Kontakt zu Envisat verloren

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Raumfahrt aus der Froschperspektive
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Seit dem 8. April ist der Kontakt zum ESA-Umweltsatelliten Envisat abgerissen. Envisat, mit 8 Tonnen einer der größten europäischen Satelliten, befindet sich in einer knapp 800 km hohen, sonnensynchronen Bahn.

Der Kontaktverlust geschah unerwartet: Beim vorangehenden Überflug der ESA-Bodenstation in Kiruna war die Situation nominal, dann aber muss an Bord etwas geschehen sein, was die weitere Kommunikation zwischen dem Kontrollzentrum in Darmstadt und dem Satelliten unmöglich macht. Die Ursache des Problems ist nach wie vor unbekannt.

Die nächsten Tage bieten Chancen zur optischen Beobachtung des Satelliten. In den Nachtstunden zieht er von Süden kommend mehrfach über Deutschland hinweg. Hier die berechneten sichtbaren Überflüge über Darmstadt bei Heavens Above. Sie können nach Eingabe Ihres Standortes die Zeiten ausrechnen lassen, an denen Sie den Satelliten sehen können.

Alle drei Tage sind die Bedingungen besonders günstig. Heute um kurz vor 23:00 MESZ wird Envisat Darmstadt fast im Zenit überfliegen und soll dabei Mag +3 erreichen (Notabene: Bei Satelliten ist die Magnitude notorisch schwierig vorherzusagen). Ich werde versuchen, in einer Langzeitbelichtung eine Strichspur des Überflugs zu erstellen und festzustellen, ob die scheinbare Helligkeit variiert, was gegebenenfalls, je nach der Periode der Schwankung, auf eine Rotation des Satelliten oder, bei einer sehr kurzen Periode, auf eine Schwingung des großen Solargenerators hinweisen könnte.

Auf jeden Fall wünsche ich der Bedienermannschaft beim ESOC allen Erfolg bei ihren Bemühungen, den Kontakt wieder herzustellen.


+++ Update 16.4.2012: Sichtbarkeit bei Überflügen +++

Heavens-above.com sagte für den nahezu polaren Überflug von Envisat in der Nacht von Freitag, dem 13.4. eine Magnitude von +3.0 voraus. Die tatsächliche Magnitude war allerdings nach übereinstimmender Meinung mehrerer Beobachter eher gegen +4.5 oder schlechter. Das ist kaum verwunderlich, denn der Berechnung von heavens-above liegt mit Sicherheit noch die operationelle räumliche Ausrichtung des funktionierenden Satelliten zugrunde. Eine ausgedehnte Struktur wird sich aber bei nicht funktionierender Lageregelung gemäß dem Gravitationsgradienten orientieren, also in radialer Richtung. In dem Fall hatdie Vorausberechnung des vom Solargenerator in Richtung Beobachter gestreuten Lichts nichts mehr mit der Realität zu tun. Eine neue, günstige Beobachtungschance gibt es heute Abend.

Weitere Information

Envisat Overview, Quelle: ESA

Webseite Envisat – Earthnet Online der ESA

Ich bin Luft- und Raumfahrtingenieur und arbeite bei einer Raumfahrtagentur als Missionsanalytiker. Alle in meinen Artikeln geäußerten Meinungen sind aber meine eigenen und geben nicht notwendigerweise die Sichtweise meines Arbeitgebers wieder.

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