Nehmen wir uns eine Minute Zeit ….

BLOG: Go for Launch

Raumfahrt aus der Froschperspektive
Go for Launch

Lieber Leser, liebe Leserin, wie wäre es, wenn wir uns verabreden? Gleich morgen früh. Wann stehen Sie auf, um sieben Uhr? Oder vielleicht 10 Minuten danach, die Zeit eingerechnet, die es vom Piepen des Weckers dauert, bis man den Morgen nicht mehr ignorieren kann? Gut, sagen wir 7:15, ich bin ja kein Unmensch. Ich möchte mit Ihnen den Morgenhimmel genießen. Kein Gemecker jetzt. Sie kriegen ja Ihren Kaffee. Ich will nur, dass Sie morgens dem Himmel eine Minute Aufmerksamkeit widmen. Gern auch mehr, aber mit einer Minute bin ich schon zufrieden.

Haben Sie ein Fenster mit einigermaßen freier Sicht nach Süden? Ein Südbalkon ist noch besser. Was? Kalt? Ein bisschen frische Morgenluft hat noch niemandem geschadet, da werden Sie garantiert richtig wach.

Wenn Sie nun bereit sind, lassen Sie Ihren Blick vom Osten über den Süden nach Westen schweifen. Im Osten ist der Himmel schon rot; die Sonne wird gleich über den Rand der Welt lugen und dann ist die Nacht endgültig vorbei.

Im Westen ist der Himmel noch dunkler. Dies ist der kurze, flüchtige Augenblick, von dem der persische Mathematiker, Astronom, Dichter und ganz offensichtlich auch Frühaufsteher Omar Khayyam vor über 900 Jahren schrieb*):

Awake! For morning in the bowl of night / Has flung the stone that puts the stars to flight / And Lo! The hunter of the East has caught / the Sultan’s turret in a noose of light

Wahrscheinlich entdeckt ihr schweifender Blick nur drei Gestirne – die drei leuchten aber richtig.

Ziemlich weit im Osten, fast schon in der Morgenröte: Venus, hell wie ein Scheinwerfer.

Fast genau im Süden, etwas tiefer im Himmel: Sirius im großen Hund.

Im Südwesten, ein ganzes Stück höher: Jupiter, momentan im Sternbild Stier.

Ein fantastischer Anblick. Schon ein paar Minuten später ist die Sonne draußen und der Sternhimmel ist verblasst .. und ohnehin hat uns die Routine des Werktags voll im Griff. Aber diesen einen Moment, denn sollten wir uns gemeinsam geben, Sie dort, wo immer Sie sind, und ich hier.

Glauben Sie mir, es macht einen Unterschied für den Rest des Tages, ob er mit diesem besonderen Moment begonnen hat oder mit der üblichen, drögen Routine.

Simulation des Morgenhimmels mit Sterllarium (www.stellarium.org) vom 17.10.2012 in Darmstadt


*) In der meines Erachtens besten Übersetzung, der von Edward Fitzgerald

Ich bin Luft- und Raumfahrtingenieur und arbeite bei einer Raumfahrtagentur als Missionsanalytiker. Alle in meinen Artikeln geäußerten Meinungen sind aber meine eigenen und geben nicht notwendigerweise die Sichtweise meines Arbeitgebers wieder.

7 Kommentare

  1. Morgen

    Mein Tag beginnt momentan ziemlich ähnlich: Nach dem Aufstehen gehe ich hinaus auf den Balkon, nehme ein paar tiefe Züge der frischen Morgenluft und betrachte einige Minuten lang den Sternenhimmel. Einige kann ich noch zuordnen, wobei ich das Gefühl habe, es werden jeden Winter ein paar weniger…
    Dann ist der Kaffee durchgelaufen und der Tag kann beginnen 🙂

  2. Es geht noch besser!

    Gegen 06:00 steht Orion fast genau im Süden und bietet bei klarem Himmel ein fantastisches Bild.

  3. Frühmorgens

    Um diese Zeit bin ich schon im Büro. Aber etwa eine Stunde früher bewundere ich, an der Haltestelle vom Bus stehend, die in den letzten Wochen immer besser noch sichtbaren Sterne. Es ist jedesmal ein großartiger Anblick. Vielen Dank für den Text der das wunderbar wiedergibt.

  4. Im Nebel

    Morgens kann ich die Sterne in der Regel nicht sehen. Obwohl ich schon um 6:15 Uhr aufstehe. Das kommt daher, dass meine Stadt, zusammen mit drei Flüssen, in einem Tal liegt. Bei uns gibt es laut Statistik an 137 Tagen im Jahr Nebel. Wenn das Wasser in den Flüssen wärmer ist als die Luft, dann dampft es regelrecht. Für heute Abend hatte ich jedoch geplant unsere Sternwarte aufzusuchen, wenn der Himmel klar ist, dann werde ich an Sie denken. 😉

    http://regiowiki.pnp.de/…blingsturm_im_Nebel.jpg

  5. @Mona: das Besondere des Morgens

    Es lohnt sich natürlich immer und zu jedem Zeitpunkt, die Sterne zu betrachten. Gar keine Frage.

    Aber abends und nachts fehlt halt etwas – dieses Gefühl des Besonderen, des flüchtigen Augenblicks, der Szene, die gleich verschwunden sein wird, außer in unserer Erinnerung.

  6. Wolken

    Ich habe manchmal diesen oder einen ähnlich schönen Anblick, wenn ich um 5:30 vor dem Haus auf’s Taxi zum 6:11 nach London warte. Immer wieder schön und es macht solche Tage doch besser.

    Dummerweise sind im Norden des UK in 8 von 10 Fällen diese blöden Wolken im Weg.

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