Die ersten farbigen Raumfahrer

Die ersten farbigen Raumfahrer sollte man im Astronautencorps der USA erwarten. Immerhin präsentieren sich doch die USA gern als Schmelztiegel der Nationen, sicher nicht zu Unrecht. Die ersten 20 Jahre der US-Raumfahrt waren allerdings eine rein weiße und männliche Angelegenheit.

Erst am 18. Juni 1983 flog mit Sally Ride ein Mensch mit US-Pass und ohne y-Chromosom und am 30. August 1983 mit Guion Bluford der erste US-Astronaut mit afrikanischen Wurzeln ins All. Nicht gerade glorreich in Anbetracht der Tatsache, dass etwa 50% der US-Bürger weiblichen Geschlechts und 9% schwarz sind.

 PhamTuân und Arnaldo Tamayo Méndez (welcher welcher ist, werden Sie wahrscheinlich selbst herausfinden können), Quelle: spacefacts.de

Die Sowjetunion war da schneller:

  • Der erste Bürger eines Entwicklungslands im All war der Vietnamese Pham Tuân, geboren am 14.2.1947 in Thái Bình, Vietnam, gestartet am 23. Juli 1980 mit Sojus 37 zur Raumstation Saljut 6
  • Der erste schwarze Raumfahrer war der Kubaner Arnaldo Tamayo Méndez, geboren am 29.1.1942 in Guantánamo, Kuba (Take that, gringos!), gestartet am 18. September 1980 mit Sojus 38 zu Saljut 6

Und:

  • Die erste Frau im Weltraum war Walentina Wladimirowna Tereschkowa am 16. Juni 1963 mit Wostok 6 (Fairerweise muss angefügt werden, dass in punkto weibliche Raumfahrer die USA mittlerweile gewaltig aufgeholt und sogar alle anderen Nationen zusammengenommen hinter sich gelassen haben)
  • Der erste Bürger einer anderen Nation als der UdSSR oder den USA im Weltraum war Vladimír Remek am 6. Dezember 1976 mit Sojus 28 zu Saljut 6

Pham Tuân, Arnaldo Tamayo Mendez und Remek sowie ein Pole, ein Deutscher (Siegmund Jähn), ein Bulgare, ein Ungar, ein Mongole, ein Rumäne, ein Franzose, ein Syrer, ein Inder und ein Afghane flogen im Rahmen des Interkosmos-Programms ins All. Mit diesem Programm sollten Techniken und Menschen aus verschiedenen Ländern Zugang zur wissenschaftlichen Forschung im Weltall erhalten. Dabei wurde neben den Kosmonauten, die tatsáchlich flogen, auch jeweils ein weiterer Kandidat aus jedem Land ausgebildet.

Sicher war auch auf sowjetischer Seite die Ausbildung von Kosmonauten aus Drittweltländern vorwiegend politisch-propagandistisch motiviert. Aber ebenso, wie man aus den richtigen Gründen das Falsche tun kann, kann man auch aus den falschen Gründen das Richtige tun. Ich denke, Letzteres trifft hier zu.

Bemannte Raumfahrt hat eine Leuchtturmfunktion und wird auch von denen wahrgenommen, die keinen Bezug oder keinen Zugang zu Technik und Wissenschaft haben. Astro- und Kosmonauten sind Indentifikationsfiguren, sie wirken integrierend. Das merke ich immer wieder bei öffentlichen Veranstaltungen. Ich kann mir da noch so viel Mühe mit meinem Vortrag geben, und der wird auch artig beklatscht, aber wenn dann nach mir ein Astronaut auf die Bühne kommt, reicht allein die Tatsache, dass es ein Astronaut ist, um der ungeteilten Aufmerksamkeit aller Beteiligten gewiss zu sein.

Wenn nun ein Mensch (idealerweise ein junger Mensch) aus dem Volk eine solche Chance bekommt, dann zeigt das doch der gesamten Jugend seiner Nation einen Lebensentwurf, über den es sich nachzudenken lohnt.

