Vor 45 Jahren: Sergej Koroljow gestorben

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Raumfahrt aus der Froschperspektive
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Parallele Leben? Der eine war Deutsch-Amerikaner, der andere Russe. Beide waren Spitzeningenieure, begnadete Administratoren und beeindruckende Persönlichkeiten. Beide waren Schlüsselpersonen in einem Technologiewettlauf, den sich ihre Nationen lieferten. Beide waren integraler Bestandteil des militärischen-industriellen Komplexes ihrer Länder und Entwickler von Waffen.

Gagarin und Koroljow, Quelle: RIA NovostiDer eine ist Wernher von Braun, der andere sein sowjetisches Pendant Sergej Pawlowitsch Koroljow (in der englischen Literatur auch Sergey Korolev). Natürlich gibt es wesentliche Unterschiede im Leben dieser Männer. Im Gegensatz zum weltbekannten Medienstar von Braun blieb Koroljow aus Geheimhaltungsgründen selbst in seinem Heimatland nahezu unbekannt.

Sergej Koroljow wurde am 12. Januar 1907 in Shitomir geboren und starb fast genau 59 Jahre später, am 14. Januar 1966 in Moskau – heute vor 45 Jahren und weniger als 5 Jahre nach seinem größten Triumph: dem ersten bemannten Weltraumflug von Wostok 1 mir Kosmonaut Juri Gagarin am 12. April 1961. 

Koroljow interessierte sich schon früh für Luftfahrt und studierte erst in Kiew, dann in Moskau Flugzeugbau. Nach seinem Studium wandte er sich der Raktenentwicklung zu, erst bei der GIRD (Gruppe zur Erforschung von Rückstoßantrieben), dann beim Forschungszentrum für Rückstoßantriebe RNII, das 1933 aus der Zusammenlegung des Gasdynamiklabors GDL und des GIRD entstand; wo er aufgrund seiner außergewöhnlichen Fähigkeiten schnell aufstieg. Das RNII kann als sowjetisches Pendant zum amerikanischen JPL  (in der Vorkriegszeit) gesehen werden.

(Hier drängt sich förmlich die Parallele zum dritten großen Pionier des Raumfahrtzeitalters auf: Der Chinese Qian Xuesen startete seine Karriere am JPL und baute später in seinem Heimatland das Raumfahrtprogramm auf)

Im Juni 1938 wurde Koroljow aufgrund einer Denunziation vom NKWD verhaftet, wie Millionen anderer Sowjetbürger, denn dies war die Zeit der großen Säuberungen durch den Diktator Stalin. Es gibt verschiedene Theorien darüber, wer ihn denunzierte und aller möglichen Vergehen bezichtigte, darunter Teilnahme an einer konterrevolutionären Verschwörung. Der Namen Valentin Glushko wird oft genannt, an anderer Stelle auch der Leiter des RNII, Ivan Klejmjonow und sein Stellvertreter, Georgi Langemak. Diese waren bereits 1937 verhaftet worden, Glushko März 1938. Weder Klejmjonow noch Langemak überlebten ihre Gefangenschaft, sie wurden nach Folter und einem Schauprozess hingerichtet. Hätte einer oder alle drei auch Koroljow denunziert – könnte man ihnen daraus einen Vorwurf machen? Unter Folter kann man Menschen zu Allem zwingen.

Der wahre Schuldige ist möglicherweise Andrej Kostikow. Dieser Ingenieur aus der zweiten Reihe im RNII könnte nicht nur Koroljow, sondern gleich auch noch auch Klejmjonow, Langemak und Glushko ans Messer geliefert und somit die gesamte Führungsriege aus dem Weg geräumt haben. Auf jeden Fall stieg Kostikow ab 1939 zum Leiter des RNII auf und behielt diesen Posten bis 1944 bei, als er wegen Inkompetenz und Korruption entlassen wurde. 

Glushko und Koroljow saßen erst in einem NKWD-Gefängnis ein, dann im GULag, bis sie schließlich, obwohl immer noch formal Häftlinge, nach Moskau geholt worden, um ihre Fähigkeiten in den Dienst der Rüstungsindustrie zu stellen. Für die Sowjetunion war der Aderlass auf allen Ebenen von fataler Wirkung. Die verheerenden Niederlagen im ersten Jahr nach dem deutschen Überfall sind  nicht zuletzt der Liquidierung so vieler militärisch erfahrener Offiziere der roten Armee geschuldet. Auch Wissenschaft und Technik, und natürlich auch die sowjetische Luftwahrt- und Raketenforschung  wurden um Jahre zurückgeworfen.

