne Raumfahrt-Elemente nicht gegeneinander auszuspielen; Raumfahrt ist ein extrem breiter Sektor mit unvergleichlicher Gewinnvielfalt.
    Nach Wernher von Braun ist Weltraumfahrt ein Vorhaben, das die Erde zum Absprungplatz zu anderen Himmelskörpern macht und ihrer Natur nach ein internationales Vorhaben ist. Sie beschwört eine Revolution in der Perspektive, die es für alle Zeiten klarmacht, dass die Erde zu klein für den Bruderkrieg geworden ist und dass die Zeit für große Aufgaben gekommen ist, bei denen wir Menschen unseren Blick gemeinsam hinauslenken müssen in das unendlich große und unendlich herausfordernde Weltall.
    Wissensvermehrung, materielle Vorteile und die Besiedlung anderer Welten rechtfertigen es, Astronautenleben zu riskieren und Unsummen dafür auszugeben, dass wir über die Grenzen unseres Heimatplaneten hinausgelangen. Zum Beispiel werden Mondobservatorien Unmengen astronomischer Daten liefern, durch Raumfahrt lassen sich auf anderen Planeten Fragen zur Urgeschichte des Sonnensystems klären und die Frage, ob es etwa auf dem Mars Leben gibt oder früher gab. Die Folgen, die die Entdeckung von Leben – unabhängig vom Entstehen auf der Erde – hat, werden enorm sein und unsere Kultur stark verändern.
    Die Motivation ergibt sich auch aus wissenschaftlichen Gründen, weil der Weltraum zum einen selbst und weiterhin sein Inhalt – Materie und Felder – ein Forschungsgebiet sind. Man könnte sich auch mit der Erde beschäftigen und sie mit anderen Planeten vergleichen. Unsere Sonne ließe sich detailliert untersuchen, um damit den Großteil der Fixsterne zu verstehen. Planetoiden und Kometen könnten Aufschluss über die Urgeschichte, über Entstehung und Entwicklung unseres Planetensystems geben, da alle Himmelskörper der Beobachtung und dem Experiment vor Ort zugänglich werden.
    Astronomie und Astrophysik werden sich unglaublich entwickeln, unter anderem durch Weltraumteleskope und Raumsonden. Nachrichten-, Wetter-, Fernsehsatelliten usw. sind für die Wirtschaft interessant. Durch sie wird die Welt zum Dorf. Satelliten helfen, das irdische Kommunikationsproblem zu lösen. Jeder Mensch hat (prinzipiell) Zugriff zur globalen Kunst und Literatur. Satelliten und Internet – was für eine Kombination; Großrechner können zusammengeschaltet werden. Sie können Telepräsenz ermöglichen und dadurch die Umwelt entlasten. Satelliten können die Auswirkungen von Katastrophen verringern. Werden sie die Weltsprache mitentscheiden?
    Ein konkretes Biespiel für den Nutzen der bemannten Raumfahrt: Der Mond bietet eine besondere Forschungsumgebung: geringere Schwerkraft, keine Atmosphäre und große Temperaturdifferenzen. Er ist geologisch praktisch inaktiv und auch größere Impakte sind zur Zeit selten. Auf der erdabgewandten Seite lässt sich zum Beispiel Astronomie besonders gut betreiben, Radioteleskope von vielen Kilometern Größe lassen sich in Mondkratern installieren und mit irdischen Radioteleskopen zusammenschalten. Einzelteleskope könnten sich auch auf mobilen Plattformen befinden und anschließend interferometrisch zu einem Großteleskop zusammenschalten lassen. Überhaupt können dort viel größere Anlagen zur planetaren, stellaren und galaktischen Beobachtung gebaut werden.
