Vulkanausbrüche bei Vollmond?

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Raumfahrt aus der Froschperspektive
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Gestern Abend las ich im milden Licht des Vollmonds Robert Harris’ Roman “Pompeii”. Er spielt in den Tagen vor und zu der Eruption des Vesuvs (24. August 79) mit der anschließenden Zerstörung der Stadt. Die Romanhandlung wird mit den historischen Ereignissen verwoben; fiktive Personen begegnen historischen Akteuren wie Gaius Plinius Secundus.

Harris lässt in der Nacht vor der Eruption den Vollmond aufgehen und zitiert das Buch “Volcanology (second edition)” von Bardintzeff und McBirney:

Many observers have commented on the tendency for eruptions to be initiated or to become stronger at times of full moon when the tidal stresses in the crust are greatest.

Das ist allerdings eine eher vage Aussage. Keinesfalls eine Art empirisch beobachtetes Naturgesetz. Dass Gezeitenkräfte im Prinzip zu starkem Vulkanismus führen können, zeigt das Beispiel des Jupitermonds Io. Es mag auch plausibel erscheinen, dass auf der Erde mit ihrem großen Mond genau dann, wenn die Gezeitenwirkung am höchsten ist die vulkanische Aktivität zunimmt. Aber dass etwas plausibel erscheint, bedeutet nicht, dass es auch zutrifft. Die erste Frage wäre dann, wieso dasselbe nicht für den Neumond gilt, denn da sind die Verhältnisse analog zum Vollmond, weil auch da die Gezeiteneffekte von Mond und Sonne dieselbe Ausrichtung haben.

Jede Hypothese sollte anhand von Daten verifiziert werden.. Dazu benutze ich den Six Millennium Catalog of Phases of the Moon der NASA.

Als erstes schaue ich natürlich das Datum der Vesuv-Eruption im Jahre 79 nach. 24. August 79: Mondphase laut NASA-Katalog einen Tag nach erstem Viertel. Vollmond war am 30. August 79. Entweder stimmt der NASA-Katalog nicht oder der Herr Harris hat sich da eine künstlerische Freiheit herausgenommen – wozu, weiß ich nicht, denn im Roman hat dieser Punkt eigentlich keine weitere Bedeutung, Vielleicht hat er auch nur einfach nicht sauber recherchiert.

Was ist mit anderen großen Eruptionen aus historischer Zeit?

  • Tambora, 10 April 1815: 1 Tag nach Neumond – Vollmond am 23. April
  • Krakatau, 26/27 Oktober 1883: 6 Tage vor Neumond – Vollmond am 18. August
  • Mont Pelée, 8 Mai 1902: 1 Tag nach Neumond – Vollmond am 22. Mai
  • Santa Maria, 24. Oktober 1902: 6 Tage vor Neumond – Vollmond war am 17. Oktober
  • Vesuv, 7. April 1906, 2 Tage vor Vollmond am 9. April
  • Katmai, 6 Juni 1912: 6 Tage nach Vollmond am 30. Juni
  • Mount St. Helens, 18. Mai 1980: Vier Tage nach Neumond – Vollmond am 29. Mai
  • Pinatubo, 15. Juni 1991: 1 Tag nach Neumond – Vollmond am 28. Mai

Die Liste ließe sich noch beliebig erweitern, denn es geht in der zitierten Aussage ja nicht nur um große Eruptionen. So weit kann ich erst einmal gar keine Präferenz für die Zeit um Vollmond erkennen. Vielleicht noch eher für die Zeit um Neumond, aber auch da keineswegs eindeutig.

Mit Einzelereignissen kommt man nicht weiter – interessant wäre in diesem Zusammenhang eine Statistik aller beobachteten vulkanischen Eruptionen und der gerade herrschenden Mondphase.

Der Vollmond – lässt sich eine Korrelation mit Vulkaneruptionen belegen? (Diese Aufnahme habe ich am 26.4.2013 in Darmstadt gemacht)
Büste von Marcus Porcius Cato, allerdings entstanden nach seinem Tod, ca. 80 v.Chr., Quelle: wikipedia

Da wir hier gerade thematisch zumindest teilweise mit den alten Römern zu tun haben, möchte ich auch eine Frage loslassen, zu der ich sonst wohl nicht so bald wieder eine Gelegenheit haben werde: Diese Büste zeigt den römischen Staatsmann Marcus Porcius Cato (234-149 v.Chr.). Ist es nicht so, dass römische Bildhauer dazu neigten, ihren Modellen, gerade wenn sie hochgestellte Persönlichkeiten waren, eher zu schmeicheln? Falls ja, und falls dies hier schon die geschönte Darstellung ist, dann frage ich mich, wie der Mann wohl in Wirklichkeit ausgesehen haben mag.