Koroljow verdankt sein Überleben dem berühmten Flugzeugbauer Andrej Tupolew (dessen Entwicklungsbüro existiert heute noch als russisches Luft- und Raumfahrtunternehmen). Dieser hatte dem NKWD eine Liste von im GULag einsitzenden Ingenieuren und Wissenschaftlern, die für die Rüstungswirtschaft wichtig wurden. Darunter war auch Koroljow, den man in einer Goldmine in Ostsibirien ausfindig machte. Die Rückkehr nach Moskau rettete ihm das Leben, aber seine Gesundheit war aufgrund von Folter und Entbehrungen ruiniert. Nach einigen Jahren im Flugzeugbau – Koroljow war da immer noch NKWD-Häftling, aber immerhin nicht mehr in tödlicher Zwangsarbeit – forderte Glushko ihn an, um Boosterraketen für Kampfflugzeuge zu entwickeln. Damit konnten Jagdflugzeuge schneller auf Höhe kommen. Es erscheint mir fraglich, ob Glushko wirklich Koroljows Nemesis war, wie es in Fernsehdokumentationen manchmal dargestellt wird. Die Wirklichkeit – sowohl die der Denunziation, wie auch die der Zusammenarbeit, war viel komplexer, und sicher nicht einfach.

Sergej Koroljow, Quelle: centennialofflight.govKoroljow wurde erst 1944 formal aus der Haft entlassen und unglaublicherweise erst 1957, 19 Jahre nach seiner Verhaftung, rehabilitiert! Im Jahre 1945 reiste er ins besiegte Deutschland und untersuchte das, was vom deutschen Raketenprogramm noch übrig war und was die Amerikaner nicht abgeräumt hatten. Die Crème der deutschen Raketenentwickler, darunter Wernher von Braun, wurden ebenso wie eine Menge Hardware, darunter fertige A4-Raketen, in die USA mitgenommen. Dort begann allerdings noch keine fieberhafte Entwicklungstätigkeit, denn Raketen passten zunächst nicht ins strategische Konzept des US-Militärs. 

Anders war das in der UdSSR. Diese war durch den Sieg im zweiten Weltkrieg und die Ausdehnung ihres Machtbereichs bis nach Mitteleuropa unversehens zur Supermacht aufgestiegen und geriet dadurch unausweichlich in Konflikt mit den USA. Man arbeitete fieberhaft an der Entwicklung von Atombomben, und zwar nicht erst seit Hiroshima, sondern schon seit den frühen Vierziger Jahren. Der Leiter des Projekts war Igor Kurtschatow, einer seiner Mitarbeiter Andrej Sacharow. 1949 hatten die Sowjets die Bombe. Atombomben müssen aber ins Zielgebiet befördert werden. Die USA setzten dabei auf strategische Bomber. Die UdSSR entschied sich dagegen frühzeitig für Raketen, wohl auch, weil man bezweifelte, den technischen Vorsprung der USA bei den Bombenflugzeugen aufholen zu können.

Mit der Entwicklung der ballistischen Trägerrakete, die groß und stark genug war, um einen nuklearen Sprengsatz über große Strecken zu befördern, wurde Koroljow beauftragt. Dies geschah schon 1946, auf Basis erbeuteter deutscher A4-Technik und unter Nutzung deutscher Experten. Diese Arbeit brachte ihm eine neue Denunziation ein, diesmal von Alexej Nesterenko im Forschungsministerium. Der Vorwurf war Ressourcenverschwendung, denn bekanntlich habe Deutschland in die Raketenentwicklung gewaltige Mittel investiert und dafür nur eine Waffe ohne strategischen Wert erhalten. Nun sei Koroljow dabei, denselben Fehler zu wiederholen.

Diese Einschätzung des strategischen Werts der deutschen Raketenentwicklung war zwar richtig. Die A4, von den Nazis als V2 (Vergeltungswaffe 2) bezeichnet, ist wohl die einzige Kriegswaffe, deren Fertigung mehr Menschenleben forderte als der Einsatz. Über 3000 abgefeuerte V2 töteten in Belgien, Großbritannien, Frankreich und den Niederlanden rund 8000 Menschen, nicht einmal 3 pro Rakete. Die V2 war nämlich nicht sehr zielgenau und sie konnte nur einen 1000-kg-Sprengsatz tragen, viel weniger als ein im Einsatz billigerer Bomber. Gegen eine anfliegende V2 konnte man nichts unternehmen. Man hörte sie nicht einmal kommen, denn sie stürzte mit mehrfacher Schallgeschwindigkeit auf ihr Ziel herunter. Dies war aber kein militärischer Vorteil, denn wenn der Gegner ohnehin nichts tun konnte, band die Waffe auch keine Ressourcen beim Gegner.