    Vielleicht tut uns auch die Erkenntnis gut, dass die Erde kein isoliertes System ist, dass nicht nur Gutes von oben kommt, sondern auch Sonneneruptionen, Supernovae, erdbahnkreuzende und einschlagende Planetoiden und Kometen usw. Schon ein 1km großer Planetoid mit 32km/s hätte eine Explosionskraft von 1012t TNT. Ein vernichtender Planetoidenimpakt wird sich mit hoher Wahrscheinlichkeit auch zukünftig ereignen, da von Tausenden von Erdbahnkreuzern eine große Kollisionsgefahr ausgeht. Etwa alle 100 Kilojahre ereignen sich Einschläge mit zivilisationsbedrohenden Auswirkungen, wie etwa das Tunguska-Kometenfragment; alle 10 bis 100 Megajahre wiederholt sich ein Megaimpakt wie der, der die Saurier auslöschte. Diese Kosmophobie lässt uns nicht nur neugierig, sondern auch wachsam werden und bleiben.
    Die Konsequenz: Nicht nur unbemannte Raumfahrt, nicht nur Raumfahrt für die Erde, sondern alle Arten von Raumfahrt sind erforderlich!

    II. Raumfahrt & Negentropie
    Raumfahrt ist langfristig der entscheidende Weg zur Entlastung der Erde. Eine echte Raumfahrtaufgabe für dieses Jahrhundert könnte darin bestehen, das irdische Wetter dahin gehend zu beeinflussen oder sogar zu lenken, landwirtschaftlich nutzbare Flächen auszuweiten, katastrophale Wetterstürze zu verhindern und ähnliches.
    Nur eine bessere Wissenschaft und Technik kann uns bei der Lösung heutiger schwerwiegender Probleme helfen, die deshalb schwerwiegend sind, weil sie heute vor uns stehen- aber sich die Lösungen erst morgen ergeben.
    Raumfahrt kann beim Bevölkerungswachstum helfen – durch Erstellung von Bevölkerungsstatistiken, durch Auffinden neuer Landwirtschaftsplätze, durch frühzeitiges Erkennen von Pflanzenkrankheiten und Düngemangel usw. , durch Verbreitung von Bildungs- und Aufklärungsprogrammen, die auch das Wissen über Familienplanung verbreiten.
    Allerdings muss die Überbevölkerung auf der Erde gelöst werden – eine Massenauswanderung in außerirdische Siedlungen scheint kein Ausweg zu sein (oder doch?).
    Die Nahrungsgrenze beziehungsweise Lebensmittelknappheit lässt sich durch Raumfahrt ausweiten, indem mögliche Anbaugebiete sowie Pflanzenkrankheiten und Düngemittelmangel erkannt werden und durch Wetterinformation, landwirtschaftliche Informationen usw. Bei der Energieverknappung könnten Energiesatelliten helfen.
    Auch wenn neue Abbaumethoden heute noch nicht rentable Lager erschließen könnten, Recycling, also Wiederverwertung sich wohl noch ausbauen lässt und Satelliten neue irdische Lagervorkommen erschließen könnten, wären diese Faktoren nicht frei von Nachteilen für die irdische Bioökologie und Geoökologie; außerirdische Quellen könnten das Rohstoffproblem dagegen fast ohne Nachteile gegenstandslos machen.
    Mit Raumfahrt lässt sich auf 3fache Weise Negentropie (das Gegenteil von Entropie, s.u.) erzeugen: Energiesatelliten beziehungsweise SSPS (Solar Satellit Power Station), die Kraftstrom auf die Erde strahlen; mit LST (Lichtspiegeltechnik), durch die zusätzliche Sonnenergie zum Beispiel für die Landwirtschaft (Fotosynthese) auf die Erde eingestrahlt wird und durch die Annihilation von Materie und Antimaterie oder magnetischer Monopole oder WIMPS (Weakly Interacting Massive Particles, zu deutsch schwach wechselwirkende massereiche Teilchen der Dunklen Materie) und Anti-WIMPS, durch die künstliche Sonnen möglich werden und durch die das Erdklima stabilisiert wird, etwa bei Eiszeiten oder nach dem die Sonne die Hauptreihe verlassen hat und zu einem Weißen Zwerg geworden ist.