Ein Beispiel: Ich bin überzeugt, dass die iranisch-stämmige Amerikanerin Anouscheh Ansari, die sich 2006 ihren Lebenstraum erfüllte und als Weltraumtouristin zur ISS flog, bei jungen Iranerinnen, die unter dem jetzigen Regime nicht unbedingt die ihnen zustehenden Chancen auf Selbstverwirklichung haben, den festen Willen geweckt hat, sich gegen alle Widerstände durchzusetzen und ihren Weg zu gehen. Ich wünsche ihnen dabei allen Erfolg.

Die üblichen Pop-Stars und Sportidole haben kaum eine solche Wirkung, dazu sind deren Leistungen zu offenkundig unbedeutend, wenn sie nicht gerade Edson Arantes do Nascimento heißen.

  • Veröffentlicht in: Leute

Ich bin Luft- und Raumfahrtingenieur und arbeite bei einer Raumfahrtagentur als Missionsanalytiker. Alle in meinen Artikeln geäußerten sind aber meine eigenen und geben nicht notwendigerweise die Sichtweise meines Arbeitgebers wieder.

5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Soweit ich weiß, hat auch Mark Shuttleworth eine ähnliche Rolle als Idol, der aus dem Erlös der selbst aufgebauten und dann verkauften IT-Firma zur ISS flog – als erster gebürtige Afrikaner überhaupt.

  2. Nachhaltigkeit

    Ich denke die Russen waren halt immer darauf aus, möglichst viele “Firsts” zu erringen. Insbesondere an der Geschichte der Kosmonautinnen erkennt man aber, dass nach der Erstleistung kein Interesse an einer Fortführung des einmal gegangenen Weges bestand.

    Die Amerikaner sind mir da viel sympathischer. Der NASA nehme ich ab, dass das Geschlecht und die Hautfarbe heute keine große Rolle mehr spielt. Die Russen sind da, man muss es so hart sagen, viel chauvinistischer und verlogener.

    Dass bei den ersten Astronauten bis in das Apollo-Programm nur weiße Männer tätig waren, ist halt ein Ausdruck der damaligen Verhältnisse. Das fing sicherlich schon bei dem Auswahlverfahren an: Wieviele farbige oder weibliche Testpiloten gibt es denn?
    Schön ist das nicht, aber mir doch fast sympathischer als plumpes Rekordstreben oder Quotenregeln, da so ein genereller gesellschaftlicher Misstand ersichtlich wird.

    • Mein lieber Intellektueller ,
      Zum ersten will ich über dein Kommentar sagen dass es ein Produkt des Post-Kaltkriegs anti-Sovietdenkens ist das sich durch den Niedergang der Sovietunion und des Kommunismus über die ganze Welt verbreitet hat.
      Zu sagen ist das die Soviets (nicht die Russen wie du sie nennst) nur im gleichen Maße wie die US-Amerikaner versucht haben immer die ersten zu sein. Wie erklärst du dir sonst das Weltreisen zum Mond (das deine so geliebten Amerikaner gewonnen haben) oder das Wettrüsten der Atombomben oder die Eroberung Grenadas (ein kleiner Inselstaat in der Karibik) ,die kein anderes Ziel hatte als die Kommunistischen Tendenzen zu Stoppen und dabei das Völkerrecht zu missachten, und folglich den Kommunisten ein Land weg zu nehmen (ähnliches geschah mit den Sandinisten und Kontras in Nicaragua) was aufhält als Konkurenzdenken aufgefasst werden kann.
      Wie du siehst ist deine schlechte Meinung über die Soviets zum Teil auf Propaganda gebaut die die Westmächte dank ihres Sieges im Kalten Krieg nun verbreiten dürfen.
      Was deine Haltung zu dem System der 60er in Amerika betrifft so muss ich sagen dass es mich schockiert dass jemand Missstände in der Gesellschaft die durch die Regierung und ihre Behörden wieder gespiegelt ,ja sogar unterstützt werden, gutheißen kann. Sollte der Staat der Bevölkerung gegenüber keine Vorbildrolle inne haben? Hätten die Segregation-feindlichen Nordstaaten nicht etwas gegen die rassistischen Südstaaten tun können? Waren die USA nicht damals wie heute ein Bundesstaat in dem die Meinung der einzelnen Staaten nicht die der restlichen oder der Bundesregierung überwog?
      Hochachtungsvoll
      Ein kritischer Geist

  3. @StefanTaube

    Es ist wohl so, dass Walentina Tereschkowa einfach nur eine Quotenfrau war – es stand einfach von vorneherein fest, dass es eine Kosmonautin in der Wostok-Gruppe geben würde und basta.