Weitere Information

Artikel von Phil Plait vom 9.8.2006 zu einem behaupteten Zusammenhang zwischen der Eruptionswahrscheinlichkeit des philippinischen Vulkans Mayon und der Mondphase

 

Ich bin Luft- und Raumfahrtingenieur und arbeite bei einer Raumfahrtagentur als Missionsanalytiker. Alle in meinen Artikeln geäußerten Meinungen sind aber meine eigenen und geben nicht notwendigerweise die Sichtweise meines Arbeitgebers wieder.

9 Kommentare

    • Man sollte nicht nur den Eintritt diskreter Ereignisse in die Betrachtung einbeziehen, sondern auch die Aktivitätsentwicklung praktisch daueraktiver Vulkane wie Stromboli in Relation zur Mondphase setzen.

      Das hat auch schon mal einer gemacht, siehe dieser Artikel aus dem Jahr 2002 auf National Geographic.

      Die Behauptung im Artikel verstehe ich aber nicht. Maxima in der Aktivität werden bei Vollmond und bei Perigäum des Mondes vermutet. Von Neumond wird dagegen nichts gesagt.

      Und dann steht da:

      […] the O’Mearas predicted that during the volcano’s ongoing eruptions, there would be peaks in volcanic activity at perigee and at full moon. In this case, events bore out that hypothesis and in fact the greatest spike in volcanic activity occurred at a point in time just between full moon and perigee.

      …. also überhaupt nicht da, wo sie es vorhergesagt haben, sondern ganz woanders. das ficht den NG-Autor aber gar nicht an, er behauptet trotzdem:

      events bore out that hypothesis.

      No, they don’t.

      Im beschriebenen Fall fand auch gar keine Langzeitbeobachtung statt, sie erstreckte sich noch nicht einmal über eine komplette Lunation.

      Ich meine, hier wäre eine Statistik über tägliche Messungen über viele Lunationen hinweg erfoderlich, um irgendeine Aussage treeffen zu können.

  1. Interessante Theorie, aber wenn man bedenkt was die Gezeiten so an Wasser hin- und herschieben weltweit. Hat das schon jemand mal berechnet, wenigstens so ungefähr? Die Statistik könnten vermutlich die hier machen:
    http://www.gfz-potsdam.de/startseite/
    Habe aber leider keinen “heißen” Draht dorthin. Vielleicht könnte man ja diesem noblen Preis näher kommen, wenn das in Wahrscheinlichkeitsberechnungen über zuk.Erdbeben einfließt etc. etc.

  2. Meines Erachtens findet sich kein Zusammenhang zwischen Vulkanausbrüchen und Vollmond. Die treibende Kraft für den Vulkanismus ist die Plattentektonik, deren genaue Ursache zwar noch nicht restlos erforscht ist. Man geht jedoch davon aus, dass Konvektionsströme zwischen Erdkern und Erdmantel die Kontinentalplatten in Bewegung versetzen. Diese Ströme entstehen, wenn erhitztes Material vom Erdkern aufsteigt und sich im Erdmantel wieder abkühlt um dann wieder zum Erdkern zu sinken, wo es erneut aufgeheizt wird. Stoßen zwei Platten aufeinander, so kommt es häufig zu vulkanischen Aktivitäten, weil die absinkende Erdplatte im Erdmantel teilweise anschmilzt, wobei Magma entsteht, das sich in Magmakammern sammelt, dann wieder nach oben steigt und an Vulkanen austritt. Vulkane finden sich deshalb auch gehäuft an den Plattengrenzen der Kontinentalplatten. Der Vesuv beispielsweise befindet sich auf der Grenze zwischen der adriatischen und der eurasischen Platte.