    Weltraumtechnik bedeutet den Sieg über die Gravitation; keine andere Wissenschaft, Technik und Geistesleistung sonst kann einen derart gewaltigen, komplexen, weitreichenden und folgenschweren Evolutionsakt in Aussicht stellen.
    Weltraumtechnik und -produktion bieten einer energiehungrigen, rohstoffarmen, nahrungsbedürftigen und durch Treibhausgase und Abwärme umweltbelasteten Erde von morgen das Potenzial zum Überleben.
    Dadurch, dass sie ein hohes Maß an Negentropie beziehungsweise Syntropie erzeugt, lässt sich das thermodynamische Gleichgewicht hinausschieben, welches eintritt, wenn durch die Material- und Energieintensität menschlichen Handelns und Wirtschaftens alle Energieressourcen ihr Minimum und die Umweltbelastung ihr Maximum erreichen und es infolgedessen auf Megajahre hinaus kein (höheres) Leben auf der Erde gibt.

    III. Raumfahrt als Evolutionssprung
    Raumfahrt ist ein gewaltiger Evolutionssprung, in etwa vergleichbar mit dem Schritt des Lebens aus dem Wasser aufs Land oder mit der Erfindung des Feuermachens. Der Sprung in den Weltraum wird hauptsächlich durch existentielle Notwendigkeiten motiviert; der qualitative Unterschied zu den bisherigen Evolutionssprüngen ist der, das die kosmische Entwicklungsphase im Gegensatz zur biologischen und kulturellen erstmals ausschließlich von Intelligenz- und Bewusstseinsträgern eingeleitet, ermöglicht und gestaltet worden ist. Fanden materielle, biologische und kulturelle Entwicklungsphasen bisher chronologisch statt, wird es in der kosmischen Weiterentwicklung ein wechselwirkendes Nebeneinander geben; die extraterrestrische Evolution wird auf diesen Ebenen eine neue Revolution einleiten und ablaufen lassen.
    Es kann viele Gründe (philosophische, religiöse, wirtschaftliche, wissenschaftliche oder einfach Neugier) geben, warum unsere Nachfahren die Erde und das Sonnensystem verlassen. Was wird uns dort draußen erwarten? Wie wird das Unbekannte, Fremde an sich auf uns zurückwirken? Destruktive Angst oder konstruktive, Potenzial entfaltende Hoffnung? (Friedrich Nietzsche: Wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.)
    Der Umzug ins All ist als vernünftige Alternative zur Bevölkerungsexplosion, zu Nahrungsproblemen usw. gedacht und beweist außerdem die Nützlichkeit moderner Wissenschaft und Technik bei der Lösung der Probleme, vor denen die Menschheit steht und denen sie sich nur ungenügend gewachsen zeigt.
    Schon die ersten Raumfahrtpioniere wie Ziolkowski, Oberth Goddard usw. schlugen die eine oder andere Variante einer möglich Aussiedlung vor. Vielleicht wird die Schaffung erweiterter künstlicher Lebensräume in den nächsten Jahrhunderten tatsächlich eines der großen Menschheitsvorhaben sein, doch die Aussiedlung macht die Lösung dieser dringenden Probleme nicht überflüssig; im Gegenteil: ein so groß angelegtes perspektivisches Unternehmen wie das Aussiedlungsprojekt setzt die Lösung heutiger “irdischer”, menschlicher Probleme, die hauptsächlich auf Geld und damit auf antagonistischen Widersprüchen beruhen, geradezu voraus; militärische Hochrüstung, künstliche Wirtschaftskrisen usw. verschlingen nicht nur wirtschaftlich-monetäre Unsummen sondern auch geistiges Kapital, die friedlichen Projekten der Wissenschaft und Technik verlorengehen.