    In den USA war das Problem aber doch etwas komplexer als nur “es gab keine schwarzen oder weiblichen Testpiloten”.

    Da spiegeln sich doch wohl auch noch gewisse gesellschaftliche Realitäten wieder, ganz vorne die Tatsache, dass es nun einmal unleugbar bis in die späten 60er Jahre hinein in vielen Staaten im Süden der USA ganz offen, de iure und de facto, die Rassentrennung gab.

    Genau die Staaten, in denen die für die bemannte Raumfahrt relevanten NASA-Zentren lagen, befinden sich ja in den Südstaaten, Florida, Alabama und Texas.

    Es ist mir jetzt nicht auf Anhieb einsichtig, wie man das Hätte handhaben sollen, wenn es tatsächlich einen schwarzen Astronauten gegeben hätte und der nicht in dieselben Restaurants, Hotels und öffentlichen Gebäude wie seine weißen Kollegen gedurft hätte.

    Erst in den späten 60ern war die Segregation wenigstens de iure überwunden, de facto noch lange nicht. Das war allemal zu spät für die Auswahl der Apollo-und selbst die Skylab-Astronautengruppen.

    Ende der 70er, als die Auswahl von Astronauten für das Space Shuttle begann, hatte sich das Blatt gewendet, und mit der Auswahl von weiblichen und schwarzen Menschen als Astronauten-Trainees tat man nicht nur das Richtige, man setzte auch ein wichtiges Zeichen, womit wir wieder bei meiner Kernaussage sind, dass die Schaffung von Identifikationsfiguren wichtig ist.

    Wenn die Segregation auch ein Schandfleck in der Geschichte der USA ist, die Tatsache, dass diese Nation sich aus eigener Kraft, von innen heraus, davon befreien konnte (ja, ich weiß, dass die Nachwirkungen bis heute Bestand haben), ist ein Indiz für die Kraft der Gesellschaft.

    Eine Gesellschaft, die sich erneuern und Überkommenes abstreifen kann, ist eine Gesellschaft, die Bestand haben wird. Auch das wird durch die heutige multiethnische Zusammensetzung des US-Astronautencorps eindrucksvoll demonstriert.

    In dem Zusammenhang weise ich noch einmal darauf hin, dass es Deutschland noch nicht gelungen ist, eine Deutsche ins Weltall zu schicken und dass dies sich auch in absehbarer Zukunft nicht ändern wird. Und auch diese Tatsache sagt etwas aus.

  4. Die Ed Dwight-Story

    Ich besitze die Biografie des Astronauten Donald „Deke“ Slayton, der über Jahrzehnte für die Auswahl der Astronauten und die Zusammenstellung der Besatzungen zuständig war. Nach seinen Schilderungen gingen die Überlegungen, einen farbigen Astronauten mit in das Korps aufzunehmen auf eine Anregung von Robert Kennedy im Jahre 1963 zurück, damals Justizminister bei seinem Bruder John. Deke Slayton beschreibt den Prozess als „…my first, last, only political battle over astronaut selection”.
    Sein Problem war, nachdem der Vorschlag auf dem Tisch war, dass es beim Anforderungsprofil für die Gruppe 3 (um die es damals ging) schlichtweg keine geeigneten farbigen Kandidaten gab. Die Navy hatte gar keinen, die Marines auch nicht, nicht die NASA und nicht die Aerospace-Firmen. Bei der Luftwaffe gab es aber immerhin einen, einen Hauptmann mit Namen Edward Dwight, der sich um die Aufnahme in die Testpilotenschule in Edwards beworben hatte (und somit noch gar kein Testpilot war, was damals Aufnahmekriterium für einen Astronauten war). Charles Yeager leitete die Testpilotenschule damals.