    Vermutlich hat sich der Autor, Robert Harris, einfach eines gängigen Klischees bedient, demzufolge sich bestimmte negative Ereignisse bei Vollmond häufen würden. Dieser Aberglaube wurde inzwischen allerdings durch Studien weitgehend entkräftet. Schon im 17. Jahrhundert sagte der Literaturtheoretiker Gotthard Heidegger: “Wer Romane liest, der liest Lügen.” So drastisch würde man über die phantasievollen Konstrukte heutzutage zwar nicht mehr urteilen, aber Romane sind nun mal keine Tatsachenberichte, auch wenn sie unterhaltsam zu lesen sind. Über den Ausbruch des Vesuvs im Jahre 79 gibt es allerdings einen Augenzeugenbericht von Plinius, der uns erhalten ist:

    http://www.eyewitnesstohistory.com/pompeii.htm

    Zur Büste des römischen Staatsmannes Marcus Porcius Cato (234-149 v.Chr.): Ich sehe einen alten Mann, der ein für die damalige Zeit ungewöhnlich hohes Alter erreichte und der bemerkenswert realistisch dargestellt wurde. Die Büste ist ein echtes Meisterwerk, die von einem abwechslungsreichen Leben kündet.

    Die römische Kunst ist aus griechischen Quellen hervorgegangen. Allerdings haben die Römer auf künstlerischem Gebiet auch eigenständige Leistungen hervorgebracht. Insbesondere die Porträtkunst, hergeleitet aus dem Ahnenkult, schuf Kunstwerke bei denen die Herausbildung typischer Merkmale zur Steigerung der Individualität charakteristisch ist. Es wurde unter den reichen und einflussreichen Bürgern Roms regelrecht Mode Marmorbildnisse von sich schon zu Lebzeiten schaffen zu lassen. Hohe Politiker oder die Kaiser nutzten diese Darstellungen in erster Linie zu Propagandazwecken, dazu mussten diese natürlich etwas “verfeinert” werden.

    http://www.kunstbuch-shop.de/images/idealskulptur-der-roemischen-kaiserzeit-band-1.jpg

    • Die Plattentektonik verursacht Vulkanismus, da haben sie recht. Vulkane gibt es vor allem an Plattenrändern und alles was auf die Plattenränder einwirkt, kann Vulkanismus beeinflussen. Dazu gehören Bewegungen der Plattenränder infolge der Gezeitenkräfte, aber auch Bewegungen der Platten infolge Änderungen der Auflasten. Wenn Gletscher abschmelzen steigen Platten auf was zu Spannungen an den Plattenrändern führen kann. Es gilt als gesichert, dass dieses Phänomen Vulkanismus begünstigt.
      Die Gezeitenkräfte sind ebenfalls potenzielle Störer der Plattentektonik und es können sich über den – zugegeben kurzen – Gezeitenzyklus Spannungen auf- und abbauen.Von vornherein ausschliessen lässt sich ein merkbarer Einfluss nicht. Statistische Untersuchungen könnten hier weiterhelfen.

      • Über die Bewegungen der Plattenränder infolge der Gezeitenkräfte weiß man ja Bescheid. Die Gezeitenkräfte wirken in umgekehrter Richtung sogar noch stärker. Die Kräfte, die beispielweise der Jupiter auf seinen kleinen Mond Jo ausübt sind so stark, dass es auf Io eine rege vulkanische Tätigkeit gibt.
        Es geht im Artikel allerdings nicht über den grundsätzlichen Einfluss der vom Mond verursachten Gezeitenkräfte auf die vulkanische Tätigkeit, sondern nur darum, ob diese bei Vollmond ihr Maximum erreichen würden. Für letzteres gibt es meines Wissens jedoch keinerlei Anhaltspunkte.

    • Vermutlich hat sich der Autor, Robert Harris, einfach eines gängigen Klischees bedient, demzufolge sich bestimmte negative Ereignisse bei Vollmond häufen würden.

      Nein, das kann man ihm nicht vorwerfen. Harris hat korrekt aus einem von renommierten Vulkanologen geschriebenen Buch zitiert. Ich habe den Link zur Quelle in meinem Blog- Artikel gebracht.

      Besagte Vulkanologen müssen sich die Frage gefallen lassen, wieso sie eine solche Aussage bringen. Zum einen kann die ausschließliche Erwähnung des Vollmonds nicht stimmen. Wenn Gezeitenkräfte etwas mit dem Auslösen von Eruptionen zu tun hätten, müssten Maxima der vulkanischen Aktivität auch bei Neumond erscheinen. Da ist also schon etwas faul.

      Dann nennen diese Autoren auch keine Quellen und geben keine weiteren Informationen. Für Wissenschaftler, die sich zu einem Thema äußern, das immerhin mit ihrem Fachgebiet zu tun hat, eine ziemlich schwache Leistung.