    Die Aussiedlung setzt also ein gesundes internationales Klima einer hochentwickelten Zivilisation voraus, die friedliche wissenschaftlich-technische Programme favorisiert. Wenn wir uns dazu entschließen, kosmische Wohnstätten anzulegen und zu bevölkern, müssen wir erst die gegenwärtigen Fragen lösen, denn diese technische Schöpferkraft setzt eine progressive Entwicklung menschlicher Produktivkräfte voraus. Technische Wunder sind nur dann sinnvoll, wenn sie unserem Wohl dienen und dazu beitragen, Krieg, Not und Elend zu beseitigen.
    Diese Orientierung auf eine friedliche Zukunft, auf eine konstruktive und synergetische Kooperation der Völker und Staaten ist die wichtigste Motivation für alle großen Zukunftsprojekte, ohne die sie sich nicht realisieren lassen werden. Raumfahrt lässt großartige Perspektiven erkennen, doch es liegt an uns, sie zu realisieren – mit dem was wir wann tun und was wir unterlassen. Eine weitere Argumentengruppe “pro Raumfahrt ” umfasst die Verwirklichung einer kosmischen Kultur; also den Aufstieg der Menschheit zu einer Typ-II-Zivilisation (oder mehr), zu der die Erkundung des Universums zählt und damit zusammenhängend die Erweiterung des menschlichen Weltbildes, die Verbesserung des allgemeinen technischen Standards sowie die Errichtung von Raumstationen und -basen und Weltraumstädten und die Besiedlung der Planeten und deren Monde.
    Das Bedürfnis zur Exploration, zur wissenschaftlichen Erforschung aber auch langfristig auf eine Nutzung des Weltraums und dauerhafte Präsenz des Menschen im All ausgerichtete Aktivität, ist eine treibende Kraft für die menschliche Entwicklung, unsere Kultur und unseren Wohlstand. Menschen versuchen immer wieder – und oft auch erfolgreich – Grenzen zu erforschen und zu überschreiten; die Abwendung von dieser erfolgreichen Strategie und der freiwillige Verzicht auf immer neue Grenzüberschreitungen würde zum Zerfall der Menschheit führen. Die bemannte Weltraumfahrt ist diese neue Grenze. Generelles Ziel der Weltraumexploration ist es, gegenwärtige Grenzen des Zugangs zum Sonnensystem und dereinst zur Galaxis mit Robotern und Menschen zu erweitern sowie neue Fragen zu suchen, das Verständnis von der Entstehung und Entwicklung unseres Planetensystems zu vertiefen und eventuell den Ursprung des Lebens zu erfahren. (Noch) kann kein Roboter die intelligente Inspektion und die emotionale Erfahrung des Menschen vor Ort ersetzen.
    Für unsere Zukunft ist es wichtig zu wissen, was die Natur der Weltraumumgebung ist, welche kosmischen Gefahren für die Erde bestehen und das Potenzial einer permanenten Präsenz der Menschen im Weltall zu verwirklichen.
    Die Erde zu verlassen wird durch Nutzung von Rohstoffen vom Mond und den Planetoiden materielle Vorteile bringen. Schließlich und endlich wird die Besiedlung anderer Welten von größter Bedeutung für unser Überleben sein; die Eroberung des Weltraums verbessert unsere Chance, der Auslöschung durch globale Katastrophen wie der Klimaveränderung und Schädigung der irdischen Biosphäre durch Umweltgifte oder einen Nuklearkrieg zu entgehen.