(N.B.: Dafür verschlangen Entwicklung und Bau der A4 massenhaft kriegswichtige Ressourcen. Der Historiker Michael Neufeld schätzt, dass mit diesen Mitteln unter anderem bis zu 20,000 zusätzliche Jagdflugzeuge hätten gebaut werden können. Das wäre wiederum verhängnisvoll für Deutschland gewesen – denn es hätte den Krieg sicher um einige Monate verlängert, und dann wäre Hamburg, nicht Hiroshima, das Ziel der ersten Atombombe geworden.)

Als die Sowjets sich aber an die Weiterentwicklung der Rakete machten, waren die Karten schon anders gemischt: sie wollten nukleare Sprengköpfe verschießen … da war die Zielgenauigkeit nicht so wichtig, anders als bei der V2. Das hatte Nesterenko nicht bedacht, deswegen ging der Denunziationsversuch für ihn nach hinten los. 

1947 ließ Stalin sich persönlich von Koroljow über die Möglichkeiten der Raketentechnik informieren. Koroljow mag dabei alles Mögliche angeregt haben, von interkontinentalen Geschossen über Satelliten zur Erdbeobachtung bis hin zu bemannten Flügen. Dass Letzteres Stalin interessierte, und dass er selbst die Chancen begriff, die Satelliten boten, ist unwahrscheinlich. Beim Thema “interkontinentale Geschosse” aber wird er sehr aufmerksam zugehört habe, denn er ließ die Raketenentwicklung forcieren und stellte dazu umfangreiche Mittel zur Verfügung. 

Die für damalige Verhältnisse mit einer Startmasse von 280 Tonnen und einer Höhe von 34 Metern gewaltige R7-(Semjorka-)Rakete wurde im August 1957 erstmals erfolgreich getestet. Sie sollte einen nuklearen Sprengkopf über 8000 km weit befördern. Eine kleinere Nutzlast als einen thermonuklearen Sprengsatz, etwa einen Satelliten, konnte sie sogar ins Erdorbit schießen, und das tat sie auch: Sputnik 1 am 4. Oktober 1957. Koroljow und sein Team eilten von Erfolg zu Erfolg – das erste Lebewesen im Orbit auf Sputnik 2, der erste Mensch im Orbit mit Wostok 1 (1961), das erste Mehrpersonenraumschiff mit Wosschod 1 (1964), die erste EVA (1965)… und immer noch kannte fast niemand seinen Namen. Wenn überhaupt von seiner Funktion die Rede war, bezeichnete man ihn anonym als “Chefentwickler”. Selbst Artikel, die er für die Prawda schrieb, erschienen unter einem Pseudonym. 

Trotz schwerer Krankheit machte er sich an die Entwicklung der gewaltigen Schwerlastrakete N1 für den geplanten bemannten sowjetischen Mondflug, eine wahrscheinlich für einen Menschen, selbst einen vom Kaliber Sergej Koroljows, unlösbare Sisyphusarbeit. Inzwischen hatten die USA im Wettrennen ins All gewaltig aufgeholt und die gewaltige Macht ihrer überlegenen Wirtschaft und Technik in die Waagschale geworfen. Die amerikanische Saturn V funktionierte, die sowjetische N1 nicht. Kern des Problems war, dass keine genügend großen Raketentriebwerke für die Erststufe verfügbar waren. Statt weniger großer sollte eine gewaltige Batterie kleinerer Triebwerke eingesetzt werden – die Komplexität bekam man nicht in den Griff, bevor es zu spät war. 

Am 14. Januar 1966, 2 Tage nach seinem 59sten Geburtstag, war der Weg für Sergej Pawlowitsch Koroljow zu Ende. Der seit langem schwer kranke Mann überlebte eine Operation zur Entfernung eines Tumors nicht. Seine R-7-Rakete besteht in modifizierter Form als Sojus  bis heute weiter, sie ist die mit großem Abstand meistgeflogene Weltraumrakete der Welt. 

Weitere Information

Geschichte des RNII auf russianspaceweb.com

Gerhard Kowalski: “Die Gagarin-Story”. Diese Biografie des ersten Kosmonauten enthält auch umfangreiche Informationen zu Sergej Koroljow

Buchbesprechung: “Natalja Koroljowa: S.P. Koroljow. Vater” von Dr. Günter Paul auf faz.net

Michael J. Neufeld: “Wernher von Braun  – Visionär des Weltraums, Ingenieur des Krieges”

Michael J. Neufeld: “Die Rakete und das Reich, Titelseite und Inhaltsverzeichnis bei gbv.de

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Ich bin Luft- und Raumfahrtingenieur und arbeite bei einer Raumfahrtagentur als Missionsanalytiker. Alle in meinen Artikeln geäußerten Meinungen sind aber meine eigenen und geben nicht notwendigerweise die Sichtweise meines Arbeitgebers wieder.

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