      Harris hätte das natürlich prüfen können. Er ist aber wahrscheinlich davon ausgegangen, dass Wissenschaftler wissen, wovon sie reden. Er hätte zudem auch noch checken können, ob wirklich am betreffenden Datum der Vollmond schien. Dass er das nicht gemacht hat, kann man ihm ankreiden, aber dass er einfach einen Aberglauben wiedergab, kann man m.E. nicht sagen.

      Dass die Plattentektonik die treibende Kraft für den Vulkanismus ist, wird keiner bestreiten.

      Der Vulkanologe Badintzeff bezieht sich in der zitierten Stelle seines Buchs aber auf etwas anderes, nämlich nicht auf die tieferen Ursachen des Vulkanismus, sondern auf den konkreten Auslöser eines Ereignisses.

      Ich finde, es klingt auf Anhieb nicht unplausibel, dass Gezeiteneffekte diesen Auslöser bilden können, wenn die Magmakammer zum Platzen gefüllt ist und unter hohem Druck steht.

      Aber im Endeffekt zählt nicht, was plausibel ist, sondern was mit den Beobachtungen in Einklang steht.

      Zumindest die von mir genannten Beispiele stützen diese Hypothese nicht. Aber diese Beispiele betrafen nur sehr große Eruptionen, wo möglicherweise andere Mechanismen als Auslöser überwiegen könnten. Vielleicht sieht man, wenn man eine Statistik aller dokumentierten Eruptionen erstellt, große wie kleine, eine Korrelation der Häufigkeit ihres Auftretens m,it der Mondphase. Vielleicht aber auch nicht.

      Es wäre hilfreich gewesen, wenn Badintzeff zu seinem “Many observers have commented ….” auch angefügt hätte, wer diese Beobachter sind und was sie genau kommentiert haben, und wo man das nachlesen kann. Sowas gehört bei einem Naturwissenschaftler eigentlich einfach dazu.

      Manche solcher Beobachtungen stehen, wie der von mir weiter oben zitierte National Geographic-Artikel zeigt, auf reichlich wackeligem Boden (und das meine ich nicht im seismischen Sinne).

      • “Besagte Vulkanologen müssen sich die Frage gefallen lasen, wieso sie eine solche Aussage bringen.”

        Offensichtlich gibt es auch Thesen, die man im Stil eines “narrativen Sachbuchs” präsentieren kann und die sich kaum beweisen lassen. Auch Wissenschaftler sind fehlbar!

        “Harris hätte das natürlich prüfen können. Er ist aber wahrscheinlich davon ausgegangen, dass Wissenschaftler wissen, wovon sie reden.”

        Das sehe ich auch so!

        “Ich finde, es klingt auf Anhieb nicht unplausibel, dass Gezeiteneffekte diesen Auslöser bilden können”

        Erdbeben entstehen ja aus ähnlichen Gründen wie Vulkanausbrüche. Ich fand im Internet eine Seite, wo gefragt wurde: “Fördert der Mond Erdbeben?” Das Ergebnis ist allerdings auch nicht so prickelnd:
        http://news.astronomie.info/ai.php/201103190

  3. Eine mutmasslich ergiebigere Quelle als Bardintzeff dürfte folgende sein:

    J. P. Lockwood and R. W. Hazlett. Volcanoes: Global Perspectives. John Wiley & Sons, 2010.

    Ein Exzerpt von p. 107:

    Earth tides ­ elastic rise and fall of Earth’s surface up to 40 cm caused by the gravitational attraction of the Moon and Sun ­ play a well-established role in triggering many short-term eruptions (Hamilton 1973; Mauk & Johnston 1973). Volcanic eruptions correlated with earth tides have been observed at volcanoes as diverse as Augustine [19], Fuego [96], Kilauea, Mayon [106], and Stromboli [83]. Ocean tides have also been shown to affect the activity of submarine volcanic activity (Kasahara 2002). Earth tides are complex and have periodicities ranging from 12 hours to 19 years. The most important tides that have been shown to trigger volcanic eruptions are the semidiurnal tides that occur about every 12 hours, and the fortnightly tides that occur about every two weeks (when the Moon is either full or in “new moon” status ­ times when the Sun and Moon are aligned with the Earth). Some volcanoes show heightened eruptive activity at both tidal minima and tidal maxima (e.g., Fuego [96]; Martin & Rose 1981), some will respond to minima only, others are more sensitive during tidal maxima, while many others show no tidal responsiveness at all. No universal pattern exists, though correlations with fortnightly tides ­ when tidal stresses are greatest ­ are more common than semidiurnal ones.

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