    Das Aussiedlungsprojekt muss um so schneller angegangen werden, gerade weil die Ressourcen schwinden und die Produktionstechnologien mit großen irreversiblen Schäden einhergehen; es könnte diese Risiken verringern oder sogar ausschalten. Vielleicht entsteht in dessen Verlauf sogar eine “bessere” Menschheit, indem das Öffnen eines neuen weiten Lebensraums unser Bestes hervorruft und dass das Neuland, das wir uns im Weltraum erschaffen (“Go West”) beziehungsweise die Besiedlung der Galaxis usw. uns neue Unabhängigkeit in der Suche nach besseren Regierungsformen, Sozialstrukturen und Lebensweisen gewährt; eine Welt, in der wir unsere Potenziale, unsere Omnipotenz voll entfalten können.
    Nicht zuletzt und vor allem eröffnet sie die “kosmische Perspektive” – den kosmischen Imperativ; diese ist unvereinbar mit einer rigorosen Stabilisierung, mit dem Status quo, mit Stagnation. Da Raumfahrt Wohlstandsperspektiven usw. eröffnet, beseitigt sie also Mängel, die Motivation für “Gegensatz-ismus” sind ( Sozialismus – Kapitalismus; Kollektivismus – Individualismus; Staatswirtschaft – Privatwirtschaft; Freund – Feind) und aus dem Spannungen inklusive aller weiteren Gefahren und Eskalationen resultieren.
    Mit ihr gibt es keine “Wachstumsgrenzen” mehr, die nur für eine abgeschlossene Erde zutreffen, denn wir schwimmen in Energie und sind von Rohstoffen umgeben. Die meisten Grenzen werden durch den “kosmischen Imperativ” gegenstandslos: Das Weltall muss erschlossen werden – das schulden wir nicht zuletzt unseren Nachfahren, denen wir keinen Mangel, sondern Wohlstand und Aktivität und Dynamik vererben sollten. Der leider viel zu große, arme Teil der Weltbevölkerung kann realistische Hilfe nur aus dem Überfluss schöpferischer Erfolge erhalten, also aus denen der Wissenschaft und Technik und einem – umweltverträglichem – Industriewachstum.
    “Grenzen des Wachstums” gibt es nicht für eine aktive Menschheit, die nach den Sternen greift und ihre Lebensbasis kosmisch sieht. Langfristig bleibt uns oder unseren Nachfahren keine Alternative zur kosmischen Migration, etwa weil die Klimaerwärmung die Erde im 3. Jahrtausend unbewohnbar macht – es sei denn Geoengineering, also Terraforming und/oder Pantropie, also Human Engineering kehren diese Prozesse um und lassen Spielraum.
    Außerdem ist (bemannte) Raumfahrt eine Komponente unseres Kulturbedürfnisses, mit der wir uns qualitativ von Urwaldmenschen und “Naturvölkern” unterscheiden. Sie ist eine neue Dimension menschlichen Denkens und Wirkens, durch die wir aus einem begrenzten Planetenraum in die Größe und Weite der Metagalaxis aufbrechen. Mit ihr könnte die Entwicklung vom Homo sapiens weiter zum Homo cosmicus gehen.
    Die technischen Möglichkeiten um die Welt zu verändern, verlangen aufgrund potenzieller Gefahren sehr viel Besonnenheit und Vorsicht. Es ist eine paradoxe Situation: die uns bedrohenden weil potenziell zu missbrauchenden Technologien und die Befreiung von dieser Bedrohung entspringen ein und derselben Quelle. Unsere Zukunft wäre viel optimistischer, gäbe es viele autarke und autonome Kolonien auf verschiedenen Welten; jede wäre zu Recht stolz auf ihre Errungenschaften, auf ihre Ingenieurskunst, ihr Sozialgefüge und ihren Genpool; genau diese Individualität, diese Andersartigkeit – nicht zu verwechseln mit Nationalismus oder gar Rassismus – wäre ein Mittel zum Überleben.
    (Nach meiner ganz persönlichen Meinung ist auch die gegenwärtige Gesellschaftsform, also der Kapital-ismus, suboptimal für Wissenschaft und Technik, denn sie ist überwiegend auf Profit ausgerichtet und Ergebnisse werden oft militärisch missbraucht. Während Geld für vieles (Un-)Mögliche da ist, reicht es für Wissenschaft und Technik selten und auch um das wenige Vorhandene reißen sich die Forscher – aus Neid, Prestige, Konkurrenz u.v.a.m. – und sind sich uneinig, aber sie sind eben auch nur Menschen.)
