Satellit aus Koma erwacht

BLOG: Go for Launch

Raumfahrt aus der Froschperspektive
Go for Launch

Erinnern Sie sich an das bittere Schicksal von Galaxy 15? Nein? Dann sind Sie herzlos …. und außerdem lesen Sie meine Blogartikel nicht aufmerksam. Galaxy 15 ist ein geostationärer Nachrichtensatellit, der Anfang April in eine Art Wachkoma verfiel: Es war kein Kommandozugriff mehr möglich, die Transponder blieben jedoch eingeschaltet.

Aufgrund der im geostationären Orbit auftretenden Bahnstörungen driftete Galaxy 15 daraufhin von seiner Position weg und kreuzte dabei die Sichtlinien zu zahlreichen aktiven Satelliten. Es wurde befürchtet, dass seine Nutzlast unvermittelt wieder losschnattern und damit Fernsehempfang oder Kommunikationsverbindungen stören könnte, was aber nicht passierte … zum Glück! Man stelle sich vor: Kein Fernsehen! Gar nicht auszudenken.

Manchmal – und nicht nur im Fernsehen – haben traurige Geschichten aber ein Happy-End und Beharrlichkeit wird belohnt. Die Bedienermannschaft von Galaxy 15 blieb am Ball. Mit Satelliten ist das wie mit anderen elektronischen Geräten. Wenn sie spinnen, hilft oft Ausschalten und Einschalten.Das Ausschalten durch ein Kommando vom Boden ging aber nicht, da, wie gesagt, der Kommandozugriff unterbrochen war.

Man musste also warten, bis aufgrund der nicht mehr stattfindenden automatischen Lagekontrolle die Solargeneratoren nicht mehr zur Sonne zeigten und die Batterien sich entladen hatten. Dies führte zu einem Hard Reset. Eigentlich sollte man so etwas nicht machen, aber im gegebenen Fall hatte man ohnehin keine Wahl.

Siehe da: Nach dem Reset schlug der Patient die Augen auf und stammelte das elektronische Äquivalent von: “Wa .. wo bin ich? Was ist passiert?” Man brachte ihn vorsichtig wieder in einen normalen Betriebsstatus zurück und positionierte ihn über 93 Grad westlicher Länge. Jetzt wird er so durchgecheckt, wie man es bei Satelliten kurz nach dem Start macht. Wenn alles in Ordnung ist, kann Galaxy 15 im März wieder online gehen und hat dann noch mehr als 10 Jahre Einsatzdauer vor sich. Seine geplante Lebensdauer geht noch mindestens bis zum Jahr 2022.

Und woran lag’s? Genau weiß man das immer noch nicht, meint aber, die Fehlerursachen eng eingekreist zu haben: Softwareprobleme infolge von statischen Entladungen. Alle Satelliten dieses Typs werden nun einen Softwarepatch erhalten, der sicherstellen soll, dass bei einem solchen Versagen der Steuerung und Unterbrechung des Kommandozugriffs die Nutzlast automatisch nach Ablauf einer Frist abgeschaltet wird.

Vorsichtshalber.

Weitere Information

Intelsat-Webseite zu Galaxy 15, mit einer speziellen Unterseite für FAQ

Artikel zum Thema auf spaceflightnow.com

Ich bin Luft- und Raumfahrtingenieur und arbeite bei einer Raumfahrtagentur als Missionsanalytiker. Alle in meinen Artikeln geäußerten sind aber meine eigenen und geben nicht notwendigerweise die Sichtweise meines Arbeitgebers wieder.

6 Kommentare

  1. Von wegen herzlos!

    Natürlich habe ich Beitrag über den “Soziopathen” gelesen. Dahin gestellt sei, ob ein Satellit “skrupellos” sein kann! Wie auch immer. Auf jeden Fall können Sie sich mit dem heutigen Beitrag um den besten Feuilleton-Artikel des Jahres 2011 bewerben. Ich wähle ihn. Das ist richtig gute Literatur!

    Gruß
    Horst Arndt

  2. Codesegmente, Protokolle, freie Radikale

    Möglicherweise handelte der Satellit völlig richtig und wollte lediglich nicht in Konflikt mit den drei Gesetzen der Robotik geraten (Isaak Asimov):

    1. Ein Roboter darf keinen Menschen verletzen oder durch Untätigkeit zu Schaden kommen lassen.

    2. Ein Roboter muss den Befehlen eines Menschen gehorchen, es sei denn, solche Befehle stehen im Widerspruch zum ersten Gesetz.

    3. Ein Roboter muss seine eigene Existenz schützen, solange dieser Schutz nicht dem Ersten oder Zweiten Gesetz widerspricht

    „Verrückte“ Roboter, die auf seltsame Weise handeln, weil ihre Aufgabe im Konflikt mit einem der Gesetze steht, sind keineswegs verrückt.