    Im Prinzip hatte er aber nicht einmal eine Chance, dort angenommen zu werden, denn er hatte kein Ingenieursstudium absolviert.

    Auch für die anderen Aufnahmekriterien in das Astronautenkorps war er eigentlich ungeeignet, denn er hatte nur mehrmotorige Flugzeuge geflogen (eine weitere Aufnahmevoraussetzung für Astronauten waren für die Gruppe 3 mindestens 1500 Flugstunden, davon 750 auf einstrahligen Hochleistungskampfflugzeugen).
    Es gab acht Plätze für die Testpilotenschule, und alle acht waren von geeigneteren Kandidaten besetzt. Auf Druck von General Curtis LeMay (der seinerseits Order von Bobby Kennedy bekam) wurde Dwight als jedoch als Neunter mit aufgenommen.
    Dwight kam auch ganz gut durch die harte Ausbildung, allerdings nur auf einem mittleren Platz, obwohl ihm Yeager einen Tutor zur Seite stellte. Wäre er ein Weißer gewesen, er hätte er damit keine Chance für einen der begehrten Astronautenplätze gehabt. Yeager weigerte sich daraufhin, Dwight als Astronautenkandidaten vorzuschlagen mit der Begründung, es sei „reverse racism“ einen Schwarzen nur deswegen vorzuschlagen, weil er schwarz war, obwohl es bessere weiße Kandidaten gab.

    Er wollte ihn nur unter der Bedingung vorschlagen, dass alle, die im Ranking vor ihm waren, ebenfalls als Astronauten angenommen werden sollten, sollten sie dies wünschen (was nicht bei allen der Fall war).

    Am Ende stellte sich heraus, dass auch Dwight lieber bei der Air Force Karriere machen wollte, als zu den Astronauten zu gehen.

    Interessanterweise wurde Edward Dwight später ein äußerst erfolgreicher Bildhauer http://www.eddwight.com/about_eddwight/index.htm und dürfte hier wohl eher seine berufliche Erfüllung gefunden haben.

    Für die Gruppe 3 der Astronauten wurden danach folgende Männer ausgewählt:

    Edwin „Buzz“ Aldrin (flog später bei Gemini 12 und Apollo 11)
    William Anders (Apollo 8)
    Charles Bassett (stürzte wenige Wochen vor seiner Gemini 9-Mission mit dem Flugzeug ab)
    Alan Beam (Apollo 12, Skylab 3)
    Eugene Cernan (Gemini 10, Apollo 9, Apollo 17)
    Roger Chaffee (kam beim Apollo 1-Feuer ums Leben)
    Michael Collins (Gemini 10, Apollo 11)
    Walter Cunningham (Apollo 7)
    Donn Eisele (Apollo 9)
    Theodore Freeman (stürzte noch vor der Benennung zu einer Mission mit dem Flugzeug ab)
    Richard Gordon (Gemini 11, Apollo 12)
    Russell Schweickardt (Apollo 9)
    David Scott (Gemini 8, Apollo 9, Apollo 15)
    Clifton Williams (war als Besatzungsmitglied für Apollo 12 vorgesehen, kam aber kurz zuvor durch einen Flugzeugabsturz ums Leben).

    Vielen Dank für diese wichtige Information, Eugen. Ich denke nicht, dass der Vorwurf an die NASA gehen kann. Das Problem lag bei den USA der damaligen Zeit. Ein Land, in dem es institutionalisierte Rassentrennung gab, war einfach nicht in Ordnung. Dass man in dieser Hinsicht aufräumen konnte und die Erfolge eine Generation später sichtbar sind, ist umso bemerkenswerter.

    Übrigens, wenn ich die Auflistung der Astronauten so lese, scheint mir das Fliegen mit dem Flugzeug deutlich gefährlicher zu sein als die Weltraumfahrt … MK

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