    Schon in wenigen Jahrzehnten (wenn auch die technologische Singularität eintreten soll) könnten wir mit der Besiedlung der Planetoiden, Monde und Planeten beginnen. Biotechnologie und subzellulare Maschinen werden am meisten zu unserer Ausbreitung im Universum beitragen.
    Die Erforschung und Besiedlung des Sonnensystems wird eine kulturelle Blütezeit und eine Epoche erstaunlicher Fortschritte in Wissenschaft und Technik einläuten; es wird der Anfang der Geschichte sein, nicht deren Ende.
    Ist intelligentes Leben erst einmal durch die Rohstoffe des Weltalls unabhängig geworden, ist es die wichtigste, größte Ressource im Sonnensystem, dessen Energie- und Rohstoffvorräte versprechen der Menschheit eine unendliche Zukunft. Durch eben diese kosmischen Rohstoffe können wir nicht nur den Fesseln der Erde entfliehen, sondern auch denen der Sonne und ihrem feurigen Ende.
    Das All wird auch ein Zufluchtsort für manche Kolonisten sein, die auf der Suche nach Freiheit vor religiöser, politischer und ethischer Verfolgung sind. Weiterhin ist seine wirtschaftliche Erschließung eine existentielle Notwendigkeit. Die Rohstoffe des Weltalls werden alle Spielregeln verändern und uns fantastische Reichtümer bescheren; durch sie werden schwindelerregende Reisemöglichkeiten möglich.
    Unsere Nachfahren werden in der Galaxis auf ein breites Spektrum neuer fremder stellarer, planetarer und anderer Umgebungen treffen. Je weiter sie sich dann in der Milchstraße ausbreiten werden, umso größer werden Spezifikation, Dissimilation und Biodiversität, so das sich die verschiedenen Ableger des Homo Sapiens sapiens aufgrund langer genetischer Isolation und Anpassung an sehr unterschiedliche Welten und deren Anziehungskräfte usw. irgendwann nicht mehr untereinander fortpflanzen können; durch die Kolonisation werden wir Milliarden neue Arten hervorbringen.
    Mit ihren Technologien werden sie Planeten und Monde terraformen und sich und andere tierische und pflanzliche Arten den Umständen fremder Welten anpassen, so dass Milliarden Rassen, Billionen Arten und noch mehr Individuen aus ihnen hervorgehen werden.
    Die Kultur unserer Nachfahren wird anders, ihre Technologien ( zum Beispiel Nano- und Femtotechnologie, Designer-Raumzeiten) werden weiterentwickelt, ihre Sprache verändert, ihr Verhältnis zu KI vertrauter und ihr Erscheinungsbild wahrscheinlich ganz anders beziehungsweise viel umfassender als unseres sein.
    Doch damit wir überhaupt noch in Mega-und Gigajahren existieren, müssen wir schon HEUTE uns und unsere Institutionen ändern, denn sollten wir auch nur etwas gewalttätiger, beschränkter, dümmer und selbstsüchtiger werden – das könnte zunächst nur eine Trendfrage, später Mode und schließlich Kultur werden, wobei es zum Glück (?) auch immer Gegentrends usw. gibt – haben wir mit großer Wahrscheinlichkeit keine Zukunft. Vielleicht kommt es auch rechtzeitig zum Scheitelpunkt und die Besiedlung des Multiversums ist eine Aufgabe von EXES, Posthumanen und KENEN – von denen wir eventuell als Emulationen ein Teil sein werden.