    Aus I, Robot von Isaac Asimov:

    “”Es hat immer Geister in der Maschine gegeben. Zufällige Codesegmente gruppierten sich und formten unerwartete Protokolle. Diese unvorhergesehenen freien Radikale rufen grundlegende Fragen hervor, nach freiem Willen, Kreativität und sogar nach der Natur dessen, was wir Seele nennen.””

  3. Blind vor Liebe

    Ich bin mir ziemlich sicher, die Ursache für das kurzzeitige “bittere Schicksal” von Galaxy 15 zu kennen, denn ich bin quasi Psychologin, sprich Hobbypsychologin: Der ärmste Satellit hatte sich in einen anderen geostationären Nachrichtensatelliten verliebt! Die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein Satellit in einen anderen “verguckt”, ist ja bei dem Gedränge im geostationären Orbit recht groß. Dort geht es ja inzwischen zu wie in der Berliner S-Bahn, nachdem mal wieder tagelang keine fuhr und alle zusammen mit der einen wegwollen, die dann doch überraschenderweise vorfährt.

    Jedenfalls wurde Galaxy 15 zunächst blind – blind vor Liebe. Doch dann stellte der Ärmste fest, dass das Objekt seiner Begierde (vermutlich ein russischer Satellit) seine Liebe ja gar nicht erwidert. Das kränkte und ärgerte ihn nun sehr. So sehr, dass Blitze sein Innerstes durchzuckten, zumindest fühlte es sich für ihn so an. Es verfiel in eine tiefe Depression und ihm wurde alles egal. Er ließ sich einfach durchs All treiben. Doch womit er gar nicht gerechnet hatte: Mit den vielen schlauen Ingenieuren und Technikern vom Kontrollzentrum, die ihn wieder und wieder anpeilten und seine verletzliche Elektronik mit sanften Befehlen kitzelten.

    Wie sagt doch der Volksmund: Alles wird gut!

  4. @Hanne Möller

    Ihre Theorie mit dem verliebten Satelliten hat etwas für sich. Die drögen Kerle im Kontrollzentrum haben daran bestimmt nicht gedacht.

    Man muss sich einmal vorstellen, wie hart es gerade für einen geostationären Satelliten sein muss, das geliebte Wesen immer in konstantem Anstand vor oder hinter sich herfliegen zu sehen und sich ihm nie annähern zu dürfen.

    Mein Vorschlag: Sie sollten Ihre Theorie erweitern, sodass sie auch Satelliten in niedrigen Erdorbits einbezieht. Dort sind die Möglichkeiten zur Begegnung vielfätiger als im geostationären Ring.

    Dies könnte, nebenbei bemerkt, auch die Ursache für die beobachtete sprunghafte Vermehrung der Objekte im Erdorbit sein.

  5. @ Michael Khan

    Nein, Herr Khan, meine “Theorie vom verliebten Satelliten” auch auf künstliche Erdtrabanten im erdnahen Orbit zu erweitern, funktioniert nicht! Dort geht es ja nicht zu wie in Berliner S-Bahnen, sondern eher wie in Hans-Christian Andersens Märchen “Der Wassertropfen”, welches Sie vielleicht aus Kindheitstagen kennen mögen.

    Das ist kein schönes Märchen, aber es beschreibt sehr feinsinnig, wie es in der Welt abgeht. Nämlich genau so wie im erdnahen Orbit: Dort rast alles wirr auf egoistischen Bahnen herum, und selbst ein winziges Splitterchen Weltraumschrott genügt, um einen Astronauten zu zerteilen, der gerade einen Weltraumspaziergang macht. Dort, wo es so gefährlich ist, verliebt sich kein Satellit in einen anderen, das ist allen Beteiligten dort oben sonnenklar!

    Auch die Teilnehmerinnen meines VHS-Kurses “Psychologische Hilfe für unglücklich Verliebte” sehen das so, gerade gestern Abend diskutierten wir diese Themen anhand des aktuellen Beispiels Galaxy 15 sehr intensiv und praxisorientiert.

  6. @ Möller

    Es verfiel in eine tiefe Depression und ihm wurde alles egal. Er ließ sich einfach durchs All treiben. Doch womit er gar nicht gerechnet hatte: Mit den vielen schlauen Ingenieuren und Technikern vom Kontrollzentrum, die ihn wieder und wieder anpeilten und seine verletzliche Elektronik mit sanften Befehlen kitzelten.

    Das ist doch totaler Blödsinn! Selbstverständlich verfiel er nach der Abweisung in tiefe Depression. Aber mit Befehlen hat es nicht geklappt. Die Ingenieure und Techniker plauderten aus dem Nähkästchen und berichteten von ihren eigenen Erfahrungen und daß Liebeskummer normal und zum Leben gehöre, doch daß dies kein Grund sei sich umzubringen. Als praktische Hilfe gaben sie ihm den Rat, sich in die Arbeit zu stürzen. Eine Aufgabe zu erfüllen, gebraucht zu werden und auch Annerkennung zu bekommen. Er ließ sich darauf ein und seitdem funkt(ioniert) es wieder mit ihm.

    Pah, ich befehle dir kein Liebeskummer zu haben …

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