    Dort draußen bei Alpha Centauri, Epsilon Eridani, Tau Ceti, Sigma Draconis und all den anderen Sternen und Galaxien wird eine uns verwandte Art eintreffen, die unsere Schwächen verringert und unsere antagonistischen Widersprüche annulliert und die unsere Stärken potenziert haben wird – eine Art, die zuversichtlich und vorausblickend lebt und konstruktiv, effektiv, aber auch klug und vorsichtig ist; alles das was man sich von seinen Kindern wünscht und auf die wir stolz sein werden können.
    Wird unsere Motivation dieselbe sein, während wir uns innerhalb geologischer und kosmologischer Äonen verändern (nach der Scheitelpunkthypothese jedoch schon viel früher)?
    Vielleicht gibt es dann viel wichtigere Gründe für seine Erforschung als nur die Besiedlung einiger Welten – etwa den, um in die Evolution des Universums einzugreifen; damit würde Bewusstsein dann zum kosmologischen Faktor.
    Bei Raumfahrt geht es um den Aufbruch aus der räumlichen und zeitlichen Begrenztheit in die raumzeitliche (relative) Unendlichkeit des Universums; nur durch sie werden die Begrenzungen der irdischen Biosphäre überwunden. Dieses Überwinden eines begrenzten und bedrohten Planetenraums und das Erschließen neuer Existenzräume für das Leben in diesem Sonnensystem und – langfristig – in interstellaren Dimensionen würde alles bisherige verblassen lassen; mit dem Anbruch des Raumzeitalters kann man durchaus damit rechnen, dass auch das Leben des Homo sapiens und die aus ihm entstehenden Homo sapiens spaciens, Homo galacticus und letztlich Homo cosmicus und die jeweils von ihnen hervorgebrachten Kulturen in die “Transzeitlichkeit” beziehungsweise “Unzeitlichkeit” hineinwachsen können. (“Transzeitlichkeit” beziehungsweise “Unzeitlichkeit” kommen der “Ewigkeit” recht nahe; aus unserer Perspektive gibt es praktisch keinen Unterschied .)
    Uns nachfolgende Generationen werden den Sprung aus der irdischen Ökosphäre in den Ökokosmos meistern, der sich zunächst auf unser eigenes Sonnensystem beschränkt. Indem sie neue Exo-Ökosysteme erschaffen und die alten auf der Erde umweltfreundlicher gestalten, werden sie ihre irdischen Entwicklungsgrenzen erweitern beziehungsweise aufheben, was möglich wird durch praktisch unerschöpfliche Energiequellen, Erschließung neuer Rohstoffquellen, Erschaffung zusätzlicher, umweltneutraler Produktionsräume, zusätzliche ökologische Regelkreise, die unendliche Wärme- und Abfallsenke Weltraum und die Möglichkeit, verlorengehende Sonnenenergie für spätere Bedürfnisse zum Teil als Antimaterie zu speichern und damit in den Energiehaushalt unseres Sonnensystems einzugreifen.
    Die Entwicklung von der Ökosphäre zum Ökokosmos wird die sozialen, kulturellen, geistigen, wirtschaftlichen und sittlichen Bereiche des Mensch-Seins enorm beeinflussen.
    Durch die Besiedlung des Alls, also durch bemannte! Raumfahrt, erscheint es möglich, nicht nur weitere Siedlungsräume zu erschließen, sondern uns und unsere Kultur in eine Ultrazukunft hinüberzuretten. Hat sich das irdische Leben bisher praktisch nur zweidimensional entwickelt, entspricht der kosmische Wirkungs- und Lebensraum, also der Ökokosmos einem dreidimensionalem Bezugsystem, in dem alle Raumkoordinaten theoretisch unendliche Größen darstellen.
    Solange unsere Sonne strahlt, lässt sich von einem praktisch unendlichen Existenzraum sprechen; die Ausbreitung in intergalaktische Bereiche lässt sich weiterhin als relative Unendlichkeit verstehen, wobei eine absolute Unendlichkeit dem Hinüberwachsen unserer trans- und posthumanen Nachkommen in den Kreislaufprozess des gesamten Universums entspricht. Mit Scheitelpunkttechnologien als 1. technische Singularität und Designerraumzeiten als 2. technische Singularität könnte auch der 3. kosmische Evolutionssprung gelingen – jener in die “absolute Unendlichkeit”, die für das Universum beziehungsweise die Metagalaxis als Ganzes und als Kreislaufprozess eventuell gegeben ist. (Kommen wir nun zum Multiversum…)
    Unsere natürliche Umwelt endet nicht an der äußeren Atmosphäre; das Universum selbst ist unsre Natur, von der die Erde nur ein kleiner, wenn auch sehr schöner, aber im kosmischen Maßstab nicht einmal ein repräsentativer Ausschnitt daraus ist. Also muss Raumfahrt als langfristiges evolutionäres Ziel verstanden werden. Sie und ihre Ziele können nicht von kurzfristigen, angeblich “bodenständig-wissenschaftlichen” Überlegungen allein abhängig gemacht werden.
    Warum Raumfahrt?
    Warum schießen wir für teures Geld immer wieder und immer mehr Raketen und Raumsonden ins Sonnensystem, warum lassen wir es uns “soviel” kosten, herauszufinden, ob es auf Mars, Europa, Titan usw. Leben gibt (wenn auch nur Mikroorganismen), warum schicken wir Botschaften per Raumsonden aus unserem Sonnensystem hinaus, warum senden wir Radiobotschaften zum Beispiel an M 13, einen Kugelsternhaufen, warum machen wir SETI, warum werden teure und zeitaufwendige Unternehmen teilweise über Jahrzehnte hinweg gestartet, unermüdlich und in der Hoffnung, eines Tages erfolgreich damit zu sein?
    Weil es unsere Bestimmung ist!
    Denn das ist das Ziel: dem Leben jeden Platz zu erobern, auf dem es bestehen und weiter wachsen kann; jede unbelebte Welt zu beleben und jede lebende sinnvoller zu gestalten.
    Materie ist die Erfüllung der Raumzeit, deren Erfüllung wiederum ist Leben; die höchste Erfüllung des Lebens ist uneingeschränkte Intelligenz und Verantwortungsgefühl. Unsere Intelligenz ist der Schlüssel zu unsere Zukunft; wir Menschen sind keine Form der Umweltverschmutzung wie auch Leben kein Krebsgeschwür der Materie, sondern ihre Transzendierung ist.
    Im Rahmen der Besiedlung des Weltalls wird ein Informationsnetz aus Mononen unaufhörlich fortschreiten, das Universum beziehungsweise das Multiversum in ein einziges zusammenhängendes, sich immer weiter strukturierendes Muster zu verwandeln – das wäre dann tatsächlich die letzte weil alles umfassende Integration – die kosmische Integration.
    Wenn unser Planet wirklich der einzige ist, auf dem es “höheres” Leben gibt, wird sich Leben mit großer Wahrscheinlichkeit zu anderen Welten ausbreiten; allein diese Möglichkeit sollte uns die implizite kosmische Verantwortung vor Augen führen, denn wir wären es, die eine Wertvorstellung in das Universum einbringen oder ihr Ausdruck verleihen. Falls wir jemals im vollen Bewusstsein unseres Handelns nach den Sternen greifen, liegt in der Transformation anderer Biosphären oder in der unsrigen eine hohe moralische Verantwortung mit entsprechenden Konsequenzen.
    Da das Universum so ungemein interessant und wissenswert ist, sollten sich geistige und technische Aktivitäten auf das konzentrieren, was wirklich konstruktiv und zukunftsträchtig ist. Es geht um eine neue Einstellung, eine neue Haltung gegenüber der Freude und der Befriedigung das Universum zu verstehen, von dem wir ein organisierter, denkender Teil sind.

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